Donnerstag, 23. Juli 2015

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Kennt ihr das noch? Haben wir im Kindergarten früher gespielt - genauso wie Vater, Mutter, Kind. 
Könnt ihr euch erinnern an das Spielen? So ganz unbeschwert? Ohne Sorge? 

Wir sind alleine zur Schule gestiefelt. Oder mit dem Fahrrad durch die Gegend gebrettert und unsere Freunde haben uns dann aus dem nächsten Busch am Ende der Straße gefischt. Oder wir streunten sonst irgendwo herum. Mir jedenfalls lief damals niemand hinterher, zu Kindergartenzeiten. 

Zumindest erinnere ich mich nicht daran. 
Gut, ich komme aus einem kleinen Dorf, aber wir haben auch an der Hauptstraße gewohnt. Die war auch in den 80igern stark befahren. Und ich hab mich auch ohne Helm öfter mal filmreif über den Lenker meines Fahrrades begeben oder bin vom Baum gefallen. Hatte halt Glück.

Nun lese ich heute einen Artikel in der Zeit, in dem es darum geht, ob man kleine Kinder noch nackig rumspringen lassen darf. Und ich wollte da sowieso was drüber schreiben, denn vorgestern waren wir beim Kinderturnen. Und wir waren draußen aufm Spielplatz und es gab riesige Mengen an Wasserbomben und die Kids liefen in Unterhosen herum und wir Mütter versuchten nicht grad patschnass nach Hause radeln zu müssen… 

Und da sprach auf einmal eine Mutter: 'Habt ihr den gesehen?' Sie zeigte in eine Richtung und wir drehten alle unsere Köpfe und sahen: nix. 
'Da war gerade ein Mann. Habt ihr den nicht gesehen?' Nee, hatten wir nicht. Wir guckten wohl alle recht verständnislos, denn sie fügte noch an: 'Ich werd da immer unruhig, wenn da so ein Mann ist und den Kindern zuschaut. Ich komm halt aus ner großen Stadt.'

Und in dem Moment dachte ich zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder an das Spiel von damals: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Ich muss jetzt mal ehrlich sagen, dass ich in dieser Hinsicht nicht wirklich ängstlich bin. Im Supermarkt flitzen meine Kinder immer so durch die Gänge. Ich habe ihnen eingeschärft, nichts aus den Regalen anzufassen. Aber meist habe ich keine Ahnung, wo sie sich rumtreiben und wenn der Wagen voll ist, zuckel ich immer laut ihre Namen rufend durch die Gänge und sammle sie wieder ein. Auf dem Spielplatz gehe ich eigentlich nie nach den Kindern schauen, denn sie wissen ja wo ich bin und entweder eine kommt mich holden, falls was passiert ist, oder ich sammle auch hier wieder alle ein, wenn wir dann gehen. Meine Kids laufen zum Glück nicht dauerhaft weg. In der Stadt im Café in der Fußgängerzone lasse ich sie laufen mit dem Hinweiß, sich von Glasscherben freizuhalten. So kann ich in Ruhe Kaffee und Kuchen genießen und hole sie meist danach bei irgendeinem Straßenmusikanten wieder ab.

Meine Kinder sind oft nicht in meiner Sichtweite. Nur im Schwimmbad achte ich natürlich darauf, denn sie können beide noch nicht schwimmen. 

Und die fremden Männer? 
Ich gebe zu, da hab ich überhaupt keinen Sensor für. Mir fallen keine Männer auf Parkbänken auf, die Kindern nachstarren. Entweder gibt's von denen nicht gar so viele, wie uns in den Medien erzählt wird oder die wissen, dass sie nicht so auffällig starren sollen. Mich jedenfalls stören fremde Männer nicht. 

Ich habe auch das Gefühl, dass hier bei uns die meisten Menschen recht entspannt sind mit kleinen Kindern. Ich habe 2 kleine blonde Töchter und die lasse ich im Schwimmbad nackt auf unserer Decke rumsitzen. Sie laufen nackig zur Dusche, wir duschen in Gemeinschaftsduschen und ziehen uns in Gemeinschaftsumkleiden um. An dien ganz heißen Tagen laufen sie auch draußen nur mit Unterhöschen herum, aber mehr, weil sie sich sonst überall den Po aufkratzen, weil sie sich überall hinsetzen müssen. 

Meine Kinder sind es gewohnt nackt herum zu laufen und fühlen sich damit auch pudelwohl. Sie sind auch von uns Eltern viel nackte Haut gewohnt, wenn auch eher in unserer Wohnung. 

Man muss schon aufpassen, wie man das mit den nackigen kleinen Kindern sieht. Wir alle halten es für falsch, jeden Mann unter Generalverdacht zu stellen, aber das Problem scheinen mir auch gar nicht die Männer zu sein. Das Problem scheint mir zu sein, überall eine Gefahr zu wittern. Sicher wollen wir unsere Kinder beschützen. Nur ist es schwer zu erkennen, wo denn jetzt die wirklichen Gefahren lauern und so erklären wir einfach alles und jeden zur potenziellen Gefahr für den Nachwuchs. Und vermitteln dem Nachwuchs auch so gleich, dass alles und jeder wirklich gefährlich ist. Unserer Kinder werden dann nie die Chance haben, Gefahren realistisch einschätzen zu lernen. 

Ich muss sagen: Wenn ein Mann auf einer Bank sitzt und den Kindern im Sommer bei einer Wasserschlacht zuschaut, dann gibt es dafür 1000 Gründe. 1 davon kann sein, dass ihn das erregt. 

Meine Reaktion darauf ist: Und wenn schon? Ich kann nix dagegen tun und der Mann nix dafür. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er sich aber nicht mein Kind schnappen und mitnehmen, schon gar nicht, wenn ich als Mutter in der Nähe sitze. Er wird sich allein in seiner Wohnung ausleben. 
Ich heiße nicht gut, was er tut, aber für mich und meine Kinder ist das in der Tat ein marginales Problem. 
Statt Pädophile pauschal anzugreifen, muss man ihnen helfen. Und die fremden Männer, die Kinder auf dem Sportplatz zuschauen sind dabei unser geringstes Problem. Ein Problem sind die Missbrauchsfälle, die in Kinderzimmern stattfinden. Ein Problem ist die Kinderpornographie, die sich aus Vergehen an Kindern speißt. 

Und ein Problem finde ich auch den Umgang der Gesellschaft mit Kindern. Mütter kleiden ihre Kinder gern mit Mode und Assecoires, die eigentlich erwachsenen Frauen dienen,um ihren Körper zu betonen. Da in geschätzt ca. 98% der Fälle Frauen Kinderkleidung aussuchen, muss ich mich da schon fragen, ob das nicht schizophren ist. Kleinkinder rennen in Bikinis und Badeanzügen durchs Freibad, statt mit Badehose. Als gäbe es etwas zu verdecken bei Kleinkindern... Einige tragen Schmuck und Kinderkleidung, die nicht kindgerecht, dafür der letzte Schrei in der Erwachsenenmode ist. Mütter kleiden ihre Töchter in Hüftjeans und Bikinis, aber sie haben Angst vor dem einen Mann, der womöglich Kindern beim Spielen zuschaut, weil er seinen eigenen vermisst. 

Irgendwo ist da der Haken, denn wenn wir mal auf die Statistik schauen, dann haben meine Kinder sehr sehr gute Chancen durchs Leben zu kommen, ohne einem fremden pädophilen Mann in die Hände zu fallen. Mein Job als Mutter ist es demnach ihr subjektives Gefühl für Gefahren nicht ganz von den offiziellen Zahlen loszulösen. 

Meine Kinder sollen sich in ihrem eigenen Körper wohl fühlen und sich (noch lange) nicht Gedanken darüber machen müssen, was andere über ihren Körper denken. Die Chance, dass Mütter ihren Kindern die Welt vermiesen durch übermäßiges Misstrauen ist wesentlich größer, als dass sie durch einen pädophilen Serienvergewaltiger traumarisiert werden. Und dieses Misstrauen wird ihr gesamtes Leben prägen und ihnen viel Lebensfreude nehmen. 

Manchmal müssen wir Erwachsenen eben doch besser bedenken wie wir uns im Alltag verhalten und was wir auf unsere Kinder projizieren. Ein rosa Mini-Bikini mag süß aussehen. Aber faktisch sagt er, dass die Mutter, die ihn ausgesucht hat nicht nachgedacht hat und ihre kleine 2jährige Tochter unbeabsichtigt sexualisiert.

Im Kindergarten hatten sie übrigens in dieser heißen Zeit ein Planschbecken im Garten aufgebaut und ratet mal, welches Mädchen als einzige eine Badehose anhatte? Genau. Genau genommen hatten sie eine lange Jungsshorts an und sie hat sich als einziges Mädchen weder Knie noch Po beim rumtoben aufgeschürft, denn oh Wunder - mit einem nassen Bikini sollte man dann eben gerade nicht auf der heißen Rutsche in den Sandkasten rutschen. 

Eltern machen schon oft paradoxe Sachen. Aber wer will, kann ja hinzulernen.

Hier in HD sehe ich jedenfalls viele nackige Kids - auf dem Wasserspielplatz, an Badeseen, in Brunnen und auf Wiesen und beim Eisessen im Freibad auf Papas Schoß. Und das gehört auch so!

Donnerstag, 9. Juli 2015

Guten Abend, Gute Nacht.

Ich mach jetzt mal was ganz Blödes: Ich erzähl euch, dass meine Kinder von Beginn an total easy Schläfer waren. Jaja doch, das stimmt und jetzt dürft ihr mich auch laut verfluchen und beschimpfen. 

Ich mach das natürlich nicht, weil ich so unglaublich doll damit angeben will. Das ginge ja nur, wenn ich irgendeinen essentiellen Anteil daran hätte. Aber ich glaub, das hab ich gar nicht. Ich glaub, die waren einfach schon immer von selbst so.

Und genau darüber wollte ich eigentlich schreiben. Also darüber, ob und inwiefern wir Eltern überhaupt durch 'Erziehung' irgendwas leisten können oder auch nur unsere Kinder beeinflussen. 

Ich mein, klar, Eltern können ihre Kids immer zu irgendwas zwingen. Und auch bei heftiger Gegenwehr, können wir die Auseinandersetzungen locker gewinnen. Befehl statt Diskussion - eine einfache Masche, kombiniert mit Ohrstöpseln und fertig. Aber wer von uns will das schon wirklich? Ich mein, so generell? Zwang meine ich also nicht, wenn ich über Erziehung rede.

Was ist überhaupt Erziehung?
Dieses Wort steht ja auf vielen Büchern, in Zeitschriften und man hört es oft von Menschen. Sogar studieren kann man das. Erziehung scheint etwas Wichtiges zu sein im Umgang mit Kindern. Ich assoziiere mit Erziehung: Anleitung, Bildung, Vermittlung von Regeln und Werten, aber auch Durchsetzung von Macht. 

Wikipedia definiert Erziehung so: 
Unter Erziehung versteht man die Einübung von Kindern und Jugendlichen (im Jargon manchmal: „Edukanden“) in diejenigen körperlichen, emotionalencharakterlichensozialenintellektuellen und lebenspraktischen Kompetenzen, die in einer gegebenen Gesellschaft oder Kultur bei allen Menschen oder bei allen Trägern bestimmter sozialer Rollenvorausgesetzt werden. 
Und weiter heißt es: 
Das Wort „erziehen“ geht auf ahd. irziohan („herausziehen“) zurück und nimmt unter dem Vorbild des Wortes educare (lateinisch für „großziehen“, „ernähren“, „erziehen“) bald die Lehnbedeutung „jemandes Geist und Charakter bilden und seine Entwicklung fördern“ an (Duden: das Herkunftswörterbuch: Etymologie der deutschen Sprache. 4. Auflage. 2007.)

Ich gebe zu, bevor ich mich in die Literatur dazu gestürzt habe, habe ich diese Wiki-Definition gelesen und - naja, war nicht sonderlich begeistert. Diese Definition drückt überdeutlich aus, weshalb ich das Wort 'Erziehung' nie verwende und auch nie sagen würde, ich 'erzöge meine Kinder'. Und diese Wiki-Definition zeigt auch wunderbar auf, dass das, was man 'landläufig' unter Erziehung versteht keine allgemeingültige Definition ist. 

Treffend fand ich auch dieses „jemandes Geist und Charakter bilden und seine Entwicklung fördern“. So etwas getraut man sich auch nur Kindern gegenüber zu behaupten. Die Verwendung des Wortes 'Erziehung' impliziert, dass Kinder geformt, gebildet und gefördert werden müssen. Ich weiß nicht, inwiefern Eltern in Deutschland im Jahr 2015 den Gedanken bejahen, dass Kinder unfertige Menschen sind, die man frei formen kann. Ich jedenfalls finde diesen Gedanken respektlos. 
Aber die Tatsache, dass es so viele Erziehungsratgeber, Erziehungstipps und Diskussionen über 'die richtige Erziehung' gibt, lässt mich schon vermuten, die meisten Menschen meinen ihre Kinder durch intensive Bearbeitung zu einer Art optimalen Produkt formen zu können.  
Da die Wissenschaft ganz wunderbare Zusammenhänge von Genetik und Verhalten erforscht und aufdeckt, lohnt es sich aber darüber nachzudenken, ob man das Wort 'Erziehung' nicht ganz aus dem Wortschatz streichen sollte. Denn wer hier wen wann wohin zieht ist längst keine geisteswissenschaftliche Fragestellung mehr. Und die Unterstellung, man könne einen Charakter aussuchen, verändern oder gar formen ist eine seltsame Illusion. Es kristallisiert sich heraus, dass was, wie und wer ein Mensch ist, im wesentlichen davon abhängt, wie die Umwelt die genetischen Möglichkeiten eines Kindes reguliert.


Ich will nun auch keine Abhandlung über das Thema schreiben, denn ich habe mich gerade einmal in einige vertiefende Literatur eingelesen und das reicht keinesfalls um hier große Töne zu spucken. Ich habe jedoch darüber nachgedacht, wie das mit der Erziehung hier bei uns läuft und wie ich das so generell finde und was das mit dem Schlaf meiner Kinder zu tun haben könnte. 

Das Thema Schlaf wähle ich, weil es in jedem Ratgeber vorkommt. Es ist unter Eltern ein großes Thema, weil es an die eigene körperliche Kraft geht. 
Ich möchte hierbei nicht in Abrede stellen, dass es sicherlich sehr viele Tipps und Tricks gibt, die beim Ein- und Durchschlafen eines Babys hilfreich sein können. Allerdings suggeriert das Thema Schlaf in Erziehungsratgebern, dass Eltern ihren Kindern das 'richtige' Schlafen irgendwie beibringen könnten oder müssten.
Für mich fängt schon da die ganze Misere an. Physiologisch gesunde Kinder können von selbst schlafen. Das muss denen keiner beibringen. Föten, die nicht Schlafen, sterben schon recht früh in der Schwangerschaft. Alle anderen können schlafen. Ein recht einfaches System. Wenn man also nach der Geburt ausschließt, dass ein Baby wegen Schmerzen oder sonstiger physiologischer Probleme nicht ausreichend schläft, kommt schnell die Erziehung ins Spiel. 

Und da wird es schwierig. Denn kleine Kinder schlafen schon, nur nicht immer dann und so, wie es den Eltern in den Kram passen würde. Mit Schreibabys muss man sicherlich noch einmal anders umgehen, aber bei so einem ganz normalen Baby - da braucht es keine Erziehung in Sachen Schlaf. Denn Schlaf ist etwas ganz individuelles, abhängig auch von der Gehirnentwicklung und leider recht unkompartibel mit unserem durchgetakteten Leben in der Leistungsgesellschaft. 
Und darum stört mich auch diese Verknüpfung von Erziehung und Kompatibilität . Babys sollen mit Hilfe von Tricks in unseren normalen Alltag integriert werden, damit wir weiter ungestört funktionieren können. Ein absolut menschenverachtender Anspruch in vielerlei Hinsicht. 

Die Folge davon ist, dass Erziehung nicht einfach eine gewisse Anpassung durch Erlernen von Regeln ist, die einer Gesellschaft das halbwegs friedliche Zusammenleben ermöglicht. Erziehung soll aus Individuen funktionsfähige Maschinen machen. Für mich ist da nur schwer ersichtlich, wie Erziehung Raum für Menschlichkeit lassen soll und demnach sind Erziehungsratgeber für mich wenig mehr als Betriebsanleitungen für kleine Menschen. Sie berücksichtigen kaum, wie diese sind, sondern widmen sich der Frage, wie diese sein sollen und was man macht, wenn etwas defekt ist. 

Dabei bezweifle ich, dass Eltern ihre Kinder generell als fehleranfällige Maschinen ansehen wollen. Ich kann auch verstehen, wenn Eltern wirklich nicht wissen, wie sie genug Schlaf bekommen sollen und überhaupt das alles schaffen sollen. 
Ich bemängele aber, dass Eltern zuerst mal den 'Fehler' beim Kind suchen. 

Statt zu lernen, wie man richtig atmet sollten sich Eltern im Geburtsvorberietungskurs in der Diskussion mit anderen bewusst werden, dass die bevorstehende Veränderung nicht mit dem bisherigen Leben kompatibel ist und dass sie das einfach durchstehen müssen ohne etwas daran ändern zu können. Man kann ein Baby nicht in ein typisch westliches Erwachsenenleben pressen. Und das geht trotzdem auch nicht, wenn einer zu Hause bleibt. Es betrifft immer alle Personen im Haushalt. Immer. Jeder muss ran und so gut wie möglich situationsbedingt aushelfen. Jeder Mensch in dieser Familie wird sein Leben anpassen und verändern müssen, wenn ein Baby geboren wird. DAS sollte man den Leuten vermitteln und die Ratgeber reinschreiben.

All diese Ratgeber sind ja nur nötig, weil die Konflikte aus der Illusion entstehen, dass alle das gleiche zur gleichen Zeit wollen und können. Und wenn nicht: was nicht passt, wird passend gemacht. 
Das ist absolut fatal. Eltern, die wirklich an Schlafmangel leiden, werden Erziehungstipps aufgedrückt, statt ihnen klar zu machen: Finde jemanden, der auf das Baby aufpasst und geh selbst direkt ins Bett. Es funktioniert nämlich nicht, den Babyschlaf an die Elternbedürfnisse anzupassen. Babys funktionieren nicht so. 
Und es funktionieren auch nicht alle Eltern gleich. Manche können mit stückchenweise Schlaf nicht gut zurecht kommen. Aber steht in irgendeinem Ratgeber: Scheiß auf Supermami und Vollstillen! Gib das Baby einen Tag lang zu Papa/Oma/Tagesmutter/Kita/Freundin, geh heim und schlaf dich aus! 

Nein, das steht nirgendwo. Es steht da: reduziere den Stress bei Babybesuch. Lass dich bekochen. Oder besser noch: Bekoch dich selber indem du vor der Geburt die Gefriertruhe füllst. 

Das einzige was dabei rauskommt ist, dass alle Bedürfnisse von allen Beteiligten gleich wenig wert sind und gleich wenig Gehör finden. So sieht Erziehung heute nämlich aus. Keine Spur von: Lerne dich und dein Gegenüber wirklich kennen, akzeptiere die Veränderung und gestaltet euren Alltag zusammen. Sondern: Jeder von euch soll sich so verbiegen, dass ihr im Leben stets produktive Maschinen seit. 

Vielleicht kann ich mir diese Meinung auch nur leisten, weil ich Kinder habe, die schon immer gut geschlafen haben. Ich habe beide lange mehrfach nachts gestillt, die Schalfqualität hat sich phasenweise immer wieder komplett verändert und ich wache jeden Morgen durch Kinderfußtritte auf. Aber das empfinde ich als normal. Ich hatte nie das Bedürfnis daran etwas zu ändern, auch wenn ich müde bin. Wer nachts immer nur seine Ruhe haben will, der muss Single sein mit eigener Wohnung. So einfach ist das. Und bei uns wird das eben so lange dauern, wie es dauert. Zur Zeit schläft die Kleine mit fast 2 Jahren am besten ein, wenn sie auf meinem Bauch liegt. Also leg ich sie auf meinen Bauch und bleib so lang liegen, bis sie fest schläft. Wo ist das Problem? Bleibt halt der Haushalt liegen, gibt's halt keinen Film oder kein Buch. 

Und obwohl meine Kinder nicht von Anfang an durchschliefen und das oft heute noch nicht tun, obwohl sie noch nie in ihrem Leben allein in einem Bett geschlafen haben oder alleine eingeschlafen sind, finde ich, sie schlafen gut. Denn jeder hat eben seine eigenen Bedürfnisse und so lange ich meine erfülle, so lange erfülle ich auch gerne die meiner Kinder. Ganz ohne Erziehung.

Freitag, 3. Juli 2015

Es gibt Dinge...

…die glaubt man nicht, wenn man's nicht selbst erlebt hat. Reden wir zum Beispiel über die vielen dummen Sprüche und Klischees übers älter werden. 

Ok, wirklich alt bin ich nun nicht, aber ich kann die Anzeichen tatsächlich beobachten. Kennt ihr das?

Klischee Nr.1: der Körper

Nun, gegen die Lachfältchen hab ich ja gar nix, aber ich hätte mir ernsthaft vor 10 Jahren nicht vorstellen können, dass mein Po je kleine weiche Dellen haben könnte, die sanft wackeln, wenn ich laufe. Oder diese schreckliche Vene an meinem Oberschenkel, die sich sicherlich zu einer Krampfader entwickeln wird. Ich weiß nun auch, wozu ein BH wirklich da ist. Vor 10 Jahren hab ich mich tatsächlich gefragt, wozu ich einen tragen soll, so straff war da alles. Mein Körper ist - sagen wir mal diplomatisch - weicher und kuschliger geworden. 

Klischee Nr.2: Gesundheit

Kennt ihr das: schwere Beine am Abend? Rücken? Ihr liegt im Bett und mögt euch nie wieder bewegen? Wäre mir mit 20 nicht in den Sinn gekommen. Ich hatte Energie für zwei. Keine meiner Gliedmaßen beschwerte sich für geleistete Überstunden. Ich wurde nie krank. Ich konnte locker den ganzen Tag mit Absätzen laufen, ohne zusammen zu brechen. Fragt mich heut mal. Ich brech jetzt schon zusammen, wenn ich 20jährige auf hohen Schuhen auch nur anschaue!

Klischee Nr.3: Ernährung

Spätvorstellung im Kino und danach noch zum goldenen M auf ne Pommes? Wer erinnert sich, wann er das zum letzten Mal gemacht hat? Schaue ich nun in meinen Kühlschrank, finde ich viel Gemüse, Salat, etwas Fleisch und Wurst. Und Yoghurt! Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Yoghurt statt Snickers zwischendurch esse. Ich hab ein Brot zu Hause, dass aufgegessen wird bevor es verschimmelt im Müll landet! Ich mein, echt jetzt? Aber was soll's, man muss sich ja vernünftig ernähren… ihr wisst schon.

Klischee Nr.4: Männer

Ich bin nun in einem Alter, wie soll ich sagen: also die Männer um mich herum tragen keine Sneaker mehr. Aus. Vorbei. Lederschuhe und Stock im Ar***. Ordentlich frisiert oder auf lässig getrimmten 3-Tage-Bart. Wo ist die gute alte Zeit hin, da Kerle noch volles Haar hatten und keinen Scheitel? Aber mei, so komm ich schon gar nicht auf dumme Gedanken.

Klischee Nr.4: Frauen

Früher war das vollkommen egal, heute heißt das Hauptunterscheidungsmerkmal von Frauen: Mutter oder Kinderlose. Hab ich mich früher immer gefragt, wie es kommt, dass die Mütter zu Hause bleiben und warum sie sich in diese Schiene drängen lassen, so weiß ich es heute. Hätte ich jemals erwartet, dass mir das passiert? Nein. Ist es mir passiert? Ja. Werden Väter anders gesehen als Mütter? Ja, vor allem bei der Arbeit. Müssen Mütter da mehr kämpfen? Ja. Hätte ich so ehrlich nicht erwartet mit 20. Da dachte ich, wir seien doch schon weiter. Aber damals hätte ich auch nicht gedacht, dass ich es schaffe, die Situation umzukehren. Dennoch, was war ich naiv mit 20.

Klischee Nr.5: Arbeit

Das ist einfach. Früher dachte ich, Menschen mit 40, 50 oder 60 hätten mehr Ahnung als ich, darum seien sie Chefs und ich müsse eben von vorne Anfangen. Heute weiß ich, die sind nur älter, aber nicht klüger, haben nicht mehr Ahnung von der Arbeit, ihre Erfahrung hilft ihnen oft auch nicht weiter, sie sind fast immer überfordert, weil die Aufgaben schneller gewachsen sind, als der Charakter. Mit 20 dachte ich, wer am besten arbeitet kommt am weitesten. Heute weiß ich, die Qualität der Arbeit hat leider viel zu wenig Anteil an der Karriere von Menschen.

Klischee Nr.6: Familie

Ja, ich geb es zu, ich bin total zum Familienmensch mutiert. Nix Freiheit und Unabhängigkeit um jeden Preis. Nix von wegen, alles alleine machen und 6x im Jahr bei Muttern anrufen und Lebenszeichen hinterlassen. ABER - und das möchte ich mal ganz klar sagen: Eine Familienkutsche kommt mir nicht ins Haus! Lieber kaufe ich nen zweiten Sportwagen oder nehme den ÖV! Auf keinen Fall nen Van! Und ein Haus bau ich auch nicht! Und ich kauf auch keines! Niemals! (Ihr seht, eine letzte rebellische Bastion ist mir noch geblieben. Fragt mich in 10 Jahren noch mal… *kopfschüttelnd ab)


So, liebes Ich von vor 10 Jahren. Jetzt schauste aber. Hättste das gedacht, was aus mir wird? Nee? Aber ich kann dich beruhigen, mein heutiges Ich ist ganz zufrieden damit. Aber fragt mich bloß nicht, wie es so weit kommen konnte. Ich hab ja keine Ahnung!