Donnerstag, 26. Januar 2017

Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele von mir haben schon resigniert?

Mutter und Frau sein. Und Ehefrau und Arbeitnehmerin und noch tausend Sachen mehr. Aber hauptsächlich Mutter und gleichzeitig Frau sein. Darüber lese ich zur Zeit wieder mehr. 
Oder vielmehr lese ich Überschriften und dann hört's bei mir nämlich gleich schon wieder auf mit dem Thema.

Es drängt sich mir dann nämlich sofort der Gedanke auf, was ich nicht alles wollen muss... Und das auch noch gleichzeitig. Und dann fällt mir ein, dass ich das ja gar nicht muss und nicht will und zwar nicht, weil ich das so entscheide, sondern weil der eine und auch andere Teil von mir längst resigniert hat und daran gar nix schlimm ist.

Ich möchte also heute ein Lob der Resignation aussprechen. Denn im Gegensatz zu den meisten Menschen, die Resignation irgendwie negativ kontieren, finde ich das super. Mit Resignation lebt es sich ganz klasse. Allerdings darf's nicht nur vorgeschobene Resignation sein, obwohl man doch noch Hoffnung auf Änderung hat. Das macht nur unzufrieden und unglücklich. Echte Resignation hingegen ist ungemein befreiend. In einer gewissen Hinsicht zu resignieren ist sogar meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit zur inneren Freiheit, die wir haben. 

Um konkret zu werden, fangen wir also bei den Schlagworten 'Frau bleiben trotz Mutterschaft' an. Ehrlich? Ich hab beim Thema 'Frausein' längst resigniert. 

Ich bin schon aus 200 Metern Entfernung als Muddi auszumachen. Haare niemals offen, sonst klammert sich ein Babyäffchen dran. Kein Schmuck an Kopf/Ohren/Hals - Babyäffchen. Seit Jahren ausschließlich Stillkleidung oder Schwangerschaftszeugs. Keine hohen Schuhe, in mir oder an mir hängt ja ständig ein Baby. Keine feinen Schuhe, ich treib mich eh nie wo rum, wo's fein sein müsste. Kein Parfum/Deo da Schwangerschaftsübelkeitsgeruchsinnswahnsinn oder Babyäffchen. Keine Schminke, da keine Zeit, da zu viele Kinder. Keine vorzeigbar saubere Kleidung, da Babykotze und Babyrotze und Eis- und Schokoladenhändegeschmier. Kein Nagellack - wann soll ich das denn auch noch machen??? Kein Friseur, da keine Frisur, da lange Haare zusammengebunden eh keine spezielle Frisur brauchen. Kein schicker Wintermantel, da Tragejacke (100x geflickt, da permanent irgendein Kind dran hängt). Schöne Unterwäsche? Könnt ihr euch vorstellen, wie meine Still-BHs inzwischen aussehen, nach so vielen Jahren permanenten Gebrauchs und Waschens? Wollt ihr euch das vorstellen? Und generell, betrachte ich meine Brüste, so haben die längst nix mehr mit Weiblichkeit zu tun. Das ist Babygebiet.

Ich sag's mal ganz deutlich: Ich bin halt jetzt mal ne Muddi und ich seh auch so aus! 

Manch eine mag diese Aufzählung lesen und denken 'Aber mach doch mal für dich, für dein Gefühl!' Das dachte ich ja am Anfang auch. Aber dann merkte ich, dass der Aufwand dafür viel größer war als vor den Kindern. Es raubt meine Zeit, kostet mich Kraft und der Outcome ist dafür viel zu gering. Also hab ich mich in meine Rolle gefügt und resigniert. Wer viele kleine Kinder hat, der ist halt ne Mutti und der sieht auch so aus. 
Und das ist gar nicht schlimm.

'Tu dir doch auch mal was Gutes! Was für die Sinne!'
In dem Punkt hab ich resigniert, denn es war viel zu anstrengend für mich, mich auf Teufel komm raus zu erholen in meinen freien Minuten. Alkohol geht eh nicht. Essen? Gerne lecker, aber egal was es ist, ich würde auch ein 5-Gänge-Menü in Sekundenschnelle in mich hineinschaufeln. Ich sitze meist allein mit kleinen Kindern am Tisch. Mein Ziel ist satt zu werden. Gesund? Ja schon, für mich. Für die Kinder gibt's überwiegend jeden Tag das gleiche und das beinhaltet sicher kaum Gemüse oder Obst. Also versuch ich dieses ausgewogen Kochen für die ganze Familie gar nicht erst. Bin doch nicht blöd. 
Baden? Wann denn? Und wo denn? Wir haben gar keine Wanne.

'Mach dir doch mal nen gemütlichen Abend mit deinem Mann!'
Ich hab jetzt durchgehend nuckelnde, zahnende, rotzende, hustende Kinder, die seit 2011 jede Nacht auf höchstens 5-6 Stunden Schlaf begrenzen. Mir ist ja schon ein Rätsel, wie wir's überhaupt auf drei Kinder geschafft haben! Tssss.

Urlaub? Ach lasst mich einfach in Ruhe damit. Zu viel Arbeit, zu wenig Erholung, zu teuer.

Ich habe bei recht vielem einfach resigniert. Und es ist gar nicht schlimm. 

Und wisst ihr warum nicht?

Weil alles seine Zeit hat. Und jetzt ist halt Mami-Zeit. 
Mit allem was Mamisein bei drei kleinen Kindern bedeutet.

Was ich aber bei meiner Mutter gesehen habe: Die Zeiten ändern sich auch wieder!

Urlaub: Wenn T3 etwas größer ist und das besser mitmacht: mit dem Wohnmobil Europa erkunden. Aber Geld bezahlen, um in St.-Peter-Ording am Familienstrandabschnitt mit all den anderen Familien zu hocken? Nee, echt nicht.

Kleidung, schöne Sachen, die auch länger als 5 Minuten sauber bleiben? Schmuck, Zeit im Bad? Das wird sich ändern. Aber nicht mit Baby und nicht so lange ich stille und nicht bei dem Gerotze und Gepatsche und Gematschte. Das kommt schon noch.

In Ruhe Essen können? Vielleicht. Abwechslungsreich Essen? Irgendwann. Irgendwann sind alle Kinder aus der 'Is ess nur Nudel und Fisstäbsen'-Phase raus. Irgendwann probieren sie andere Sachen. Bei T1 ist das bereits der Fall. Fehlen nur noch 2 Kinder. Und dann trink ich ein Glas Wein und genieße den Abend mit dem Trüffel.

Aber im Moment wäre es ein echter Aufwand das alles zu organisieren und dann klappt das ja doch nicht so, wie gedacht und überhaupt ist mir das zu blöd. Also hab ich da einfach mal resigniert. Ich fühl mich halt grad nicht als Frau, nicht als Ehefrau. Ich bin halt grad die Mami. Und das ist gar nicht schlimm, denn ich bin frei.

Frei vom Gefühl was zu verpassen, was falsch zu machen, was ausprobieren zu müssen. Frei davon alles gleichzeitig sein zu müssen. Frei einem Lifestyle folgen zu müssen. Frei davon vorzeigbaren Erfolg haben zu müssen. Ich bin ja nur das Muttertier. Niemand hat Erwartungen an mich. Ich bin auch frei alle, die doch Erwartungen haben könnten einfach zu ignorieren.

Alles hat seine Zeit. 

Und wenn ich meine Enkel später auf dem Schoß sitzen habe, dann kann ich mich an die Zeit erinnern und mir denken 'Ach, wie anders war das Leben damals. Und jetzt kannste dir Babys ausleihen für ne Stunde und dann zurück geben und schön Essen gehen und hast beides. Ohne zu müssen.'

Freitag, 13. Januar 2017

Das Geschlecht denken

Da gibt es nun diesen Blogpost von der Rabenmutti, in dem sie ihre Enttäuschung darüber beschreibt, dass das zweite Kind, ein Wunschkind, kein Mädchen ist. Der Shitstorm, der darauf über die Bloggerin hinwegfegte ist noch nicht am Ende und ich muss sagen, spiegelt vor allem die selbstgerechte Art der heutigen Eltern wider, die immer und überall die Kinder und deren Gefühle und Entwicklung in den Vordergrund stellen.
Ich kann das schon nicht mehr hören und finde diese Einstellung auch falsch. Mal ernsthaft, Kinder sind psychisch nicht gar so zerbrechlich, wie gerne behauptet wird und sie können auch eine gewisse Resilienz entwickeln – müssen das sogar – sonst wären wir schon längst als Menschen ausgestorben. Und sich medial empörende Muttis find ich einfach nur scheiße.

Jetzt kennt der langjährige Leser aber meine Einstellung zum eigentlichen Thema, dem Geschlechterproblem beim Kind.

Ich kann der Rabenmutti zustimmen. Hätte ich einen Jungen bekommen, so hätte ich sicherlich auch aus Enttäuschung geflucht und geweint. Ich wollte und will keinen Sohn.

Nun ist das Geschlecht der eigenen Kinder für die meisten von uns, jedoch für immer weniger Paare, kein Wunschkonzert. Und sich eine Tochter zu wünschen ist definitiv kein Angriff auf Jungseltern. Vielmehr hat dieser sehr persönliche Wunsch leider garüberhauptnix mit anderen Eltern und deren Kindern zu tun. Dass die sich angesprochen fühlen, sagt lediglich etwas darüber aus, wie wenig diese abstrahieren und differenzieren können.

Um es noch deutlicher zu sagen: Mir ist scheißegal, welches Geschlecht dein Kind hat. Mir ist jedoch nicht egal, welches Geschlecht mein Kind hat!

Andere Mütter sollten so langsam lernen, dass Mamablogger in kleinen Blogs vorwiegend für sich selbst, nicht für andere schreiben. Es gilt klar der Satz: Wenn es dir nicht gefällt, dann lies es halt nicht!
Diese mediale Aufschrei- und Kränkungsmentalität suggeriert offensichtlich, dass sich irgendjemand für die Einzelmeinungen tausender anderer Interessiert. Dem ist nicht so.

Zurück zum Thema, nachdem ich mich über dieses Befindlichkeitsgedönse aufgeregt habe.

Wie schon öfter erwähnt, sehe ich mich bis heute nicht mit einem Jungen auf dem Arm. Nicht weil Jungs blöd sind, sondern weil ich es nicht sehe. Jungs sind mir fremd, Mädchen sind mir nah. Ich kann mich mit kleinen Mädchen identifizieren weil ich selbst eines war. Zwar sind meine Töchter charakterlich von mir verschieden, aber doch ist mir die Identifikation mit einem Mädchen leichter.

Und nicht nur mir geht es so, sondern auch meinen Töchtern. Ich würde die Hypothese wagen, dass diese extrem enge Verbundenheit und Identifikation die meine Töchter untereinander haben auch ihrem Geschlecht geschuldet sind. Sie tragen in ähnlichem Alter die selbe Kleidung, sie sehen sich verdammt ähnlich, vor allem die Kleinen haben in T1 eine unglaublich starke Identifikationsfigur. T2 ist sehr viel enger mit K1 verbunden, als mit jedem andern Kind, mit dem sie sonst spielt. Es gibt relativ wenig Streit, und im Moment auch kaum Versuche sich abzugrenzen. Und T3 entwickelt sichtbar die gleiche Tendenz. Sie hasst es ohne ihre großen Schwestern zu sein.

Nun ist das natürlich nicht prinzipiell bei Schwestern so und eine enge Verbundenheit besteht zweifellos auch zwischen Bruder und Schwester. Dennoch könnte ich mir gut vorstellen, dass dieser Verbund anders aufgestellt wäre, wenn es keine drei Mädchen wären. Möglich auch, dass sich drei Mädchen untereinander nur mäßig gut verstehen. Das ist und bleibt ja ein Gedankenexperiment.

Der eigentlich krasse und heftige Diskussionspunkt in der Geschlechterdiskussion ist nicht, ob diese Mutter auch einen Sohn lieben kann. Ein viel grundlegenderer Punkt ist für mich die Frage, kann es ein Problem sein, wenn aus dem Sohn ein Mann würde, der Dinge tut, die man selbst als Frau grundlegend ablehnt?

Für mich persönlich ist das ein Argument. Meine persönliche Erfahrung sagt mir, dass ich mit mindestens 85% der Männer negative Erfahrungen gemacht habe. Als Lehrer, mit stark sexistischen Tendenzen. Als gewalttätige oder bloß bedarfsorientiert empathische Partner, eine ganz gemeine Sache. Als machthungrigen, opportunistischen Chef, eine grundlegend änderungsbedürftige Sache. Als Bekannter/Freund/Kollege sehr oft mit sexistischen und/oder abwertenden Begegnungen. Und nun, da ich Mutter bin sehr krass z.B. als Konkurrenten am Arbeitsmarkt.

Das alles verleitet mich nicht direkt zu behaupten Jungs seinen schlecht. Sehr wohl gedenke ich, meinen Töchtern klar feministische Werte und Verhaltensweisen vorzuleben und sie ebenso darauf vorzubereiten, dass sie aufgrund ihres Geschlechtes Gewalt und Diskriminierung erleben werden. Ich werde diese Erfahrungen nämlich nicht verhindern können, jedoch kann ich dann vielleicht Ansprechpartner sein, oder mit ihnen Strategien entwickeln sich zu wehren.

Und genau an diesem Punkt darf sich jetzt jede Jungsmama angegriffen fühlen. Denn wenn eine meiner Töchter in 10 Jahren mit ihrem ersten Freund heim kommt, so werde ich ihr klar vermitteln: Sag nein, wenn du etwas nicht willst und hau ihm direkt auf die Nase, wenn er es trotzdem tut! Auch, wenn er dir unbeabsichtigt weh tut.

Ich weiß wohl, dass es bei Teenies zu Situationen kommt, die keiner will, einfach weil keiner weiß, was er tut. Und wegen der Hormone. Aber auch, weil einer von beiden unsensibler und weniger empathisch dem anderen gegenüber ist. Und da sind die Eltern gefragt.

Nun versuchen wir natürlich alle möglichst wenig falsch zu machen und unsere Kinder achtsam und empathisch gedeihen zu lassen (oder auch nicht), aber die Wahrscheinlichkeit ist doch gegeben, dass meine Tochter an nen Typen oder Chef oder Kollegen gerät, dessen Eltern da nicht besonders erfolgreich waren und dessen Charakter das nicht aus sich selbst gebiert.

Wenn ihr mich persönlich als Mutter dreier Töchter fragt: Ja, eure Söhne könnten eine potentielle Bedrohung für meine Mädels sein.

Diese Überlegungen entfremden mich tatsächlich noch sehr viel mehr dem Gedanken an einen Sohn. Und zu Beginn sind die ja auch so niedlich und harmlos. Die Mütter der Söhne, mit denen ich heute kämpfen muss, haben diese abgöttisch geliebt, wollten alles richtig machen und doch sind dann daraus Männer geworden, die in bestimmten Situationen Frauen nicht genug respektieren.

Ich sag mal so: Das ist ein echtes Problem.

Und wenn jetzt Jungsmütter mir Tod und Teufel an den Hals wünschen, so kann ich das verstehen. Berechtigt. Ihr wollt alle nicht, dass Eure Söhne irgendwem Schaden zufügen.

Aber aus Euren kleinen Babybuben werden mal ausgewachsene Männer, die eigenverantwortlich handeln. Vielleicht nicht in Eurem Sinne.

Das gilt für meine Töchter genauso. Die werden sicherlich Dinge tun, die ich verurteilen werden. Allerdings wird dabei vielleicht etwas weniger offene Gewalt oder bewusster Machtmissbrauch eine Rolle spielen.


Ich möchte zudem noch eine Geschichte erzählen, von mir und meinem ersten Freund. Ich war schwer verliebt. Er war aus sehr gutem Hause. Die Mutter die totale Attachment Parenting Mutter (aus meiner heutigen Beurteilung), er hatte Geschwister, ein sicheres geborgenes Elternhaus, finanzielle Sicherheit, Harmonie und Empathie allendhalben. Er war der absolute Prototyp eines Sohnes.
Und dann kam ich. Und ich löste etwas in ihm aus. Eine gewisse Triebsteuerung übernahm, der Verstand verschwand, die Vernunft wurde verdrängt von der Hormonflut. Und der Sohn, der mit gleichberechtigten Eltern aufwuchs stellte seine Lust über mein Nein. Nicht böswillig, aber doch weil er zum ersten Mal den geschützten achtsamen Raum seiner Mutter verließ und keinen eigenen aufbauen konnte oder wollte. Er war zu sehr getragen davon, dass alles richtig lief und er richtig war, dass er übersah, dass es nun an ihm war selbst respektvoll zu sein. Aus sich selbst heraus andere zu achten.
Wir trennten uns und die Mutter fragte mich, weshalb ich so wütend dabei bin und so abweisend und sie fragte mich, ob ihr Sohn etwas getan hätte, das falsch gewesen sei. Ich erinnere mich genau an die bitterlichen Tränen dieser Frau, als ich nicht antwortete, sondern nur zu Boden starrte.

All meine Erfahrungen führen zu meiner Aussage, ich bin froh nur Töchter zu haben. Ich weiß nicht, wie es ist einen Sohn groß zu ziehen. Ich will es nicht wissen. Ich lebe gut ohne diese Erfahrung. Ich musste mich nie mit einem Sohn auseinander setzen. Ja. Es ist so. Ich vermisse es aber nicht.

Eben weil es meist noch Zufall ist, ist das Thema so heikel. Ist es irgendwann flächendeckend kein Zufall mehr, wird ein anderes Problem wieder gegenwärtig werden. Immerhin sind heute immer noch Mädchen von Abtreibung und Kindstötung bedroht, einfach aufgrund der Wertigkeitsunterschiede von Mann und Frau. Und niemand soll glauben, dass dieses Problem eines außerhalb Mittel- und Nordeuropas ist. Mann und Frau sind keineswegs gleichgestellt, genauso wenig wie es Töchter und Söhne sind, sofern man nicht mit staatlichen Mitteln gezielt Gleichstellung herstellt. In der Natur des aufgeklärten Menschen liegt weder Gleichstellung, noch Gleichwertigkeit. Nicht weil Eltern ihre Söhne mehr lieben als ihre Töchter, sondern weil es Gleichstellung ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das wir bewusst als Maßstab setzen. Oder auch nicht.

Eine Mutter mit einem Sohn und einer Tochter liebt beide. Das stellt niemand in Frage. Nur ob sie beide gleich behandelt, ob sie beide gleich behandeln sollte – das ist eine ganz andere Frage.


Ich möchte euch weder eure Söhne, noch die Liebe zu ihnen, absprechen. Ich bin lediglich glücklich mit meinen drei Töchtern und wünsche mir keinen Sohn. Der Trüffel tut das jedoch. Er hätte gern einen Sohn. Denn der wäre ihm wahrscheinlich näher, es fiele ihm wahrscheinlich leichter sich mit ihm zu identifizieren. Kann ich verstehen. Es tut mir leid für ihn. Er wird sich mit seinen Töchtern arrangieren müssen.

Mittwoch, 11. Januar 2017

Ein guter Mensch

 Als ich mit T1 schwanger war besuchte ich eine Veranstaltung, eine Diskussionsrunde, der Uni Basel über die Vereinbarkeit von Familie du Beruf. An diesem Abend erzählten fünf Professoren von ihren Erfahrungen.
Ich muss gestehen, fast alle faselten erkennbar wirren und gehaltlosen Quatsch. Einzig eine Juraprofessorin mit Kleinkind gab vernünftige, nachvollziehbare Antworten.

Es wurde an diesem Abend vom Moderator eine sehr schöne, sehr gute und wichtige Frage gestellt:

Hat Sie das Kinderkriegen und –haben zu einem besseren Menschen gemacht?

Unnötig zu erwähnen, dass darauf nur blödsinnige Antworten kamen, die dümmste von einem hochdekorierten Medizinprof. Die erwähnte Juraprofessorin jedoch gab eine wunderbare Antwort. Sie sagte, sie habe mit Kind ihre Empathiefähigkeit ungemein trainieren müssen. Das sei für sie eine echte Bereicherung.

Über die Frage, ob mich meine Kinder zu einem besseren Menschen gemacht haben, habe ich seither unzählige Male nachgedacht.

Ich möchte der Juristin zustimmen, meine Kinder zwingen mich sehr viel mehr als die Gesellschaft im Allgemeinen zur Empathie. Ich muss mich mit ihnen auseinandersetzen, mich in sie hinein versetzen, sie verstehen – schon allein um mit ihnen irgendwie umgehen zu können ohne durchzudrehen.

Ich musste mich auch nicht nur mit ihren äußeren Bedürfnissen, sondern sehr viel mehr mit ihren inneren Bedürfnissen nach Geborgenheit und Sicherheit auseinander setzen. Ich muss täglich darüber nachdenken, wie ich ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubere und Kinder sind zu Glück ein dankbares Ziel solcher Überlegungen.

Viel mehr als meine Auseinandersetzung mit meinen Kindern hat mich jedoch die Auseinandersetzung meiner Kinder mit mir verändert und nachhaltiger geprägt. Meine Kinder gaben mir die Chance, mich selbst noch mal ganz neu kennen zu lernen.

Klar hätte ich das auch auf verschiedenen Wegen ohne Kinder erreichen können, aber doch muss ich zugeben, dass mich das Kinderkriegen direkt mit der Nase darauf gestossen hat.
Denn Kinder stellen schon als Zygote allerlei Fragen – vor allem an die Mütter.

Wer bist du? Was willst du? Was kannst du? Was willst du nicht? Was kannst du nicht?

Kinder stellen diese Fragen nicht, um uns zu ärgern oder gar zu therapieren. Sie stellen den Eltern diese Fragen, um ein Bild von sich selbst zu bekommen, um im Diskurs mit dem Gegenüber ein Ich auszubilden.
Auf die Frage: Wer bist du? Folgt im nächstens Schritt automatisch die Frage: Wer bin ich?

Nun ist es aber so, dass wir Erwachsenen uns meist zuletzt im Teeniealter so grundlegend mit diesen Fragen beschäftigt haben. Wir haben dann irgendeine Antwort gefunden, meist geprägt von dem Bild, wer wir gerne wären und weniger, wer wir wirklich sind. Und seither waren wir damit beschäftigt, diese Projektion, die wir damals von uns aufgestellt haben, irgendwie zu erreichen. Seither optimieren wir an uns herum, arbeiten und sparen um uns materielle Werte zu generieren, suchen den perfekten Partner usw.

Ja und dann kommt da jemand, der aus uns heraus (im wörtlichen Sinne) wissen will, wer wir denn jetzt eigentlich sind? So ganz wirklich: Mama, wer bist du?

Ich sag mal so: Wehe dem, der dann keine Antwort parat hat.

Das kann schon sehr schwierig werden, auf die oben genannten Fragen keine Antworten zu haben. Zumal wir dem fragenden Kind auch nicht entkommen können. Wir können uns ja nicht einfach umdrehen und gehen. Nein, wenn ich heute keine Antwort geben kann, so fragt mich dieses Kind morgen direkt die selben Fragen und übermorgen auch und jeden weiteren Tag. Das wird wohl erst weniger penetrant, wenn mein Kind sich von sich selbst ein vorläufiges Bild gemacht hat. Aber auch dann sind die Fragen nicht endgültig beantwortet, ist der Diskurs nicht einfach vorbei.

Und so muss ich sagen, ja meine Kinder haben einen sehr viel besseren Menschen aus mir gemacht, weil sie mich zwingen zu reflektieren, jeden Tag auf’s Neue zu beantworten, wer ich bin, was ich kann und was ich will. Und was ich alles nicht kann und nicht will.

Ich bin sehr viel klarer geworden, mein Selbstbild hat sich sehr stark geschärft und ich habe auch realisiert, dass es in meiner Macht liegt, nicht nur getrieben zu sein, sondern was ich will und was ich kann selbst zu bestimmen und das auch klar zu formulieren. Ich kann mich bewusst dazu entscheiden mich auf eine Weise zu verhalten. Und ich kann das auch bewusst so umsetzen, wenn ich will. Eine vielleicht triviale, aber für mich nicht selbstverständliche Erkenntnis, dass ich nicht nur abhängig bin.

Leider stelle ich fest, dass manche Eltern mit diesen Fragen kämpfen. Ich möchte behaupten, dass ein guter Teil der heutigen Verunsicherung, was wann wie richtig ist in Bezug auf Kinder, von der Tatsache herrührt, dass es auf diese Fragen keine einfachen endgültigen Antworten gibt. Man muss sie jeden Tag wieder beantworten und man braucht wirklich starke Nerven und viel Überlegung, Muse, Auseinandersetzung und Durchhaltevermögen, um Antworten zu finden, mit denen man gut leben kann. Manche bräuchten gar Unterstützung von außen, weil sie in der Reflexion allein überfordert sind. Und eigentlich hat man ja ganze vierzig Wochen Zeit, sich schon einmal Gedanken über diese Fragen zu machen. Denn wenn das Kind auf der Welt ist, dann ist es eigentlich zu spät. Dann gerät man massiv in Stress, weil eben kaum mehr Musestunden vorhanden sind, weil einem die Müdigkeit und die Hormone den Kopf vernebeln.

Die Kinder jedenfalls lassen sich von so Kleinigkeiten wie Zeit oder Schlaf nicht daran hindern die Eltern permanent mit den Fragen zu bombardieren.

Ich wünschte, Schwangeren würde die Zeit und Unterstützung gegeben, sich ihrem Selbstbild zu stellen, bevor es das Kind tut. Das würde allen wahrscheinlich einiges an Frust und Druck und Stress und Angst ersparen.



Der Medizinprofessor antwortete damals im Übrigen, er sei ein besserer Mensch geworden, weil er nachts, als er das weinende Kind herumtrug, seine medizinische Probleme wälzte und so zur Rettung der Menschheit beitrug. Was für ein Versager...