Dienstag, 25. Oktober 2016

Wer ist schuld am Mimimi?

Die Antwort ist denkbar einfach: prinzipiell immer andere!

Aber von vorn. Aus Gründen kam mir ein Wort in den Sinn, das direkt danach schrie, weiter von mir Durchdacht und Zerdacht zu werden, weil ich da offenbar ein Defizit hatte. Ein Thema, zur Selbsterkenntnis und Reflexion, woran man direkt merkt, dass ich darin immer noch Anfänger bin. Leider.

Jedenfalls das Wort war: Kränkung.

Ich las ein wenig darüber. Um ehrlich zu sein, wissenschaftlich da heranzugehen fand ich schwer. Ich fand wenig, eigentlich nix, was mir als Laien da irgendwie Erleuchtung gebracht hätte. Bis auf ein Buch, das ich zuerst las und mir dann die Quellenangaben davon vornahm.

Ein sehr gutes Buch* als Einstieg, möchte ich sagen. Empfehlenswert.

Es heißt darin zu Beginn, wir seien eine gekränkte Gesellschaft als Resultat der Implementierung des Egos als Grundlage des Kapitalismus. Ich kann das nur unterschreiben. Jeder scheint jederzeit von allem und gerne auch einfach mal so gekränkt zu sein. Man möchte permenat rufen ‚Setz dein Problem mal in Relation und mach mal halb lang! Es gibt Menschen mit echten Problemen!’

Klar, so mal kurz ein kleines Mimimi, wenn die Nacht schlecht war, man krank ist, irgendwas nicht funktioniert – da hat keiner was dagegen. Aber ich hab den Eindruck, dass immer mehr Menschen extrem empfindlich sind und selbst denken, andere wollten ihnen ausschließlich an den Kragen...

Häufig findet man das leider auch in der Blogsphäre, weil so ein Blog ja eine wunderbare Plattform ist, anderen etwas vorzujammern. Ich finde das schade, denn es macht die Blogidee kaputt. Es geht nicht mehr um Inspiration im Netzwerk oder Unterhaltung, es geht nur noch ums Köpfchenstreicheln. Vielleicht trägt auch das dazu bei, dass ich nur noch wenige andere Mamablogs lese.
Je narzisstischer man ist, desto leichter ist man gekränkt.


Abgesehen davon kam mir beim Thema Kränkung ein Gedanke über den ich noch nie so wirklich deutlich gelesen habe. Vor allem nicht in Mamablogs. Auch Hebammen hab ich so nie darüber reden hören.

Geradezu ein Tabu:
Das Kinderkriegen, mein Kind als Mensch kränkt mich als Mutter, weil es meine körperliche und psychische Integrität/Unversehrtheit benutzt und teilweise zerstört, um auf die Welt zu kommen und groß zu werden.

Ja, die Gesellschaft MUSS kinderfreundlicher werden, wenn wir alle gut zusammen leben wollen. Die medizinische Betreuung in Schwangerschaft und Geburt IST oft suboptimal organisiert und da gibt es noch reichlich Luft nach oben. Mütter WERDEN konkret diskriminiert und isoliert im Erwerbsleben, im Familienleben etc. Ja.

Aber gehen wir mal weg von den äußeren Umständen.

Ich möchte mal berichten von mir und meinem Körper und meinem Kind.

Allein die Schwangerschaft von T2 war anstrengend. Mein Körper tat, was er soll – ja – aber das beeinträchtigte mich in meiner Psyche und meinem Wohlbefinden erheblich. Die Übelkeit, die Rückenschmerzen, die Müdigkeit. Dann lag K2 lange quer und ich hatte Atemnot. Dann die Geburt, so schnell und bösartig, dass es meine schlimmste Geburt war.

Aber warum war das meine schlimmste Geburt?

Weil ich all dem hilflos ausgeliefert war. Mein Körper hat nur gemacht, was er sollte. Das Kind hat nur gemacht, was halt passiert, wenn es auf die Welt kommt. Rein medizinisch hat alles perfekt funktioniert. Aber es war eine krasse Gewalterfahrung für meine Psyche. Gewalt, ausgehend vom Kind. Gewalt ausgehend von meinem eigenen Körper, der sich meiner geistigen Kontrolle absolut entzog. Meine einzige Geburt ohne Regulation der Schmerzen und Kontrolle von außen. Eine sogenannte natürliche Geburt. Ein einziger Gewaltakt.

Da ich auch schon Gewalt von außen, konkret sexuelle Gewalt, erleben ‚durfte’ fällt mir ein Unterschied auf. Die Akteure konnte ich hinterher anschreien, sie meiden, sie hassen, ihnen alles erdenklich Schlechte an den Hals wünschen.

Und da ist für mich der Punkt der absoluten Demütigung bei der Geburt meines zweiten Kindes. Ich wollte und will meinen eigenen Körper und mein eigenes Kind nicht hassen.

Jetzt argumentiert natürlich jeder mit ‚Das Kind kann ja nix dafür... blabla... unschuldig... blabla... ist halt die Natur blabla...’ Ja, kann ich logisch nachvollziehen.

ABER de facto habe ich es so erlebt, als Gewalterfahrung. Es war schlichtweg brutal, wie sich das Köpfchen millimeterweise über den Damm schob, durch mein eigenes Pressen. Ich konnte nicht nicht pressen. Ich konnte keine Wehenpause machen. Ich konnte nicht. Es war mir willentlich nicht möglich. Ich erinnere jeden verdammten Millimeter, jede verdammte Presswehe, das Reißen, das Nähen ohne Betäubung. Verdammt, ich war in meinem ganzen Leben noch nie derart jemandem ausgeliefert.

DAS ist die klassische Definition von Gewalterfahrung, die Demütigung, Scham und Kränkung zur Folge hat. Und gerade WEIL es medizinisch genau richtig war, WEIL es zu 100% physiologisch natürlich war, war es so kränkend.

Diese Art der Gewalt war zielführend, berechtigt und genau das was ich wollte.

So wurde es mir natürlich verkauft von all den Mutteridealvertretern.

Es war natürlich genau gar nicht das, was ich wollte. Mein Verstand wollte etwas ganz anderes. Niemand will das erleben.

Bei den anderen zwei Geburten hatte ich Hilfe von außen und damit zumindest Kontrolle über den Schmerz, auch wenn rein körperlich eine Geburt eine Geburt bleibt, so hatte ich dennoch keine Gewalterfahrung.

Die dritte Schwangerschaft jedoch war auch so eine Art demütigende Gewalterfahrung. Es ging mir so schlecht, auch weil ich gefangen war in diesem Tabu. Mein Kind hat mich geplagt. Volle neun Monate lang.

Es hilft mir nicht, wenn es nicht böswillig geschah. Es war schlecht und ich konnte nichts dagegen tun. Ich musste es ertragen.

Und ich muss auch generell sagen, das Kinderkriegen hat schlicht meinen Körper kaputt gemacht. Mein Schmerzgedächtnis ist enorm, meine Zähne sind angegriffen vom vielen Kotzen, mein Rücken, mein Becken – alles schmerzt, trotz Sport und Physio und Mittelchen. Meine Psyche ist ganz schön mitgenommen durch diese körperlichen Strapazen. Unabhängig von der Freude, die meine Kinder mir bereiten.

Ich fühle mich abends kaputt im wörtlichen Sinn. Geschunden. Und ja, wegen meiner Kinder.

Und meine Kinder demütigen mich auch jetzt noch durch Dinge, die sie sagen. Unabsichtlich zwar, aber dennoch. Das Baby schlaucht mich allein durch den Schlafenzug. Es ist oft genug ein echtes ‚Plagen’.

Wir sehen unsere Kinder gern als unschuldige kleine Wesen, weil wir sie so sehr lieben. Aber Fakt ist für mich, dass Gewalt Gewalt bleibt, auch wenn sie unbeabsichtigt von einem Baby ausgeht. Wir geben dem Baby nicht die Schuld, wir tragen sie lieber selbst. Dem Baby verzeihen wir die Schuld leicht, uns selbst jedoch oftmals nicht, vor allem, wenn die Gewalterfahrung so massiv war. Schreien wir das Kind an, haben wir ein schlechtes Gewissen, aber die Wahrheit ist, wir verleugnen nur die Gewalt. Sei sie psychisch oder physisch. Weil wir diese verdammte Kränkung nicht ertragen wollen, nicht ertragen können.

Es kränkt uns, dass wir ein Kind wollten und es uns jetzt plagt. Es kränkt uns, dass wir dem Baby nicht die Schuld geben dürfen. Es kränkt uns, dass wir diese Situationen einfach aushalten müssen, gleichmütig und gütig und liebend.

Wenn eine Kränkung per Definitionem eine nachhaltige Erschütterung des Selbst und seiner Werte ist, dann liegt es vielleicht auch an den Werten ansich, dass diese so leicht erschüttert werden können und vielleicht bedarf es einer Anpassung dieser Werte. Mir geht es besser, seit ich meinen 'Wert' an die Realität angepasst habe: Mein Kind hat mir Gewalt angetan und es war furchtbar. Aber es ist Teil der Interaktion zwischen mir und meinem Kind und keiner ist in unserer Beziehung 'unschuldig'. Vielmehr stimmt meine Definition von Schuld (und Gerechtigkeit) in diesem Zusammenhang nicht. Es gibt kein Mindestalter für Menschen, ab wann sie andere verletzen können. 

Ich sehe es jetzt so: Ich habe mein Kind gekränkt durch Herauspressen aus der geborgenen Umgebung. Mein Kind hat mich gekränkt durch den ebenfalls gewalttätigen Akt der Geburt. Beide konnten wir es weder verhindern, noch gewaltlos miteinander umgehen. Es hat uns und unsere Beziehung nachhaltig geprägt. Und wir müssen und mussten beide gleichermaßen eine Strategie entwickeln miteinander umzugehen und das zu verarbeiten. Von 'Schuld' rede ich in diesem Zusammenhang nicht.

Vielleicht reagieren darum v.a. einige Mütter so angepisst, wenn es ums Thema schöne Geburt, Kindererziehung, Babybrei, Vereinbarkeit geht. Vielleicht macht uns diese Kränkung, das Aushaltenmüssen, so gehässig wenn es darum geht, welches Baby wann krabbelt und spricht, wer Markenkleidung kauft und wer die Privatschule bevorzugt.


Denn wenn man massive jahrelange Kränkungen ertragen muss, dann muss man verdammt gut sein im Verzeihen oder im Kompensieren. Die bitterste Form der Kränkung ist jedoch die Selbsttäuschung, wie Haller es formuliert. Man hat sich von seiner eigenen Vorstellung zu einer Sache täuschen lassen. In so einem sensiblen Moment wie einer Geburt kann einen diese Enttäuschung schon tief treffen. 

Ja, vielleicht bin ich enttäuscht von mir, weil ich blöd genug war, das ewig vorgebetete 'Natürlich ist besser und jede Frau kann eine schöne Geburt erleben' zu glauben und es dann nicht hinzubekommen. Ich hatte Erwartungen aufgebaut, dass mein Kind mich nicht derart verletzen würde. Ich war narzisstisch genug zu glauben, dass ich das mal so kurz wegstecke, weil ja Kinderkriegen 'das Natürlichste der Welt ist'. 

Und weil von außen das Bild idealisiert wird und von innen die Erwartung aufgebaut wird, dass es dann auch ideal sein wird, müssen wir uns hinterher eingestehen, uns doch was vorgemacht zu haben. Es ist die perfide Mischung aus Zwang und der Mär der frei wählbaren Selbstwirksamkeit, die die Menschen unglücklich macht und es ihnen so schwer macht, die Realität zu verarbeiten. 

Ich habe die Geburt von T2 öfter aufgearbeitet unter verschiedenen Gesichtspunkten. Aber ich möchte ausdrücklich sagen, dass es eben AUCH eine Sache der Einstellung ist, wie man mit diesen Kränkungen und Gewalterfahrungen umgeht. Sie einfach auf unsensibles Klinikpersonal zu projizieren ist dumm. Das Kind und man selbst hat einen großen Anteil daran.
Leider.



*Die Macht der Kränkung, R. Haller.