Donnerstag, 24. August 2017

Dem Nils seine Tochter und ich.

Ich bin Jahrgang 1981. Als Nils Bokelberg auf dem Bildschirm erschien war ich genau die Zielgruppe. Aber weil ich das letzte Mal mit ca. 18 Jahren einen der damaligen Musiksender geschaut habe, habe ich diesen Namen natürlich längst vergessen. 

Bis... ja bis ich in der Zeit einen Artikel aus der Feder des besagten Herren las. 
Ganz unabsichtlich und doch sehr plakativ erzählt uns der 40-something hier, warum - auch dank Männern wie ihm - es in unserer Gesellschaft mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau gar nicht klappen kann!

Herr Bokelberg beschreibt, dass er Feminist sei, weil er jetzt dank seiner fast erwachsenen Tochter auf den erschreckenden Gedanken kam, dass die als Frau später schlechter bezahlt werden könnte für gleich gute Leistung, wie ein Mann. Voll ungerecht! Ja und da müsse er jetzt aber unbedingt Feminist sein, denn so geht's ja nun wirklich nicht!

Nach Lesen besagten Artikels verspürte ich den Rest des Tages den sehr starken Wunsch, in stereotypischen Wippbewegungen meinen Kopf gegen die nächste Wand zu schlagen. Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll, Herrn Bokelberg zu widersprechen. Versuchen will ich es dennoch.

1. Die Tochter macht offenbar bald Abitur. Danach macht sie eine Ausbildung oder studiert. Jedenfalls wird sie erstmal einige Jahre Arbeitserfahrung sammeln. In dieser Zeit ist es höchst unwahrscheinlich, dass die junge Dame mit ungleicher Bezahlung konfrontiert wird. Lohnungleichheit ist während der Ausbildung kein so großes Problem. Man kriegt da generell nicht zu viel. Auch nach dem Studium ist der Unterschied zwischen der Bezahlung kein Geschlechterproblem. Eventuell studiert die Tochter Pädagogik und wird Erzieherin. Dann verdient sie vielleicht zwar weniger, als ein gleichaltriger BWL-Studierter, aber das liegt daran, dass wir die Wertigkeit der Branchen schon unterschiedlich einordnen. Da könnte Herr Bokelberg nun einhacken, warum man in diesen oder jenen Berufen so viel weniger verdient, als in anderen... Es trifft ja hier die Pflegeberufe. Aber auch klassische Männerressorts, wie Abfallwirtschaft, Bau oder Landwirtschaft sind furchtbar unterbewertet. DAS ist voll ungerecht, denn ohne Bauer, Bauarbeiter oder Müllmann würde der Banker elendig unter nem Baum hocken, verhungern und die Gegend mit seiner verwesenden Leiche verseuchen.
Das Branchenwertigkeitsproblem spricht Herr Bokelberg aber nicht an.

2. Nehmen wir an, die Tochter studiert Jura und verdingt sich bei einer Versicherung. Abgesehen davon, dass all diese Bürojobs bald überflüssig sein werden, nehmen wir an, sie würde dort eine Art unteren Managementposten bekommen aufgrund guter Leistungen. Dann wird es interessant. Angenommen sie verschreibt sich der Karriere, gründet keine Kleinfamilie, sondern arbeitet Tag und Nacht, dann hat Herr Bokelberg recht. Sie wird wohl mit geschlechtsbedingten Lohnunterschieden und der gläsernen Decke konfrontiert werden.
Ich will das nicht wegdiskutieren. Das ist tatsächlich ungerecht. Die Dame wird dann etwa Anfang 40 sein und männliche Kollegen werden an ihr vorbeiziehen und sie wird vielleicht als Frau aus dem Jungsclub ausgeschlossen werden und nie ins obere Management aufsteigen. 
Ob ihr Vater dann noch lebt und sie ihm wohl ihr Leid klagen wird und er dann entrüstet aufschreit 'Hab ich doch damals schon gesagt! Ich bin ja Feminist!'? Vielleicht wird er aber auch über seine bulgarische Altenpflegerin schimpfen, die immer nur den Pflegeroboter reinschickt, weil sie nicht selbst zu ihm rein mag, weil er immer anzügliche Bemerkungen macht - man weiß es nicht.
Es bleibt die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios ist und wie linientreu Herr Bokelberg seiner Tochter das Bürokarriereleistungsstreben eingeimpft hat.

3. Kommen wir also zu dem wirklich entscheidenden Punkt, weshalb Frauen weniger Geld bei gleicher Qualifikation verdienen. Es sind natürlich die Kinder. Das Kinderkriegen scheint für Herrn Bokelberg nun gar kein entscheidender Punkt zu sein, denn er erwähnt es mit keiner Silbe. 
Natürlich weiß ich nicht, wie Herr Bokelberg seine Elternschaft gelebt hat. Ist er beim Kind zuhause geblieben, hat es betreut und Nächte durchgemacht - nicht nur 2 Wochen lang, sondern 12 Monate lang... Hatte er dadurch finanzielle Einbußen und hat er hinter nur stundenweise gearbeitet. Hat er sich nicht nur Sorgearbeit, sondern auch Hausarbeit 50/50 mit der Mutter des Kindes geteilt? Ja, ich weiß es nicht. Ich frage mich nur, ob nicht jemand, der all die herabwürdigenden Erfahrungen, die mit verminderter, kinderbedingter beruflicher Leistungsfähigkeit einhergehen, gemacht hätte, diese auch in einem Artikel über feministische Väter unterbringen würde? Vielleicht bin ich ja ein Alien, aber ich hätte das in diesem Fall doch erwartet. 
Spontan würde ich also sagen, Herr Bokelberg hält sich selbst für einen dieser ominösen neuen Väter, mit einigen Wochen Erziehungszeit und Windeln wechseln und mal zu nem Elternabend gehen. Aber so richtig mit dem Vereinbarkeitsproblem scheint er mir nicht konfrontiert worden zu sein.

Klar, es muss nicht jeder in der Vereinbarkeitsfalle so tief drinnen sitzen, wie ich. Aber die absolute Oberflächlichkeit des Artikels lässt mich wütend zurück. Denn ich sehe hier ein schreckliches Problem!
Männer, die sich selbst als Feminist bezeichnen, sich öffentlich so darstellen als würden ihnen feministische Themen am Herzen liegen und als würden sie diese durch Reflexion in einem bekannten großen deutschen Medium der Gesellschaft ins Gedächtnis rufen - DIESE MÄNNER SOLLTEN DAS AUCH VERDAMMT NOCH MAL TUN!

Nils Bokelberg reflektiert in seinem Artikel nichts, aber auch gar nichts feministisch Diskutierenswertes. Er nimmt eine seit Jahrzehnten durch alle Medien geschleifte, allen bekannte Statistik und ruft: Ey, voll ungerecht!
Es interessiert ihn ja auch nicht aus Gerechtigkeitsgründen, sondern weil er hier den Löwenpapa für seine Tochter spielen will. Er reflektiert leider gar nicht, sondern will nur so erscheinen, denn er spricht nicht einen Punkt an, der wirklich zum Gender-Pay-Gap führt. Keine Teilzeitarbeit, keine Karriereknick durch Babypause, keine Renteneinbussen durch vorübergehende Nichtberufstätigkeit, keine Vorurteile bei Bewerbungen junger Mütter, keine Mängel in den Betreuungsmöglichkeiten durch andere Personen - etwa den Vater! - damit die Mutter voll berufstätig sein kann, keine Einschätzungen von Personalern 28jährigen Frauen gegenüber. Ach und natürlich auch nicht, dass ne Kindergärtnerin, die 10 Stunden schuftet weniger verdient als ein Verwaltungsmitarbeiter mit geregelten Arbeitszeiten im Büro. 

Kurzum, Herr Bokelberg will reflektiert wirken obwohl sein Artikel einem direkt entgegenschreit 'Ich hab überhaupt gar nix reflektiert!' So kann er natürlich - ganz zufrieden mit sich selbst - nach getaner feministischer Äußerung behaupten, er hätte sich ja eingesetzt. EINEN SCHEISS HAT ER! Im Gegenteil, er macht Frauen mit besagtem finanziellem Problem das Leben schwer, weil er sich wie ein fetter nasser Sack in den Weg legt und meint er hätte ne Erkenntnis gehabt. Damit ist ja dann seine geistige Tiefe genug gefordert gewesen und weiter braucht er sich nicht damit auseinander zu setzten. Feminismus wäre also auf der Lebens-ToDo-Liste auch abgehagt. Diese schiere Ignoranz gegenüber Ungleichbehandlung, die hier in der Öffentlichkeit mit Stolz zur Schau getragen wird ist einfach nur desaströs. Übrigens auch für seine Tochter. 

Problem nicht erkannt, Problem nicht gebannt, aber trotzdem abgehackt. Unfassbar. So wie der Artikel es schildert, ist es ausreichend sich Feminist zu nennen, nicht weiter drüber nachzudenken, Probleme zu ignorieren und - zack ist man Superdaddy. Im Übrigen ein schlimmes Phänomen in unserer Gesellschaft, dieses so tun als ob und einfach ignorieren, dass man damit Ungerechtigkeit zementiert. So eine Scheiße!

Im Kontrast zur gehobenen Managementposition, wie wahrscheinlich mag es wohl sein, dass die Tochter von Herrn Bokelberg dereinst bei ihm vor der Tür steht, alleinerziehend mit 2 kleinen Kindern, keinen Cent in der Tasche, weil sie keinen Job kriegt als Alleinerziehende, ohne Wohnung, weil sie schnell weg musste von ihrem prügelndem Partner, aber keine Wohnung kriegt, allein mit 2 Kindern und ohne Job? 

Lieber Herr Bokelberg, Sie haben eine Tochter. Sie haben berechtigten Grund zur Sorge, Sie haben berechtigten Grund Feminist zu sein und für die Rechte, die Wertschätzung und die Gleichbehandlung Ihrer Tochter zu kämpfen! Aber Sie haben keinerlei Recht, die Rolle Ihrer Tochter in unserer Gesellschaft zu ignorieren!
Ungleiche Bezahlung von Mann und Frau ist eine Folge von geschlechtsspezifischer Diskriminierung, sie ist nicht die Form der Diskriminierung selbst. Die Diskriminierung von Frauen entsteht zum Großteil durch Männer im besten Alter, die sagen 'Was wollt ihr denn, ich persönlich würde nie eine Frau diskriminieren!' und die Probleme dann schlicht negieren. Herr Bokelberg, Sie sind kein Feminist, sie wollen gern Feminist spielen und strengen sich dabei noch nicht einmal an! Sie sind ein Pseudofeminist.

Montag, 7. August 2017

Felsenfest wie 10 Elefanten

Mir kamen ein paar Gedanken nachdem ich diverse Vorstellungsgespräche hatte. 

Ich werde aufgrund meines Lebenslaufes recht häufig eingeladen. Schliesslich bewerbe ich mich auch sehr deutlich unter meiner formalen Qualifikation, weil es auf dieser Stufe schon gar keine Teilzeitjobs gäbe. Also such ich einen 'normalen' Job. 

In 'meiner' Branche finden Vorstellungsgespräche zu 90% bei männlichen Vorgesetzten statt. Präziser, bei echten Superheldenvorgesetzten, die sich selbst für die Allertollsten halten, unterirdische Manieren haben und die gerne möchten, dass man bei ihnen um einen Job bettelt. Mir ist es mehr als einmal passiert, dass das Chefchen bei seiner Sekretärin einen Kaffee bestellt hat, oder sich selbst einen vorbereitet hatte und mir nicht einmal ein Wasser angeboten wird. 

Bei diesen Gesprächen, die auch nicht mal halbwegs der Form eines Bewerbungsgespräches folgen, geht es ausschließlich darum, wieviel ich trotz Kindern arbeiten könne und weshalb ich jetzt überhaupt ne Lücke im CV habe. Meine formale Qualifikation ist gar kein Thema. Allein die Kinder werden thematisiert. 

Mir wird dann auch wirklich jedesmal von den Herren versichert, dass sie ja wüssten wie anstrengend das sei mit Kindern, denn die Herren der Schöpfung haben alle Kinder. Gern breiten sie dann aus, dass sie es ja kennen, das Vereinbarkeitsproblem, die Erschöpfung und die Sorge...

Bereits an diesem Punkt wird mir direkt klar, dass ich das Gespräch besser abbreche, denn ich würde innert 5 Tagen diesen Job bei diesem Chef verlieren, weil ich ihm sehr deutlichen machen würde, dass er leider darüber einen Scheiß weiß und ich ihn für einen Dummschwätzer halte. 

Ich hatte auch bereits 1 Vorstellungsgespräch bei einem Frauenkommittee. Dort waren die Kinder gar kein Thema. Den Job bekam ich nicht, weil sie mich mit meinem Enthusiasmus nicht geeignet hielten, Routinearbeiten zu erledigen. Auch blöd, aber ein richtig stimmiges Gespräch hatte ich zumindest.

Und zudem bin ich im Elternbeirat des Kindergartens und damit Ansprechpartner für die Eltern und als einzige Mutter im Kiga mit drei Kindern merke ich auch, dass Väter anders mit mir reden. Sie wollen, dass ich merke, wie sehr sie sich kümmern. Dann labern sie ewig, statt einen konkreten Punkt anzusprechen und am Ende soll ich ihnen möglichst eine gute Vatereignung bescheinigen. 

Kurzum, ich merke so oft, wie es Männern allein um die Bestätigung ihrer Heldenhaftigkeit geht, selten aber um den Inhalt der Arbeit und schon gar nicht um die Kinder. Selbst bei den Vätern, die zumindest die Kindergartengruppe ihrer Kinder kennen.

Eine Zeit lang habe ich mich darüber aufgeregt. Dann kam mir ein Gedanke:
Liegt es vielleicht nicht nur am männlichen Narzissmus, dass die Herren so aggressiv reagieren? Liegt es etwa tatsächlich auch daran, dass ich mit drei Kinder der Inbegriff von körperlicher und mentaler Stärke bin?

Kann es sein, dass die Fähigkeit Kinder zu kriegen und diese aufzuziehen etwas ist, das als Bedrohung aufgefasst wird von Menschen, die nur durch etwas Können und Förderung und viel Glück in eine gehobene Position gelangt sind?
Ich will Chefs nicht generell absprechen, dass sie nicht wirklich fähige Leute sind. So mancher ist in seinem Fach tatsächlich recht begabt. Aber die Qualifikationen außerhalb des rein sachlichen scheinen mir ein sehr unterbewerteteres Kriterium zu sein.

Mütter jedoch, die zumeist die körperliche Anstrengung ein Kind auszutragen und auf die Welt zu bringen und dann die mentale Stärke der Fels in der Brandung für die Familie zu sein, aufweisen - diese Frauen sind stark wie 10 Elefanten. Vielfach nicht weil sie es wollten, sondern weil es der Lauf der Dinge ist. Mütter sind Menschen, die tatsächlich die körperlichen und geistigen Grenzen zu überschreiten wissen, die bewiesen haben, wie stark sie sind. Etwas, was den meisten Männern einer westlichen Gesellschaft tatsächlich nicht abverlangt wird. Die meisten Männer und Frauen hier haben diese Stärke nicht manifestiert. Das Muttersein als Abzeichen.

Ein diskriminierender Gedanke. Aber für mich durchaus eine Erklärung der Strukturellen Benachteiligung vor allem von Müttern und auch Vätern, die tatsächlich zum Großteil an der Erziehungsarbeit beteiligt sind. 

Der Eindruck entstand bei mir, weil ich von Männern eben so behandelt wurde. Nicht wie eine Aussätzige, vielmehr wie eine Bedrohung. Und leugnen kann ich so vieles nicht. Nicht, dass Kinder und Karriere unvereinbar sind. Aber auch nicht, dass ich eine enorme mentale Ruhe und Stärke entwickelt habe. Meine Ausstrahlung ist von außen wie ein Statement zu verstehen: Es gibt wenig, was mich im Alltag echt umhauen könnte. Gedöns tangiert mich nunmehr nur noch peripher. Aufgeplustertes wird von mir wohlwollend belächelt, denn ich kenne dies aus der Kleinkindphase meine Kinder. 

Menschen, die ihre Erscheinung auf viel heiße Luft aufbauen, müssen mich quasi als Bedrohung ansehen. Alles was nicht Substanz hat wird von meiner Gelassenheit zügig zu den Akten geschoben. Viele scheinen auch verwirrt, dass ich sie respektiere und höflich und freundlich bin - aus Überzeugung - aber mich ihr Rumgepöble und Aufgeplustere nicht beeindruckt.

Vielleicht ist das Muttersein einfach eine alltägliche Möglichkeit mal kurz so ein paar geballte existentielle Erfahrungen zu machen und einige andere Gepflogenheiten dazu in Relation zu setzen.

Klar muss man nicht Mutter sein, um solche Erfahrungen zu machen. Frauen ohne Kinder und Männer generell können das ja auch ohne Kinder am eigenen Leib erleben. Aber Kinder zu bekommen scheint mir ein besonders schöner Weg zu sein, diese Erfahrungen zu sammeln. Man braucht dabei weder Extremsportarten auszuüben, noch tödliche Krankheiten zu überwinden.

Es gibt wohl manche Männer, die Kinder auch als existentielle Erfahrung erleben. Aber das sind eher nicht die, die eine Mutter am Vorstellungsgespräch runtermachen um ihre Position zu behaupten und am Ende versuchen herbeizureden, sie wüssten wie anstrengend das mit Kindern sei - obwohl sie 60h/Woche arbeiten. 

Und je länger ich darüber nachdenke, umso logischer erscheint mir, dass ich für solche Männer eine Bedrohung sein muss. Ich könnte sie aus dem Stehgreif in ziemlich vielen Situationen in die Tasche stecken ohne mich dabei anstrengen zu müssen. Eigentlich alle Mütter, die ich kenne könnten das. Vor allem für Narzissten muss das ein rotes Tuch sein.