Freitag, 12. Mai 2017

Ein Rat Geber

Ich bin endlich drauf gekommen, was mich an diesen Ratgebern so stört. Eigentlich ist es ganz einfach.

Erziehungsratgeber handeln zu 90% von Kindern. 

Das ist der Fehler bei der ganzen Ratgeber-Sache.
Denn es läuft doch so: Man liest vor der Geburt einen Ratgeber, damit man weiß, wie man mit dem Kind richtig umgeht. Den nächsten Ratgeber liest man dann, wenn man mit dem Kind ein Problem hat und eine Lösung sucht.
Aber immer geht es dabei um das Kind. Die Geburtsvorbereitungsratgeber, die Erziehungsratgeber, die Ratgeberliteratur, die helfen oder zumindest eine Inspiration liefern soll. Und das Problem ist: Die Inspiration kommt von außen.

Das wäre eigentlich nicht schlimm, wenn mal eine Idee von außen kommt - so als Anregung. Aber diese Art des Ideenkonsums hat den doofen Nachteil, dass die Konsumentenhaltung des Lesenden eher gefestigt als hinterfragt wird. Mit jedem guten Rat von außen erlischt ein Funke einer eigenen Idee. 
Nun hat man nicht nur gute Ideen, mag so mancher argumentieren. Aber als Konsument hat man eben  fast gar keine eigenen Ideen. Wie soll man auch eigene Rezepte entwickeln, wenn einem das Futter schon vorgekaut und mit 5-Sterne-Amazon-Bewertung fertig im Napf vorgesetzt wird?

Verstehen könnte ich diesen Ratgeber-Blödsinn eigentlich nur, wenn er dezidiert in Kombination mit eigenen Vorstellung, eingebunden in die eigene Entwicklung, als Hilfsmittel eingesetzt würde. Aber Ratgeber sind ja schon nicht so geschrieben, dass eigene Ideen in den Ratgebertheorien Platz hätten.  

Ratgeber sollen und wollen Wahrheiten verkünden, konkrete Handlungsanweisungen. Sie verkaufen sich nur, wenn sie dem Konsumenten Sicherheit geben, eine Art Gebrauchsanleitung und Wertung was richtig und falsch ist. So sind sie formuliert. 
Und so glaube ich, wenn man Ratgeberliteratur konsumiert, dann wird der genuin eigene Mechanismus selbst Ideen zu entwickeln bewusst gelähmt. Man meint sich zu informieren und wird eigentlich nur roboterisiert, auf dass nach dem Lesen alles möglichst optimal funktioniere, wie bei einer Maschine.

Ratgeberliteratur bietet eigentlich die falsch verpackten Informationen. Die Infos daraus können nicht vernünftig verwertet werden. 

Zudem gibt es zwei Kategorieren von Ratgebern, die mit Lösungen für konkrete Probleme und solche die weltanschauliche Konzepte vermitteln wollen. 
Mit ersteren mag ich mich noch anfreunden, denn vielleicht hat man tatsächlich nur ein konkretes Problem und braucht ne einfache, schnelle Lösung. Da muss nun wirklich nicht immer jeder das Rad auf's Neue erfinden. 
Mich beunruhigen eher die Weltanschauungsratgeber. Denn während die konkreten Problemlösungsratgeber lediglich verhindern, dass man sich die Zeit nimmt mal kurz selbst über eine Situation nachzudenken, zielen die Weltanschauungsratgeber direkt darauf ab, jegliche Auseinandersetzung mit der eigenen Welt und Wirklichkeit direkt zu verwerfen und statt dessen lieber gleich das Weltanschauungskomplettpaket des Autors zu übernehmen. Diese Art Ratgeber scheint mir sehr strikt formuliert zu sein, mit klaren Wertungen anderer Meinungen. Ich finde diese Literatur ist eben genau kein Ideengeber und regt eben genau nicht zur wirklichen Auseinandersetzung mit sich und der eigenen Umwelt an. 

Und wenn ich darüber so nachdenke, dann wird mir ganz anders, denn ich würde so gut wie alle Ratgeber über bindungsorientierte Erziehung zur zweiten Kategorie rechnen. Ich habe so oft durch diese Bücher geblättert, versucht mich reinzulesen und sie nach wenigen Seiten angewidert weggelegt. Ein einziges Buch über diesen Weg mit Kindern hat mich überzeugt. Es ist der Kohn.

Wie also würde ich einen Ratgeber für Eltern und solche, die es werden wollen schreiben:
Von 100 Seiten würden sich maximal 5 mit dem Kind beschäftigen. 90 Seiten würde ich den Eltern widmen und darauf abzielen, dass sie beginnen Fragen zu stellen. Ich würde sie inspirieren wollen, eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Hinter diesen könnten sie dann stehen ohne sich angegriffen zu fühlen, wenn jemand anderes es anders macht. Eltern würden verstehen woher die Gedanken kommen. Eltern könnten, angepasst an die eigene Familie und Lebenssituation, lenken wohin die Gedankengänge führen. 

Ein solcher Ratgeber würde sich nicht so gut verkaufen. Sich ein eigenes Lebenskonzept zu erstellen ist eine anstrengende, langwierige Sache. Es ist nichts für Informationskonsumenten. Und Menschen, die eh selber denken, die konsumieren ja eher selten Weltanschauungskozepte von Fremden. Alfie Kohn schafft es tatsächlich als einer der wenigen, den Leser dazu einzuladen, manchmal gar zu zwingen, selbst über das Gelesene nachzudenken, eine Position zu beziehen. Er formuliert schwammig und einladend, vermeidet ein allzu konkretes Konzept zu erstellen. Natürlich ist die bindungsorientierte Linie klar erkennbar, aber im Dialog mit dem Leser. Wie hast du Schulnoten damals empfunden? Wie könnte dein Kind diese Beurteilungsform empfinden? 
Auch dieser Ratgeber ist bei weitem nicht perfekt, aber sehr viel weniger indoktrinierend und wertender als so mach anderer. Das gefällt mir.

Viel mehr als Ratgeberliteratur und Geburtsvorbereitungskurse würden wir Angebote brauchen, die Frauen einladen sich selbst kennenzulernen, Antworten auf eigene Fragen zu finden - aus sich selbst heraus - wo sie herkommen, was sie geprägt hat, was sie wollen und was nicht und wie man das eine bekommt und das andere umgeht. Angebote, die den Müttern Raum und Zeit und Muse und Anregung bieten über sich selbst nachzudenken, damit sie nicht mit leeren Händen einem Kind gegenüberstehen, das sie vom ersten Tag an mit diesen Fragen bombardieren wird. 
Und wir sollten Männern diesen Raum und diese Zeit anbieten, damit sie sich nicht überrumpelt von den Fragen zurück ziehen müssen und der Mami alles überlassen, weil sie nicht mit der Vehemenz eines Säuglings gerechnet haben.

Denn nur, wer sich intensiv mit sich selbst auseinandersetzt und teilweise frei ist selbst zu entscheiden, wer er sein will, der wird eigene Vorstellungen entwickeln können in der Kindererziehung, denn er/sie wird die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber nicht scheuen, muss die Auseinandersetzung nicht scheuen. Ein Nicht-Ratgeber, der einen Menschen dazu einlädt er selbst zu sein und Menschen zu mögen, auch wenn diese oft schwierig sind - das wäre mal ein sinnvoller Ratgeber. Nur wird es das ja nie geben. Das widerspräche der Ratgeberidee.

Das Buhlen um die Konsumentenaufmerksamkeit erreicht immer neue Höhen. Mittlerweile fühlen sich die Konsumenten gar nicht mehr als Konsumenten, weil sie so eingebettet in ihre Weltanschauungen sind und die Filterbubble so eine dichte Vernetzung für viele ermöglicht, dass alle Anrufe an den eigenen Verstand verhallen. Im Glauben selbst etwas zu steuern, wird von außen so stark manipuliert, dass die eigene Gedankenfreiheit nicht mal mehr vermisst wird. Das Fragestellen ist längst abgeschlossen, die eigene kreative Lösungsfindung wurde längst abgestellt. Nicht aus Dummheit, sondern weil es in dieser so einseitig informierten Welt viel zu kraftraubend wäre sich all den Angriffen und Übergriffen zu erwehren. Man stünde recht einsam gegen den Strom. Ich verstehe, dass kaum eine junge Mutter die Kraft dazu aufbringen kann, zusätzlich zu der Kraft, die die permanente Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Umwelt erfordern würde. Die Unterstützung ist nur oberflächlich, auch das Netzwerk würde sich vielleicht auflösen, wenn Frau den Peergroupweg verlässt.
Und so versiegt das kreative Potential ein eigenständiges Leben zu führen und seinen Kindern das auch vorzuleben. Der Konsumentenkreislauf schließt sich.

Denn wie heißt es so schön: Niemals las jemand eine Zeitung um sich zu informieren. Man liest eine bestimmte Zeitung, um seine Meinung zu bestätigen, nicht das populistische Schundblatt, um sich ausgewogen zu informieren um dann die eigene Meinung eventuell zu korrigieren.

Kommentare:

  1. Absolut richtig! Bis auf die Kategorie "Dieser Ausschlag erfordert jene Behandlung" ist das alles vollkommen nutzlos. Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit kann nur aus eigenem Antrieb erfolgen. Ansonsten folgt Ratgeber auf Ratgeber, Workshop auf Seminar...alles nur kurze Stromstöße, um die Materie für einen Moment zu beleben. Liebe Grüsse Jenny

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  2. Ja, die Crux ist ja, dass viele Eltern vor ihrer Elternschaft wenig mit Kindern zu tun haben, auch nicht in familiärer Interdependenz und Sich-Zurücknehmen geübt sind, und dann kommt nach der Geburt dieser riesengroße, völlig unbekannte Challenge ins Haus!
    Dass man da zum kurzen, knappen Wenn-das-dann-so-Ratgeber greift, der schnelle Lösungen suggeriert, ist ja verständlich. Und Zeit & Freiraum für längere Meditationen über die Herkunftsfamilie und ihre Tücken sind dann nicht mehr drin.

    Ich finde auch, dass der Fokus auf Schwangerschaft und Geburt in den meisten Vorbereitungskursen zu kurz greift. Unsere Schwangerschaftskursleiterin hat die meisten Fragen zu Babypflege etc. abgelehnt mit: "Ach, das findet ihr dann schon raus."
    Ein Wochenende für Schwangere mit Biogaphiearbeit und Raum für gemeinsame Gespräche des Paares wäre vielleicht eine vernünftige Idee.

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