Mittwoch, 1. Februar 2017

Die Kinder zu erziehen hat doch eh keinen Wert

In mir hallt etwas nach, etwas, das sich erst jetzt in klare Gedanken auflöst.

Es geht um das mal immer wieder mehr oder weniger diskutierte Thema Erziehung.

Es gibt ja eine manchmal heftig geführte Diskussion darüber, ob man gleich alle Erziehung im klassischen Sinne weglassen solle, ob man moderat (z.B. Tischmanieren) erziehen, oder gezielt mit Erziehung das Kind nach den Bedürfnissen der Eltern formen solle (z.B. beim Schlafenlernen).

Die wenigsten Eltern praktizieren wohl das Konzept 'unerzogen', bei dem v.a. die intrinsische Motivation der Kinder gefördert werden soll, sich im Rahmen ihrer eigenen Bedürfnisse sozial- und elternverträglich zu verhalten. 

Die wohl meisten Menschen lassen ihren Kindern viele Freiheiten, aber haben zu Hause von den Eltern festgelegte Regeln, wie Tischmanieren, Schlafenszeiten, Aufräumgewohnheiten, Mediennutzung etc. Zu diesen Eltern gehöre ich auch. Wir haben ne Menge fester Regeln, die weniger den Kindern als vielmehr mir persönlich das Zusammenleben und Ertragen der kindlichen Flausen erleichtert. Es ist eine extrinsische Kontrolle über das Familienleben, wonach alle an einem Kompromiss teilhaben müssen, damit jeder so seine Freiräume nutzen kann.

Zu guter Letzt mag es auch Eltern geben, die ihre Kinder gezielt formen, z.B. im religiösen oder leistungsgesellschaftlichen Sinn, oder aber weil sie nicht den Nerv dafür haben permanent auf das Kind einzugehen. 


Was mich nun beschäftigt an diesem Thema ist keineswegs die Frage, was davon jetzt richtig und falsch ist. Ich halte diese Frage sogar für absolut sinnbefreit und unlogisch. Mich interessiert etwas anderes:

Welcher Wert wird der Erziehung per se eigentlich heute zugeschrieben?

Und zwar ganz konkret im Kontext moderner Elternschaft, wo Frauen versuchen Familie und Beruf zu vereinbaren und Männer beschworen werden 'neue Väter' zu sein.

Der Wert der Erziehung hängt für mich nämlich sehr eng mit der Rollenverteilung innerhalb der Familie zusammen und mit dem freiwilligen und/oder erzwungenen Engagement jeden Elternteils in der Familie.

Wir sind uns alle einig, dass die neudeutsch genannte 'Care-Arbeit', meist unbezahlt und von Müttern geleistet, mit wenig Wert bemessen wird. Sie bringt keine Quartalsbilanz, kein Lob, keine Aufstiegsmöglichkeiten - ist also in einer Leistungsgesellschaft tatsächlich als wertlos konnotiert. Gleichzeitig ist es harte körperliche und psychische Arbeit, sehr zeitintensiv, sehr emotional und immer fordernd. 
Zurecht wird das beklagt und ein gesellschaftlicher Wandel des Blickes auf Familienarbeit gefordert.

Dass sich daran aber nichts, bzw. nur quälend langsam etwas ändert, liegt meines Erachtens nicht daran, dass die Forderungen zu selten wiederholt oder zu leise vorgetragen werden. Ich denke, es hat auch viel mit zwei neuen Strömungen zu tun: den neuen Vätern und demokratischen antiautoritären Erziehungsmoden unserer Zeit.

Beides wertet nicht etwa automatisch die Erziehungsarbeit auf, sondern entwertet sie eher.
Warum?

Ich persönlich halte 'die neuen Väter' für ein falsches Konstrukt, ein falsches Ziel. J.König geht in vielen seiner Texte darauf ein und beklagt, dass das Vatersein etwas Freiwilliges zu sein scheint, währen das Muttersein nunmal ein Zwang ist. Die Mutter übernimmt gezwungener Maßen die Aufgaben in der Familie, die der Vater nicht freiwillig machen mag oder schlicht nicht macht.

So gilt heute als neuer Vater, wer bei nem kleinen Baby die Pipiwindel wechselt. Das strampelnde Kleinkind, dass sich bis zu Hals eingeschissen hat, darf aber die Mama wickeln. Großzügigerweise. Die wenigen 2 Vätermonate, die von manchem genommen werden, tragen nicht zur Gleichberechtigung bei, sondern zementieren die Rollenverteilung eher. Denn wenn Papa das 1jähige Kind übernimmt, so hat meist die Mutter zuvor 1 ganzes Jahr lang mit Baby zu Hause gesessen, sich die Nächte um die Ohren gehauen, um sogleich in Teilzeit wieder arbeiten gehen zu dürfen mit ihren kleidsamen Augenringen. Und Papa ist der Held, wenn er ein Kleinkind übernimmt, dass schon eine Menge an Regeln gelernt und Entwicklungsschritten hinter sich hat. 
Auch das Baby mal sonntags im Manduca durch die Gegend tragen ist eine schlechte Hilfe. Als Retter in der Not heldenhaft der Mami mal zu nem Nickerchen am Wochenende zu verhelfen, signalisiert nur: Ich bin sonntags mal gewillt für 2 Stunden meine Zeit zu investieren und partnerschaftlich Hilfe anzubieten. Ich finde, dieses Verhalten zementiert die abschätzige Wertigkeit der Familienarbeit, indem sie die Hauptfamilienarbeit leistende Person in völlige Abhängigkeit und Wohlwollen des Partners befördert. Mami kann ja froh sein, wenn sich Papa mal zum Mithelfen anbietet. 

Gefährlich dabei finde ich zwei Punkte: Zum einen demonstrieren diese neuen Väter nach außen ein Bild von Partnerschaftlichkeit, leben aber in der Realität ein Leben, bei dem die Familienarbeit in der Prioritätenliste ganz klar unter der Erwerbsarbeit, manchmal sogar unter sonstigen privaten Interessen, angesiedelt ist. Gefährlich dabei ist nicht die Prioritätenverteilung auf der Liste, sondern dass Wasser gepredigt und Wein getrunken wird. Es ist eine schiere Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Das schließe ich nicht daraus, dass sich Väter nicht wünschen würden, sich mehr um die Familie zu kümmern. Das mag durchaus der Fall sein. Allein, sie tun es nicht, obwohl sie es könnten. Der einzige Grund dafür wird angegeben mit: Aber einer muss doch das Geld verdienen. 
Jein. Denn leider werden die Mütter nicht gefragt, ob sie zu Hause bleiben wollen, ob sie nachts aufstehen wollen. Die Mütter machen das, weil es sonst niemand macht und einer muss es ja tun. Nicht, dass sie es nicht gern täten. Aber wie viele Väter schlafen nachts, weil sie morgens zum Job müssen und darum fit sein müssen? Wie viele Väter sagen: Dein Job ist es morgen ausgeruht und entspannt den Tag mit unserem Kind zu verbringen, also schlaf du doch, meine Liebste?

Allein, dass die Mutter ja nachts aufstehen kann, weil sie morgens ja nicht zum Job muss, oder nur nen unwichtigen Halbtagsjob hat, dass sie ja gleich noch Putzen und Kochen und Einkaufen kann, wo sich doch eh schon zu Hause ist, ist eine deutlich ausgesprochene Entwertung an die Leistung und Qualifikation der Kinder betreuenden Person. Es sagt schlicht: Deine Arbeit ist nix wert, du bist Dreck und darum kannst du die andere anfallende Drecksarbeit auch gleich noch mit erledigen. Dazu kommt, dass die übermüdete Mutter natürlich in Stress gerät ob all dieser zeitraubenden, anstrengenden Arbeit, genervt reagiert und ihr Lob dann ein schreiendes Kind ist, das sich nicht verstanden fühlt und natürlich das größte Geschrei veranstaltet. 

Welcher Mann würde nicht für umme eine Sisyphusarbeit machen, sich vom Partner permanent entwerten lassen und als Belohnung ein 'Du blöder Papa, ich will lieber zur Mama, die ist viel lieber als du!' hören wollen? 
Also mir ist er ansteigende Frust der Mütter ein echtes Rätsel! Tssss...


Der zweite gefährliche Punkt ist für mich die falsch interpretierte antiautoritäre Erziehung, Individualisierung und Überbewertung der Kinder auf Kosten der Mütter.

Die Kinder sollen heute bedürfnisorientiert aufwachsen, selbstbestimmt, voller Geborgenheit und Empathie. Sie sollen Selbstwirksamkeitserfahrungen machen. 

Das ist auch soweit alles schön und gut und klingt toll. Aber diese Erziehung kostet. Sie geht auf die Kosten der Eltern - konkret auf die Kosten der Mütter. Die Bedürfnisorientierung wird nämlich meist eher an den Bedürfnissen des Kindes, nicht an denen der Mutter gemessen. Ihre Selbstbestimmtheit geht dabei in vielerlei Hinsicht flöten.

Mama soll voll stillen, bedarfsorientiert. Will sie nachts schlafen, hat sie Pech gehabt. Dass der Vater einfach mal nachts eine Flasche gibt, wird ja direkt ab Geburt ausgeschlossen und mit Androhung von Saugverwirrung im Keim erstickt. Das Kind später mit Brei abfüttern geht natürlich auch nicht. Man bereite doch bitte dem Baby breifreie Kost und putze jedesmal hinterher den Esszimmerboden. Die Rückenschmerzen vom Tragen und Stillen ignoriere man doch bitte, wer den Kinderwagen nimmt verliert...
Es gibt unzählige solche Punkte, bei denen die Mutter zum Wohle des Kindes alles mögliche zu ertragen hat. Will das Kind nicht um 20 Uhr ins Bett, weil es selbstbestimmt noch rumhüpft? Tja Pech, Feierabend ist heut nicht für Mama. Will das Kind nachts nicht schlafen, weil es eben noch keinen richtigen Rhythmus hat, Mama aber am nächsten morgen zur Arbeit muss? Tja Mama, das musst du ertragen ohne deinem Kind das Schlafen anzutrainieren. Das könnte dem Kind nämlich schaden! Ach, es schadet aber dir? Tja Mama, das ist natürlich blöd. Vielleicht ist der Vater ja so nett und geht mit dem Kleinen am Sonntag aufn Spielplatz, damit du dich kurz hinlegen kannst. Vielleicht könntest du aber auch in der Zeit die Wäsche zusammen legen. Kommst du doch sonst auch nicht dazu...


Ok, das war jetzt natürlich überspitzt und zynisch, aber es gar nicht so weit entfernt von den Realitäten vieler Mütter.

Um das ganze System halbwegs am Laufen zu erhalten etablieren dann gar nicht wenige Mütter gewisse Regeln eben für's Essen oder Zubettgehen. Einen Kompromiss, den die Kinder manchmal nicht wollen und die Mütter manchmal nur mit schlechtem Gewissen halbherzig durchsetzen.

Aber auch bei der falsch verstandenen Bedürfnisorientierung ausschließlich am Kind wird der Mutter mit dem Holzhammer eingetrichtert: Deine Bedürfnisse sind obsolet, sie schaden eventuell sogar der kindlichen Entwicklung zur Selbstbestimmtheit. Du und deine Care-Arbeit, ihr seid nichts wert. 

Und als Sahnehäubchen wird ja dann gern unterstrichen, dass diese wunderbaren Kinder schon perfekt mit ihrer Neugier und ihrer intrinsischen Motivation auf die Welt kommen. Fang bloß nicht an, sie zu erziehen, du verkorkst sie nur und nimmst ihnen ihre Vollkommenheit! Nur falls du dich fragst, liebe Mami, nicht deine Kinder machen etwas falsch, DU bist falsch mit deinen Ansichten, Bedürfnissen nach Ruhe und Sauberkeit und Schlaf. Die Kleinen können nix dafür, dass du ein fehlerhaftes Modell einer Mutter bist. Lass es nicht an ihnen aus. Arbeite an dir selbst! Optimiere dich doch auch als Mutter und Mensch selbst. 
Ach, und schreib dir keinesfalls auf die Fahnen, dass du was damit zu tun hättest, wenn die Kinder hinterher gut rauskommen. Das ist nicht dein Verdienst, sondern der Verdienst der Kinder, dass ihr Wesen deine Erziehungsversuche überlebt hat.

Also für mich klingt es am Ende sogar fast logisch, dass man nem Arbeiter, der alles falsch macht und nur Drecksarbeit macht, die nix wert ist und auch noch die lieben Kleinen drangsaliert, dass man so einer keine Anerkennung und schon gar keine Entlohnung zukommen lassen kann. Und dann wollen die Mütter diese Scheiße auch noch den Vätern zumuten? Ey, wo simmer denn? Also wenn ich so eine Mutti zuhause hätte, die mir dann auch noch mit Anforderungen kommt, da würd ich aber auch lieber länger im Büro bleiben oder mir gleich eine suchen, die nicht so blöd tut!

Und der Rest der Gesellschaft wundert sich, dass die Mütter an Burnout zu Grunde gehen. Ey, also früher haben die Frauen aber auch mehr ausgehalten. Echt jetzt. Immer dieses Gejammer. Was haben die eigentlich? Haben doch ein schönes Leben zu Hause. 

Und die betroffenen Mütter? Die fügen sich, denn wenn jeder sagt, du bist nix wert und auch deine Arbeit ist wertlos, dann muss da doch was dran sein. Irgendwie unrealistisch, dass alle da draußen unrecht haben, oder? Muss ich mir halt selbst einen Wert geben. Fang ich halt nen stylischen Mamablog an, und präsentiere, dass ich die perfekte Mutter und Hausfrau bin. Da kann ich auch mal was Jammerndes schreiben, das verstehen die anderen Mütter. Und dort bekomme ich sicher auch ein paar nette Kommentare für das toll zusammen gestellte Abendessen, oder die selbst gebastelten Kindersachen. Wenigstens das. Wenigstens das mach ich dann gut.

Kommentare:

  1. ... und trotz allem gibt es auch Väter die wirklich 50:50 an den Kinder und der Hausarbeit interessiert sind. Ich habe sehr viel Glück und mein Mann ist so einer. Darum haben ihn Freunde von uns als Spitzenvater des Jahres vorgeschlagen, was er aber nicht gewonnen hat. Sein etwas ungläubiger Kommentar ob des "Trostbriefes": "Was soll ich jetzt davon halten? Hätte Dir irgendjemand für die gleichen Leistungen Spitzenmutter des Jahres verliehen?"
    So blöd solche Preise* auf der einen Seite sind, weil sie Leistungen würdigen, die von anderen als ganz normal und selbstverständlich wahrgenommen werden, sie zeigen trotz allem der Vergleichsgruppe, dass sehr viel mehr möglich sein könnten und helfen vielleicht doch von dem von Dir beschriebenen Szenario einen Schritt weiter zu kommen.
    Und ja, ohne Erziehung und Regeln wird es im Leben von zwei gleichviel arbeitenden Eltern mit meheren Kindern sehr schnell zu viel. Familie heißt aus meiner Sicht schon, dass sich jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten einbringt, den anderen hilft und entsprechend auch mal zurücksteckt.

    *Sei es nun für Männer in Frauenrollen (Care Arbeit), oder Frauen in Männerrollen (Ingenieurwesen etc)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Genau das meinte ich, der Vater deiner Kinder sieht da selbst einen Sinn drin und hat aus eigenem Antrieb gesagt: Familie, da mach ich mit, mit allem was halt so dazu gehört. Das ist fair und toll. Diese Entscheidung hat er getroffen und kann auch Vorbild sein.

      Ich fände es toll, wenn ihm viele folgen würden. Aus eigenem Antrieb, weil sie erkennen, wie wichtig und Sinn stiftend das ist - auch ohne Bezahlung. Und wenn Männer das selbst in die Hand nehmen, wie schnell wäre dann die Möglichkeit wohl geschaffen, dass es für's Kindergroßziehen Geld und gesellschaftliche Anerkennung gäbe?

      Löschen
  2. Wie wahr! Und leider überhaupt nicht überspitzt, sondern die bittere Realität.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Darauf fällt mir keine befriedigende Antwort ein. Und auch keine Lösung.

      Löschen
  3. Erst mal vielen Dank für Deine Posts - sie geben mir so viel Anregung zum Nachdenken, dass sie mich mehrere Tage beschäftigen, und helfen mir, meinen eigenen Standpunkt zu überprüfen.
    Ich persönlich fühle mich nicht wenig gewertschätzt - aber natürlich hast Du recht, was so an Unterstützung an care-arbeitende Eltern (also geschätzt zu 80-95% Mütter) ergeht, sei es finanziell, sei es ideell, ist im Prinzip eine Frechheit. Meine 24/7 Arbeit als Mutter eines Kindes unter 3 ist 150 Euro Betreuungsgeld wert. Aber: ich habe mal wo gelesen, dass es richtig gute Gehälter in der Tabak- und der Waffenindustrie gibt; was Leute nicht gerne machen, muss halt durch ein hohes Gehalt abgegolten werden. Ich behaupte jetzt mal vorsichtig, basierend auf den Müttern, die ich kenne, dass es vielen Frauen mehr wert ist, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, als eine ordentliche monetäre Abgeltung. Ergo gibt es überhaupt keinen Anlass für die Politik, Care-Arbeit von Müttern besser zu bezahlen: die einen tun sie, weil sie wollen, egal welche Kohle dabei rausschaut; die anderen tun sie, weil sie keine bessere Option sehen oder gebacken kriegen.
    Prinzipiell könnte man ja im Sinne von vorausschauender Politik, die als Ziel hat, echte Wahlfreiheit für Eltern zu ermöglichen (von einem "guten Leben" für die Bürger ganz zu schweigen, das würde hier zu weit führen), erwarten, dass sie sich nicht bequem darauf ausruht, dass eine Gruppe von selbst in die finanzielle S----e springt - z. T. weil sie muss, z. T. weil sie Kinder höher priorisiert als Rentenpunkte für die ferne, möglicherweise eh nicht stattfindende Zukunft. (Das einzige, was der POlitik dazu einfällt, ist es, Frauen zu bestrafen, die ihr Kind unter 3 nicht betreuen lassen wollen, und für die anderen die billigsten Kitaplätze zu schaffen, die möglich sind. Schwache Leistung, Ihr Spitzenverdiener im Bundestag und in der Bundesregierung).
    Was sicherlich auch stimmt ist, ist angelehnt an den alten Spruch: "Wenn Männer schwanger werden könnten, dann könnte man Abtreibungen an jeder Tankstelle machen lassen.": Wenn Männer Care-Arbeit leisten würden, wäre sie top bezahlt, dann gäbe es kein Vereinbarkeitsproblem, sondern sogar noch staatlich finanzierte Babysitterdienste, die Freitagabends ins Haus kämen, um den so treusorgenden Vätern Entlastung zu bieten. Aaaaaaaaawwww. F*k you, political establishment.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dass die Politik da so versagt hat extreme Auswirkungen. Du hast recht, wären Männer in der Situation der Mütter, so wäre 'Vater' binnen kürzester Zeit ein angesehener, bezahlter Beruf. Das Abstellen von Frauen mit 'die ist ja nur Mami' zeigt die ganze Machtproblematik auf. Das Traurige daran ist ja, dass so viele Väter selbst im Kleinen bei sich zu Hause, unabhängig von der gängigen Politik, selbst nichts am Status quo verändern wollen. Nur, weil es ihnen zusätzliche Arbeit machen würde. Das finde ich viel erschütternder, dass jemand, der vollkommen freiwillig sagen könnte 'Ich will mein Kind aufwachsen sehen und meiner Frau zur Hand gehen', genau das nicht macht. Es ist so abgrundtief traurig und auch verachtend der eigenen Familie gegenüber: ihr seid mir nicht so viel wert, wie ich mir selbst wert bin.

      Ich denke, diese Erkenntnis schockiert am Ende viele Frauen und demotiviert nicht nur, sondern lässt sie auch ein Stück weit verzweifeln. Und was das für die Kinder bedeutet? Damit fang ich gar nicht erst an...

      Löschen
    2. Ich befürchte, dass viele Männer da aus ihrer eigenen Familie sehr wenig gutes Vorbild mitbekommen haben. Mein Mann (geb. 1970) kommt vielleicht aus extrem 50-er-Jahr-artigen Verhältnissen. Die waren ziemlich arm, Vater hat extrem viel gearbeitet, aber NIE mit den Kindern ein Spiel gespielt, geschweige denn gewickelt oder so oder irgendeinen Finger im Haushalt gerührt. War einfach die klassische Arbeitsaufteilung, der Vater und der Bruder meines Mannes können bis heute keine Suppe kochen (und der Mama gibt das doch auch das Gefühl, wichtig zu sein und gebraucht zu werden). Mein Mann liebt seine Tochter wirklich ungemein, hat aber kein Vorbild, wie man als Mann mit seinem Kind umgehen kann. Im Freundeskreis hat keiner Kinder. D. h. mein Mann macht und tut, hat aber trotzdem auf einem steinzeitlichen Niveau angefangen. Wenn sich da einer schnell entmutigen lässt, oder aber ihm die Frau das Gefühl gibt, er könne es nicht schaffen, bleibt das Ganze dann stark hinter den Erwartungen an "moderne Väter" zurück. Bei meinen jungen Kollegen Mitte 20 Anfang 30 sehe ich aber mit Freuden, dass die sehr viel selbstverständlicher Vater sind als mein Mann. Ich habe aber auch einen sozialen Beruf, demenstrepchend sind wahrscheinlich die Kollegen gepolt. :-)
      It's complicated.

      Löschen
    3. NB: ´Zu "Die ist ja nur Mami" - da muss auch von den Frauen ein ganz starkes Signal kommen, dass das kein NUR ist. Keine darf herumdrucksen und "...mmmm bin halt grad zuahuse aber eh nur ein Jahr" murmeln, sondern da muss ganz selbstbewußt die Antwort kommen. Aber schwierig, wenn dieses "NUR Mutter" so internalisiert ist.
      Ich selbst empfinde es als riesiges, riesiges Privileg, drei Jahre mit meinem Kind zu Hause sein zu können. Klingt vielleicht klischeehaft, aber ich genieße jeden einzelnen Tag. Es ist ein Geschenk, und es liegt mir auch. Mit Mann hab ich vereinbart, dass er mir Teil seines Gehalts weiterüberweist, Karriere will ich nicht machen, in meinen Job kann ich zurück, verdiene da auch nicht schlecht - what's not to like? Aber ich bin natürlich eine materiell relativ privilegierte Socke.

      Löschen
    4. 'Die ist nur Mami' birgt ein ganz anderes Problem. Wenn man nicht mal so Elternzeit nehmen kann und/oder danach in den Job zurück, vlt sogar Teilzeit. Wenn man mehrere Kinder hat.

      Und du selbst hast halt einen guten Arbeitgeber und auch noch nie selbst die Erfahrung gemacht mit Kind wieder zurück zu kommen. Mamisein ist ein Riesen Problem bei unfreundlichen Arbeitgebern und auf Jobsuche. Da kannst du als Frau so starke Signale senden, wie du willst. Niemand sieht in dir einen zukünftigen Arbeitnehmer. Niemand hat Verständnis.
      Und so bleibt Mama halt am Ende doch zu Hause. Aber plötzlich ist es kein Privileg mehr, sondern der Restposten, weil dich keiner mehr haben will. Weil du in der Zeit zu Hause ja nix gemacht hast, außer Kinder. Und die sind eine Bedrohung für den Arbeitgeber.
      Deine neuen Skills interessieren keinen. Deine Leistung auch nicht. Man kann sie nicht messen und Bonus hast du dafür auch nicht aufs Konto bekommen. Und was man nicht messen kann und vergüten, das ist keine Leistung, allenfalls Hobby. Ja und wer nix leisten mag, sondern sich Auszeit für seine Hobbys nimmt, also den stellt überhaupt niemand ein. Wer will schon so ne faule Bulette in seiner Firma, die dann noch anruft, dass sie heute nicht kommen kann?

      Privileg. Privileg ist die Elternzeit nur, wenn du sie selbst beenden und darüber bestimmen kannst. Und für so viele ist sie alles andere als ein Privileg. Höchstens ein Argument sich die eigene Wertlosigkeit schön zu reden...

      Löschen
    5. Ja, das ist mir sehr bewußt.
      Wobei ich so im Bekanntenkreis höre, dass einige große deutsche Unternehmen da echt anfangen oder dabei sind, Mütter mehr wertzuschätzen - ganz von oben vertretene Unternehmenskultur, die scheinbar auch gelebt wird. Konkret sehe ich, wie in der Firma meines Mannes Mütter gut unterstützt und gefördert werden (die haben u.a. Krippenplätze reserviert, es gibt einen Beratungsdienst für Betreuungsfragen usw.; Elterzeit für Väter stößt zumindest in der Kurzversion auf erfreute Zustimmung...), wobei ich nicht weiß, wie die bei Neueinstellungen agieren.

      Löschen