Donnerstag, 1. Juni 2017

Ich bin ein ungewolltes Kind

Fassungslos lese ich eine Text von BerlinMitteMom über die ungewollten Kinder der Regretting Motherhood Mütter. Einen Text und ein Interview bei dem ich schreien möchte, denn Anna Luz schreibt dezidiert, dass sie differenziert über das Thema diskutieren möchte und dann kommt dabei so ein Text raus, der - meine persönliche Meinung - einfach nur scheisse ist. 

Warum? Weil sie einen interessanten Gedanken hat. Aber sie hat ne total unreflektierte Frau dazu interviewt ohne das irgendwie einzuordnen und das einzige Resultat dieses Beitrags wird sein, dass sich Menschen a) als ungewollte Kinderopfer fühlen und b) der Text das perfekte Argument liefert um auf die Regretting Motherhood Mütter einzuprügeln. Hier werden Schuldige identifiziert und gleich die Tür aufgemacht für Verurteilungen, auch wenn Anna Luz selbst keine Verurteilung ausspricht.


Differenziert ist bei diesem unsäglichen Interview so überhaupt gar nix!


Ich persönlich stehe voll hinter der Debatte, die Regretting Motherhood initiiert hat, und zwar auf der Seite der Mütter! Weil ich beide Seiten kenne und weil diese Mütter so viel Gutes für mich symbolisieren.

Ich erkläre auch gerne weshalb:

1.

Die wohl meisten Frauen auf dieser Welt kriegen Kinder weil sie Sex haben (müssen) und das in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen ein Frauenkontrollmittel ist. Auch bei uns. Sich aussuchen zu dürfen, Kinder zu bekommen und mit wem und wie viele ist ein Privileg, das sich Frauen und Männer über mehrere Hundert Jahre hart erkämpfen mussten. Und wir sind ja noch lange nicht fertig damit. Somit haben wir gut sagen, man müsse doch auch die Kinder sehen... Schön, das wir uns das leisten wollen und ich finde es auch richtig. 
Über meine Urgroßmutter z.B. wurde offen im Ort gesagt, diese arme Frau müsse ein ums andere Jahr Kinder kriegen. Bis es 14 waren... Weil der Mann halt Sex wollte und sie halt sehr fruchtbar war und es keine anderen legalen und religiös zulässigen Wege gab, keine Kinder zu bekommen.
Da ich zumindest halbwegs erahnen kann, was permanente Schwangerschaften mit dem Körper und dem Leben einer Frau machen können, muss ich sagen: GOTT SEI DANK LEBE ICH NICHT VOR 100 JAHREN!

Mein Ross ist also ziemlich hoch, auf dem ich sitze. Das sollte mir bewusst sein.


2. 

Es kann den Kindern leider oder zum Glück immer nur so gut gehen, wie es dem Hautpsorgetragendem der Familie geht. Ist eine Mutter kreuzunglücklich mit ihrem Leben müsste alles Glücklichsein des Kindes aus diesem selber hervorkommen, obwohl die äußerem Umstände manchmal vielleicht sogar konträr entgegen stehen. Zum einen ist kein Kind so dumm ignorieren zu können, dass irgendwas nicht stimmt. Zum anderen ist kein noch so erwachsener Mensch, oft sogar in gewissen Zwangssituationen, in der Lage sein Leid gegenüber seinen Kindern komplett zu kompensieren.
Das Menschenbild, das von der bei Anna Luz interviewten Mutter idealisiert wird (also den Kindern nix zu sagen vom eigenen Leid und eine glückliche Mutter vorzuspielen) ist rein geprägt von Bitterkeit. Und vollkommen unrealistisch. Und warum soll es eigentlich besser sein, Kinder zu verarschen? Inwiefern stärkt das denn ihr Selbstbewusstsein und ihr Vertrauen?

3. 

Mutter und Kind leben erst einmal in einer gewissen Symbiose. Das ist so, das kann man nicht ändern, das kann man nicht abstellen. Das muss man so einfach mal akzeptieren. Wer Müttern eine gewisse Täterrolle zuschreibt, weil sie halt die Erwachsenen sind und Kinder die Opferrolle aufzwingt, weil sie ja die unschuldigen kleinen Kindchen sind, der spielt beide gegeneinander aus. Bei sowas könnte ich ausrasten. Das ist so falsch, wie es nur geht. Denn die Mutter-Kind-Beziehung ist immer reziprok. 

Und Schuld ist immer ein Machtinstrument andere Menschen in ihren Menschenrechten einzuschränken. Wir müssen uns unbedingt vom Schnellschuss Schuldspruch verabschieden. Es gibt Gewaltverbrechen, wo das angebracht sein mag. Ein Kind zu bekommen ist ja doch aber kein Gewaltverbrechen. Und außerdem können wir selbst in unserer Gesellschaft die Rahmenbedingungen, in denen eine gute Mutter-Kind-Beziehung gedeihen kann, schaffen. Und diese Beziehung hat immer einen langen Horizont. Es geht um das Gesamtergebnis, nicht um jede einzelne alltägliche Situation. 


Und es gilt nicht der Umkehrschluss: Wenn eine Mutter glücklich ist, heißt das noch nicht, dass das Kind auch immer automatisch glücklich ist. Und wenn eine Mutter mal unglücklich ist, dann heißt es nicht, dass das Leben des Kindes am Arsch ist. Wenn beide glücklich ist, können sich jedoch beide wahrhaftig begegnen und sich gegenseitig alles gönnen lernen.


4. 

Was wenn die Mutter sich ein Kind wünscht und dann von allen Seiten Prügel bezieht? Es ist schon recht schwer einzuschätzen, was da beim Kinderkriegen auf einen zukommt. Man kann sich ein paar Sachen ausmalen, aber keiner kann alle Umweltreaktionen wirklich voraussehen. Und keiner kann sagen, wie er reagieren würde nach einem Jahr Schreikind oder Schlafentzug. Und wenn da eine Frau schwanger wird und sich eigentlich freut und hinterher geht die Schwiegermutter auf sie los, weil sie alles falsch macht, der Mann hält sich auf einmal nicht an die schön ausgemalten Pläne und lässt die Frau einfach mit dem Kind zuhause sitzen, der Chef äzt sie raus und sie findet auch keinen neuen Job, muss Almosen und Perspektivlosigkeit akzeptieren, obwohl sie mal richtig doll viel Potenzial hatte, und dann die Freunde sagen'Tja, du hast es doch so gewollt!' 

Der Freiheitsentzug, die Zurückweisung, die Nichtwertschätzung, die öffentliche Demütigung, die Hilflosigkeit, die gewisse Selbstaufgabe die einem mit Kind hinterrücks anspringen können, können enorm sein. Müssen nicht, aber können.

In den Regretting Motherhood Interviews sagten die Mütter, jetzt würden sie ihre Kinder nicht mehr hergeben weil sie sie lieben. Sie würden diese nur nicht mehr bekommen, wenn sie vorher gewusst hätten, was da auf sie zukommt. Das zu verdrehen und zu behaupten, die Kinder würden nicht geliebt ist schlicht ne bodenlose Frechheit.



So und jetzt mal zum persönlichen Teil, weshalb mich das Interview so aufregt.


In engen zwischenmenschlichen Beziehung gibt es bei Konflikten nur einen sinnvollen Weg: die Flucht nach vorn.

Das ist sicher ein schwieriger Weg, aber der einzig produktive. Und ich finde, wenn sich die Gesellschaft öffnet, das Mutterideal der Nazis abschafft und nicht durch weitere pseudoreligiöse Ideale ersetzt, sondern die Sache lösungsorientiert anpackt, kann daraus etwas werden, das die Gesellschaft grundlegend 'besser' macht, weil Mütter und Kinder glücklicher werden.

Regretting Motherhood spricht ein für unsere Gesellschaft pikantes Problem an, weil da Machtstrukturen dran hängen. Die Freiheit das öffentlich zu diskutieren, das überhaupt auszusprechen birgt die riesige Chance den gordischen Knoten zu lösen. Die Öffentlichkeit kann dann nämlich adäquat reagieren und Unterstützung anbieten. Mütter, die in irgendeiner Form persönliches Leid erfahren durch die Familiengründung können immer mehr Beratungsangebote wahrnehmen. Das tun sie aber nur, wenn sie nicht für ihre Leiderfahrung verurteilt werden. 

Mütterbashing würgt die Diskussion im Kern ab und bewirkt nur eines: noch größeres Leid für Mutter und Kind. 

Solch schwerwiegende Probleme in Familien und Biografien sollten am besten mit objektiver Unterstützung aufgearbeitet werden. Kein Lügen, kein Theaterspielen, kein Schuldzuweisen, keine Vorwürfe, sondern Auseinandersetzung


Darum: Ermutigt diese unglücklichen Frauen zur Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Kind und dem Kindesvater und der eigenen Eltern. Zeigt Hilfe und Beratungsangebote auf! Stärkt ihnen den Rücken! Haut niemals drauf! 

Und geht mit gutem Beispiel voran und propagiert eine offene Gesellschaft, die nicht unterdrückt und isoliert, wenn jemand von einschneidenden Erfahrungen der persönlichen Freiheit überrollt wird!

Ich selbst gehöre auch zu den Kindern, die sich von ihrer Mutter solche Sachen anhören mussten. Es stimmt, das macht nicht sonderlich Spaß. Ich sei Schuld, dass meine Mutter nicht die persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten im Leben hatte, ich sei Schuld, dass sie diesen Mann heiraten musste, obwohl beide das nicht mit voller Überzeugung taten, ich sei Schuld an mindestens einer späteren Abtreibung meiner Mutter, weil sie sich persönlich und finanziell von zwei Kindern überfordert fühlten. 

Das hat mich geprägt. Das war nicht schön. 
Aber ich war schon immer sehr reflektiert und habe verstanden, warum meine Mutter mir das schon als Kleinkind ins Gesicht sagte. Das kann man von Kindern nicht erwarten aber es führte bei uns dazu, dass ich in die Konfrontation ging. 
Wir konnten beide unsere Gefühle artikulieren. Das lässt die Wut nicht verschwinden, auch die Enttäuschung nicht, aber es zerstört nicht das Vertrauen. Es zeigt vielmehr wie stark die Bindung zwischen Mutter und Kind ist. Gnadenlos belastbar, auch weil Kinder ihre Mütter bedingungslos lieben. Dieser Liebesvorschuss ist Gold wert. Nur rohe Gewalt und grundlegende Lügen machen diese Liebe kaputt.

Das oben besprochene Interview bestätigt, dass es nicht funktioniert, wenn nicht beide Seiten an das Problem rangehen. Es ist eben nicht damit getan, dem Kind etwas zu sagen und dann nicht weiterzureden. Erst da muss die Auseinandersetzung anfangen. An diesem Punkt müssen wir alle unseren Mitmenschen Mut machen und Unterstützungsmöglichkeiten zur Auswahl stellen. Aber nicht Alibiunterstützung, sondern echte, professionelle und nicht wertende Unterstützung. Sonst kann aus diesen Konfrontationen ja nur Bitterkeit entstehen. Das ist dann hinterher ein Fall für den Psychiater.


Meine Familie hatte Hilfe. Meine Eltern haben mich immer geliebt, aber meine Mutter hat sehr unter der restriktiven Machtpolitik einer durch und durch religiös-konservativen Gesellschaft gelitten. Sie hat nur Prügel bezogen, hatte von einem Tag auf den anderen gar keine Freiheiten mehr, nur noch Pflichten. Das hat sie so wütend gemacht und ich war der Grund dafür. Der einzig greifbare Grund. Der einzig konkrete Grund. Jemand, den sie anschreien konnte. Und das hat sie getan. 

So sehr mich ihre Aussagen verletzt haben, so verständlich fand ich immer ihre Wut. 

Seit ich Mutter bin, kann ich sie umso mehr verstehen. Auf mich wird seit Bekanntgeben der ersten Schwangerschaft gnadenlos eingeschlagen. Auch ich hatte nicht damit gerechnet. Und ich kann reumütig sagen, hätte ich das kommen sehen, dann hätte ich das Kinderkriegen wahrscheinlich aufgeschoben bis es zu spät gewesen wäre. Mein Fehler war, meine Schäfchen nicht ins Trockene zu bringen bevor ich an Kinder dachte.

Man sagte mir, es gäbe gute Kitas und damit war für mich die Vereinbarkeit geregelt. Dass ich Karriere und Kinder nicht vereinbaren konnte liegt weder an mangelndem Engagement, noch an den Strukturen. Es lag schlicht daran, dass mein Chef, Teile der Familie, meine Freunde und beruflich Verantwortliche mich nicht unterstützen wollten. Für sie alle war der Machtverlust nicht hinnehmbar, die schiere Tatsache, dass ich über meinen eigenen Uterus und seine Verwendung eigenmächtig bestimmte. Ich habe meinem Umfeld den Krieg erklärt. Und sie haben geantwortet.

Das tun sie bis heute. Ich war nun bei zahlreichen Vorstellungsgesprächen. Die lieben mich. Ich bin supertoll qualifiziert. Und so einige sagten mir direkt, sie würden mich sofort den Vertrag unterschreiben lassen. Und nach 2 Tagen kommt dann doch die Absage. Drei kleine Kinder sind halt drei kleine Kinder und lassen sich nicht wegdiskutieren. Auch nicht mit Ganztagsbetreuung. 

Was meint ihr, wie sehr mich das ankotzt!

Und jetzt ratet mal, wer uneingeschränkt hinter mir steht? Nicht 'Freunde'. Nicht der Trüffel (der hält sich bei dem Thema zurück, weil er dann auch mal ran müsste, wenn ich arbeiten ginge). Meine Mutter. Und mein Vater. Die verstehen sehr genau, was ich durchmache, welchen Bewegungsspielraum ich habe. 


Meine Eltern haben mich immer geliebt. Sie wussten nicht wohin mit ihrer Wut. Einen Teil der Ungerechtigkeiten haben sie akzeptieren müssen. Eine Teil konnten wir aufarbeiten. Und heute begegnen wir uns auf Augenhöhe.


Ich halte im Übrigen auch nichts davon dem Kind bis zum Erwachsenenalter etwas vorzumachen. Nach 20 Jahren sind die Mütter so kaputt, dass da vielleicht nicht mehr viel zu retten ist. Außerdem spüren die Kinder doch, dass etwas nicht stimmt und nehmen es sowieso persönlich. Aber ohne zu wissen, was überhaupt los ist. Wenn wir glückliche Kinder wollen müssen wir den Müttern die Möglichkeiten geben, mit ihren Kindern glücklich zu sein. 


Helfen würde auch, Mutterschaft ein bisschen mehr als biologische Fähigkeit zu sehen und weniger zu mythologisieren und emotional aufzuheizen. Daran können wir alle arbeiten. Ganz konkret.


Ganz generell halte ich auch nix davon selbst kleine Kinder vor allem und jedem verschonen zu wollen. Daraus wird zu leicht das Vorspiegeln falscher Tatsachen. Kinder sind resilient und wenn man sie nicht mit Problemen alleine lässt, so können sie diese Fähigkeit ausbauen. Niemand wird in eine heile Welt hinein geboren. Man muss ihnen das nicht vorlügen. Man kann aber Vorbild sein, ihnen beibringen, wie man gute Lösungen für Probleme findet und nicht, wie man Leid möglichst erfolgreich ignoriert und sich hinein frisst.

1 Kommentar:

  1. Ergänzend dazu: ein überwiegender Teil derer, die sich in Blogs, Zeitungen und Foren über "regretting mothers" echauffierten, hatten überhaupt keine Ahnung, worum es im Buch eigentlich ging. Nämlich NICHT um Mütter, die ihre Kinder hassen und bäh behandeln.
    Der Reflex war reichte wohl aus: "regretting mothers" -> auf zum fröhlichen Mütter-bashen.

    AntwortenLöschen