Freitag, 29. Mai 2015

Look at me

Heute muss ich mal erklären, warum es so schwer ist, die Kinder nicht ungerecht und ungleich zu behandeln.

Keine Sorge, es liegt nicht an mir, sondern daran:


Meine Kinder sind, natürlich, total obersüß! Alle Anwesenden haben per Dekret sofort dahinzuschmelzen ob des natürlichen Zaubers meiner Prinzessinnen.
Aber ernsthaft, das Aussehen meiner Töchter birgt 2 Aspekte, mit denen ich nicht gerechnet habe.

Unabhängig von den ganzen älteren Damen im Supermarkt, die das Kindchen ja so niedlich finden, sind meine Töchter begehrt. Junge Männer sprechen mich an, wie süß meine Mädchen sein. Eigentlich stimmt das nicht. Mit der Großen bin ich selten angesprochen worden. Aber seit die Kleine lächeln kann, bekommen wir öfter Komplimente. 

Man verstehe mich nicht falsch, die Große ist ein außerordentlich hübsches Mädchen mit blonder Mähne und verschmitztem Lächeln. Und ihr gehören auch die Augen, die ihr oben seht. Ich war bei ihr schon von ihrem Aussehen fasziniert, denn weder der Trüffel noch ich gehören in die Kategorie wirklich attraktiver Menschen.

Den Unterschied zwischen meinen Töchtern möchte ich mal anhand ihrer Augen darstellen. Dazu habe ich typische Bilder ausgesucht und möchte euch zeigen, wie sich die Augen entwickelten und wie in ihnen deutlich zu erkennen ist, welcher Mensch sich dahinter versteckt. 

Fangen wir also mit der Großen an. Das erste Bild ist ca. im Alter von 10 Monaten aufgenommen. Das letzte ist ein sehr aktuelles.

Man sieht deutlich, dass die Augen mit den Jahren immer melancholischer werden. Ihr Blick geht zunehmend ins Ferne und auch ins Innere. Ihre Besonnenheit und das Leben in ihrer eigenen Welt sind deutlich erkennbar. Seit geraumer Zeit kennt man sie nur mit zwei 'Ausdrücken' im Gesicht: verschmitzt oder versonnen. Sie ist ja eher von der braven und süßen Art und wird auch von außen meist so wahrgenommen.

Nun kommen wir zur kleinen, aber alles beherrschenden Schwester. Sie war schon als Baby nur mit 'schön' zu beschreiben. Ich nehme an, das sag ich als Mutter eh, weil, ist ja mein Kind. Aber dann fing es eben an, dass mich allerhand Menschen ansprachen. Das schöne Baby zog - gewaltig. Junger Männer mit Freundin im Schlepptau, die sofort auch so eines wollten. Ich hab vermehrt hasserfüllte Blicke diverser Frauen geerntet…

Aber das besondere an der Kleinen ist nicht nur die allgemeine Schönheit. Das Besondere liegt in ihren Augen:


Die Augenpartie - so viel sei verraten - hat sie vom Trüffel. Allerdings versteckt der diese hinter einer Brille mit -5 Dioptrien. Nicht so die junge Dame. Sie kam quasi mit Hundeblick zur Welt. Darin liegt die Magie und auch das Problem. Das erste Bild zeit sie mit 8 Wochen, das letzte ist ein aktuelles. Meine Kleine kann einen anschauen, so dass man nix erwidern kann. Selbst die große Schwester kommt und beklagt sich, die Kleine habe sie so angeschaut und ihre Schokolade gewollt. Und die Große hat sie ihr gegeben. Niemand hat diesem Blick etwas entgegen zu setzen. Zudem ist es ihr ganzes Auftreten - die Dame beherrschte von Anfang an die Kunst, alle in ihren Bann zu ziehen. Durch ihre schiere Präsenz. 

Daraus entsteht ein gewisses Problem, denn das Kind ist ja nicht schüchtern und steht allzu oft im Mittelpunkt. Vor allem der Papa kann ihr nur schwer etwas abschlagen. Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir die Große dabei nicht vergessen. Inzwischen gelingt uns das einiger Maßen. Aber manchmal, da ist die Große zu Recht eifersüchtig. Und das tut mir leid. 

Der Babybonus hat sich bei der Kleinen bisher nicht verwachsen und so ist das Erstaunen jedes Mal groß, sollte sie doch mal nicht bekommen, was sie will. Sie beherrscht dann nicht nur das Ausflippen, sondern einen Blick, der vorwurfsvoller nicht sein könnte. Doch diesen versonnen Blick in die Ferne, den habe ich bei ihr noch nie gesehen. 

Ich finde es doch sehr erstaunlich, dass man schon anhand dieser Bilder so viel über meine Kinder erfahren kann. Geht es euch mit euren Kinder genauso?


Zum Abschluss dürft ihr mal noch raten, zu wem welche Schnute gehört. 
In diesem Sinne




Dienstag, 19. Mai 2015

Im Kindergarten

Ich habe ja schon öfter von unserem tollen Kindergarten berichtet. Nun hatten wir ein, wie es so schön heißt 'Entwicklungsgespräch'. Es dauerte 2 Stunden und ich möchte darüber schreiben, weil es ein ganz besonderes Gespräch war - eines wie ich es mir vorstelle und ganz anders als die vorherigen. Es war wirklich bereichernd und ich bin sehr glücklich darüber. Ich möchte allen davon erzählen, auf dass es eine Inspiration sein möge unsere Kinder mit neuen Augen zu sehen!

Vorangegangene Gespräche in diversen Kitas verliefen eher nach dem Motto: Was kann das Kind, was kann es nicht. Ist sie integriert, versteht sie sich mit den Kindern, mit den Betreuern etc. Und natürlich entwickelt sie sich altersgemäß?
Ich habe ehrlich gesagt solche Gespräche von Anfang an für sinnlos gehalten und sie doch mitgemacht. Nicht, weil ich die Arbeit der Betreuerinnen nicht schätze, sondern weil diese Gespräche einfach keinen Sinn ergeben. Ich sehe selbst, dass meine Kinder 'normal' entwickelt sind. In dem Rahmen dessen, was man eben als 'normal' betrachten kann. Die Große lief etwas später, dafür hat sie früher gesprochen als die Kleine etc. Ihr kennt das. 
Ich lege keinen Wert darauf, ob sie nun jetzt oder später Treppe steigen oder mit der Gabel essen können. Auch ob sie reden in Worten, Sätzen oder dadada ist mir egal, denn ich merke ja, ob sie mich verstehen und entsprechend antworten. Und das tun sie. Ob sie mit Nachstellschritt Treppe steigen ist egal, beide kommen immer überall hinauf. Für den halbwegs informierten und aufmerksamen Elternteil ist kein offensichtliches neurologisches Problem sichtbar, sie sehen gut und können hören. Fertig. 

Dachte ich zumindest, aber schnell lernte ich, dass ein Entwicklungskriterium ist, ob und wann sie dies oder jenes machen. Das mag für die Kita so sein, denn da werden eben irgendwelche Kriterien festgelegt und Standards definiert. Die Leute dort müssen ja auch ihre Arbeit irgendwie machen. Ich verstehe das und finde das ok. Es machte nur die ganzen Gespräche irgendwie überflüssig. 

Denn worum sollte es tatsächlich gehen? Meine Meinung: um die Bedürfnisse meines Kindes, nicht um seine eine Bewertung. Diese defizitäre Sicht eines Menschen, zu beurteilen, was er 'richtig' und was noch nicht kann - das macht unsere Gesellschaft zu eben jenem unschönen Gebilde, unter dem wir alle leiden. Noten kommen noch früh genug und ich halte sie für eine der dümmsten Ideen der Ausbildung. Bis dahin würde ich mir jedwelche Leistungsbegutachtung meiner Kinder verbitten. Sie sind nämlich ausnahmslos großartig und genau richtig, so wie sie sind.

Aber zurück zum Kindergarten:
Die Bezugsperson der Großen ist eine sehr nette junge Dame, gerade mit der Ausbildung fertig, die sich extrem gut auf unser Gespräch vorbereitet hatte. Im Vorfeld sprach ich sie an und erwähnte kurz, worüber ich denn gerne reden würde. Also hat sie sich ebenfalls Gedanken dazu gemacht. Ich war ihre erste 'Mutter', es war also ihr erstes Entwicklungsgespräch. Die Kitaleitung war ebenfalls anwesend, also war es für sie schon so eine Art 'Feuertaufe' und sie war ein wenig nervös. 

Sie hatte mehrere Seiten mit Listen zu verschiedenen Punkten, anhand derer sie die Entwicklung der Großen darlegen wollte. Da aber die Atmosphäre so entspannt war und dank Bindehautentzündung die Große beim Gespräch dabei (absolut empfehlenswert, auch wenn sie mit nem Buch in der Ecke saß), nahm ich das Angebot gleich an, wie ich das Gespräch führen wollte. Ich sagte also gleich, dass ich die Liste gerne erstmal beiseite lassen würde und über das Kind selbst sprechen möchte. Und das taten wir dann auch, zu viert. Es war ein offenes Gespräch, die Große wurde mit einbezogen und es ging darum, wie wir sie alle vom Typ her einschätzen und was wir machen können, damit es ihr auch weiterhin gut geht. 

Mir war das besonders wichtig, denn die Große ist ein schüchternes Mädchen, will immer alles richtig machen und ist darum auch schnell mal überfordert. Wir sprachen also darüber, was sie sich wünschen würde (mehr Rumtoben und Quatsch machen), was ich mir für sie vorstellen könnte (immerhin kenne ich sie ja am besten und sehe auch, wie der Kiga-Tag bei ihr nachwirkt), und was die Betreuerin denn ändern könnte, um die junge Dame etwas aus der Reserve zu locken. 
Schnell entwickelten wir eine super Strategie, nämlich mehr Rumtoben und Quatsch machen (wenn sie also keine Lust auf Basteln hat kann sie in der Zeit im Gemeinschaftsraum spielen), und mehr direkte Herausforderung und gezielte Ansprache (z.B. Lied wünschen im Morgenkreis etc.).

Das klingt jetzt nicht sehr berauschend, aber wir redeten eine ganze Stunde darüber, wie wir das Kind jeweils erleben, wie wir jeweils versuchen sie einzubinden und zu ermutigen und so. Es ging dabei wirklich um's Kind. Und ich konnte auch frei erzählen, wie ich sie erziehe, wie wir zu Hause leben und welche Freiräume ich ihr lasse. Und natürlich, wie ich mir ihre KiGa-Zeit wünsche. Und auch sie konnte immer wieder äußern, was sie sich wünscht, wen sie mag und wen nicht, was ihr gefällt und was nicht. 

Ich fühlte mich dabei wirklich verstanden, weil ich Zeit und Raum hatte mich mit der Person, die den Tag mit meinem Kind verbringt, offen auszutauschen. Und wir teilen eben auch viele Ansichten. Klar läuft es im KiGa anders als zu Hause. Das soll auch so sein. Aber mein Kind soll nicht das Gefühl haben, ständig bewertet zu werden. Und das wird sie auch nicht, wenn ich das nicht will. Dennoch ist allen klar, dass ich die Mutter bin und mein Kind grundsätzlich nicht objektiv betrachten kann und will. 

Die Liste kam zum Ende hin dann auch noch ins Gespräch, denn die Betreuerin hatte sich wirklich einige Mühe gemacht. Sie erwähnte z.B., dass sie nicht wisse, ob die Große denn schöne Kreise malen könne. Ich sagte, ich wisse das auch nicht, denn sie malt nur, wenn man sie dazu überredet und das hält niemand für nötig. So wurde dieser Punkt einfach unter 'interessiert niemanden' abgelegt. Ich hab die Liste dann zuhause überflogen. Da stand nix Neues drin. Alles Sachen, die ich auch jeden Tag an ihr sehe oder sie erlebe.

Ich fürchte die Betreuerin wird noch so manches Gespräch führen, das komplett anders verlaufen wird. 
Ich für meinen Teil kann allen nur empfehlen, die Listen zu vergessen und sich mal wirklich über das Kind auszutauschen. Auch dass die Große dabei war, war hilfreich, denn es geht ja genau um sie. Sie soll das ruhig hören und verstehen, dass sie uns allen sehr am Herzen liegt und wir uns wirklich für sie interessieren. 
Es war das erste Gespräch, aus dem ich wirklich glücklich rauskam, bei dem ich wirklich auch Ideen mitnehmen konnte, nachfragen konnte (denn immerhin sind das Leute, die sich mit Pädagogik mehr auskennen als ich), bei dem ich mich wirklich ernst genommen fühlte und auch die Betreuerin ernst nehmen konnte. Wir Erwachsenen konnten uns in diesen 2 Stunden viel Inspiration holen und intensiver mit und über das Kind nachdenken und sie noch besser kennen lernen. 

Das war toll und genau das wünsche ich jedem Kind. Dass alle betreuenden Personen sich wirklich für das Kind interessieren, die Zeit und Gelegenheit haben, die Bedürfnisse des Kindes wirklich kennen zu lernen und somit die Bindung zu festigen. Und das Kind auf dem Weg ins Großwerden begleiten und Hilfestellung zu geben, ohne allzu sehr zu (er)ziehen. 

Ich möchte noch anmerken, dass ich nicht dafür bin, das Kind mit echten Probleme alleine zu lassen. Ist ein neurologisches, kognitives,  emotionales oder motorisches Problem wirklich erkennbar, so darf das nicht untergehen. Man muss das evtl. auch abklären und weiter beobachten. Es ist nur eine Frage, was ein echtes Problem ist und was nicht und wie man dann damit umgeht. Ein 2jähriges Kind zu pathologisieren, weil es vielleicht nicht alle Farben richtig auseinander halten kann, ist definitiv Blödsinn. Ein 2jähriges Kind, dass denn Löffel nicht zum Mund führen kann jedoch muss beobachtet werden. Deswegen ist es nicht krank und hat auch erstmal kein Problem. Ein Problem wäre, wenn weitere motorische Störung zusätzlich beobachtet werden. Will das Kind aber einfach nicht essen, weil es ihm nicht schmeckt und es steckt darum den Löffel nicht in den Mund, dann ist das kein motorisches Problem. 
Um diese Unterschiede richtig einzuordnen, ist es sinnvoll, wenn Kinder mit mehreren Fachpersonen in Kontakt kommen. Dass darum gleich irgendwas therapiert werden muss, ist zumindest diskutabel. 

Ich schreibe dies auch, um Eltern zu ermutigen, ihr Kind einfach mal fern ab aller gängigen Leistungsdefinitionen zu sehen. Es fängt ja beim Baby schon an, ab wann und wie ein Baby dies oder jenes können muss. Leider wird zu selten dazu gesagt, dass das alles relativ ist, die allermeisten Babys gesund sind und die Entwicklung in den ersten Jahren bestimmt nicht davon abhängt, ob das Kind nun nach 2 oder nach 4 Monaten den Kopf heben kann. Die Kinder sind so verdammt unterschiedlich in absolut jedem Verhalten, da gibt es keine Vorgaben (es sei denn, mehrere Faktoren ergeben ein eindeutiges Bild, ob man etwas genauer abklären muss). Eltern sollten sich da nicht verunsichern lassen und auch mal die Vorgaben der Kinderärzte relativ sehen.

Ein schönes Beispiel: Die Kleine spricht nicht so viel. Also wie schon mal erwähnt, sie plappert, versteht mich in Wort und Ton sehr gut, reagiert angemessen darauf, antwortet auch, nur nicht in korrektem Deutsch. Eigentlich haben Kinder in diesem Alter schon einen gewissen Wortschatz, den sie regelmäßig benutzen. Das macht die Kleine nicht. Aber sie beherrscht Sprache, das erkenne ich an ganz vielen Dingen. Und sie kann auch in der Kita sehr deutlich kommunizieren, was sie will. Dem Kinderarzt habe ich auf Nachfrage geantwortet, dass sie zwar nicht redet, aber dennoch der Sprache mächtg ist und ich nicht gedenke, da irgendwas zu unternehmen oder gar darüber nachzudenken bevor sie in den Kindergarten kommt. Redet sie halt nicht. Wozu auch? Ich versteh sie ja auch so. Er hat das so akzeptiert und wird halt in nem Jahr wieder nachfragen.

Für unsere Kinder würde ich mir wünschen, dass wir sie wirklich so lieben und annehmen, wie sie sind. Genau so sind sie perfekt. Das sollte unsere Beziehung prägen, nicht die Angst, dass sie später mal irgendeiner Leistungsdefinition nicht entsprechen könnten. Wenn sie später den perfekten Abiturienten abgeben, schön. Wenn nicht, dann sollten wir sie mit aller Liebe darauf vorbereitet haben, dass sie ihr Glück finden, egal welche Noten oder Gehaltschecks sie nach Hause bringen. Wer wenn nicht wir, die Eltern, sollen sie so lieben, wie sie sind?

Montag, 18. Mai 2015

Über die Hausfrau in unserer Familie

Ich muss ehrlich sein, ich weiß nicht, was eine Hausfrau ist. Ich kenn das nur aus Erzählungen. Und so richtig eine getroffen hab ich eigentlich nur eine. Es war die Mutter einer Schulkameradin, die hatte 7 Kinder und war offensichtlich damit verständlicher Weise ausgelastet. Allerdings war sie sehr engagiert in der Kirchengemeinde. Sie hatte damit mindestens einen Halbtagsjob, wenn auch unbezahlt. 

Aus meiner Familie kenn ich das gar nicht. Und Nachforschungen ergaben, dass die Familie des Trüffels (gebürtig aus dem Ruhrgebiet) das ebenfalls nicht als Modell zu bieten hatte. 3 Jahre mit Kind zu Hause bleiben? Oder gar länger? Nee, sorry, lief nicht. 

Ich möchte nun mal darstellen, warum Erwachsene und leider im letzten Jahrhundert auch schon Kinder für Geld arbeiten mussten. Nur, weil heut so gern getan wird, als sei das eine neue Erfindung und als sei in der guten alten Zeit das Geld vom Goldesel geschissen worden…

Fangen wir mit der Familie des Trüffels an.
Dort sind mir mehr oder minder nur die Schicksale der Trüffelgroßmütter bekannt. Ich kann somit also nur einen Zeitraum von 3 Generationen und ca. 80 Jahren abdecken. Seine Oma väterlicher Seits war in der Tat 'Hausfrau'. Der Opa war Bergmann und sie hatten aber ein recht großes Gut geerbt, wo die Hausfrauen-Oma jedoch Landwirtschaft im großen Stil betrieb und damit waren sie nicht nur Selbstversorger, sondern konnten auf dem Wochenmarkt noch Obst und Gemüse verkaufen. Zu Kriegszeiten war das natürlich ein Segen, allerdings relativiert sich damit das Hausfrauendasein sehr. Die Kinder waren zwar mit im Haus, aber statt zu Spielen ging's auf den Kartoffelacker zum arbeiten.

Die Trüffel-Oma mütterlicherseits war auch 'Hausfrau'. Nun ja, der Mann war lange in Kriegsgefangenschaft und so ging die Oma putzen und half beim örtlichen Bäcker im Verkauf. Ungelernt musste die Frau doch recht schuften, um sich ihr Hausfrauendasein leisten zu können. Später, als der Mann wieder aufgetaucht war, behielt sie nur einen ihrer Jobs, das Putzen und das erledigte sie während die Kinder in der Schule waren. Über die ersten Jahren hatte sie die Kinder ja allein bringen müssen und die Kinder waren oft bei der Tante, die krank war und darum nicht arbeiten konnte.

Die Trüffelmutter dann hatte studiert und war Lehrerin als der Trüffel kam. Und obwohl des Trüffels Vater eine recht gut bezahlte Arbeit hatte musste sie auch sehr schnell nach der Geburt - es waren 6 Monate - wieder ran. Sie arbeitete 70% und der Trüffel wuchs mehr oder minder bei den inzwischen eher nicht mehr rüstigen Rentner-Großeltern auf. 

Klar, alle diese Generationen haben versucht zu Beginn der Karrieren und Familiengründung eine eigene Immobilie - wenn auch keine Villa - zu bauen/erwerben. Aber auch vor 30 oder vor 50 Jahren mussten beide arbeiten, um dieses zu finanzieren. 

In meiner Familie kann ich durchaus zu Teilen noch weiter in die Vergangenheit reisen. 

Meine Ururgroßmutter mütterlicher Seits war eine arme Frau. Sie bekam im Laufe des Lebens 14 Kinder und hatte einen Mann, der sein ganzes Gehalt in die Wirtschaft trug. Halb versoff er es dort, halb verspielte er es. Also musste auch sie arbeiten gehen. Bald gab es ja genug große Geschwister, die die Kleinkinder beaufsichtigten. Ihre Tochter - meine Uroma - bekam meine Oma (ihr erstes Kind) Mitte der 30iger Jahre. Der Mann verdiente zwar eigentlich gut, aber es gab ja genug Familienmitglieder, die noch auf finanzielle Hilfe und Pflege angewiesen waren. Kleine Geschwister, kranke Eltern, all das und so ging meine Uroma direkt nach der Geburt in der örtlichen Emailefabrik arbeiten. Die Frau bekam 5 Kinder und war nie Hausfrau. Schon gar nicht während des Kieges, als der jüngste Sohn geboren wurde und der Mann irgendwo in Russland war.

Meine Oma dann ging bereits mit 12 Jahren direkt nach dem Krieg für Geld in die Fabrik arbeiten, denn die Mutter bekam Krebs, der Vater war nach dem Krieg nicht mehr voll einsatzfähig und irgendwer musste ja Geld verdienen. Und auch nach der Geburt meines Onkels und meiner Mutter Anfang der 60iger war da keine Rede vom Hausfrauenideal. Ein kleines Häuschen bauen, den Acker bewirtschaften und Kinder groß ziehen. Auch mit Baby ging es da in die Fabrik. Obwohl mein Großvater bei einem schwäbischen Autobauer als Werkzeugmacher einen guten Job hatte. Allein, es gab keine Pflegeversicherung, die die Arztrechnungen der kranken Eltern bezahlte und es gab keinen Bausparvertrag, nur einen Kredit für das kleine Häuschen, dass sie abbezahlten, bis beide über 60 Jahre alt waren. 

Die Mutter meines Opas mütterlicher Seits war auch nicht Hausfrau. Sie war Kinderfrau einer reichen Familie, der Mann war im Krieg verschollen und sie hatte die drei Kinder eingepackt und floh aus dem Osten ins Schwäbische. Sie war Vollzeit berufstätig und brachte, wie so viele Frauen dieser Zeit, ihre Kinder allein durch, sogar ohne weitere Familie im Hintergrund.

Meine Mutter, wie schon erwähnt, blieb 6 Wochen nach meiner Geburt zu Hause. Sie hätte sich auch gern weitere Kinder gewünscht, aber für mehr als für mich hat es nie gereicht. So blieb ich Einzelkind, obwohl meine Eltern beide sehr gute Ausbildungen absolviert haben und kaum arbeitslose Zeiten.

Mein Vater wuchs ähnlich auf. Seine Oma mütterlicher seits kam ebenfalls aus dem Ruhrgebiet und gebar meine Oma noch in den 20iger Jahren. Sie hatte ebenfalls einen großen Hof zu bewirtschaften, obwohl der Mann als Polizist ein recht ordentliches Gehalt hatte. Meine Oma väterlicher Seits ging dann doch sehr lange zur Schule - noch vor dem Krieg - und arbeitete dann als Sekretärin in einem Verlag. Mein Opa väterlicher Seits kommt aus Sachsen und seine Eltern hatten einen Kaufmannsladen, in dem er quasi aufwuchs, denn beide Eltern arbeiteten dort natürlich rund um die Uhr. Mein Opa machte sich dann nach einer Ausbildung nach dem Krieg erfolgreich selbstständig. Aber eben just zu dieser Zeit, als meine Oma Kinder bekam und sie somit die einzige mit einem festen Einkommen war. Hausfrau war nicht, selbst mit 4 Kindern. Die Kinder wurden denn auch zu den Großeltern geschickt, ins Ruhrgebiet (300km entfernt) und gingen dort auch zur Schule. Die Großeltern waren da schon alt, aber immer noch Selbstversorger.

Nun kann man sagen, tja, komm ich eben aus einer eher armen Familie und da waren da noch ein paar leidige Kriege dazwischen… Klar. Aber ich möchte noch ein wenig weiter ausholen.

Und zwar hatte ich 3 recht lange Beziehungen bevor ich den Trüffel kennen lernte. 
Mein erster Freund mit zarten 17 Jahren, hatte 3 Geschwister. Sein Vater war Ingenieur, die Mutter Sozialarbeiterin und auch sie blieb nie länger als 1 Jahr zu Hause (Anfang der 80iger), bei keinem der Kinder. Sie arbeitete sogar immer Vollzeit, konnte aber wohl ein Netz aus Patentanten für die Kinderbetreuung aktivieren.

Mein 2. Freund begleitete mich durchs Studium, also 5 Jahre. Auch er war Einzelkind, sein Vater Ingenieur, seine Mutter Lehrerin. Auch sie arbeitete nach 1 Jahr wieder 80%. Denn, ob man's glaubt oder nicht, irgendwie fällt Hochzeit, Kind und Immobilie grundsätzlich in etwa in den selben Zeitraum. Alles teuere Anschaffungen. Der Bub blieb derweil bei der bereits alten Oma.

Der 3. Freund, diesmal Anfang der 70iger geboren und Schweizer, war Sohn einer Schneiderin/Handarbeitslehrerin und jetzt stellt euch vor: Seine Mutter hat mit 2 kleinen Söhnen immer arbeiten müssen, weil… ihr ahnt es: Hochzeit, Kinder, Häuschen. Und die Kinder waren bei der Oma. So ein Zufall. 

Die meisten dieser Geschichten spielten sich im Schwäbischen, eigentlich gut situiertem Milieu ab. Viele mit Landbesitz. Viele mit anständigen Jobs und guten Ausbildungen. Und doch: keine klassischen Hausfrauen. Nirgends. 

Das liegt nicht daran, dass es keine gibt oder gab. Es liegt auch nicht daran, dass sich die Leute alle kleine Schlösschen haben bauen lassen und geldgeil waren. Es liegt daran, dass alle Menschen schon immer für Geld haben arbeiten müssen. Und die wenigsten sind davon reich geworden. So wie die wenigsten meiner Generation vom Arbeiten reich werden. Ob die früher nen gebrauchten Käfer, oder ich heute nen Touran finanzieren muss, da ist echt kein großer Unterschied. 

Klar, es könnte noch besser sein. Aber es ist schon nicht schlecht. Wir haben gute Krankenversicherungen. Wir haben gute Kinderbetreuung und Ausbildungsmöglichkeiten. Es ist nicht perfekt. Aber viele können doch z.B. ihr Leben im Alter relativ absichern. 
Es geht mir hier nicht um das 3x im Jahr nen tollen Urlaub. Die meisten arbeiten und können davon ein relativ wohlhabendes und gesundes Leben führen. Und das ist schön. Aber arbeiten, arbeiten muss man eben für's Geld. Das war noch nie anders. 
Und darum verstehe ich nicht ganz, warum sich so viele Menschen so grundlegend über den Staat beklagen. Es ist nicht Aufgabe des Staates den Menschen ihr Leben zu finanzieren. Das trifft nur in Ausnahme/Not/Übergangssituationen zu. Und das ist ok. Ein Jahr Elterngeld ist doch super. Es ist ziemlich großzügig. Es ist Aufgabe des Staates gewisse gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen.
Klar, die Umverteilung läuft bei Weitem nicht ideal hin zu den Ärmsten. Und doch gibt es Strukturen, die die Existenz halbwegs abzusichern versuchen.

Aber dieses Ideal, der Mutter und Hausfrau, das ging schon immer nur, wenn Frau einen Mann mit wirklich gutem Einkommen geheiratet hat, der am besten auch schon ein Häuschen geerbt hat. Nicht zu arbeiten ging schon immer nur, wenn man eine wirklich gute Partie gemacht hat. 

Ich jedenfalls kenne Hausfrauen nur vom Hörensagen und für diese Familien freut es mich. Dass die klassische Hausfrau jedoch der Standart war, halte ich für ein Märchen. Und zudem glaube ich kaum, dass die oben genannten Mütter den ganzen Tag mit ihren Kindern pädagogisch wertvoll gespielt hätten. Das ist ja nun wirklich ein Zeitvertreib, der erst seit Kurzem in Mode ist. Und ich genieße es. Die Zeit, die ich mit den Kindern verbringe, machen wir auch wirklich was zusammen. Aber sicherlich hat mir der Staat nicht zu ermöglichen, dass ich jahrelang nix anderes mach, als mit meinen Kindern zu spielen. Ich will eine gewisse Wahlmöglichkeit, ja, aber auch die muss ich selbst finanzieren. Ob ich heute mit meiner Arbeitszeit bezahle, oder später mit meiner Rente, teuer ist es so oder so. Das muss man auch einfach mal akzeptieren.

Dienstag, 12. Mai 2015

Mama namnam - oder wie das Leitmedium dem Herrn Hipp eine Stimme gab

Der Herr Hipp - der von der Babygläschenfront - hat ein Interview gegeben. Und Herr Mierau hat einen Rant darüber geschrieben. Das könnte man nun so stehen lassen, wenn - ja wenn… Egal, ich fand das ein wunderbares Beispiel für 'Du-bist-aber-blöd-und-ich-weiß-es-besser' Argumentation. Warum? Nun, da begeb ich mich jetzt mal auf dünnes Eis:

Der Herr Hipp ist ein alter Mann. Ich fand den noch nie sympathisch, aber gut. Ob man ihm dieses 'ich bin besorgt um kleine Kinder'-Dings abkaufen möchte oder nicht, ist eigentlich egal. Ich denke, der Herr Hipp will Geld mit Lebensmitteln verdienen. Und damit ist er ja nun wirklich nicht allein auf der Welt. Der Inhalt seines Interviews ist in Bezug auf Gläschen vs. DIY sehr vorhersehbar. Und inhaltlich liegt er auch nicht so falsch, denn HiPP Brei ist sicherlich labortechnisch besser kontrolliert, als Mamis Pampe. Ganz ehrlich, darum geht es doch gar nicht. Was Herr Hipp über Lebensmittelreinheit sagt ist gelinde gesagt total sinnentleert. Dass Herr Mierau genau diese Argumentation verwendet, um sie sarkastisch gegen den alten Mann zu verwenden ist demnach leider etwas überflüssig. Leider, denn man kann weiterhin nur raten, was das Leitmedium so zum Kochen gebracht hat. Das Interview gäbe nämlich durchaus genug her für ernsthafte Diskussionen. 

Ich will aber gar nicht bis zu den Rollenklischees ausholen. Von einem alten Industriellen erwarte ich kaum, dass er sich den ganzen Tag mit jungen Müttern auseinander setzt. Jedoch denke ich sehr wohl, dass er sich mit heute gängigen Beikoststrategien auskennt. Das ist ja sozusagen sein Kerngeschäft.

Worauf will ich nun eigentlich hinaus? 

Was war mein erster Gedanke als ich den Beitrag von Herrn Mierau gelesen habe? Ich dachte: Oh, ist da etwa einer beleidigt? Und dann dachte ich: Warum ist der denn so gehässig? Und dann wusste ich wieso. 
Das Interview mit Herrn Hipp ist schon recht schwer zu lesen, da der alte Mann eine ziemliche Attitüde an den Tag legt. Dieses von Oben herab 'Ich bin hier der Experte und ihr habt alle keine Ahnung'-Gehabe. Er klingt arrogant und ich schätze, dass hat den Herrn Mierau gezwickt. Durchaus zu Recht, möchte ich anmerken.

Aber Herr Mierau, jetzt werd ich mal persönlich. Ich habe dieses Gefühl öfter. Überwiegend, wenn ich in Blogs von Eltern der Sorte 'gut gebildet, mit ganzheitlichem Erziehungskonzept und eindeutiger Meinung' lese. Diese Eltern neigen nämlich dazu ihre Weisheiten mit ebendieser nervtötenden Attitüde in die Welt hinaus zu schreien. Herr Mierau, ich gebe zu, im ersten Moment hab ich nach dem Lesen ihres Textes hämisch geschmunzelt. Dafür möchte ich mich entschuldigen, denn ich find Elternbashing auch ganz blöd und will sie schon gar nicht persönlich angreifen. Ihr Familienname ist ja in gewissen Elternkreisen nicht unbekannt und es ist auch nicht Ihr Problem, dass ich Sie in die oben genannte Elternkategorie einordnen würde. 
Im Gegenteil, es sagt einiges mehr über mich aus. 

Um beim Themenaufhänger 'Essen' zu bleiben. Da treffen einfach 2 ganz unterschiedliche Ansichten aufeinander. Und der Ton wird gleich so aggressiv, weil beide Männer offensichtlich sehr eindeutige Meinungen haben, was richtig und was falsch ist. Das kann man natürlich so haben. Nur, wie wir alle wissen, richtig und falsch sind Definitionssache und der Graubereich zwischen den Extrempunkten ist nur bei einigen wenigen Themen wirklich nicht der Rede wert. Es ist doch so, gerade beim Essen ist die Argumentation entweder-oder voll daneben. Ich vermute sogar, es ist vollkommen wurschtegal, ob man seinem Kind Gläschen gibt, selber Brei kocht oder gleich gar keinen Brei. Unser Verhältnis zum Essen wird ja lebenslang durch so viele Umstände beeinflusst, dass ich mir nicht sicher bin, ob das 'wie' so eine entscheidende Rolle spielt. 

Überhaupt ist meiner sehr bescheidenen Erfahrung nach sowieso jedes Kind total anders beim Essen und hat phasenweise seine eigenen Vorlieben und Ansprüche an Geschmack und Konsistenz. Es ist total mühsam darüber zu streiten, was besser ist - Gläschen oder BLW. Und genau aus diesem Grund nervt mich dieses Darstellen der einen Variante als 'kindgerecht' und das verunglimpfen der anderen Variante so dermaßen. Es ist ein beleidigter Ichweißesbesser-Reflex. Und der macht es für Eltern, die tatsächlich unsicher sind oder Fragen haben, so unglaublich schwer zu erkennen, dass es bei den meisten Fragen Rund ums Kind gar nicht darum geht, was kindgerecht ist und was nicht. Was bedeutet denn schon der Begriff 'kindgerecht'? Zumal beim Essen? Das ist doch nur so ein Wort, das jeder grad so benutzt, wie er will als Todschlagargument, damit er in der eigenen Position nicht kritisiert wird. 
Genau diese Attitüde ist der Nährboden für Mommy Wars. 

Wichtig ist doch nicht, was irgendein pädagogisches Konzept sagt. Wichtig ist, dass das was mein Kind gerade braucht und das was ich ihm gerade geben kann eine so große Schnittmenge haben, dass alle damit zufrieden sein können. Echt jetzt. Kein Argument für oder wider Gläschen oder BLW ist es wert, dass Eltern im Drogeriemarkt schräg angeschaut werden, wenn sie Gläschen kaufen, wie es der Kiddomutter passiert ist. Es ist schlicht nicht entscheidend. Morgens geb ich dem Kind ne Brezel in die Hand, wenn es das mag, oder ich lass es Müsli löffeln. Die Hauptsache ist, wir essen nicht zu viel Ungesundes und jedem schmeckt es so gut, dass er sich ordentlich satt isst. 

Es geht mir so oft so und ich frage mich ernsthaft, ob es anderen nicht auch so geht. Im Alltag gibt es so viele kleine Sachen, da braucht man nicht so zu tun, als ob jeder Handgriff lebensverändernd wäre. Aber in Ratgebern und in Blogs wird viel zu selten eine gewisse Relativierung eingebracht. Dabei wäre die so dringend nötig. Denn Eltern mit anderer Meinung fühlen sich bei solchen Eindeutigkeiten schnell angegriffen - unnötigerweise. Und unsichere Eltern, die tatsächlich nach Rat suchen, denen wird erzählt, dass es so und so kindgerecht ist und alles andere demnach falsch. Und dann funktioniert das Kind auf einmal nicht so, wie es im Buche steht und es gibt wieder Stress. 

Es ist für uns alle eine Herausforderung täglich auf's Neue zu verstehen, was ein Kind will und was ein Kind braucht und was die Eltern wollen und was die Eltern können. Das ist anstrengend. Einfache Antworten gibt es nicht. Und wenn man dann mal weiß, was die Kleinen brauchen, dann  - schwups - hat sich das bis zum nächsten Tag wieder geändert. Warum also können Eltern, die offensichtlich gut informiert und gewillt sind, sich mit ihren Mitmenschen auseinander zu setzten, nicht einfach andere darin bestärken ihren eigenen Weg zu finden, ohne mit Begriffen wie 'kindgerecht' um sich zu schlagen? Können wir uns alle nicht einfach die Attitüde sparen und jeden es so machen lassen, wie er/sie es für gut befindet? 

Mittwoch, 6. Mai 2015

Von der Natur der Dinge, oder was ist eigentlich Biologie?

Fragt man den Trüffel, so bekommt man ellenlange Monologe über 'die scheiß Biologie' zu hören. Ich muss dazu sagen, der Trüffel ist von Hause aus Mathematiker/Physiker und hat sich nur zufällig in die Biologie verirrt. Jedoch fehlen ihm die exakten Wissenschaft sehr…

Ich für meinen Teil habe Biotechnologie studiert und bin Zellbiologin. Ich weiß ne Menge über Biochemie, Genetik und Entwicklungsbiologie. Ich habe lange mit neuronalen und embryonalen Zellkulturen gearbeitet. Ich habe genetisch veränderte Zellen produziert und in Embryonen eingesetzt. Und dabei habe ich so manches gelernt über den Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Eine Erkenntnis ist: Je kontrollierter die Umgebung, desto flexibler weicht ein biologisches System dem Selektionsdruck aus. Das gilt für in sich geschlossene Zellkultursysteme, genauso wie für ganze Organismen - vom Einzeller bis zum Komplexen Tier/Pflanze/Pilz. 

Biologie funktioniert nicht so, wie es im Lehrbuch steht. Genetik funktioniert nicht so. Was den Trüffel so aus der Fassung bringt, ermöglicht mir unendliche Bewunderung für einen maximal flexiblen Vorgang bei gleichzeitiger enormer Organisation komplexer Einzelreaktionen. Einfacher gesagt: Wer versteht, wie exakt jede einzelne chemische und physikalische Reaktion in einer Zelle (vor allem aber in der Genetik) abläuft, der erblasst vor der Erhabenheit des Organismus. Noch einfacher: Wer schon einmal eine embryonale Stammzelle durchs Mikroskop betrachten konnte, der versteht warum es 'Wunder des Lebens' heißt. (Ich möchte nur anmerken, gleiches gilt für jede Zelle, auch und besonders für Einzeller.)

Ich finde, mit Stammzellen sollte viel mehr gearbeitet werden, jeder soll sich das ansehen können - live - nicht auf Bildern in Wissenschaftszeitungen. 

Warum ich das schreibe, über Stammzellen und Biologie? Nun, um zu erklären, warum ein Zellhaufen ein Zellhaufen ist und ein Baby ein Baby. 

Wie ich dazu komme? Weil ich grad mittendrin bin in einer Fehlgeburt. Und ich bin kein bisschen traurig, obwohl wir uns weitere Kinder wünschen. 

Ich möchte euch erklären, warum das für mich so ist. Ich möchte das tun, um anderen zu zeigen, dass es auch andere Reaktionen geben kann außer 'Mein Gott, es ist so schrecklich!' Eine Fehlgeburt muss nicht per se etwas Schlimmes, Trauriges oder Traumatisches sein. Eine Fehlgeburt muss nichts sein, wovor man unbedingt Angst haben muss. Aber damit auseinander setzen muss man sich, denn so gut wie alle Frauen erleben eine Fehlgeburt. 

Auch wenn ich mich damit unbeliebt mache, es ist zu einem bestimmten Grad auch Einstellungssache, wie man damit umgeht. Ich wurde sehr religiös erzogen, kann also nachvollziehen, wie ein religiöser Mensch darüber denken muss. Und das ist ok. Ein Katholik muss per Dekret an Spontanbeseelung glauben, somit ist eine befruchtete Einzelle, die sich einnistet definitionsgemäß ein Baby mit einer Seele. Protestanten sind sich darüber noch nicht ganz einig wann, aber dass es eine Seele gibt, steht auch für sie fest. Bei anderen Glaubensrichtungen bin ich nicht näher informiert, gehe aber davon aus, dass sie es ähnlich halten. Ich nehme an, die meisten Menschen können mit dem Konstrukt einer 'Seele' etwas anfangen. Ich bin Atheist. Ich kann das nicht. 

Zudem habe ich mich auf Grund meiner Ausbildung mit dem Begriff 'Potenzial' auseinander setzen müssen. Kein ganz leicht zu verstehender Begriff, vor allem in der Biologie, weswegen der Trüffel lieber als Mathematiker gesehen werden will. In der Biologie jedoch beschreibt das 'Potenzial' die Welt, die einer (Stamm)Zelle offen steht. Gewebestammzellen haben das Potenzial zu verschiedenen Zellen eines bestimmten Gewebes zu werden. Das ist mehr Protenzial als bereits ausgereifte Zellen haben (jedenfalls in der gängigen Lehrbuchversion), aber weniger als embryonale Stammzellen haben. Diese sind pluripotent und befinden sich in der Blastozyste, einem recht frühen embryonalen Zustand, etwa um die Zeit der Einnistung (bei Säugern). Diese Zellen können zu jeder Zelle des Embryos werden, also Nervenzelle, Muskelzelle, Knochenzelle usw. Dabei läuft ein recht stark vorgegebenes genetisches Programm ab und eine Menge Zellteilung. 

Diese Stammzellen sind wunderschön. Wer sie sieht, erkennt darin sofort das unbeschreibliche Potenzial dieser Zellen. Aber man erkennt auch, dass diese Zellen funktionieren, wie ein mechanisches Uhrwerk. Die Zellen selbst haben kaum etwas Erhabenes, erst der Zustand ihrer DNA, also ihr Potenzial macht sie besonders. Das aber ist ein sehr abstraktes Konstrukt aus chemischen Vorgängen, die physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgen und die wir Menschen uns lediglich mit Behelfskonstruktionen zu veranschaulichen suchen. 

Ich muss sagen, für mich ist eine Zelle eine Zelle und ein Zellhaufen ist ein Zellhaufen, auch wenn er strukturiert ist. 
Nichts übertrifft an Ästhetik die Kultur cortikaler Neuronen. Ich hab schon viel gesehen, glaubt mir, das ist unübertrefflich schön. Aber viele Nervenzellen auf einem Fleck sind noch lange kein Gehirn. In einer Kultur funktioniert jede Zelle, wie sie soll - rein chemisch/physikalisch, aber die Zellen zusammen funktionieren nicht wie ein Organ. Und im frühen Embryo ist es nunmal genauso. Meine Blutungen setzten gestern ein, das wäre Mitte Woche 7. Viele Frauen würden argumentieren 'aber da kann man doch schon ein Herz schlagen sehen…' 

Nein, das kann man nicht. Hält man Embryonale Stammzellen in Kultur ohne gewisse Faktoren, die ihre Pluripotenz erzwingen, also ihren Stammzellcharakter, so entstehen kleine Zellkügelchen, jedes Kügelchen ein Klon seiner Mutterstammzelle. Früher hießen diese Embryonic Bodies, was irreführend war, da aus diesen Zellen keine Embryonen mehr entstehen. Entlässt man die Stammzellen also aus ihrem Zustand, so differenzieren etwa 60% zu Nervenzellen und 40% zu Muskelzellen. Grundsätzlich wird aus einer embryonalen Stammzelle immer eine Nervenzelle, sofern man ihr nichts anderes vorgibt. Das heißt 'default pathway'. In einem Zellhaufen differenziert also Zelle Nr.1 zu einer Nervenzelle. Diese 'redet' mit den Nachbarzellen und ermöglicht denen auch Nervenzellen zu werden, wenn sie soweit sind. Oder sie 'redet' nicht mit ihnen, dann werden es Muskelzellen. Ein einfaches System und somit Idiotensicher. 
So funktioniert es auch in Embryonic Bodies. Im Mikroskop kann man dann kleine Zellkügelchen sehen, die sich rhythmisch zusammenziehen und schlagen wie ein Herz, nur dass diese Zellkügelchen kein Herz sind, sondern Zellkügelchen. Mit Nervenzellen ist es ähnlich. Moderne Kulturtechniken ermöglichen es die Neurogenese bildlich nachzuvollziehen. Nervenstammzellen und Nervenzellen in verschiedenen Reifestadien. Aber das ist kein Gehirn. Diese Nervenzellen haben keine strukturierten Verbindungen, kaum strukturelle Organisation - es ist kein Gewebe. Das Gehirn eines menschlichen Embryos in Woche 6-7 ist im Grunde Zellmatsch. Es ist kein Gehirn. Würde man es in die Hand nehmen wollen, würde es bereits bei der leisesten Berührung auseinander fallen in seine Einzelbestandteile. Es enthält keine einzige ausgereifte Nervenzelle. Ich weiß das, weil ich ausprobiert habe. Nicht an Menschen, aber ich habe über 8 Jahre frühe Embryonen präpariert. Das Einzige, was da schon sinnvoll organisiert ist sind die ersten Blutgefäße. Die Kanalisation und Anschlüsse kommen nämlich immer zuerst, vor dem Hausbau.

Natürlich kann aus diesem matschigen Embryo ein Kind werden. Muss sogar, denn aus einem menschlichen Embryo kann gar kein Hundewelpe entstehen. Ein früher Embryo hat also das Potenzial ein Kind mit einem süßen Lächeln und großen blauen Babyaugen zu werden, er ist es nur noch nicht. Er hat keinen Charakter, keine Ängste, keine Empfindungen. In ihm läuft ein striktes genetisches Programm ab und wenn darin ein Fehler auftaucht, so wird das Programm abgeschaltet. Wie eine Uhr, die stehen bleibt. 
Etwas anderes ist es, wenn Papa mit dem dicken Bauch der Mama spricht und der Fötus darauf reagiert. Dieses Entwicklungsstadium ist so unendlich viel besser strukturiert, dass es koordinierte Bewegungen und Handlungen zulässt. Einem solchen Fötus würde ich sofort einen anderen Status zusprechen als dem Zellhaufen zu Beginn. Darum unterscheidet man auch zwischen Embryo und Fötus. 

Vielen mag diese biologistisch geprägte Sichtweise sauer aufstoßen. Das kann ich verstehen, denn unsere Gesellschaft ist grundlegend christlich geprägt. Wer zwar nicht in die Kirche geht, aber dennoch an eine Seele glaubt, wird von mir als religiöser Mensch gesehen. Ob man religiös ist und welchen Überzeugungen man anhängt kann man jedoch sehr gut bewusst steuern, sofern man sich mit seinen eigenen Ansichten auseinander setzt. Ich habe das getan und bin definitiv kein religiöser Mensch. Das meine ich auch mit 'Einstellungssache'. 

Aber ich bin ein sehr genauer Mensch und so konnte ich direkt eine Woche nach dem Eisprung sagen, dass ich schwanger bin, nicht weil ich eine Eingebung hatte, sondern weil ich Symptome hatte. Sehr viel früher als jeder Frühtest habe ich 1 und 1 zusammen gezählt, denn ich kenne meinen Körper sehr genau und kann mein Befinden differenziert beschreiben. So war ich nicht überrascht, als der Test positiv wurde. Ich war auch nicht überrascht, als ich gestern Blutungen bekam, denn ich weiß seit Tagen, dass sich die Symptome verändert haben und dass es nicht funktioniert hat. Und ich finde es überhaupt nicht schlimm. Ich bin ja grundsätzlich fruchtbar und der Trüffel auch und wenn dieser Embryo nicht funktioniert hat, dann nehme ich eben den nächsten. 

Ein Bild vom nächsten Kind habe ich natürlich schon. Es ist unvermeidlich, denn ich habe bereits Kinder, die sich sehr ähnlich sehen. Also schätze ich ein drittes Kind wird den ersten Beiden auch ähneln. Namen haben wir auch schon. Die stehen seit der ersten Schwangerschaft fest. Aber der positive Test ist für mich genau das: ein positiver Test. Nicht mehr und nicht weniger. 

Dass so viele Frauen unter frühen Fehlgeburten leiden finde ich traurig. Denn eigentlich sind dies wohl die von Gott verlassenen. Wer wirklich gläubig ist, den fängt Gott auch auf. Wer es wirklich nicht ist, den trägt sein Weltbild. 
Wer jedoch eigentlich religiös ist, aber aus irgendwelchen Gründen nicht an Gott glauben mag, der steht allein und weiß nicht was er denken soll. Für den bleiben alle Fragen und Möglichkeiten offen, auch die nach der verlorenen Seele. 
Ein bisschen, muss ich zugeben, tun mir diese Menschen leid, denn keiner kann ihnen helfen, Gott nicht und wissenschaftliche Erkenntnisse auch nicht. Sie werden zwischen Glaube und Konfrontation aufgerieben, bis sie sich für eine Seite entscheiden. Ich bin froh, dass ich das Problem nicht habe.

Montag, 4. Mai 2015

Geburtstag

Ich möchte mich hier der ganz wunderbaren Idee von Henrike von Nieselpriem anschließen, über die Geburt zu schreiben - die eigene Geburt.

Da ich bei meinen Schwangerschaften die Gelegenheit genutzt habe und meine Mutter ausgefragt habe, kann ich direkt berichten, wie meine Mutter meine Geburt erlebt hat. Damals Anfang der Achtziger.

Meine Mutter feierte gerade ihren 18. Geburtstag. Ihr Freund - ein Berufssoldat - hatte an diesem Tag nicht frei bekommen. Er war irgendwo in Bayern stationiert, seit Wochen schon. Sie hatten sich kurz zuvor in der Tanzschule kennen gelernt. Meine Mutter jedoch war seit 6 Monaten von zu Hause ausgezogen. Ins Schwesternwohnheim. Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Dort hatte sie auch neue Freunde gefunden, andere Schwesternschülerinnen. Und es gab eine Party, die erste in der eigenen Bude (naja Zimmer). Ihr könnt euch das vorstellen. Und Überraschungsgast war: eben dieser junge, sehr gut gebaute Mann in Uniform…

Exakt 39 Wochen und 4 Tage später war es Winter. Nicht einfach Winter, es hatte bereits im November geschneit, als würde es nie wieder aufhören. Angekündigt war ein Schneesturm für den Abend. 
Eine junge, wirklich seeeehr schwangere Frau war allein zu Hause, nun nicht mehr im Wohnheim, sondern in einer Einliegerwohnung im Haus einer Verwandten in einem kleinen Dorf, 10km entfernt von der nächsten Stadt. Der Mann stationiert im Sanitätsdienst auf der schwäbischen Alb, 100km und 2m Neuschnee entfernt. Dann setzten die Wehen ein. 
Meine Mutter rief darauf hin sofort in der Kaserne an. Aber was soll man machen. Die waren da oben an einem der kältesten Flecken Deutschlands eingeschneit. Mein Vater konnte da echt nix dran ändern.

Also tat meine Mutter, was getan werden musste. Sie nahm eine Schaufel und schaufelte jede Menge Neuschnee vom nicht mehr ganz neuen aber treuen roten Fiat 500. So verging die Zeit mit Warten vor den Wehen. Dann fuhr die junge Frau los. Sie kam nicht weit. Zum Glück lebte nur 1km entfernt ihr Bruder, zu dem fuhr sie und der brachte sie die 10km ins Krankenhaus. 

Im Kreißsaal angekommen wurde sie sogleich von allen begrüßt, denn der Dienst auf der Woche (Wöchnerinnenstation) war erst vor einigen Wochen zu Ende gegangen. Schwesternschüler müssen ja einige Monate auf jede Station und so hatte man die schwangere Schülerin gleich mal vor der Geburt bei den Schwangeren einquartiert. So war meine Mutter zumindest nicht allein, denn alle kannten sie. Der Oberarzt war ihr gewogen, die Hebammen mochten sie. Und so verging dann auch die Zeit. Viel Zeit.

Meine arme Mutter lag 30 Stunden in den Wehen. In Worten: dreißig! Mal kurz Eingreifen wegen Geburtsstillstandes war damals offensichtlich nicht wirklich Trend. Ob das bei 30 Stunden Wehen die beste Lösung war - nun ja. 

Das war eigentlich gar nicht so schlecht, denn so ging der Schneesturm vorbei und mein Vater konnte den Oberfeldwebel bequatschen, dass er doch zu meiner Geburt da sein müsse. Dieser setzte meinen Vater nebst einem weiteren Sani (mal ehrlich, in der Kaserne hatten die eh nix zu tun) in einen RTW und gab Erlaubnis zur Nutzung von Sonderrechten. Mein Vater schlich also mit Blaulicht und Martinshorn im Schneckentempo von der mäßig schneegeräumten Alb in Richtung Krankenhaus zu meiner Mutter. Laut seinen Angaben soll das für 100km ganze 5 Stunden gedauert haben.

Damals, in den 80igern, da waren die Kreißsäle allerdings noch etwas anders gestaltet als heute. Das kleine Krankenhaus in der kleinen Stadt hatte 2 Kreißsäle mit je 2 Betten. Es war also eine weitere Familie anwesend, obligatorisch abgetrennt durch diese überhaupt nichts verbergenden Trennvorhänge.

Die 2. Familie war eine sehr ausdrucksstarke junge Dame aus Anatolien mit ihrer nicht minder ausdrucksstarken Mutter als Beistand. Meine arme Mama wurde dadurch nicht nur abgelenkt, denn die Geschichte von der 2. Frau gehört zu den allgemeinen Familienanekdoten bei uns. Seltsam, was in solchen Situationen wirklich haften bleibt in der Erinnerung. Jedenfalls hat diese Frau offensichtlich über Stunden dauerhaft Wehen und Wehenpausen untermalt mit einem uiuiuiuiuiuuiuiuuuuuiuiuiuiuuuiiii. 
Leider kann ich das nicht nachmachen. Das kann nur meine Mutter. 

Jedenfalls war es dann irgendwann tatsächlich soweit. Ich sollte dann doch noch auf die Welt kommen. Deutschland verzeichnete zu dieser Stunde küstenweit die schlimmste Springflut seit Beginn der Aufzeichnungen. Im Süden lagen 1,5 Meter Schnee und mein Vater kam gerade noch rechtzeitig.

Schicht hatte gerade die Lieblingshebamme meine Mutter. Sie hieß allen Ernstes tatsächlich Hildegard und war wohl ein wandelndes Klischee mit ihren 160 cm und 90kg Kampfgewicht. So der Typ matronenhafte Hebamme im Kampf für ihre Frauen, die sich vom Oberarzt nichts sagen lässt. 

Es brauchte wohl nur 3 Presswehen und einen Dammriss - schon war ich auf der Welt. Kerngesund und quietschfidel, eigentlich. Denn die lange Geburt hatte auch mir ganz schön zugesetzt, so dass sie mich zum Schluss doch mit Gewalt da raus zogen.

Meiner Mutter ging es indes nicht so gut. Die Plazenta löste sich nicht vollständig, der Fundus wollte nicht mitspielen, sie blutete wie abgestochen. Ein weitere beeindruckender Moment für meine Mutter als sie die Narkose bekam und den letzten Satz des OA vernahm: 'Schwester Andrea, ich dachte mir schon, dass sie noch ärger machen…'

Als meine Mutter wieder aufwachte war der Spuk vorbei und meine Mutter (eher eine gefühlsbetonte Frau) wurde hinweggerissen von der Hormonflut. Zunächst bestand sie darauf selbst aufs Klo zu gehen. Scheiß auf die Narbe und die Operation. Dann brachte mich mein Vater zu ihr und alles war wunderbar. Ich vermute eher, meine Mutter erinnert sich nicht wirklich an den ersten Tag mit mir. Fände ich sehr verständlich nach den Strapazen.

Jedenfalls war die Besuchszeit um, mein Vater ging. Meine Mutter sollte schlafen und so rollte man mich im meinem kleinen Plastikbettchen ins Kinderzimmer. Als meine Mutter dann früh morgens aufwachte begab sie sich auf die Suche nach mir. Da lag ich nun neben all den anderen friedlich schlafenden Babys. Babys von Türken und von Italienern und sogar ein Mischlingsbaby war dabei. Und ich. 

Jetzt muss ich dazu sagen, mein Teint ist, naja, hell und blass wäre ein klein wenig untertrieben. Ich bin weiß wie ne Wand. Weißblonder Flaum, grüngraue Augen und weiße, fast transparent weiß-bläuliche Haut. So lag ich da neben all den südländischen Babys. Und da brach meine Mutter zusammen. 

Dennoch musste sie trotz Blutverlustes und OP zusätzlich sediert werden, denn sie machte einen Riesen Aufstand, verlangte nach jedem Kardiologen, schrie und tobte ich müsse einen Herzfehler haben, so wie ich ausschaute. 
Natürlich war ich kerngesund, nur eben ein bisschen heller als alle anderen. Was eigentlich kein Wunder ist, denn meine Omas und mein Vater sind typisch hellblond und blauäugig. Nur meine Opas und vor allem meine Mutter, die ist ziemlich dunkelhäutig. Das kommt von ihrem Vater, gebürtiger Sudetendeutscher Mischling. Meine Mutter wird im Sommer brauner als jeder Spanier und  - sagen wir einfach - wir sehen uns nicht sehr ähnlich…

Aber egal, irgendwann hatte sie sich dann doch noch von dem Schock erholt und wir durften nach Hause. Dort saßen wir dann erstmal fest, denn es war ja Winter und Schneesturm - schon wieder. 
Meine Mutter war immernoch sehr erschöpft und in der ersten Nacht schlief sie 12 Stunden. Mein Vater hatte mich 1 Mal zwischendurch gefüttert und als meine Mutter morgens erwachte erschrak sie zu Tode. Kein Weinen, kein Schreien nach Mama. Ich lag wach in meinem Stubenwagen und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Eine Nachsorgehebamme gab es übrigens damals nicht, weil die einzige in der Nähe voll ausgebucht war.

Weihnachten kam und Neujahr und mein Vater bekam keinen weiteren Vertrag. Nach 6 Wochen Pause ging meine Mutter wieder zum Unterricht, denn sie war ja Schwesternschülerin und ich blieb daheim bei meinem Vater, der seine Freunde einlud. Die Herren veranstalteten jede Menge Fotosessions mit mir in der Abwesenheit meiner Mutter. So gibt es Bilder, auf denen ich mit 3 Monaten aus einer Bierflasche mit Nuckel oben drauf meine Milch trinke, oder auf der CB-Funkanlage meines Vater mit Kopfhörern liege, oder im verschmierten Strampler die Reifen wechsle… Männerkram eben.

Meine Mutter hat mich übrigens gestillt, wenn sie zu Hause war, bis ich 8 Monate alt war und wir haben's bis auf relativ kleine Scharmützel als Teenager immer sehr gut miteinander gehabt. Wollt ich nur mal sagen. Obwohl sie so jung war, die Geburt nicht traumhaft, das Bonding nicht wie im Buch und sie dann auch gleich wieder arbeiten war. Hat trotzdem sehr gut funktioniert. Warum auch nicht?

Und als meine Kinder geboren wurden, da war sie glaub sehr froh, dass sie das bereits hinter sich hatte...