Freitag, 9. September 2016

Der Schrei

Dies ist die traurige Geschichte eines toten Babys.


Es war im Spätsommer 2007. Ich wohnte damals in Zürich, in Wiedikon, in einem sehr schönen Altbau. Mein Leben war damals traumhaft. Ich hatte einen supertollen Job, zwar wenig Geld, aber diese Wohnung, dieses Viertel, dieser Job, die Kollegen - es war einfach traumhaft schön. Genau so stellte ich mir das gute Leben vor. Kurz zuvor hatte ich mein Studium beendet, mich aus einer belastenden Beziehung getrennt, die Koffer gepackt und war losgezogen. Hinaus in die Welt. Endlich fing der spannende Teil meines Lebens an!

So lebte ich also diesen Sommer 2007 vor mich hin. Im Innenhof, neben meinem Balkon, spielte immer der kleine Bub im Sandkasten. Er war so 2-3 Jahre alt. Seine Familie wohnte über mir. Sehr chicke Leute, mit genug Geld, beide sehr stylisch und offenbar beruflich erfolgreich. Die waren nett, aber wir hatten nicht sehr viel miteinander zu tun. 

Ich hatte nur die Frau mal im Treppenhaus gesehen. Sie hatte bereits wieder nen ziemlichen Kugelbauch und war so eine dieser strahlenden Schwangeren. Was hatten wir allesamt für einen wunderbaren Sommer!

Im Oktober dann hing ein Blatt am schwarzen Brett im Eingangsbereich. Liebevoll gestaltet mit Storch und nem Paar gestrickten Söckchen drangepinnt. Das Baby war also da. Wie schön. Karte gekauft, gratuliert. Mehr aber auch nicht, ich hatte ja nicht allzu viel mit Kindern am Hut zu der Zeit. 

Der Herbst ging, es wurde kalt, mein erstes Jahr in Zürich ging dem Ende zu. Abends hörte ich das Baby manchmal, denn sein Schlafzimmer war direkt über meinem und das in einem Altbau. Aber es störte mich nicht. 

Dann kam diese raue Winternacht. Es war ein Freitag. 

Ein Schrei riss mich aus dem Schlaf. Um etwa 3 Uhr in der Nacht.

Ich stand sofort in meinem Bett. Es war ein so unbarmherziger, so gnadenloser, so schmerzerfüllter Schrei. Es war nicht das Kind, das da schrie. Es war die Mutter.

Ein Schrei, der es absolut unnötig machte nachzufragen, was denn passiert sei. Ein lauter, bitterer, nicht enden wollender Schrei, der dem ganzen Haus sagte: mein Baby ist tot.

Diese Nacht hat alles verändert. Der völlig überforderte Vater zwischen Heulen und dem vergeblichen Versuch, den Erstgeborenen wieder ins Bett zu stecken. Der Krankenwagen, der die inzwischen sedierte Mutter und den toten Säugling wegbrachte. 

Vor meinem inneren Auge sehe ich noch deutlich die Mutter in ihrem hübschen Pyjama, ihr totes Baby fest an sich gedrückt, so dass ihre Knöchel weiß hervor traten. Ich höre noch das klagende Schluchzen, immer und immer wieder über zwei Stunden hinweg 'Mein Baby, mein Baby!'

Ich schrieb eine Karte. Ich sah die Frau nie wieder im Treppenhaus. Ich sah manchmal noch den Vater mit dem kleinen Bub auf dem Arm. 

Das alles hätte nicht passieren dürfen. Dieses perfekte Paar, dieser kleine Bub, diese strahlende Schwangere, und dann plötzlicher Kindstod. Nein, das passte alles nicht zusammen! 

Im darauffolgenden Sommer zog ich nach Schwammendingen.

Ich war damals sehr froh, dass sich die Frage nach Kindern für mich gar nicht stellte. Ich dachte viele Jahre nicht an diese Nacht.




Bei T1 dann, nach der Geburt, die Neointensiv, da kam mir der Gedanke an diese Nacht wieder. T1 war etwas schwach von der langen anstrengenden Geburt und der Krankheit. Sie hatte Atempausen, was bei Neugeborenen im Übrigen ganz physiologisch ist und sehr häufig vorkommt. Viele Eltern bemerken diese Pausen gar nicht, weil sie denken, das Kind sei einfach im Tiefschlaf. 
T1 sollte nach Überwinden ihrer Krankheit weiterhin auf der Neo bleiben, zur Kontrolle. Aber wir nahmen sie gegen ärztlichen Rat mit nach Hause. Neointensiv war zu anstrengend für uns Eltern. 

Diese schwache Phase, diese Atempausen blieben noch bis sie 7 Wochen alt war. Mit ca. 6 Wochen, wir kamen gerade von einem Spaziergang zurück und sie lag in der Kinderwagenbabyschale, da musst ich sie auch einmal 'aufwecken'. Ich hatte, bei meinem sowieso schneeweißen Kind, sofort die gefallene Sättigung gesehen und sie lies sich zum Glück recht schnell zurück holen.

T2 und T3 waren Babys von einem anderen Kaliber. Nicht schwach, nicht so zerbrechlich, irgendwie reifer als T1 nach der Geburt. Bei ihnen hatte und habe ich keine Angst, dass sie plötzlich aufhören zu atmen. Bei T1 hatte ich diese Angst bald auch nicht mehr, denn sie machte bald sehr große Entwicklungssprünge und man konnte bei der Gehirnreifung praktisch zuschauen. Da ich ja gerade mitten in der Promotion über Gehirnentwicklung bei Embryonen war, war ich natürlich auch sehr viel informierter darüber, als andere Mütter. 





Nun wohnt über uns wieder eine kleine Familie. Ein sehr nettes Pärchen, das Baby 2 Wochen älter als T3. Auch sie haben ihr Schlafzimmer über unserem und ich höre das Baby öfter weinen. Dann lächle ich. Die Mutter fragt immer entschuldigend, ob das Geschrei nicht zu laut wäre. Ich beruhige sie immer. Solange das Baby weint ist alles gut. Alles in Ordnung. 

Was ich nicht sage: Ich lächle immer, wenn ich dein Baby weinen höre. Ich bin froh solange das Baby weint. Erst wenn das Baby nicht mehr schreit, dann ist es schlimm. Erst wenn dein Baby nicht mehr schreit, sondern du. Dann ist es schlimm.