Montag, 30. November 2015

Die böse Schwiegermutter hat Schuld - Teil 1

Das mit der Schuld ist ja schon eine heikle Sache. Wir Menschen lieben die Schuld. Wir beschuldigen andere, schieben die Schuld auf andere, fühlen uns selbst schuldig und fatal: wir verknüpfen Schuld auch gerne mal mit der großen Gerechtigkeitsfrage/-suche.

Wie ich bereits einmal schrieb, ist in meinen Augen Schuld etwas für Menschen, die auf Rache stehen. Einen anderen Zweck als Rachegelüste legal stillen zu dürfen scheint mir das Konzept der Schuld nicht zu erfüllen. Mit Schuld kann man nicht leben, Schuld macht nichts besser, aber so einiges im Leben schlechter. Die Schuldfrage ist eben so sinnlos, wie es Schuldgefühle sind. Und zur Beantwortung irgendeiner scheinbar übergeordneten Frage nach Gerechtigkeit scheint Schuld auch nicht viel beizutragen, außer dass man hinterher guten Gewissens mit dem Finger auf jemanden zeigen kann. 
Einem Menschen in all seinen Facetten wird jedenfalls weder Schuld noch Gerechtigkeit in irgendeiner Weise gerecht.

Wie schon erwähnt, mit Schuld kann man nicht leben - egal, wie schlimm oder vermeintlich schlimm die Schuld sein mag. Im Grunde kann man nur genau auf vier Arten relativ aufwandslos auf Schuld reagieren: Betäubung, Verbitterung, Verdrängung und Suizid. 
Nichts davon scheint mir eine erstrebenswerte Alternative.

Was das mit meiner Schwiegermutter zu tun hat? 
Nun, im Grunde ist die Antwort darauf ganz einfach. Die Schwiegerfamilie ist kaputt und Familienzeit ist einfach nur schrecklich, weil dort nur Menschen an einem Tisch sitzen, die seit Jahrzehnten eigentlich nichts mehr miteinander zu tun oder zu reden haben wollen. Schwiegerfamilientreffen sind Pflichtveranstaltungen, die alle Beteiligten überfordern.

Und ihr mögt euch erinnern: auch ich bin schon im Auge dieses Sturms gesessen und fand das gar nicht lustig. Nun kommt die nächste Weihnachtszeit und ich begann mich frühzeitig zu fragen, warum diese Menschen solch ein schlechtes Verhältnis zueinander haben und vor allem weshalb meine Schwiegermutter derart aggressiv auf mich reagiert.

Ich überlegte geraume Zeit. Die Lösung brachte meine erneute Schwangerschaft. Und die Lösung ist erstaunlich einfach: Die Schwiegermutter hat aufgrund traumatischer Ereignisse panische Angst vorm Kinderkriegen. 
Das mag paradox klingen, aber die Geschichte ist schnell erklärt. 

Eigentlich lief alles super, damals Mitte der 70iger. Verliebt, verlobt, verheiratet, Haus gebaut, schwanger. Besser hätte es nicht laufen können. Er einen guten Job, sie Beamtin, das erste Kind - ein Sohn. Und so nahm das Glück seinen Lauf. Klar war es anstrengend, mit Job und Kind und Hausbau etc., aber es lief gut. Dann sollte das 2. Kind kommen - ein Mädchen. Und die Tragödie begann. 

Sie wurde gegen Ende der Schwangerschaft sehr krank, die Ärzte rieten zum Kaiserschnitt, 4 Wochen vor ET. Alles ging gut, die Mutter wurde versorgt, das Kind kam auf die Neointensiv. Und dann war das Glück vorbei. Zuerst die Trennung von Mutter und Kind. Die Neointensiv war im Uniklinikum der benachbarten Stadt. Die Mutter nach Kaiserschnitt wurde nicht mitverlegt. Kein guter Start. 
Und dann bekam die kleine Tochter eine massive Hirnblutung. Der Supergau, der Beginn der Schuldspirale, das absolute Trauma für die ganze Familie. 

Meine Schwiegermutter hat nur mal ein paar Fakten erwähnt, nie erzählt, was damals wirklich passierte. Und so brauchte ich geschlagene 4 Jahre, bis mir dieses Licht aufging: Diese Frau stand schmerzgebeugt täglich nach langer Fahrt an einem Intensivbettchen und gab sich die Schuld für das ganze Schlamassel. 
Sie muss gedacht haben: Hätte ich nur nicht in diese Geburt eingewilligt. Wäre ich doch nur gleich in die Uniklinik gegangen und bei meinem Kind geblieben. Hätte ich dieses Kind doch nur im Bauch behalten, bis es reif genug gewesen wäre auf die Welt zu kommen. Ich hatte eine einzige Aufgabe - dieses Kind in meinem Bauch zu haben und es zu beschützen - und habe es nicht getan. Ich bin Schuld an dieser Hirnblutung. Ich bin Schuld, wenn meine Tochter behindert ist. Ich bin Schuld, wenn sie nie ein richtiges Leben führen kann. Ich bin Schuld und vielleicht geht meine ganze Familie zugrunde daran.

Das ist zwar nur Spekulation, denn die Frau würde das wohl kaum einfach so mir gegenüber an die große Glocke hängen, aber ich halte das für ein sehr sehr realistisches Szenario, denn es erklärt den gesamten Werdegang dieser Familie und ihr komplettes Verhalten.

Zur Beruhigung, das Kind hat keine bleibenden Schäden behalten, die Mutter jedoch deutliche Blessuren. Und geht es der Mutter schlecht, geht es automatisch der ganzen Familie schlecht. 
Die Mutter reagierte eigentlich ganz normal, mit Überkompensation. Fortan war sie sehr ängstlich, wachte mit Adleraugen über jeden Atemzug der Kinder, deklarierte die Tochter zum Sorgenkind und übersah oft genug den Sohn.
Ich kann mir daraus folgende katastrophale Entscheidungen und Verhaltensweisen vorstellen, die ihre Ehe zur bloßen Fassade verkommen liessen, aber das ginge hier wohl zu weit. 
Den Erwachsenen entglitt die Situation, er reagierte mit Betäubung auf die Schuldanhäufung der folgenden Jahre, sie mit Verbitterung, der Sohn mit Wut und die Tochter mit erlernter Hilflosigkeit. Aus vier gesunden Menschen wurde eine vergiftete Familie, deren Mitglieder am liebsten nicht miteinander reden würden. Diese Ablehnung schmerzt natürlich sowohl Eltern als auch Kinder, nur lässt sich der Knoten nicht so leicht lösen. Sie reden ja nicht miteinander. 

Und sie sind allesamt nicht in der Lage die Schuld von damals zu verarbeiten. Denn mit Schuld zu leben ist nicht möglich. Schuld kann man nur vergeben. Und Vergebung ist eine verdammt harte Lektion. Milliarden Menschen bitten regelmäßig in glühenden Gebeten 'und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern'. 

Der erste Schritt, der härteste ist: sich selbst zu vergeben. Wer das kann, kann auch lernen, anderen zu vergeben. Wenn dazu doch nur ein Gebet reichen würde - wie viel besser wäre das Leben der Menschen auf dieser Erde? 

Ich verstehe nun also besser was dieser Familie passiert ist. Ich kann nun nachvollziehen, weshalb meine Schwiegermutter derart ablehnend auf meine Schwangerschaften reagiert hat. Nicht ich bin das Problem, oder die Kinder, sondern die Angst und die Schuld, die 30 Jahre erfolgreich verdrängt wurden. Und dann so kommt aus heiterem Himmel eine Frau daher und setzt Kinder in diese Familie, einfach so. Und hört auch nicht auf damit. Immer noch eines und noch eines kommt auf die Welt. Und die Schwiegermutter hat wieder dieses Bild vor Augen, wie sie an einem Intensivbettchen steht und Schuld ist am Leid ihrer allzu kleinen Tochter, die sie nicht beschützt hat…

Diese Tragik stellt mich vor ein massives Problem: Ich kann dieser Frau nicht helfen. Ich bin schwanger, ich bekomme diese Kinder ohne Schuldgefühle, ich weiß um die Bedeutung von Schuld und Vergebung und ich habe gelernt zu vergeben. Es fällt mir nicht immer leicht, aber ich weiß, wie ich an den Punkt komme und wie sich Vergebung anfühlt. 
Ich kann zwar versuchen diese Familie ins Gespräch zu bekommen, aber jeder von ihnen muss sich selbst vergeben lernen. Niemand, kein Gott der Welt kann ihnen diese Aufgabe abnehmen. Und für viele Menschen ist das in der Tat eine Lebensaufgabe.

Was mache ich nun aus meinem Verständnis? Nehme ich die Sache in Angriff und provoziere eine Konfrontation im Angesicht meines Kugelbauches? Ertrage ich die Feiertage und habe Mitleid? Ertrage ich es und habe Mitgefühl? Ist damit jemandem geholfen? Keiner von ihnen will Hilfe, das muss ich bedenken. 

Ich wünschte, ich könnte ihnen allen einfach eine Familientherapie verordnen. Dann hätten wir noch ein paar angenehme Jahre miteinander. Das mit der Schuld, das ist schon eine heikle Sache.

Mittwoch, 25. November 2015

Bist du guter Hoffnung?

Für mich die zentrale Frage der Schwangerschaft. Denn, ein Kind zu bekommen bedeutet genau das. Man hofft - auf das Beste - und muss dann nehmen, was man bekommt.

Der rbb strahlte gestern die Reportage 'Am Anfang' zu Schwangerschaft und Pränataldiagnostik aus, die ich jedem ans Herz legen möchte.
Das Fazit, das man ziehen sollte: Sei guter Hoffnung. Und erwäge, was du kannst und was du nicht kannst.

Und selbst wenn nicht alles glatt lief und du nicht die Traumgeburt samt sofort durchschlafendem Baby hattest, so erinnere dich doch jeden Tag daran: mein Kind lebt, ist soweit gesund und meiner Familie geht es gut. Am Ende zählt nämlich genau das und nichts anderes.

Vielen Dank an die Macher dieser Doku für die umfassende Darstellung des Themas Schwangerschaftsvorsorge.

Dienstag, 24. November 2015

Gestatten, mein Name ist Reiner Zufall

Wir alle kennen diese Zufälle, die zwar Zufälle sind, aber irgendwie auch nicht, denn sobald sie einem bewusst werden, hat unser Gehirn schon alles zusammen gerechnet und wir denken uns: Hab ich's doch gewusst!

Ich darf hiermit verlautbaren: Ich habe zum 5. Mal die Zufallswette gewonnen. Gegen den Trüffel, der offenbar nicht so viel Rateglück hat, wie ich. Oder sich einfach nicht so gern auf sein Glück verlässt.
Aber in Punkto Kinderkriegen hat er halt den entscheidenden Nachteil, dass er die körperlichen Symptome nicht hat und somit sein raten auch echtes raten ist. Es steht also 5:0 für mich.

1. Schwangerschaft:
Wette ich: Mädchen, unproblematische Schwangerschaft, ewig lange Geburt. 
Hab ich komplett, auch wenn der Trüffel anderes behauptet hat.

2. SS:
Ich: Das wird nix.
Trüffel: doch doch
Fehlgeburt 6-7 SSW

3. SS:
Ich: Mit diesem Ei klappt das, Mädchen, sehr schnelle Geburt
Trüffel: Jaja wart erstmal ab ob du überhaupt schwanger wirst, Junge, ganz normale Geburt
Tja, hab ich gewonnen.

4. SS:
Ich: schwanger, aber irgendwas stimmt nicht. Das wird nicht klappen.
Trüffel: Juhu schwanger! Super!
Fehlgeburt 7.-8. SSW

5. SS:
Ich: Juli/August ist ein super Zeitpunkt zum Schwanger werden - das haut hin, Mädchen, wird so eine, die alles abkann und ruhig bleibt, sehr schnelle Geburt.
Trüffel: Ganz sicher ein Junge, 'Schatz, wenn du sagst, die Geburt wird schnell, dann glaub ich dir diesmal.'
We proudly present: Tochter Nr. 3 (das mit der Geburt wird sich schon noch zeigen).

Ich werde darum auch die Nomenklatur ändern und fortan von T1-3 berichten. Das erleichtert die Sache enorm.

Ich kann auch nicht sagen, woher ich das jedesmal wusste. Und das Geschlecht steht ja nun wirklich nicht auf der Liste der Dinge, die ich überhaupt beeinflussen kann. Obwohl, vielleicht hab ich gerochen, dass der Trüffel nur Spermien mit X-Chromosom produziert? Das sollte man mal untersuchen, findet Ihr nicht auch?
Jedenfalls, eindeutiger als dieses Ultraschallbild der Schamlippen kann's nun nicht mehr werden, der Trüffel bleibt der Hahn im Korb. 
Ich glaube auch nicht, dass er sich so unbedingt nen Jungen wünscht, ich vermute eher, dass ihm so langsam Angst und Bange wird, wenn er an seine Zukunft in diesem Frauenhaushalt denkt. 

Und ich? Bin wieder mal zufrieden. Nicht, weil ich Recht habe, sondern weil ich beruhigt bin, mich nicht an ein Bild von mir mit Sohn gewöhnen zu müssen. Ich kann mir das aus irgendeinem Grund einfach nicht vorstellen. Darum war es auch für mich klar, dass ich Töchter bekomme. Ok, ich gebe zu, das ist vielleicht eher ein Wunschtraum, aber dennoch kann ich mir bis heute nicht vorstellen, einen Jungen zu bekommen. Warum weiß ich nicht.

Und da mir diese Schwangerschaft so schwer fällt und ich doch erhebliche Probleme hatte bisher, mich auf das Baby zu freuen, bin ich nun umso glücklicher. Ich hab so dieses Bild vor Augen, das ich dann aufnehmen werde in 2 Jahren, wie meine blondgelockten Engelchen wie die Orgelpfeifen im Urlaub posieren. Dieses Bild werd ich dann nehmen und jedem zeigen, der es sehen will und dem Rest auch und voller Stolz sagen: Das sind meine Mädchen! 

Und wenn die Damen in die Pubertät kommen, dann werd ich dieses Bild hervorkramen und mich erinnern, wie orgelpfeifenmäßig sie damals posiert haben - und dann werd ich mir eventuell ein Glas Wein einschenken in der Hoffnung, dass sie sich nicht gegenseitig die Haare ausreißen…

Ja, ich weiß, das ist doch alles sehr kitschig, aber so ein Bild meiner Mädels wünsche ich mir schon sehr und ich bin sehr glücklich mit meinem Haus voller Prinzessinnen, die so gar nicht prinzessinnenhaft sind. Zumindest aber die hellblonden Locken und himmelblauen Augen entsprechen dem Klischee.


Der neue Arzt ist im Übrigen wirklich gut und in Ordnung, hat sich schön viel Zeit genommen, mich bestärkt, statt gedroht und auch verstanden, dass es beim dritten Kind auch ruhig mal ein Totalausfall sein darf. Schließlich ist die körperliche Anstrengung der Hammer und das soll auch so sein. Ich bin ja kein Roboter.

Auch darüber bin ich sehr froh, endlich jemanden gefunden zu haben, zu dem ich mit gutem Gefühl gehen kann. Und auch das Krankenhaus ist bereits entschieden. Es wird das Uniklinikum, wie beim letzten Mal auch. Dort war ich vor einigen Tagen, denn mir ging es spät abends plötzlich gar gut und so bin ich notfallmäßig in den dortigen Kreißsaal zur Behandlung. Und was soll ich sagen, vor allem die Hebammen dort waren echt super zu mir, trotz laufender Geburten. Und eine Hebammenschülerin hat mir Blut abgenommen, also sowas hab ich noch gar nie erlebt. Da kann sich so manche Schwester, Hebamme und Arzt ne diesen Scheibe abschneiden! (Ich wurde ja schon von Schülerinnen traktiert und auch die meisten alten Hasen bekommen es nicht so schmerzfrei und sicher hin bei mir, wie diese junge Dame.)

Nun, endlich das so lang erwartete positive Schwangerschafts-Update. Was bin ich erleichtert. Und wenn ich mir die obere Auflistung so anschaue: den ersten positiven Test hielt ich Ende September 2010 in Händen. Ich war also in 5 Jahren, 5 Mal schwanger und hab 3 Schwangerschaften ausgetragen. Irgendwie sollte es mich nicht wundern, dass mein Körper mit Erschöpfung reagiert. Eventuell hat er recht und ich sollte mal kindertechnisch einen Gang runterschalten, um mich zu erholen. Das Orgelpfeifenszenario ist ja nun nicht mehr so lang hin, da kann ich mir schon mal ne Pause gönnen...

Mittwoch, 18. November 2015

Mein Geburtsplan

Ich habe heuer einen Geburtsplan. Eigentlich hab ich den schon nach der Geburt des ersten Kindes erstellt und auch so durchgezogen, aber diesmal hab ich doch die Einzelheiten noch mal genauer definiert und abgeklärt und das quasi als mündlichen Vertrag aufgesetzt. 

Mein Geburtsplan lautet:
Ich schreie, kotze und verfluche den Trüffel. Er trifft alle Entscheidungen. 

Dieser wunderbare Plan ist einfach genug, dass ich ihn während einer Geburt auch hinbekomme. Allerdings scheint mein so ausgeklügelter Geburtsplan auf wenig Gegenliebe zu stoßen - jedenfalls bei 2 meiner 'Freundinnen', mit denen ich auf dieses Thema zu sprechen kam. 

Es scheint ihnen irgendwie zu wenig emanzipiert, zu übergriffig, zu wenig mein eigener Wille im Vordergrund zu stehen. Das wundert mich überhaupt nicht, ist doch immer nur die Rede von selbstbestimmter Geburt. Schon in der 2. Schwangerschaft hatte ich da so meine eigene Meinung dazu. Ok, diese speißt sich vor allem aus meiner eigenen Erfahrung, aber je mehr ich über dieses Thema nachdenke, desto sicherer bin ich mir: eine selbstbestimmte Geburt ist nix für mich allein.

Warum?

Ja, der Grund ist so einfach wie simpel: Mein Gehirn schaltet bei der ersten Wehe auf Notstrom. Atmen geht, Schreien geht, Kotzen geht und Fluchen. Der Rest ist komplett ausser Betrieb. 
Nach 2 Geburten kann ich definitiv sagen, ich bin unter der Geburt zu 0% fähig irgendetwas richtig oder gar vernünftig einzuschätzen, irgendeine sinnvolle Entscheidung zu treffen oder mir überhaupt irgendetwas so erklären zu lassen, dass ich es im Ansatz verstehen kann. 

Eigentlich ist das Einzige, das ich bisher bei beiden Geburten gedacht habe: Bitte bitte lieber Gott, lass es vorbei sein! Es soll einfach nur vorbei sein! Ich will das nicht! Ich kann das nicht!

Und ich bin Atheistin - wohl gemerkt. 

Mag ja sein, dass das Denkvermögen bei anderen Frauen in dieser Situation ganz wunderbar funktioniert. Für mich jedenfalls scheidet 'Denken' ganz klar aus. 
Aber das ist gar nicht schlimm, denn es ist ja nicht nur mein Kind, sondern zu ganzen 50% ist es das Werk des Trüffels. Und so war es schon bei der letzten und unabgesprochen bei der ersten Geburt so, dass er das Denken übernahm und ich ihm einfach vertraut habe, dass er das schon richtig macht. 

Dafür ist er auch genau der richtige Mann, denn er hat nicht nur Mathe und Physik, sondern auch Medizin studiert. Denken ist genau sein Ressort, ich übernehm den blutigen, handwerklichen Teil. 

Klar ist er bei Geburten auch aufgeregt. Es ist sogar so, dass ich trotz so mancher Dramatik kaum eine klare Erinnerung an die Geburten habe, aber der arme Trüffel jedoch tatsächlich bei der Geburt der Großen ein 'Geburtstrauma' gratis dazu bekam. Nicht, dass ich die Erfahrungen anderer Mütter in ein anderes Licht stellen möchte, aber Notstrom ist nicht unbedingt von Nachteil. 
Ich erinnere mich, dass die Schmerzen höllisch waren, der Rest jedoch ist eine wabernde Masse von unzusammenhängenden Momentaufnahmen, die mir noch nichtmal eine Rekonstruktion des Geschehens erlauben. Notstrom ist eher so ein lieblicher Trip, dem ich mich bisher bereitwillig hingab. Gegenwehr nützt ja eh nix.

Der Trüffel allerdings war bei klarem Verstand, konnte somit stets realisieren, wenn es ein Problem gab, wie dramatisch die Situation wirklich war und er reagierte, wie ein Lebewesen in dramatischen Situation reagiert: mit Angst. 
Nicht mit Panik, denn sonst würde ich mich nun nicht in seine Obhut begeben, aber sagen wir mal so, in der Situation selbst reagiert er logisch, die Verarbeitung der Geburten war und ist für ihn jedoch ne harte Nuss. Und die Aussicht auf noch eine Geburt weckt in ihm nicht grad die Partystimmung. 

Über die medizinisch doch sehr dramatische Geburt der Großen haben wir viel gesprochen. Ihm hilft das, dieses Trauma zu verarbeiten und für mich ist es sehr hilfreich die Geburt immer und immer wieder erzählt zu bekommen und langsam zu verstehen, was denn da wirklich los war. Ich kann mich ehrlich nicht erinnern.

Und je mehr ich über meinen Geburtsplan nachdenke, desto besser finde ich das ganze Konzept. Genau dafür ist der Mann ja da. Ich meine, Händchenhalten ist ja nun keine wirkliche Aufgabe. Aber sich erklären lassen, was passiert, ob und warum das medizinische Personal wie eingreifen will, darüber nachzudenken und eine Entscheidung zu treffen - das ist ne super wichtige und gute Aufgabe für den Mann während der Geburt. 
Männer sind ja in dieser Hinsicht nicht dümmer oder verantwortungsloser als Frauen. Aber sie haben geistige Kapazitäten frei, die vielleicht so mancher Frau - mir ganz sicher - während einer Geburt fehlen.

Klar kennt der Trüffel meine Wünsche im Voraus. Aber wenn ich dann nach Schmerzmitteln schreie soll gefälligst er mit Hilfe der Hebamme entscheiden, ob Tropf oder PDA. Die Hebamme kann gut einschätzen, wie der Geburtsverlauf wahrscheinlich sein wird und die Optionen und Folgen erläutern und der Trüffel bestellt dann das wahrscheinlich sinnvollste Medikament. Selbst wenn ich bei klarem Verstand wäre, könnte ich nicht mehr oder anderes handeln und entscheiden.

Diese Aufgabenteilung hat noch einen weiteren Vorteil, der nicht zu unterschätzen ist: Ich kann mir hinterher alles ganz genau immer und immer wieder erzählen und erklären lassen, bis sich es verstanden habe. Selbst wenn ich ein ungutes Gefühl nach der Geburt haben sollte, kann ich mir vom Trüffel 1000 Mal erläutern lassen, was passiert ist, welche Entscheidung welche Folge hatte und wie dann eins zum anderen führte. Das hilft bei der Verarbeitung solch wirklich überfordernder Situation, wie eine Geburt mit medizinischen Notfällen es definitiv ist, ungemein. Und es hilft nicht nur mir, sondern beiden Eltern. 

Damit keine Missverständnisse entstehen - auch ich möchte nicht, dass Ärzte nun ungefragt irgendwas mit mir anstellen und an mir herumdoktern. Ich gebe nicht die Verantwortung an der Krankenhaustür bedenkenlos ab. Ich gebe sie an den Vater des Kindes weiter, vorübergehend. Er kennt meine Wünsche, er kennt meine Reaktion, er wird abwägen, wer in welcher Situation Priorität hat - ich oder das Kind. Und klar wird er auf mich eingehen, mir auch emotional zur Seite stehen. Aber allzu viel kann er da eben nicht machen. 

Das fängt bei uns schon bei der Wahl des Krankenhauses an. Die überlasse ich ihm, denn er muss wissen, ob er das Personal dort für kompetent und passend hält. Ihn wird nicht interessieren, wie die Wandfarbe im Kreißsaal ist (hat mich ehrlich gesagt auch noch nie interessiert), er entscheidet rein nach seinen Maßstäben, wo seine Frau und sein Kind am besten aufgehoben sind. Sicher würde ich ihm sagen, wenn ich mit seiner Entscheidung nicht einverstanden wäre, aber objektiv gesehen, kann er tatsächlich die sinnvolleren Entscheidungen treffen und ich muss ihm da einfach vertrauen und mich darauf einlassen.

In all den Situationen, in denen ich mit Hormonen und logischem Denken überfordert war, hat er bisher verdammt gute Entscheidungen getroffen. Ist ja auch seine Aufgabe. Wenn ich etwas nicht entscheiden kann, muss er ran. So machen das Partner, sie übernehmen Verantwortung für einander. Sollte er mal nicht mehr in der Lage sein medizinische Entscheidungen zu treffen für sich selbst, muss ich das ja auch übernehmen. Ich hoffe, ich schlage mich dann auch so gut, wie er. 

Der Trüffel ist jedenfalls offenbar genau der Richtige Mann für diesen und weitere Fälle. Gut, dass ich zumindest bei ihm die beste Wahl getroffen hab (bei all den dämlichen Entscheidungen, die ich bisher im Leben so getroffen hab). Er ist der Mann meines Vertrauens und das sind nicht nur schöne Worte. Bei einer Geburt müssen eben doch alle herhalten, die für die Veranstaltung verantwortlich sind. 


Ich finde meinen Geburtsplan jedenfalls kein bisschen umemanzipiert. Im Gegenteil, ich nehme meinen Mann ganz selbstverständlich in die Pflicht. Ich mach meinen Job und press dieses Kind raus. Er macht seinen Job und arbeitet mit der Hebamme so kompetent wie möglich daran, dass wir alle heil aus der Sache rauskommen. Das ist sein Job. Das Kind hat auch einen Job, nämlich zu sagen, wann's denn los gehen soll und möglichst keinen weiteren Blödsinn anzustellen. Jeder macht seinen Job so gut er kann und für den Rest ist die Hebamme zuständig. 

Ich finde den Plan gut.

Und ich habe auch gemerkt, dass die beiden Geburten und mein Vertrauen in ihn unsere Beziehung sehr vertieft haben. Er musste sich dadurch mit mir, mit der Geburt und mit den Risiken auseinander setzen. Das hat seine Sicht auf mich und auch auf die Kinder wesentlich mitgeprägt. Wir sagen nicht nur, dass wir für einander einstehen, wir tun es auch.

Ich kann wohl verstehen, dass sich Frauen schwer tun, die Geburtsplanung aus der Hand zu geben. Es geht ja schließlich um den eigenen Körper und um das eigene Kind. ABER, es geht auch um Vertrauen und es geht auch für den Vater um die eigene Frau und das eigene Kind. Es geht um 'sich darauf einlassen' können und wollen, um Verantwortlichkeiten - und die liegen mitnichten einfach nur bei der Mutter. Der Vater des Kindes hat immer 50% der Verantwortung. Das muss Frau halt auch mal anerkennen. 

Wozu also sollte ich den Vater des Kindes mit in den Kreißsaal nehmen wollen um ihn dort als Zuschauer in die Ecke zu verbannen und die ganze Arbeit - auch die Aufarbeitung - alleine machen zu wollen? In dem Fall könnte ich schlicht gleich alleine, nur mit der Hebamme (die in den meisten Fällen nota bene weniger vertraut ist als der Kindsvater) die Geburt planen. Machen aber die wenigsten. Weshalb nur?

Im Grunde mache ich mit meiner Entscheidung genau das Gegenteil von 'die Verantwortung einfach abgeben'. Ich gehe nicht ins Krankenhaus und sage dort irgendwelchen Ärzten: 'So, jetzt machen Sie mal mit mir, was Sie wollen.' 
Nein, ich nehme jemanden mit, der mich kennt, dem ich vertraue und der per Definition schon Mitverantwortlich ist und sage: 'Hier, das ist mein Mann, dem muss jedes medizinisches Personal Rede und Antwort stehen, bevor in irgendwas eingewilligt wird. Der stellt Fragen, der beurteilt die Antworten und wenn die Antworten nicht gut genug sind, dann macht er allen die Hölle heiß, während ich grad mit Wehen beschäftigt bin.' 

So haben wir bisher, trotz Komplikationen, zwei selbstbestimmte Geburten hinbekommen. Nur eben nicht selbstbestimmt von mir, sondern selbstbestimmt von uns. Genau dafür hab ich schließlich nen Mann!

PS: Und wenn mir was nicht passt, dann kann ich ihn immernoch anschreien und kritisieren. Aber wenigstens steh ich dann nicht nem unbekannten, meist nicht greifbaren Arzt gegenenüber, sondern jemandem, mit dem die Auseinandersetzung sowieso auf einer anderen Ebene abläuft. Auch das ist Sinn und Zweck einer festen Partnerschaft. 

PPS: Ich finde die bisher rudimentäre Einbindung der Väter in die Schwangerschaftsvorsorge, die Geburtsvorbereitung, die Geburt selbst und die folgende Aufarbeitung derselben eine echte Schande! Warum sind diese Bereiche so fest in Frauenhand? Weil die Frau das Kind austrägt? Ein lächerliches Argument. Die Frau teilt bereitwillig ihren Körper mit dem Kind, aber die Verantwortung nicht mit dem Vater? Und wo sind die Hebammen, die den Frauen klar machen: Hier habt ihr den Vater des Kindes - benutzt ihn gefälligst! Der ist nicht nur Dekoration!

Da ist noch so einiges in Schieflage und diskussionswürdig. 
Mein Geburtsplan jedenfalls ist kein bisschen unemanzipiert. Er ist grundlegend feministisch und objektiv sinnvoll!

Dienstag, 17. November 2015

Wie ich einen Plan ersann, gleich eine ganze Helikopterflotte zu chartern

Ja, ich behaupte durchaus, eine total entspannte Mutter zu sein. 

Stillen? Ach, ich nehme das Fläschchen, wenn's geschickter ist. Beikostart? Wurscht, Hauptsache es schmeckt. Kita? Ne gute Betreuung und dann passt das schon, egal wie früh. Dem Kind geht's auch gut, wenn man als Mutter nicht am Rad dreht und alles perfekt machen will.
Klar, ich mach mir Gedanken - meine eigenen Gedanken - sind ja auch meine eigenen Kinder, aber bei mir gab's bisher kein Pekip, keinen Babykurs, keine Ratgeber, keine Apfelschnitze und kein Gerenne. Ich mach halt so gut wie alles, wie ich denk. Die Kinder werden sich schon melden, wenn's ihnen nicht passt. Den Rest werden sie wohl überleben. Total easy. Sogar schwimmen kann kann die Große bereits, obwohl wir nie einen Schwimmkurs besucht haben. Ich war halt bisher so naiv und dachte, wenn wir eh regelmäßig im Schwimmbad sind, dann kann ich ihr das auch zeigen, wenn sie Bock drauf hat. Wozu Geld und Zeit aufwenden, damit andere das erklären, was wir sowieso tun?

Sodann wachte ich vor einigen Tagen auf und fand mich als Hubschrauberpilotin wieder, völlig unerwartet und völlig überfordert, wo ich das riesen Ding denn nun landen sollte - so mitten in der Stadt.

Nun worum geht es? 

Es geht um diese eine Sache, die wohl die meisten Eltern manchmal zur Verzweiflung bringt, ebenso wie deren Kinder. Es geht um die Schule.
Eine gute Schule. Die richtige Schule. Die perfekte Schule für das perfekte Kind.

Und zack, wer so denkt hat schon verloren.

Wie es dazu kam?

Tja, die Große ist gerade 4 geworden und war somit bereits dran mit der amtsärztlichen Vorschuluntersuchung. Darüber hab ich auch gar nicht nachgedacht, denn wozu? Kind ist gesund, kann alles, weiß alles besser, macht alles. Kein Grund sich über irgendwas Gedanken zu machen.

Doch dann, dann fingen die anderen Eltern an im Kindergarten über die Infotermine in den Grundschulen zu fachsimpeln und ich fing an darüber nachzudenken, dass ich mich da mal informieren könnte/sollte/müsste. Das Kind wird ja nun auch nicht jünger. 
Und klar, sie wird erst 2017 eingeschult, aber nächstes Jahr hab ich dann 3 Kinder an der Backe - ein Baby - tja und ob ich da so viel Muse hab? Da nutz ich schlaues Weibchen doch die Zeit und begeb mich jetzt auf Grundschulsuche und dann ist das nächstes Jahr alles ganz einfach. Nur Anmeldung unterschreiben und fertig...

Ja, ich weiß, ich bin ein Depp. Ein totaler Idiot und der naivste Mensch der Welt.


Die perfekte Schule - Durchdrehen für besorgte Eltern - Schritt 1

Ich suchte also im Netz, wurde direkt befriedigt und fand schnell heraus, wie das hier läuft. Entweder man ist Hausfrau und kann sein Kind in die staatliche Grundschule schicken und um 12 Uhr abholen. Hortplätze gibt es unverschämt wenige und einen zu ergattern ist utopisch. Man könnte jedoch eine private Betreuung organisieren. 
Die eigentlich einzige Alternative: eine Privatschule. Der endlose freie Himmel für helikopternde Eltern - freien Flug für freie Bürger. 

Die Entscheidung fiel schnell - es wird nur mit einer Privatschule funktionieren.


Schritt 2: gut, besser, am BESTEN.

Was sind wir? 
ELTERN!

Was wollen wir?
DIE BESTE SCHULE FÜR UNSER KIND!

Nur falls einer fragt, Schule heute und Schule damals ist ja gar nicht mehr vergleichbar. Unzählige pädagogische Konzepte, bilingual, klassenübergreifendes Lernen, kleine Klassen, individuelles Lernen mit individuellen Lernplänen? Ist bereits Standard.

Und dann fand ich sie. Die perfekte Schule. Ich war verliebt. Die Rektorin - ein Traum. Der Personalschlüssel, unverschämt hoch. Die Lehrer, platzen vor Begeisterung und ich würde alle sofort heiraten, so emphatisch sind die. Die Sozialpädagogen, so engagiert, da bleibt kein Kind allein in der Ecke sitzen. Das Konzept: 'Wir sind nicht leistungsorientiert, sondern tun alles, um Ihr Kind in seiner natürlichen Neugier und Kompetenz zu unterstützen. Freies Lernen für glückliche Kinder!'

Ich saß da, auf dieser Infoveranstaltung, seufzte leise vor mich hin, entschwand in den Grundschulhimmel und war glücklich. Genau das Richtige für mein wunderbares Kind…

Ok, von den Wartelisten darf man sich nicht abschrecken lassen, die Hoffnung stirbt zuletzt, wir werden ganz sicher einen Platz in dieser Schule bekommen. Oder zumindest in einer mindestens genauso himmlischen anderen Schule. Oder in einer noch viel besseren, noch viel himmlischeren!


Schritt 3: Wunsch und Wirklichkeit

Gut, natürlich hat die ganze Sache einen klitzekleinen Haken. Aber nur einen kleinen, kaum der Rede wert. Ehrlich. 

Der Haken an einer Privatschule ist natürlich das Schulgeld. Es ist ein klein bisschen teuer. Nicht sehr. Ich mein, hey, wir haben alle studiert und super Jobs und bilinguale Kitas und weil das Kind doch unser Augenstern, unsere Zukunft ist, wird man doch wohl bereit sein, ein paar Euro zu investieren. Man bekommt ja schließlich auch was dafür!

Was also hätten Sie denn gern? 

Sicher nicht die billigste Schule, wo die Anmeldegebür 1000 Euro beträgt und das Schulgeld nur 400.- pro Monat. Dort gibt es aber keine zwei Lehrer plus einen SozPäd pro Klasse!

Also 3500.- müssen Sie schon für ne Anmeldung investieren. Da kommen dann monatlich nur 700.- Schulgeld dazu. A b e r, dann haben Sie auch komplette Ferienbetreuung und ne wirklich gute Schule!

Wer sein Kind aber wirklich liebt, der nimmt die Schule mit 7000.- Anmeldung und 1500.- Schulgeld. Das wird ja meist auch vom Arbeitgeber bezahlt (WTF Hääääääääää?). Dann, und nur dann, wird ihr Kind mit Geldzurückgarantie glücklich im Leben. 


Ich möchte anmerken, die Obergrenze ist da noch lange nicht erreicht in dieser so wunderbaren Stadt. 

Ich habe nun verstanden, weshalb alle die Akademikereltern, die Erfolgreichen mit den tollen Jobs, der super Karriere und dem erstrebenswerten Leben alle nur EIN Kind haben. Mehr als eins kann man verdammt noch mal gar nicht bezahlen!

Die Mami mit Nr.3 im Kugelbauch erntet leicht spöttische Blicke. Selber Schuld, haste halt die Zukunft deines Kindes versaut. Was musste auch Karnickel spielen? Hätteste mal vorher genau überlegt, statt zu rammeln…


Und so setzt langsam Ernüchterung ein. Die Helikopterflotte ist ganz eindeutig sehr viel zu teuer für uns.
Ich mein, die billigste Privatschule ist auch gut und hat ein Ganztagskonzept und eine Kantine und betreute Hausaufgabenzeit am Nachmittag. Ich mein, ich hab die Schule auch überlebt und die war lang nicht so fancy, wie diese Privatschule. Ich mein, der Großen würde es dort doch auch gut gehen. Sie findet dort doch auch Freunde, nette Freunde. Und sie wird dort auch viel lernen. Halt eher auf herkömmliche Weise. Ist eher wie ne staatliche Schule, nur mit Ganztagsbetreuung… (Dennoch bleibt dieser Stachel, dem Kind nicht das Beste vom Besten bieten zu können - zum allerersten Mal.)

Wenn diese vermaledeiten Helikopter nur nicht so im Sonnenlicht funkeln und glänzen würden mit ihrer Regenbogen-metallic Lackierung! Hätte ich mich doch nur von den Helikoptern fern gehalten. Zu ersten Mal frage ich mich, ob ich es bei so einer wichtigen Sache, wirklich richtig mache. Und was wohl passiert, wenn ich es versaue. 

Und dann schäme ich mich, denn bei meiner ganzen Begeisterung für Helikopter-Pädagogik hab ich mein Kind gar nicht mit eingerechnet. Wie komme ich eigentlich dazu, diesem so unglaublich fantastischen Kind nicht zuzutrauen, dass es auf einer normalen Schule zurecht kommt, Freunde findet und seinen Weg selbstbewusst und kompetent alleine geht? Ohne in Watte gepackt zu werden.

Ich hasse Helikopter!


Mittwoch, 4. November 2015

Gute Eltern haben keine Kinder im Trotzalter

Es ist ja verpönt, von Trotzalter zu sprechen. Wenn, dann heißt es Autonomiephase, das stellt das Kind nicht so in eine Ecke. Eigentlich aber, wenn man denn ein besonders gutes Elternteil ist, dann versteht man diese Zeit einfach als einen Abschnitt, in dem das Kind seinen eigenen Willen erfahren darf und daran wächst. 

Also, falls einer fragt: Ich habe ein Kind im Trotzalter. So banal und genauso brutal, wie es sich anhört. 
Dem Kind zumindest dürfte nämlich egal sein, wie ich das Getobe hier bezeichne und mir ist es das auch. 

Die Kleine ist nun schon etwas größer, gerade 2 Jahre alt geworden, und falls sich jemand erinnern mag - Rambos Nachfahre. Die Folgen, wenn Rambo mal tobt und so richtig wütend wird, werdet ihr euch eventuell ausmalen können. Wo Rambo draufschlägt, da wächst kein Gras mehr. Und wenn dir Rambo ne Basuka vor die Nase hält, dann läufst du entweder weg, oder du rammst ihm nen Raketenwerfer in den Bauch. 

Natürlich haben wir hier keinerlei Waffen, aber wir haben hier zur Zeit recht häufig Prügeleien. Denn so weit ich das Rambozamba auch abkann, die schwerwiegendsten Auswirkungen hat dieses Verhalten auf die Große.
Die war ja bisher eher die Besonnene, die selten widersprochen hat und keinerlei Aggressivität zeigte. In der Kita und hier zu Hause haben wir nun über ein Jahr zielstrebig daran gearbeitet, dass die Große sich traut Widerworte zu geben, ihre eigene Meinung zu finden und zu formulieren, 'nein' zu sagen, wenn sie etwas nicht mag, ihre Gefühle frei zu äußern, etc. Vor allem ich wollte, dass sie keine Hemmungen und Ängste hat und versteht, dass wir sie genauso lieb haben, auch wenn sie mal nicht tun mag, was man von ihr verlangt.

Man ahnt es, die Bemühungen tragen Früchte. Kind 1 holt die 'Autonomiephase' in vollen Zügen, wenn auch sehr viel reflektierter mit 4 Jahren, nach, und Kind 2 nimmt grad so richtig Fahrt auf. Es herrscht Krieg und Frieden im Hause Rosalie. Sehr oft Frieden, aber zunehmend auch mal Krieg.

Und da Nr.2 ja nun nicht gerade schüchtern ist und der geborene Angreifer gibt's halt öfter mal Prügeleien. Nr.1 würde ja eher in nen Heulkrampf ausbrechen, wenn ihr was nicht passt. Das macht sie auch, wenn ihr etwas nicht passt, das ich ihr sage. Aber mit der Kleinen Schwester läuft das anders. 

Irgendwer spielt mit irgendwas. Die Schwester kommt, nimmt das weg. Schlägerei. 
Irgendwer isst irgendwas. Die Schwester kommt, klaut das vom Teller. Schlägerei.
Irgendwer will nen Film angucken. Die Schwester kommt und will nen anderen Film. Schlägerei.

Die Eifersüchteleien werden drastisch mehr. Wehe eine sitzt auf meinem Schoß. Die wird von der anderen sofort angegriffen. Unabhängig davon, ob ich versuche, das zweite Kind auch auf den Schoß zu nehmen. Wehe die eine kommt in den persönlichen Bereich der anderen. da wird sofort zugeschlagen und getreten. Von beiden Seiten. Gut nur, dass ich den Kindern inzwischen das Beißen abgewöhnen konnte…

Doch selbst in diesen Situation kommt man eigentlich ganz gut an die Große ran, denn sie kennt inzwischen ja auch zunehmend Strategien, wie sie sich selbst wieder beruhigen kann.
Die Kleine hängt sich in den Ausflippsituationen regelmäßig auf, wie so'n PC mit Vista. Da hilft dann auch nur System runterfahren und neu booten. Und das kann schon mal dauern, denn die Hardware ist halt doch noch ausbaufähig. 
Und wie bei nem PC ist die einzige Möglichkeit zu reagieren, daneben zu sitzen und zu warten, bis der Neustart abgeschlossen ist. Oder sich in der Zeit nen Kaffee zu holen, was ich ja zur Zeit nicht kann, denn davon wird mir immer noch übel.

Also sitze ich oft da mit einem kreischenden Kind daneben (bloß nicht anfassen!) und warte. Wenn ich Pech hab kreischen gleich zwei Kinder (bloß nicht anfassen!!) und testen auch gleich, wem die Mama wohl mehr Aufmerksamkeit schenkt (bloß niemals anfassen, Trösten wollen oder gar mit dem Taschentuch hinterher gehen!!!). Hat Kind sich dann soweit beruhigt, dass ich es wage ein Wort zu sagen, stürmt Kind auf meinen Schoß (das wären dann meist insgesamt 4 Personen auf einem halbem Quadratmeter (K1, K2, Bauch und ich)) und das Trösten beginnt. Allerdings, wer zuerst aufhört zu Schluchzen hat verloren. 

Mit mir persönlich prügelt sich nur die Große, die inzwischen auch gern mal zuschlägt, wenn ich auch nur die kleinste Kleinigkeit verbiete. Bevor ich zur Erklärung komme, hab ich schon die Faust in den Rippen, oder den Fuß im Bauch. Das hat sie als effektive Methode ausgelotet, mich loszuwerden.
Die Kleine geht jedenfalls nur auf ihre Schwester los. Bei mir schreit sie 'ausschließlich'.

Und so gehöre ich nun zu den Müttern, deren Kind mitten im Supermarkt einen Tobsuchtsanfall bekommt und sich auf dem Boden wälzt, gerne wird sich auch im Sand auf dem Spielplatz gewälzt, oder gleich mitten auf der Strasse. 
Gerade übe ich mit der Großen, dass sie in diesen Situationen bei mir bleibt, keinen Blödsinn anstellt oder gleich vors nächste Auto läuft. Wie das mit dreien dann gehen soll, ist mir noch nicht so wirklich klar, aber man wächst ja mit seinen Aufgaben.

Besonders genieße ich diese Morgende, in denen ich ausschließlich von allen Seiten nur 'NEIN'! höre:
Aufstehen? Nein!
Schlafanzug ausziehen? Nein!
Auf Toilette/Töpfchen? Nein! 
Windel anziehen? NEEEEEEEEEIN!
Und dann ist es auch schon vorbei, denn wenn die Kleine morgens schreit, ist die morgenmufflige Große direkt genervt und schreit zurück. Schlägerei. Beide Kinder toben, Keiner beruhigt sich. Keiner kann sich innerhalb irgendeiner nützlichen Zeitspanne anziehen oder Zähne putzen. Man kennt das. Irgendwann kann ich zwei total verausgabte Kinder im Kindergarten abgeben und bin fix und fertig. Der wachsende Bauch macht es interessanter, aber nicht einfacher.
Hatte ich erwähnt, dass der Trüffel ein ausgesprochen ausgeprägtes Morgenmuffeltum pflegt? Wenn der dann auch noch rumschreit, dann kann ich eigentlich einfach wieder einpacken und zurück ins Bett, denn dann toben 3 so vor sich hin…

Bisher bleibe ich auch beim Dauer'nein' recht ruhig. Wenn's mir zu viel wird, lass ich durchaus mal einen Schrei los, was meist auch hilft, die Kinder aus ihrem Vorsichhinbrüllen zu holen und anzusprechen. 
Eine Lösung für das körperliche hab ich aber noch nicht gefunden. Denn Nr.2 macht gerne aus einem Wutanfall, eine Wutanfallkette - auch wenn sie sich zwischendurch wieder beruhigt. Aber das geht schon mal: Windel anziehen - toben. Strümpfe anziehen - toben. Unterhose anziehen - toben. Unterhemd anziehen - toben. Hose anziehen - toben. Pulli anziehen - toben. Haare kämmen - toben. Zähne putzen - doppeltoben. Waschen - toben. Eincremen - toben. 
Diese Liste kann man beliebig verlängern. Die Dame mit einzubeziehen funktioniert noch nicht. Ich soll all das machen. Sie will nicht selbst. Ihr Zeit geben funktioniert auch nicht. Bevorzugt zieht sie sich wieder nackt aus oder tobt, weil sie es nicht hinbekommt. Und irgendwie erscheint mir das wenig zielführend. 
Derweil nölt die Große dann wieder rum…

Trotz allem, haben die beiden Damen eine wunderbare Beziehung, auch weil ich nur eingreife, wenn es haarsträubend wird. Aber sie lieben sich und sind tatsächlich unzertrennbar. 

Doch ich muss sagen, dieses 'es ist so wichtig, dass sie sich ernst genommen und geliebt fühlen und sich entfalten dürfen' euphorisch zu zelebrieren, liegt mir ziemlich fern. Ich tendiere dazu klare Grenzen einzuhalten und vor allem die Kleine auch körperlich einzuschränken. Denn wenn die richtig tobt, wird sie wirklich gewalttätig. Genauso tendiere ich dazu sie unter Protest einfach anzuziehen, denn meine Geduld hat Grenzen. Und nackt kann ich dieses Kind ja nun nicht zur Kita bringen. Eigener Wille ist ok. Aber nicht immer und überall. Ausflippen ist auch ok, aber irgendwann bremse ich das Kind dann aus, denn die Kleine kann sich einfach noch sehr schlecht selbst regulieren. Autonomie gern, aber innhalb dessen, was im Familienverband funktioniert und worunter nicht alle anderen leiden. Auch die Freiheit eines Kleinkindes endet genau da, wo die Freiheit der anderen Familienmitglieder anfängt. 
Und zudem finde ich, ich bin die Mutter und grundsätzlich sage ich, wo's lang geht. Wenn ich sage, jetzt ist Anziehen und Kita angesagt, dann diskutiere ich nicht darüber. Dann gebe ich den Kindern etwas mehr Zeit, aber Grundsatzdiskussionen führe ich mit kleinen Kindern prinzipiell nicht. Entscheidungen treffe ich und helfe den Kindern diese mitzutragen, auch wenn sie keinen Bock drauf haben.