Montag, 27. April 2015

Hauptsache die Familie ist gesund.

Man traut sich kaum diesen Satz auszusprechen. Wer gerade mit anderen Problemen beschäftigt ist, will sowas nicht hören. Und Probleme gibt es viele: Rollenverteilung, Vereinbarkeit, Geld, Arbeitsplatz, Kitaplatz und und und. Manchmal wachsen uns diese Probleme so über den Kopf, nehmen so viel Platz ein und verdrängen das Glück, eine gesunde Familie zu haben.

Wir alle wissen aber auch, das dieser Satz 'Unsere Familie ist gesund.' zu den wichtigsten und besten Sätzen gehört, die wir überhaupt aussprechen können, zu den wichtigsten Sätzen, die es für uns überhaupt gibt. Dieser Satz ist keine Plattitüde. Er ist absolut essentiell. 

Ich komme auf dieses Thema, weil wir in letzter Zeit einige Male mit der Nase darauf gestoßen wurde. Ein befreundetes Pärchen erwartet das erste Kind und wollte wissen, was ein Kind am meisten verändert. Ich gebe zu, ich habe sie daraufhin angelogen und etwas von Schlaf und Liebe und alles auf den Kopf stellen geredet. 

Was meine Familiengründung in meinem Leben am meisten verändert hat, meine Hochzeit, meine Kinder? Die Antwort ist so einfach wie unschön: Ich habe so viel gewonnen, dass ich am Verlust zerbrechen würde. Das Undenkbare ist zu einer realen Möglichkeit geworden. Ich weiß nun, was Angst ist. 
Ihr wisst es, es ist nicht einfach Furcht, dass etwas nicht klappt. Es ist die nackte pure, alles auffressende Angst. Angst vor dem einen Anruf. Angst vor dem Unaussprechlichen. Das hat mich am meisten verändert. 

Zuvor lebte ich ein normales Leben. Meine Probleme waren die anstehende Klausur, die Trennung vom Freund, Streit, Sorgen welchen Job ich will oder bekomme. Angst um mein eigenes Leben hatte ich nie. Habe ich heute noch nicht.

Die Angst kam auch nicht in der Schwangerschaft, auch nicht bei der Geburt. Da habe ich das alles gar nicht bewusst registriert. 
Gruselig wurde mir, als wir am Oberarzttelefon des Kispi anriefen und der Arzt fragte: 'Wie lange brauchen sie?' '15 Minuten.' 'Schaffen sie es in 5.'
Übel wurde mir, als wir nach 7 Minuten da waren und eine Schwester vor dem Eingang auf uns wartete und uns direkt hinein durch mehrere Schleusen führte - vorbei an der Notaufnahme.
Angst hatte ich, als ich in der Tür zur Neointensiv stand und mein Körper nur nach davon rennen wollte, Hauptsache nicht durch diese Tür in diesen Raum treten. 

Jeder, der tatsächlich am Bett seines Kindes stand und ernsthaft dachte, das Kind stirbt, der weiß was Angst ist. Wir alle teilen die selbe Angst, ähnliche Gedanken, die selben Wünsche. Und doch spricht kaum einer von unser darüber. Schon gar nicht mit Pärchen, die ihr erstes Kind erwarten.

Das Leben ist ein Risiko. Mehr Leben bedeutet mehr Risiko. Und doch funktioniert die Verdrängung auch bei mir tadellos. Meist regt mich jede Kleinigkeit mehr auf, als das Risiko diese wunderbare perfekte Familie zu verlieren. Würde nur die Sorge im Vordergrund stehen, könnten wir weder glücklich, noch sonstwie damit leben. 

Wie es Menschen aus Krisengebieten wirklich geht, die täglich mit Tod, Hunger, Krankheiten, Krieg und unsäglichem Schmerz kämpfen, kann ich mir gar nicht ausdenken. Wer weiß, dass z.B. in Afghanistan oder Somalia die Kindersterblichkeit bei 25% liegt, dem wird einiges klar. Frauen haben dort im Schnitt 4-5 Kinder, also hat tendenziell schon jede einzelne Frau dort ein Kind verloren. Also ist dort jede einzelne Familie traumarisiert. Wie genau soll denn dort eine funktionierende Gesellschaft mit humanitären Werten entstehen? Make love not war? Klaro. Und bleibt bloß, wo ihr seid, wir haben hier keinen Platz für euch.

Hier bei uns ist das natürlich anders. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Sorge und Risikobewusstsein. Das hätte ich den werdenden Eltern gerne erklärt, hätte ich die richtigen Worte dafür. Habe ich aber nicht. Menschen mit todkranken Kindern jedoch, die haben das. Die leben täglich mit dem Gedanken an Verlust und die lernen damit umzugehen. 
Auch so eine Familie habe ich nun kennen gelernt und ich kann nicht beschreiben, was das in mir auslöst. Keine Ahnung wie die das machen, aber die nehmen tatsächlich jeden Tag so, wie er ist. Die Verzweifeln auch mal, aber die Lachen auch. 
Beeindruckend auch die Geschichte dieser Österreicherin, die irgendwie ins Leben zurück gefunden hat und über die es inzwischen auch mehrere Interviews/Reportagen gibt.
Unvorstellbar für mich. Ich bin mir sicher, ich würde am Tod eines der Kinder zerbrechen. Ich muss auch zugeben, ich würde zwar schrecklich unter dem Verlust des Trüffels leiden, aber darüber würde ich irgendwann hinwegkommen (Sorry Trüffel!).

Ich möchte aber auch betonen, dass der Verlust eines Elternteils für meine Kinder wohl mindestens so schlimm wäre, wie ihr Verlust für mich. Es gibt da keine Reihenfolge, was schlimmer wäre. Diese Kleinfamilie besteht im Moment aus 4 Mitgliedern. Keines davon entbehrlich.

Die Großeltern trifft es da schon härter. Die würden sehr fehlen und es wäre schlimm, aber ich hatte nun durchaus schon Jahrzehnte Zeit mich von ihnen zu lösen und mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie irgendwann nicht mehr da sind. 

Zudem setzte ich mich bewusst immer wieder dem schrecklichen Gedanken aus, was wäre, würden meine Kinder sterben. Natürlich kann ich in meiner Vorstellung nicht wirklich ermessen, wie es wäre. Aber ich versuche es nicht vollständig zu verdrängen. Denn ja, die Möglichkeit besteht.

Zum Beispiel am Wochenende auf der Autobahn. Zum Glück fuhr ich und nicht der Trüffel. Zum Glück erkannte ich, dass der SUV hinter uns nicht bremst (Stauende). Zum Glück haben wir einen Sportwagen, dessen Fahrwerk dafür gemacht ist auch beim zackigsten Spurwechsel (von links direkt auf die Standspur) sauber die Spur zu halten. Zum Glück war das Auto rechts von mir schon sehr langsam. Zum Glück. Denn der SUV bremste mit Vollbremsung 2cm vor der Stoßstange unseres eigentlichen Vordermanns. Der Fahrer hielt noch sein Handy in der Hand. 
Das wäre gnadenlos schief gegangen. Aber wir sind hier. Es geht uns gut. Wir sind alle gesund. Das ist die Hauptsache. Und mir ging wieder einmal der Arsch auf Grundeis, aber so richtig.

Nun, ich muss lernen, meine Angst im Zaum zu halten, denn so ist das Leben. Genau das heißt Leben eben auch - Angst zu haben um das Leben. Und mit dieser Angst klar zu kommen. Ich sitze hier von meinem Bildschirm und kann mir gar nicht vorstellen, welche Abscheulichkeiten Menschen erleben. Geschichten von Soldaten, von Hunger, von unendlichem Leid. Ein Glück habe ich nicht den leisesten Schimmer davon. Und so darf es ruhig bleiben.

Und ihr hoffentlich auch nicht.
Ein Prost auf euer Wohl! Und ruft euch das öfter mal ins Gedächtnis: Hauptsache, wir sind alle gesund!

Kommentare:

  1. Wie richtig und wichtig, zeigt mir doch meine Elterngeneration diese Wichtigkeit immer wieder.
    So wichtig mir Karriere/berufliches Fortkommen immer war, so werde ich doch immer wieder an mein großes Erstaunen/Entsetzen denken als wir in einem Seminar unsere Werte priorisieren sollten und jemand echt Karriere vor Gesundheit stellte und auch auf Nachfrage dabei blieb. Mich würde interessieren ob das heute, nach beruflichen Einstieg und Familienplanung, etwa 10 Jahre später immer noch so aussieht.

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  2. Du sprichst mir aus der Seele!

    Ich war schon nach der ersten Schwangerschaft zum totalen Schisser mutiert.
    Und dabei hatte ich nicht nur Angst um meine Lieben. Die habe ich selbstverständlich andauernd!
    Aber ich bin auch mit mir selbst viel ängstlicher geworden. Und diese Ängstlichkeit ist weniger greifbar.
    Ich kann nicht mehr entspannt Inlineskaten.
    Und frage mich vom Kopf her, was denn bitte schon passieren soll. So schlimm ist doch ein gebrochener Arm nicht? Aber das mulmige Gefühl im Bauch ist da.
    Das Gleiche beim Segeln. Dabei kann man auf unserem Minisee wohl kaum ertrinken.
    Und den Motorradführerschein werd' ich wohl nie wieder brauchen...

    Ich weiß aus Gesprächen mit Kolleginnen, dass es anderen Müttern genau so geht. Möglicherweise steckt dahinter ein Sinn? Man soll doch als Mutter von so kleinen Kindern möglichst nicht verloren gehen!

    Meine Mutter, über deren Ängstlichkeit ich mich als Teenager immer belustigt habe, spricht immer vom "Gluckenhormon ".

    Jetzt, ca 3 Monate nach der Geburt von Kind 2, ist es noch viel schlimmer geworden.
    Ich fürchte mich - als erwachsene Frau - wieder vor der Dunkelheit!
    Ich kann teilweise nachts nicht schlafen, weil ich Angst habe, dass es brennt. Dass ich meine Kinder nicht retten kann.

    Ich gehe da, so gut es geht, gegen an.
    Ein Punkt ist tatsächlich das allabendliche Trinken einer Tasse Beruhigungstee. Das hilft mir gegen das Kopfkarusell.
    Und ich setze mich mit meinen Ängsten auseinander.
    Es nützt niemandem, wenn ich dauernd nur Angst habe.

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    1. Ohne dich angreifen zu wollen, aber was du schreibst klingt durchaus ungesund. Diese Übervorsicht kann ja schnell ins Belastende umschlagen. Und das soll es eben gerade nicht. Ist auch bei mir nicht der Fall. Ich bin gar nicht vorsichtiger geworden. Bei uns ist auch der Papa der Angsthase. Ich bin gar nicht so.
      Was ich eigentlich beschreiben wollte ist, dass ich mir vorher über Verlust gar keine Gedanken gemacht habe und mich die Elternschaft eben konkret mit meiner Verlustangst konfrontiert hat. Es ist spannend, wie wir das so ganz unterschiedlich erleben.

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