Mittwoch, 1. Februar 2017

Die Kinder zu erziehen hat doch eh keinen Wert

In mir hallt etwas nach, etwas, das sich erst jetzt in klare Gedanken auflöst.

Es geht um das mal immer wieder mehr oder weniger diskutierte Thema Erziehung.

Es gibt ja eine manchmal heftig geführte Diskussion darüber, ob man gleich alle Erziehung im klassischen Sinne weglassen solle, ob man moderat (z.B. Tischmanieren) erziehen, oder gezielt mit Erziehung das Kind nach den Bedürfnissen der Eltern formen solle (z.B. beim Schlafenlernen).

Die wenigsten Eltern praktizieren wohl das Konzept 'unerzogen', bei dem v.a. die intrinsische Motivation der Kinder gefördert werden soll, sich im Rahmen ihrer eigenen Bedürfnisse sozial- und elternverträglich zu verhalten. 

Die wohl meisten Menschen lassen ihren Kindern viele Freiheiten, aber haben zu Hause von den Eltern festgelegte Regeln, wie Tischmanieren, Schlafenszeiten, Aufräumgewohnheiten, Mediennutzung etc. Zu diesen Eltern gehöre ich auch. Wir haben ne Menge fester Regeln, die weniger den Kindern als vielmehr mir persönlich das Zusammenleben und Ertragen der kindlichen Flausen erleichtert. Es ist eine extrinsische Kontrolle über das Familienleben, wonach alle an einem Kompromiss teilhaben müssen, damit jeder so seine Freiräume nutzen kann.

Zu guter Letzt mag es auch Eltern geben, die ihre Kinder gezielt formen, z.B. im religiösen oder leistungsgesellschaftlichen Sinn, oder aber weil sie nicht den Nerv dafür haben permanent auf das Kind einzugehen. 


Was mich nun beschäftigt an diesem Thema ist keineswegs die Frage, was davon jetzt richtig und falsch ist. Ich halte diese Frage sogar für absolut sinnbefreit und unlogisch. Mich interessiert etwas anderes:

Welcher Wert wird der Erziehung per se eigentlich heute zugeschrieben?

Und zwar ganz konkret im Kontext moderner Elternschaft, wo Frauen versuchen Familie und Beruf zu vereinbaren und Männer beschworen werden 'neue Väter' zu sein.

Der Wert der Erziehung hängt für mich nämlich sehr eng mit der Rollenverteilung innerhalb der Familie zusammen und mit dem freiwilligen und/oder erzwungenen Engagement jeden Elternteils in der Familie.

Wir sind uns alle einig, dass die neudeutsch genannte 'Care-Arbeit', meist unbezahlt und von Müttern geleistet, mit wenig Wert bemessen wird. Sie bringt keine Quartalsbilanz, kein Lob, keine Aufstiegsmöglichkeiten - ist also in einer Leistungsgesellschaft tatsächlich als wertlos konnotiert. Gleichzeitig ist es harte körperliche und psychische Arbeit, sehr zeitintensiv, sehr emotional und immer fordernd. 
Zurecht wird das beklagt und ein gesellschaftlicher Wandel des Blickes auf Familienarbeit gefordert.

Dass sich daran aber nichts, bzw. nur quälend langsam etwas ändert, liegt meines Erachtens nicht daran, dass die Forderungen zu selten wiederholt oder zu leise vorgetragen werden. Ich denke, es hat auch viel mit zwei neuen Strömungen zu tun: den neuen Vätern und demokratischen antiautoritären Erziehungsmoden unserer Zeit.

Beides wertet nicht etwa automatisch die Erziehungsarbeit auf, sondern entwertet sie eher.
Warum?

Ich persönlich halte 'die neuen Väter' für ein falsches Konstrukt, ein falsches Ziel. J.König geht in vielen seiner Texte darauf ein und beklagt, dass das Vatersein etwas Freiwilliges zu sein scheint, währen das Muttersein nunmal ein Zwang ist. Die Mutter übernimmt gezwungener Maßen die Aufgaben in der Familie, die der Vater nicht freiwillig machen mag oder schlicht nicht macht.

So gilt heute als neuer Vater, wer bei nem kleinen Baby die Pipiwindel wechselt. Das strampelnde Kleinkind, dass sich bis zu Hals eingeschissen hat, darf aber die Mama wickeln. Großzügigerweise. Die wenigen 2 Vätermonate, die von manchem genommen werden, tragen nicht zur Gleichberechtigung bei, sondern zementieren die Rollenverteilung eher. Denn wenn Papa das 1jähige Kind übernimmt, so hat meist die Mutter zuvor 1 ganzes Jahr lang mit Baby zu Hause gesessen, sich die Nächte um die Ohren gehauen, um sogleich in Teilzeit wieder arbeiten gehen zu dürfen mit ihren kleidsamen Augenringen. Und Papa ist der Held, wenn er ein Kleinkind übernimmt, dass schon eine Menge an Regeln gelernt und Entwicklungsschritten hinter sich hat. 
Auch das Baby mal sonntags im Manduca durch die Gegend tragen ist eine schlechte Hilfe. Als Retter in der Not heldenhaft der Mami mal zu nem Nickerchen am Wochenende zu verhelfen, signalisiert nur: Ich bin sonntags mal gewillt für 2 Stunden meine Zeit zu investieren und partnerschaftlich Hilfe anzubieten. Ich finde, dieses Verhalten zementiert die abschätzige Wertigkeit der Familienarbeit, indem sie die Hauptfamilienarbeit leistende Person in völlige Abhängigkeit und Wohlwollen des Partners befördert. Mami kann ja froh sein, wenn sich Papa mal zum Mithelfen anbietet. 

Gefährlich dabei finde ich zwei Punkte: Zum einen demonstrieren diese neuen Väter nach außen ein Bild von Partnerschaftlichkeit, leben aber in der Realität ein Leben, bei dem die Familienarbeit in der Prioritätenliste ganz klar unter der Erwerbsarbeit, manchmal sogar unter sonstigen privaten Interessen, angesiedelt ist. Gefährlich dabei ist nicht die Prioritätenverteilung auf der Liste, sondern dass Wasser gepredigt und Wein getrunken wird. Es ist eine schiere Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Das schließe ich nicht daraus, dass sich Väter nicht wünschen würden, sich mehr um die Familie zu kümmern. Das mag durchaus der Fall sein. Allein, sie tun es nicht, obwohl sie es könnten. Der einzige Grund dafür wird angegeben mit: Aber einer muss doch das Geld verdienen. 
Jein. Denn leider werden die Mütter nicht gefragt, ob sie zu Hause bleiben wollen, ob sie nachts aufstehen wollen. Die Mütter machen das, weil es sonst niemand macht und einer muss es ja tun. Nicht, dass sie es nicht gern täten. Aber wie viele Väter schlafen nachts, weil sie morgens zum Job müssen und darum fit sein müssen? Wie viele Väter sagen: Dein Job ist es morgen ausgeruht und entspannt den Tag mit unserem Kind zu verbringen, also schlaf du doch, meine Liebste?

Allein, dass die Mutter ja nachts aufstehen kann, weil sie morgens ja nicht zum Job muss, oder nur nen unwichtigen Halbtagsjob hat, dass sie ja gleich noch Putzen und Kochen und Einkaufen kann, wo sich doch eh schon zu Hause ist, ist eine deutlich ausgesprochene Entwertung an die Leistung und Qualifikation der Kinder betreuenden Person. Es sagt schlicht: Deine Arbeit ist nix wert, du bist Dreck und darum kannst du die andere anfallende Drecksarbeit auch gleich noch mit erledigen. Dazu kommt, dass die übermüdete Mutter natürlich in Stress gerät ob all dieser zeitraubenden, anstrengenden Arbeit, genervt reagiert und ihr Lob dann ein schreiendes Kind ist, das sich nicht verstanden fühlt und natürlich das größte Geschrei veranstaltet. 

Welcher Mann würde nicht für umme eine Sisyphusarbeit machen, sich vom Partner permanent entwerten lassen und als Belohnung ein 'Du blöder Papa, ich will lieber zur Mama, die ist viel lieber als du!' hören wollen? 
Also mir ist er ansteigende Frust der Mütter ein echtes Rätsel! Tssss...


Der zweite gefährliche Punkt ist für mich die falsch interpretierte antiautoritäre Erziehung, Individualisierung und Überbewertung der Kinder auf Kosten der Mütter.

Die Kinder sollen heute bedürfnisorientiert aufwachsen, selbstbestimmt, voller Geborgenheit und Empathie. Sie sollen Selbstwirksamkeitserfahrungen machen. 

Das ist auch soweit alles schön und gut und klingt toll. Aber diese Erziehung kostet. Sie geht auf die Kosten der Eltern - konkret auf die Kosten der Mütter. Die Bedürfnisorientierung wird nämlich meist eher an den Bedürfnissen des Kindes, nicht an denen der Mutter gemessen. Ihre Selbstbestimmtheit geht dabei in vielerlei Hinsicht flöten.

Mama soll voll stillen, bedarfsorientiert. Will sie nachts schlafen, hat sie Pech gehabt. Dass der Vater einfach mal nachts eine Flasche gibt, wird ja direkt ab Geburt ausgeschlossen und mit Androhung von Saugverwirrung im Keim erstickt. Das Kind später mit Brei abfüttern geht natürlich auch nicht. Man bereite doch bitte dem Baby breifreie Kost und putze jedesmal hinterher den Esszimmerboden. Die Rückenschmerzen vom Tragen und Stillen ignoriere man doch bitte, wer den Kinderwagen nimmt verliert...
Es gibt unzählige solche Punkte, bei denen die Mutter zum Wohle des Kindes alles mögliche zu ertragen hat. Will das Kind nicht um 20 Uhr ins Bett, weil es selbstbestimmt noch rumhüpft? Tja Pech, Feierabend ist heut nicht für Mama. Will das Kind nachts nicht schlafen, weil es eben noch keinen richtigen Rhythmus hat, Mama aber am nächsten morgen zur Arbeit muss? Tja Mama, das musst du ertragen ohne deinem Kind das Schlafen anzutrainieren. Das könnte dem Kind nämlich schaden! Ach, es schadet aber dir? Tja Mama, das ist natürlich blöd. Vielleicht ist der Vater ja so nett und geht mit dem Kleinen am Sonntag aufn Spielplatz, damit du dich kurz hinlegen kannst. Vielleicht könntest du aber auch in der Zeit die Wäsche zusammen legen. Kommst du doch sonst auch nicht dazu...


Ok, das war jetzt natürlich überspitzt und zynisch, aber es gar nicht so weit entfernt von den Realitäten vieler Mütter.

Um das ganze System halbwegs am Laufen zu erhalten etablieren dann gar nicht wenige Mütter gewisse Regeln eben für's Essen oder Zubettgehen. Einen Kompromiss, den die Kinder manchmal nicht wollen und die Mütter manchmal nur mit schlechtem Gewissen halbherzig durchsetzen.

Aber auch bei der falsch verstandenen Bedürfnisorientierung ausschließlich am Kind wird der Mutter mit dem Holzhammer eingetrichtert: Deine Bedürfnisse sind obsolet, sie schaden eventuell sogar der kindlichen Entwicklung zur Selbstbestimmtheit. Du und deine Care-Arbeit, ihr seid nichts wert. 

Und als Sahnehäubchen wird ja dann gern unterstrichen, dass diese wunderbaren Kinder schon perfekt mit ihrer Neugier und ihrer intrinsischen Motivation auf die Welt kommen. Fang bloß nicht an, sie zu erziehen, du verkorkst sie nur und nimmst ihnen ihre Vollkommenheit! Nur falls du dich fragst, liebe Mami, nicht deine Kinder machen etwas falsch, DU bist falsch mit deinen Ansichten, Bedürfnissen nach Ruhe und Sauberkeit und Schlaf. Die Kleinen können nix dafür, dass du ein fehlerhaftes Modell einer Mutter bist. Lass es nicht an ihnen aus. Arbeite an dir selbst! Optimiere dich doch auch als Mutter und Mensch selbst. 
Ach, und schreib dir keinesfalls auf die Fahnen, dass du was damit zu tun hättest, wenn die Kinder hinterher gut rauskommen. Das ist nicht dein Verdienst, sondern der Verdienst der Kinder, dass ihr Wesen deine Erziehungsversuche überlebt hat.

Also für mich klingt es am Ende sogar fast logisch, dass man nem Arbeiter, der alles falsch macht und nur Drecksarbeit macht, die nix wert ist und auch noch die lieben Kleinen drangsaliert, dass man so einer keine Anerkennung und schon gar keine Entlohnung zukommen lassen kann. Und dann wollen die Mütter diese Scheiße auch noch den Vätern zumuten? Ey, wo simmer denn? Also wenn ich so eine Mutti zuhause hätte, die mir dann auch noch mit Anforderungen kommt, da würd ich aber auch lieber länger im Büro bleiben oder mir gleich eine suchen, die nicht so blöd tut!

Und der Rest der Gesellschaft wundert sich, dass die Mütter an Burnout zu Grunde gehen. Ey, also früher haben die Frauen aber auch mehr ausgehalten. Echt jetzt. Immer dieses Gejammer. Was haben die eigentlich? Haben doch ein schönes Leben zu Hause. 

Und die betroffenen Mütter? Die fügen sich, denn wenn jeder sagt, du bist nix wert und auch deine Arbeit ist wertlos, dann muss da doch was dran sein. Irgendwie unrealistisch, dass alle da draußen unrecht haben, oder? Muss ich mir halt selbst einen Wert geben. Fang ich halt nen stylischen Mamablog an, und präsentiere, dass ich die perfekte Mutter und Hausfrau bin. Da kann ich auch mal was Jammerndes schreiben, das verstehen die anderen Mütter. Und dort bekomme ich sicher auch ein paar nette Kommentare für das toll zusammen gestellte Abendessen, oder die selbst gebastelten Kindersachen. Wenigstens das. Wenigstens das mach ich dann gut.