Montag, 4. September 2017

Warum wir weinen.

Ich nehme den nächsten Shitstorm auf in meine Sammlung exemplarischer Darstellungen moderner Lebenseinstellungen. Es geht um einen Artikel in spielgel.online, in dem eine junge Frau skizziert wird, die an allem zu scheitern scheint und bei vielen doch Emotionen weckt. Bei manchen gar Hohn, Spott und den Drang auf sie verbal einzuprügeln. Ich möchte mich weniger mit dem Artikel auseinander setzen, als mit einigen Reaktionen darauf.

Diese Reaktionen waren vorwiegend:
- Soll sie sich halt entscheiden und zu ihrer Rollenverteilung und Mutterschaft stehen!
- Selber Schuld, wenn sie sich nen Mann geangelt hat, der durch Abwesenheit glänzt!
- Die schimpft nur auf's System, statt sich mal richtig anzustrengen! ICH schaff das ja schließlich auch, weil ich muss!

Es geht um Vereinbarkeit. Ein Begriff, den wir gerne in Bezug auf Kind und Karriere benutzen. Ich kenne diesen aber in Hinsicht auf Geldverdienen und alles Andere. Die Vereinbarkeit zu Arbeiten um mein Studium zu finanzieren und gleichzeitig schnell und gut abzuschließen, die Vereinbarkeit von Talenten und Noten - es gibt viele Vereinbarkeiten und vor allem Nichtvereinbarkeiten. Auch die unter Eltern viel diskutierte Vereinbarkeit der Bedürfnisse anderer Familienmitglieder und den eigenen Bedürfnissen. 

Egal worum es sich handelt, es ist eine Gratwanderung mehrere Sachen auf einmal machen zu wollen/müssen.  

Ich möchte aber einige allgemeine Gedanken aufschreiben zur Vereinbarkeit und zu Leistung. 

Zuerst muss ich sagen, dass ich nicht an Vereinbarkeit glaube. Man kann mehrere Sachen innerhalb eines Zeitraumes machen, aber nie wirklich gleichzeitig und je enger der Zeitraum und je größer das Pensum, desto weniger kann man pro einzelner Sache wirklich tun. So werden viele Dinge einfach nur oberflächlich abgehandelt und ich finde das gar nicht schlimm. Problematisch für uns ist ja, dass niemand nur eine oberflächliche Beziehung zu seinen Kindern haben möchte und kein Arbeitgeber jemandem zugestehen würde in der Zeit des Kinderkriegens nur oberflächlich zu arbeiten. So entsteht aus mathematischen Gründen ein Pensum von 200% wo es in der Realität nur 100% geben kann. 
Unter diesem Denkfehler entsteht für viele Menschen ein enormer Leidensdruck. Das wiederum finde ich sehr schlimm.

Ein weiterer Gedanke, der sich vielleicht nicht in unserer Zeit durchsetzt: Unser Leben gehört uns nicht allein. Nichts in unserem Leben gehört nur uns, auch nicht unsere Leistungen. Allein würden wir nicht überleben, wir wären allein noch nicht einmal auf die Welt gekommen, ja noch nicht einmal gezeugt worden. Egal zu was, es gehören immer mindestens zwei Personen zu allem, was in unserem Leben geschieht. 

Unabhängig wieviel wir leisten wollen, können oder tatsächlich tun, unsere Leistung hängt zu einem sehr großen Teil immer davon ab, wieviel andere uns unterstützen, mithelfen, oder uns gewähren lassen ohne uns an den Karren zu fahren. Das gilt für absolut jeden Menschen. Niemand ist unabhängig, niemand kann etwas für sich allein reklamieren. Jeder verdankt anderen etwas, jeder schuldet anderen etwas, jeder profitiert von Leistungen und Gaben anderer und jeder muss andere unterstützen und ihnen etwas der eigenen Ressourcen abgeben. Das heißt Menschsein. Die passende Verhaltensweise dazu nennt sich Menschlichkeit. 

Ganz ehrlich? Mein Ego fände es ganz wunderbar, wenn ich einfach besser wär als andere - klüger, hübscher, perfekter. Es wäre echt toll, wenn ich etwas richtig Gutes mache und es mein Verdienst allein wäre. Eine Erfindung vielleicht, oder ein historischer Moment. Das gibt es ja, das jemand zur richtigen Zeit am richtigen Ort was richtig Großes schafft und ihn alle dafür bewundern und er dann zum Nationalhelden wird. Aber abgesehen davon, dass irgendwelche großartigen Ideen und Taten ungerechterweise Einzelpersonen zugeschrieben werden, hatten diese Menschen viel Glück und viel Unterstützung auf ihrem Weg genau an diesen Punkt. Und Großes ist leider nicht jedem zugedacht. 

Unser Gehirn, unsere Bildung und unsere Gesellschaft erlauben es uns jedoch zu reflektieren, unser Ego bewusst einzuschränken. Die Frage ist, ob es die Erziehung, die jemand genossen hat, erlaubt. Jemand der emotional auf dem Stand eines Kleinkindes ist, der hemmungslos seinen Narzissmus ausleben konnte, oder jemand der einfach einen eher empathielosen Charakter hat, der wird das halt nicht freiwillig tun. 
Und so treffen im richtigen Leben 2 Sorten Mensch aufeinander. Jene, die glauben, sie könnten alles selbst entscheiden, beeinflussen und die sich die Leistungen auf's eigene Hemd schreiben und jene, die ihr Wirken hauptsächlich für andere tun, mit anderen zusammen. Nur wenige sind gänzlich einem Typ zuzurechnen. Aber viele haben eine deutliche Ausprägung. 

Die Krankheit unserer Zeit ist die Überzeugung der Mehrheit, nicht Demut und Hilfsbereitschaft machten eine Gesellschaft stark, sondern perfekte Einzelleistungen. Einer grandioser als der andere, statt alle zusammen grandios. 
Der Denkfehler ist meiner Meinung nach: Wer den Erfolg für sich allein reklamiert, der müsste auch Schuld oder Versagen für sich alleine tragen. Kann aber keiner. Hat noch nie einer gekonnt. Die Last ist zu schwer. 
Es gilt für mich die Devise: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Wenn was schief geht, dann auch daran jeder seinen Anteil und keiner das Recht mit dem Finger auf andere zu zeigen. Jeder trägt ein Stück der Verantwortung.

Der Umkehrschluss aber, dass geteilte Freude doppelte Freude ist, den finde ich genial! Kein Konzept für Egoisten, aber Dankbarkeit für die Unterstützung anderer, das Glück sich gemeinsam über etwas freuen zu können, nicht einsam zu sein, zu wissen, dass andere einem etwas gönnen, sich mit einem freuen, das Glück aller - das ist das Einzige, was Geborgenheit schafft. Und Zufriedenheit. Wie kann man sich geborgen fühlen, wenn man einsam mit seiner Leistung auf einem Podest steht und fürchten muss, jemand will sie einem nehmen?

Meine Kindheit, meine Schulzeit, mein Studium, so viele Leute haben nach Kräften in mich investiert. Klar gab es Rückschläge, Versagen und auch Gemeinheiten. Doch alleine, ohne dass auch fremde Leute mir Schulbildung und finanzielle Mittel ermöglicht haben, alleine wäre ich genau das: alleine. Nichts sonst. Alleine wäre ich nicht jemand, sondern niemand. 

Ich bin überzeugt, wollen wir ein gelingendes Leben, so müssen wir andere wertschätzen, ihnen einen Platz und manchmal auch die Hoheit über unser Leben überlassen. Niemand soll sich zum Sklaven anderer machen, die ihn ausnutzen. Aber sein Leben in den Dienst der anderen, des Gemeinwohls stellen, das würde die Welt verbessern. Das würde auch massenhaft die tollsten Leistungen hervorbringen, denn nichts motiviert mehr als die Anerkennung anderer für einen Beitrag zum großen Ganzen. 

Ich durfte schon richtig tolle Menschen treffen, echte Genies mit Nobelpreis und riesigem Lebenswerk. Jeder einzelne davon war voller Demut und Dankbarkeit. Jeder einzelne davon hat von seinen Fehlern erzählt, die er auf Kosten anderer beging und jeder einzelne davon hat diese voller Reue vorgetragen. Jeder einzelne davon hat betont, wie groß der Anteil der Familie, von Freunden und Förderern und der Gesellschaft, die Bildung und Freiheit garantiert, an diesem Erfolg war. Und jeder dieser Genies erzählte von seinem Punkt des größten menschlichen Versagens, den er oder sie niemals verkraftet hätte, hätte er oder sie diese Schuld alleine tragen müssen. 

Wir leben auf Kosten anderer und andere leben auf unsere Kosten. Wir können das, weil andere es uns gestatten, uns Mittel und Wege zur Verfügung stellen, uns Freiheiten lassen, die sie selbst Freiheiten kosten. Es ist nicht unser gottgegebenes Recht. Es ist unsere Pflicht uns anderen gegenüber ebenso zu verhalten. Tun wir das nicht entsteht Ungerechtigkeit. Und manchmal kann sich der Ausgenutzte nicht aus eigener Kraft dieser Ungerechtigkeit erwehren. Darum gibt es den gesellschaftlichen Überbau, der zumindest versucht Hilfestellungen und Unterstützung zu bieten.


Zurück zum Text. 
Ich kann durchaus nachvollziehen, wenn Eltern, die sich den Arsch aufreißen, rausposaunen, andere sollten doch entweder auch ranklotzen, oder zumindest nicht jammern. Für mich symbolisiert diese Reaktion die vollkommene Überforderung in dem Bestreben den 200% zu genügen, wo nur 100% möglich sind. Jemand der so reagiert, weiß sich nicht mehr zu helfen, als andere zu erniedrigen um sein eigenes wackeliges Selbstbild aufrecht zu erhalten. 

Meine Generation leidet an ihrem Egoismus. Auch der Versuch das Menschlichkeitsversagen durch Maschinen, die nicht versagen, zu ersetzen, hat keine Linderung gebracht. Die Menschen verzweifeln daran. Immer höher, schneller, weiter, noch mehr Druck, noch bessere Leistung, noch mehr Perfektionismus, noch mehr Egoismus, nichts scheint die trotzige Einsamkeit in den Herzen zu vertreiben. Das lässt viel Platz für Gehässigkeiten. Sie vergiften jene viel schneller, die sie aussprechen, als jene, an die sie gerichtet sind.

Nicht der bloße Kitaplatz ermöglicht Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder der Wille alles hinzukriegen. Eine Firma, ein Chef, der hinter einem steht, auch wenn man nicht 100% leisten kann, ein Partner, der hinter einem steht, auch wenn man nicht 100% leisten kann, Kinder, die nicht 100% verlangen von ihren Eltern (abhängig vom Alter), Freunde und Verwandte, die nicht Leistung verlangen, sondern ein paar Prozent ihres Lebens dazu geben, damit man überhaupt auf über 100% kommt, eine Gesellschaft, die einem Geld und Bildungseinrichtungen und Betreuung ermöglicht, damit man die 100% nicht in jeder Sekunde erbringen muss, sondern sie flexibel auf einen Lebenszeitraum aufteilen kann - all das braucht es und dazu noch viel Glück und Gesundheit. 

Aber niemand hat von allem immer genug zur Verfügung. Manchmal fehlt das Glück, manchmal das Geld, manchmal die Gesundheit, manchmal die Zeit und Muse, manchmal die Unterstützung. Andere auszulachen, weil ihnen gerade etwas fehlt um 100% von allem zu geben, ist einfach nur scheiße. Es ist gemein, gehässig und falsch. Man sollte dieses Verhalten immer verurteilen. Prinzipiell. 

Die absichtliche Nichtwertschätzung anderer um sich Selbstwert zu verleihen funktioniert nicht. Aber ich sehe auch, dass sich Menschen Selbstwert verleihen, weil sie selbst keine Wertschätzung von außen bekommen. Es ist ein furchtbares Dilemma. Jedoch müssen Erwachsene irgendwann wählen zwischen einer gewissen Demut im Leben und der Demütigung ihrer Mitmenschen. Was für ein Verlust für die Menschheit sind jene, die sich für's Demütigen entscheiden!

Kommentare:

  1. Ich finde Deine Texte so lesenswert und stellenweise so weise (ernsthaft), dass ich Dir einen interessierten Verlag mit einem Buchprojekt oder zumindest eine regelmäßige Zeitschriftenkolumne wünschen würde. Du hast echt was zu sagen und haust nicht in die altbekannten Klischeekerben - ich wünsche mir, dass Deine Stimme wesentlich weiter gehört wird als bis zu Deinen BlogleserInnen. Vielen Dank!

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    1. Da stimme ich zu 100% zu!
      Ein wirklich lesenswerter Blog.
      Auch von mir,
      danke!

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    2. Die Komplimente höre ich natürlich gerne. Ich freue mich sehr, wenn ich zumindest eine etwas andere als die Mainstreammeinung zu Themen beitragen kann. Aber da mich das auch angreifbar macht und ich keine Nerven hab, mich mit jedem, der im Internet auch noch nen Kommentar abgeben will, auseinanderzusetzen, genieße ich die Unbekanntheit des Blogs. Mich liest kaum einer, schon gar keiner, der meine Meinung grundsätzlich blöd findet. Also gibt's auch wenig Anfeindungen. Ob ich für ein größeres Publikum eine Bereicherung wäre, bezweifle ich. Menschen lesen Blogs hauptsächlich, um ihre Meinung zu bestätigen. Oder um sich in einer Community einzufinden und dazuzugehören. Das kann ich ja keinem bieten. Mein Blog ist so klein, dass ich ihn quasi als eine Art Tagebuch für mich nutzen kann. Ich freue mich, wenn mir diese Freiheit noch lange erhalten bleibt.

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