Donnerstag, 19. Mai 2016

Eine Woche auf der Woche

Vor der Geburt habe ich eine ganze Woche auf der Geburtsstation verbracht als Patientin. Ich möchte heute berichten von den Frauen, die mir dort begegneten. Mit vier Frauen teilte ich ein Zimmer. Die Geschichten aller haben mich tief berührt. Sie waren denkbar unterschiedlich und ich muss zugeben, sie haben mich mit der verallgemeinernden Welt der Mütter und Mythen versöhnt.

Frau A
Eine Frau Anfang 30, Akademikerin, Ende der 1. Schwangerschaft mit Komplikationen.

Sie war sehr nett und rein themenmäßig und von der Einstellung her haben wir gut zusammen gepasst. Wir haben uns sehr viel unterhalten und Meinungen ausgetauscht. Sie hatte das Problem, dass sie in etwa das Gegenteil von Schwangerschaftsdiabetes aufwies. Die Werte ansich waren super, nur dass ihr Blutzucker sehr unkontrolliert schnell sinken konnte und sie so in massive Unterzuckerungszustände geriet. Nichts, was man mit nem normalen Tagesprofil nachweisen könnte, aber so gefährlich, dass der Kindsvater sie drängte in die Klinik zu gehen, da sie doch auch zu Hause umkippte.
Das belastete sie sehr und die Ärzte machten ihr auch wenig Hoffnung auf Einleitung und schnelle Beendigung dieses Zustandes. Psychisch belastete sie die Schwangerschaft allerdings sehr. Ich konnte das so gut nachvollziehen, das ging weit über 'am Ende mag man einfach nicht mehr' hinaus. Es macht einen einfach nur noch fertig.
Es war ein wenig, als schaute ich in den Spiegel. Man versucht alles richtig zu machen, aber die körperliche Grenze ist eigentlich schon überschritten und man weiß sich nicht mehr zu helfen. Eben diese Hilflosigkeit hat uns verbunden, dass der eigene Körper einen quasi verrät und einfach aufgibt, ohne wirklich aufzugeben - dieses dahinschleppen.
Ich war froh, war ich nicht allein mit dem Gefühl und sie offensichtlich auch. Dennoch hatte sie eigentlich noch einige Wochen bis zur Geburt und weil das Krankenhaus und die Ärzte nix für jedermann sind, verliess sie das Krankenhaus wieder.

Frau B
Eine Frau Ende 30, mit 12jährigem Sohn, im 5. Monat schwanger, die in den 3 Jahren zuvor 2 frühe Fehlgeburten und eine im 5. Monat hatte.

An ihr hat mich sehr beeindruckt, wie sie gegen die Panik kämpfte, der Angst vor einer weiteren Katastrophe. Sie erzählte ganz offen und war auch froh, dass ich durchaus schon meine Erfahrungen gemacht habe. Mit ihr führte ich natürlich ganz andere Gespräche, als mit A. Es ging um Fehlgeburten, um die Angst beim Kindergroßziehen, um die Geburt. Wir hatten sehr schöne Gespräche, die mir bestätigten, wie wichtig es ist, auch unpopuläre Meinungen äußern zu dürfen. Frauen haben dafür wenig Raum und ich hoffe, ich habe ihr etwas davon bieten können.
Sie hatte eine kleine Operation, der Muttermund wurde verschlossen, und verlies danach die Klinik auch wieder. Ich hoffe und wünsche ihr, dass alles gut geht mit diesem Kind.

Frau C
Eine Frau Anfang 40 aus der Ukraine, die nur wenig deutsch sprach. Sie kam allein am Abend der Wehen. Dann lief sie die ganze Nacht den Flur auf und ab, verschwand am morgen und kehrte nach 4 Stunden mit Baby zurück. Es war ihr 4. Kind. Sie hat es ganz allein auf die Welt gebracht, kein Mann, kein Beistand außer der Hebamme. Sie wollte auch keine Hilfe, war sehr freundlich aber eben kaum der Kommunikation fähig. Ich habe ihr mehrmals Tee gebracht. Mehr wollte sie nicht. Wir wechselten nur wenige Worte. Am 2. Tag nach der Geburt kam ihre Mutter mit den Kindern zu Besuch. Am nächsten Tag nahm sie ein Taxi nach Hause.

So geht es auch. Ich weiß nicht, ob sie einsam war, sich ihren Mann gewünscht hätte. Sie wirkte einerseits schicksalsergeben, andererseits auch ganz zufrieden - so allein und konzentriert auf sich, ihren Körper und das Kind. Kein Tamtam, kein Gedöns, eher wie einen Job, den man erledigt. Machte auf mich aber keinen schlechten Eindruck.

Frau D
Eine Frau Anfang 40, Brasilianerin und wunderschön, die bereits drei fast Erwachsene Kinder hat. Diese drei kamen jeweils wegen Geburtsstillstandes per Kaiserschnitt zur Welt, so auch das vierte. 
Allerdings wurde das vierte Kind wegen Komplikation in der 35. SWS geholt und lag dementsprechend auf der FIPS, der Früchenintensivstation. Ansich ein gesundes Kind, doch vor allem der Vater war von den Geschehnissen und den Umständen total überfordert. Die Mutter war eher überanstrengt mit Kind besuchen, abpumpen, KS und allem, was diese Situation so mit sich bringt. Es ist eine harte Zeit und wir überbrückten die Nächte mit langen Gesprächen. Es war von Vorteil, dass mir eine Intensivzeit mit Baby nicht unbekannt war, denn es belastete beide Eltern sehr. Aber die Frau war extrem beeindruckend und kein bisschen verunsichert. Während ich mein Baby mit mir rumtrug, war sie immer auf dem Sprung. So ist es eben, wenn man ein Kind bekommt, man gibt alles dafür.

Vier so unterschiedliche Frauen, vier so unterschiedliche, gar dramatische Geschichten. Jede ungewöhnlich und beeindruckend. Vier, mit mir fünf, Mütter die alles in Kauf nehmen für ihr Kind, für die Familie. Sie haben mich mit der Mütterwelt versöhnt. Einmal ging es nicht um irgendwelche Debatten, sondern um echte Geschichten, echte Schicksale und das echte Leben fern ab von theoretischen Diskussion. Eine gute Erfahrung und eine gute Erinnerung für mich. 

Freitag, 13. Mai 2016

Die zauberhaften Schwestern

Es ist nach vier Wochen Baby mal wieder Zeit Bilanz zu ziehen. Seit 3 Wochen bin ich nun mehr oder minder allein mit den Damen, wir gewöhnen uns immer mehr aneinander und zumindest grundlegende Strukturen am Tag konnte ich einhalten. Gewöhnlicher Alltag also mit Kita und Spielplatz etc.

Die Großen haben sich inzwischen wieder beruhigt. Die erste Woche war wirklich schwer, aber nun haben sie das Baby akzeptiert und gehen auch nicht mehr auf mich los. Anhänglich sind sie natürlich geworden, aber es ist weit entfernt von irgendwelchen Eifersüchteleien. Und im Kindergarten sind alle neidisch, weil sie jetzt zu dritt sind und immer jemanden zum Spielen haben. 
T2 hat zudem einen diesen Sprung gemacht von der kleinen Schwester zur nun großen Schwester. Das Ankommen entwickelt sich also planmäßig.

Das Baby ist ein Brummer. Groß, schwer, will immer wissen was die Schwestern so machen. Ansonsten ne ganz Ruhige, schläft viel und frisst, als gäbe es kein Morgen…

Mein Körper ist immer noch eine Baustelle. ISG und Schambein sind weiterhin ausser Betrieb. Das wird wohl noch ein halbes Jahr dauen und damit die Schmerzen am Abend, wenn ich viel auf den Beinen war. 

Mein Bauch hingegen fühlt sich wundervoll an. Ich bin unglaublich froh darüber. Zudem bin ich nun 20kg schlanker. Wenigstens ein Vorteil, auf den es mir eigentlich nicht ankam. Aber es schaut nicht schlecht aus.
Jedenfalls bin ich überglücklich, keinen Bauch mehr zu haben. jedenfalls keinen in dem ein Riesenbaby sein Unwesen treibt. Es fühlt sich wunderbar an genug Platz für die eigenen Organe zu haben. Zur Erinnerung, mein Leberultraschall wurde direkt in der Achselhöhle gemacht in der 39. Woche. Ich bin nur Biologe, aber dort gehört die Leber nun wirklich nicht hin!

Etwas anderes jedoch überkam mich. Ich hab diesmal Hormone. Keine Heultage, keine Depression, aber ich bin dünnhäutig geworden. Es wird langsam besser, aber vor allem den Trüffel schnauze ich sofort an, wenn es mir zu viel wird. Ich hab einfach grad keine Nerven aus Drahtseil. Ein echtes Novum bei mir, versuche ich doch sonst immer ein besonders geduldiger, freundlicher Mensch zu sein.

Ansonsten kann ich berichten, dass mich das Baby tatsächlich glücklich macht. Sie ist T1 wie aus dem Gesicht geschnitten - einen Kopf größer zwar, aber ansonsten… Sie ist wunderschön. Aus irgendeinem Grund ist das wichtig für mich. Alle sollen sehen, dass ich die zauberhaftesten Kinder der Welt habe! 
Ein Verhalten von dem ich mir unsicher bin, wie ich es bewerten soll, denn Komplimente selbst erreichen mich gar nicht. Die gehen tatsächlich zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Aber ich für mich schau meine Kinder gerne an und finde sie perfekt. Die großen blauen Kulleraugen und der Goldschopf ist da durchaus ein Teil davon. Ist das nun einfach oberflächlich? 

Noch etwas fiel mir auf. Ich lese zur Zeit kaum andere Mamablogs. Man könnte nun sagen, ich hätte ja weniger Gelegenheit dazu, aber das stimmt nicht. Die Großen sind in der Kita und das Baby schläft. Allein, die üblichen Beiträge interessieren mich gerade nicht. Es ist irgendwie so, als hätte ich diese Phase nun hinter mir, in der mich Meinungen und Geschichten anderer Mütter interessierten. Ich finde es sogar verstörend, wie die immer gleichen Themen ständig wiederholt werden. Ich habe zu vielen meinen Senf gegeben, es interessiert andere Mütter in etwa so sehr, wie mich ihre Meinung. 
Für mich ist es schwer in Mamablogs eine Gemeinschaft von Eltern zu sehen, die sich vernetzen und sogar semiprofessionell werden. Blogger als Gemeinschaft - find ich total absurd. Klar kann man dort einzelne Freunde finden, aber also ich persönlich bin kein Teil einer Bloggergemeinschaft. Denn ich sehe nicht wozu? Ich muss mich nicht mehr austauschen, wie man dies oder jenes mit Baby macht. Das ist etwas für Neomütter und da bin ich eindeutig raus. Auch Tipps geben kann ich nicht, denn ich weiß viel zu gut, wie sehr pauschale Ratschläge nerven und wie wenig sie anderen helfen, deren Kinder so ganz anders funktionieren als meine. Ich würde also Fragen beantworten, aber diese klassischen Posts 'mach das so, dann wird das Kind glücklich' finde ich überflüssig. Das steht mir so pauschal nicht zu.
Mamablogs sind für mich eher die virtuelle Community, die ich ansonsten auf dem Spielplatz treffe. Einigen nickt man zu, mit anderen wechselt man ein paar Worte, 1-2 sind gut für echte Unterhaltungen.  Das Wort 'Gemeinschaft' ist mir schon direkt ein wenig zu stark für diese zufällige Zusammenkunft.  

Die Geburt von T3 hat mich also noch mehr Abgrenzung von den zur Verfügung stehenden Welten gebracht. Mehr Konzentration auf mich. Ob das auch gleichzeitig weniger Auseinandersetzung bedeutet, bezweifle ich. Es ist die weitere Fokussierung auf mein direktes Umfeld. Für mich gar keine schlechte Entwicklung nach der Geburt. Und eine Möglichkeit um sich von dem Gezerre um Schwangere und Geburt zu erholen. 

Nach drei Geburten wird für mich immer klarer, dass auch 99% der Mamablogs keine Hilfe für Erstschwangere bieten, keine Denkanstöße und vor allem kaum Mut machen, eigene Wege zu finden. Es wird alles Mögliche schön geredet, aber wo liest man schon Ermutigungen einfach guter Hoffnung zu sein und es so zu nehmen, wie es kommt? Ich hatte da durchaus Hoffnungen bei den Mamablogs, die sich leider eher in die andere Richtung entwickelt haben. Und keiner spricht die Wahrheit aus: Du selbst hast willentlich kaum Kontrolle über das was beim Kinderkriegen passiert, also ergib dich der Situation. Dein Körper, das Baby und die medizinische Begleitung werden das Kind schon schaukeln!
Statt 'lass mal die Erwartung etwas beiseite' wird sogar eher die Selbstbestimmung hochgehalten - immer im Kontrast zur Fremdbestimmung. Aber dabei wird nie erwähnt, dass die Schwangerschaft ansich nicht physiologisch kontrollierbar ist, nur weil man versucht mental Kontrolle auszuüben. Man kann sich allerdings die Schwangerschaft und Geburt erleichtern, wenn man sich 9 Monate lang die Einstellung aneignet, dass man nicht alles mit dem Kopf kontrollieren können muss. Finde ich zumindest. 

So möchte ich diesen Blog eigentlich auch weiterführen: mit der Aufforderung sich mit sich selbst und seiner Einstellung auseinander zu setzen. Nicht um herauszufinden, wer Schuld ist, wenn etwas anders läuft als geplant, sondern um Planänderungen als Normalität anzuerkennen. Und um jedem seine eigenen Gedanken und Gefühle zum Thema Mutterschaft zuzugestehen. 

Zum Schluss möchte ich noch den Lesern danken, die mich zahlreich Glückwünsche zukommen liessen. Drei Kinder sind schon sportlich, aber langweilig wird's mir in den nächsten 50 Jahren wohl nicht werden...