Freitag, 22. Juli 2016

Wenn Fremde Mütter bestimmen

Ich habe nun schon mehrere Texte im Netz gelesen, in denen Mütter sich rechtfertigen (hier und hier zum Beispiel), weil sie ihre Kinder um acht Uhr ins Bett schicken, ihnen die Mediennutzungszeiten einschränken oder gar um 18 Uhr alle zusammen Abendbrot essen, was der Kühlschrank halt hergibt. Mütter, die nicht gerade dadurch aufgefallen sind bisher, dass sie uninformiert, unreflektiert oder besonders autoritär wären. Dennoch meinen sie sich in aller Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen und bekunden, ihre Kinder doch zu lieben und ihr bestes zu tun, dass es den Kindern so gut wie nur irgend möglich gehe, nur eben nicht 1:1 dem ‚unerzogen’-Weg folgen. Ein Text, den ich besonders 'unschön formuliert' finde, ist auf elternmetamorphose zu finden.

Ich bin darüber sehr traurig.

Ich bin nicht wütend, denn ich sortiere meine Filterbubble sehr gut. Ich mute #unerzogen einfach. Und es gibt ja doch einige Stimmen die sehr eloquent die Art und Weise, wie dieser Diskurs geführt wird, kritisieren und zur Mäßigung aufrufen (hier und hier z.B.). Aber ich bin traurig.

Traurig über die geringe Wertschätzung, die liebende Eltern von anderen liebenden Eltern entgegen gebracht wird.

Traurig, dass mal wieder alles für die Kinder getan werden soll, die Mütter dabei allenfalls die sind, die an irgendwas Schuld haben und noch mehr an sich arbeiten müssen. Die Mütter selbst sind offenbar nie ok so, wie sie sind, die Kinder aber wohl immer.

Traurig, dass Prügelstrafe erstmal ohne Relativierung provokativ gleichgesetzt wird mit ganz normalen Regeln, die im Familienverband gelten.

Traurig, dass gleichwürdig nur die Kinder sind, nicht aber andere Mütter. Denn was anderes bedeutet es, wenn einige wenige ihr Weltbild als das einzig wahre präsentieren und missionarisch andere dominieren wollen? Das stellt sich mir als Machtmissbrauch vom Feinsten dar.

Traurig, weil Toleranz offenbar nur gewollt ist, solange man selbst toleriert wird, nicht aber wenn man andere tolerieren muss.

Traurig, dass vielleicht ganz interessante Gedanken wieder einmal so hinausgebrüllt werden, dass eine Diskussion gar nicht erst stattfinden soll. Differenzierung wird so verunmöglicht und all die Grautöne, die ja real in den Familien gelebt werden, bestenfalls ignoriert.

Traurig, dass Pädagogik nie in einem vernünftigen biologistischen Sinne diskutiert wird, zumindest nicht von Pädagogen.

Traurig, dass man offenbar nicht glaubt, dass Eltern sich anstrengen für ihre Kinder gut zu sorgen. Im Propagieren einer überlegenen Methode steckt ja gleichfalls die Implikation, dass man sich eben nur noch nicht gut genug angestrengt hat, weil man das Optimum noch nicht erreicht hat. Das ist eine wunderbare Methode andere zu demütigen.

Traurig, dass wir unseren Kindern nicht zutrauen glückliche, selbstständig denkende und handelnde Erwachsene zu werden, nur weil wir dies nicht, oder jenes so machen.

Traurig, dass dieses Thema der Fremdbestimmung so absolut diskutiert wird, denn wir alle unterliegen zu jeder Zeit einer Menge struktureller und persönlicher Fremdbestimmung. Ich kann nicht erkennen, was daran per se schlecht sein soll.

Es macht mich auch traurig, dass sich freundliche Menschen nun nen Kopf machen, ob sie ihren Kindern nicht schaden, nur weil eine minikleine Zahl von Müttern durch das Internet ein Forum hat, ihre doch recht radikale Minderheitenmeinung besonders laut herauszuschreien. Zu meiner Zeit sagte man dazu: don’t feed the trolls.

Auch wenn das kein besonders großer Trost ist:
Liebe Mitmütter,
solange ihr euch um eure Kinder sorgt, solange ihr reflektiert und euch in dem euch möglichen Maße um eure Kinder kümmert, solange ihr euren Kindern regelmäßig zeigt und ihnen sagt, dass ihr sie liebt, solange seit ihr hervorragende Mütter!
Traut euch zu, eure Kinder zu genießen, aber vergesst euch nicht! Ihr schadet niemandem, wenn ihr eure Kinder abends ins Bett schickt, um noch eine Stunde für euch selbst zu haben! Ihr schadet niemandem, wenn ihr eure Kinder mit Regeln großzieht, die jedem Familienmitglied das Leben erleichtern! Ihr macht euch selbst und somit der ganzen Familie das Leben schwerer, wenn ihr euch nur Selbstvorwürfe macht, weil ihr meint nicht gut genug zu sein!
Habt Vertrauen in EUCH, meine lieben Mütter! Habt Vertrauen in eure Fähigkeit den Entwicklungsstand eines jeden Familienmitgliedes einzuschätzen und ihm den passenden Rahmen dafür zu bieten. Macht euren Kindern situationsbedingte Grenzen und eure Grenzen klar, denn der eine Gedanke hat immer noch Gewicht: Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt.
Dieser Gedanke wurde von mehreren Personen auf unterschiedliche Weise formuliert (am bekanntesten wohl von Kant oder Holmes), auf diesem Gedanken wurden seit der Aufklärung ganze Nationen aufgebaut. Die Grundlage dieses Gedanken ist aber ein klares Zusammenspiel von Freiheit und Regeln, die von allen eingehalten werden müssen. Es geht dabei keineswegs um eine einseitige Unterlassung von Gewalt.

In diesem Sinne, liebe Mütter, lasst euch nicht fremdbestimmen, sondern bestimmt selbst, was für euch und eure Familie richtig und gut ist und wie ihr eure Kinder erziehen wollt!


Und an die Mütter, die ‚nur mal sagen wollten, wie sie es zu Hause (richtig!) machen’, ihre Lebensweise aber als Optimum definieren und/oder andere Lebenswirklichkeiten vorwurfsvoll kritisieren: Respekt funktioniert in beide Richtungen. Probiert es mal aus, man kann sich gegenseitig respektieren, wenn man denn will.




Kommentare:

  1. Da Du mich bei den Rechtfertigungstexten verlinkt hast, wollte ich nur mal anmerken, dass es seinerzeit nicht als Rechtfertigung gedacht war, sondern ich mich darüber ärgerte, dass einige (wie es immer der Fall ist) das Konzept als für alle Kinder passend darstellten. Es ging eine intensive Diskussion auf Twitter am Vorabend voraus und ich wollte einfach deutlich machen, dass nicht so verallgemeinert werden sollte. Konkret ging es um eine andere Blogschreiberin, die ich sehr schätze und deren Sohn meinem sehr ähnlich ist (schlechte Selbstregulation) und die aber den Unerzogen-Weg geht inkl. selbstbestimmtem Einschlafen. Sie war unglücklich, weil das mit ihm nicht oder schlecht funktionierte. Deshalb wollte ich mit dem Text weniger unseren Weg rechtfertigen als vielmehr aufzeigen, dass ein als richtig empfundenes Konzept eben nicht auf jedes Kind passt und man deshalb immer geistig flexibel bleiben muss (bei verschiedenen Geschwisterkindern umso mehr).
    Ansonsten finde ich die Diskussion, wenn man von den dogmatischen Ausreißern absieht, sehr inspirierend und bereichernd und habe auch für mich einiges mitgenommen.
    Viele Grüße!

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    2. Es war sicher nicht als Angriff gemeint, dich unter der Rechterfertigungsrubrik einzuordnen. Dennoch verstehe ich es nach wie vor so. Denn wenn eine Mutter geschrieben hätte, ihr Kind spiele Geige oder Fussball, so wärest du wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen einen derart ausführlichen Post zu schreiben, weshalb dein Kind nicht Geige oder Fussball spielt. Ich sehe deinen Text als Rechtfertigung, weil er dem Gedanken folgt, dass es einen Goldstandard gibt. Einen Goldstandard in der Erziehung, ein Optimum. Und wer dieses Optimum nicht erreicht oder umsetzt, muss in langen Posts erklären warum (so wie du es gemacht hast) oder er ist ein Versager. Ich möchte mich ganz generell gegen den Gedanken wehren, dass es einen solchen Standard gibt, so ein Optimum. Menschliches Beziehungsleben folgt keinem Optimum, darf keinem Standard folgen. Man muss eben akzeptieren, dass viele Wege gleichermaßen nach Rom führen und keiner besser oder schlechter ist, solang man nicht gewaltig vom Weg abkommt. Darum finde ich nichts an dieser Diskussion bereichernd, weil sie keineswegs zur Inspiration einläd, sondern nur jeder seinen Weg verteidigt, als wäre es der falsche...

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