Mittwoch, 29. März 2017

Ein ketzerischer Gedanke

Ich bin nicht gestresst. Ich bin manchmal genervt, öfter unausgeschlafen, aber so generell bin ich nicht gestresst. Ich bin nicht gestresst mit meinen drei Kindern, denn sie sind soweit gesund und machen relativ gut mit und es läuft wirklich gut. Ich habe momentan sehr viel Zeit und kann mir gut vorstellen, in dieser freien Zeit zu arbeiten.

Allein, es ist unmöglich zu arbeiten für mich.

Ich muss ganz ehrlich zugeben, seit Anfang November waren die Kinder ca 6 Wochen im Kindergarten. Also alle drei Kinder. Gleichzeitig. Diesen Winter haben wir schlicht jeden scheiß Virus, jede Bakterie, jede nervtötende Kita-Seuche mitgenommen. Von der Bindehautenzündung, Scharlach, Magen-Darm, Hand-Fuß-Mund, normale Erkältungen, Bronchitis – wir haben brav alles abgearbeitet.

Stressig war auch das nicht. Unmöglich wäre es aber gewesen zu arbeiten. Es wäre nicht gegangen. Zu viele kranke Kinder, die sich abwechselten mit den Infekten. Innert 5 Monaten nur 6 Wochen arbeiten zu können ist ja kein Zustand.

Und nun verstehe ich jeden Arbeitgeber. Es ist so: Es ist nicht vereinbar.

Für mich wäre es vom Arbeitsaufwand vereinbar. Ich kann da einiges ab und lass mich von Krankheit nicht stressen. Ich bin inzwischen Meister der Improvisation, das gefällt mir sogar. Aber ich kann leider kein Homeoffice machen. Ich muss zu einem Arbeitsplatz hingehen. Ich hab keinen Bürojob gelernt, ich arbeite nun mal eher handwerklich.

Und daraus ergibt sich eine Situation, die einfach keine Vereinbarkeit von Beruf und Familie zulässt. Entweder ich bin mit krankem Kind zu Hause oder ich kann das Kind in den Kindergarten bringen. Die Krankheitstage haben sich mit der Anzahl der Kinder tatsächlich potenziert.

Schon als ich die 3. Schwangerschaft komplett ausfiel, war die Vereinbarkeit gestorben. Es gibt diesen Fall eben. In der einen Schwangerschaft hab ich bis zum Tag der Geburt voll gearbeitet und gar kein Problem gehabt, in der anderen war vom ersten Tag an Arbeit nicht mehr zu denken. Es ist nun mal so.

Man kann das nicht planen. Man kann das nicht einschätzen. Man kann das nicht kompensieren. Und wir reden hier halt auch schnell von echt untragbaren Krankheitszeiten. Von Jahren, die man mal kurz mit Schwangerschaft und Babyzeit ausfällt. Von einem ganzen Winter, in dem man nur sporadisch zur Arbeit gehen kann. Wir reden hier von unkalkulierbaren Arbeitsausfällen für Arbeitgeber. Und ich glaube jedem, der sagt, das kann sich eine Firma nicht leisten. Ich akzeptiere auch, wenn jemand sagt, das will sich eine Firma nicht leisten. So funktioniert tatsächlich unser Wirtschaftssystem nicht.

Also gibt es für Frauen wie mich keine Vereinbarkeit.

Den Trüffel möchte ich mal außen vor lassen, denn zum einen Stille ich das Baby noch und zum anderen muss irgendjemand verlässlich Geld verdienen. Gleiches trifft auf meine Eltern zu. Meine Eltern, der Trüffel – ja sie haben frei genommen, mir versucht zumindest wichtige Termine freizuschauffeln, aber keiner von Ihnen kann monatelange Fehlzeiten riskieren. Ein paar Tage sind für niemanden ein Problem. 4 Monate schon.

Ich bin bestimmt kein Huschele am Herd, aber das muss ich eben so akzeptieren. Was nicht geht, geht halt nicht.

Wer allein diese Erkenntnis bereits als ketzerischen Gedanken versteht, der soll sich nun wundern. Denn, obwohl ich die Letzte bin, die sagt: ‚Mütter gehören nach Hause und Kinder gehören zur Mutter’, so muss ich nun doch einen ketzerischen Gedanken äußern:

Es ist sinnvoll, dass in diesen Familienphasen mit kleinen Kindern, mit unzähligen Infektionen und wo Kinder einfach nicht in eine geregelte Arbeitsplanung eines Erwerbstätigen Erwachsenen passen, dass Eltern und Kinder in dieser Zeit die Möglichkeit haben sollten zu Hause in Ruhe all die Unvereinbarkeiten auszusitzen und die Zeit zu genießen!

Ich sage das nicht, weil ich konservativ bin, im Gegenteil. Ich sage das mit einem weit ketzerischeren Zusatz, der jedem Konservativen einen Herzinfarkt verursacht. Ich will nämlich explizit nicht, dass die Frauen benachteiligt werden, dass sie weiterhin in patriarchalischen Strukturen leben müssen und in zahlreichen Abhängigkeiten von Männern um jeden Scheiß betteln müssen.

ICH WILL IN DIESER SCHWIERIGEN LEBENSPHASE ZU HAUSE BLEIBEN KÖNNEN UND VON DER GESELLSCHAFT EIN ORDENTLICHES GEHALT BEKOMMEN FÜR MEINE ARBEIT ALS MUTTER.

Jawohl, ich plädiere für ein Erziehungsgehalt. Wer zu Hause ist und die Kinder tatsächlich mehrere Stunden am Tag erzieht, aufzieht, Vorbild ist, sie versorgt und pflegt – der verdient ein Gehalt.

Ein echtes Gehalt. Keine paar hundert Euro, sondern ein paar Tausend, sozialversicherungspflichtig, ohne zeitliche Begrenzung. Ein Elterngrundeinkommen. Denn Kinder machen nicht Arbeit. Es sind keine Haustiere, die man ausmisten muss. Kinder sind eine echte verantwortungsvolle Aufgabe.

Und wenn sich Kinder phasenweise nicht mit der üblichen Erwerbsarbeit vereinbaren lassen – kein Problem. Dann soll man eben ein Gehalt von der Gesellschaft, vom Staat erhalten, damit man seinen Job zu Hause gut ausfüllen kann. Finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit für denjenigen, der sich um’s Kind kümmert. Fern ab von allem erzkonservativen Geschwafel. Die echte Freiheit zu wählen, ob 1 Jahr oder 5, ob immer mal wieder ein halbes, oder 1 Jahr, wenn es eben nötig ist...

Denn leider muss ich Frau Schwarzer hierin Recht geben: man erzählt jungen Frauen heute mehr denn je die Lüge von der Vereinbarkeit.
Aber alle Kitaplätze der Welt werden keine Vereinbarkeit bringen, geschweige denn in irgendeiner Form die Situation von Müttern verbessern oder gar zur Gleichberechtigung beitragen. Es gibt keine Vereinbarkeit, denn Menschen sind keine Maschinen und kleine Menschen schon gar nicht. Sollten sie auch nicht sein müssen. Also darf man ihnen nicht 5 Jobs gleichzeitig aufbürden, sondern muss ihnen zugestehen, dass nun mal alles im Leben seine Zeit hat.

Das Diktat der Wirtschaft aushebeln, das wäre eine gute Investition in unsere Gesellschaft und in unsere Familien. Es würde die Care-Arbeit aufwerten und uns ein menschliches Zusammenleben vereinfachen.


Und nebenbei, wenn ich aus der Kindererziehungsphase heraus komme, fängt auch bald die Phase an, in der ich mich um meine Eltern kümmern möchte. Statt eine Unvereinbarkeit an die Nächste zu reihen, würde ich mir wünschen in finanzieller Sicherheit all den familiären Verpflichtungen nachgehen zu dürfen, aber nicht für lau, wie in den 50iger Jahren. Denn was ich tue ist nicht Nichts!

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