Samstag, 19. Dezember 2015

Die Romantisierung der Erbsünde

Ich muss ehrlich zugeben, dies wird ein sehr langer, sehr subjektiver Post, ein sehr angriffslustiger Post, denn ich habe mich über ein Thema ziemlich geärgert. Es soll darum gehen, wie 2 Hebammen im Netz die Stärke der Frau bei der Geburt darstellen.

Konkret, ich las den absolut ideologisierten Beitrag von Anja von Guten Eltern und einen Beitrag von Jana vom Hebammenblog und muss mich mal ganz und gar von diesen Darstellungen distanzieren. 

Wer jetzt denkt: Oh, jetzt fängt sie aber auch noch an, gegen Hebammen zu hetzen, dem möchte ich sagen: ganz und gar nicht! Ich betone immer wieder in meinen Posts, dass ich eine hervorragende Hebammenbetreuung während der Geburten erfahren habe und davon ausgehe, dass das bei Nr.3 ebenfalls so sein wird. 

Wogegen ich mich aber sehr deutlich wehren möchte ist die allgemeine Romantisierung der allein durch Hebammen betreuten Geburt (v.a. in Geburtshäusern und bei Hausgeburten) und dem ständigen Ausspielen der Medizin, medizinischer Intervention, Klinikgeburten etc. gegen eben diese ach so gemütlichen Geburten im kleinen Kreis. Hebammen, die Geburtssituationen so gegeneinander ausspielen brauchen sich nicht zu wundern, wenn man sie irgendwann für überflüssig erklärt. Als ich das in einem Kommentar bei den guten Eltern auch so niederschrieb, wurde prompt eben dieser Kommentar, so wie vorangegangene Kommentare und ein sehr zustimmender Kommentar einer anderen Leserin in kürzester Zeit gelöscht. 

Aber fangen wir von vorne an.
Beide Hebammenposts thematisieren zum einen die absolut prekäre Personalsituation in Krankenhäusern. Das unterschreibe ich kritiklos, denn ich glaube den beiden, dass die Hebammen, aber auch das restliche Krankenhauspersonal bis zum Anschlag am Rotieren und Springen ist, dass die Angst vor Fehlern beim Personal sehr hoch ist, dass die Hilflosigkeit diese Situation einfach aussitzen zu müssen noch viel größer, und dass Besserung nicht in Sicht ist. Ich glaube auch, dass die Zeit für Betreuung und Beratung durch Fachpersonal nicht ausreichend ist und dass dadurch kritische Situationen entstehen können, die vermeidbar wären. 
Darüber müssen wir nicht diskutieren. Dinge können ganz blöd laufen und dann leiden alle darunter und das will eigentlich kein Mensch.

Aber nehmen wir doch die weiteren Aspekte mal unter die Lupe, die diese Posts ansprechen. Zum einen wird der Geburtsbericht auf dem Hebammenblog damit begonnen, dass die Mutter selbst eigentlich ihre Geburt als schön und in Ordnung beschreibt. In den lilafarbenen Kommentaren wird dann aber doch krampfhaft nach Aspekten gesucht, die noch viel besser hätten laufen können, wo eine noch bessere Hebammenbetreuung das Geburtserlebnis noch mehr verbessert hätte. Das wirkt auf mich nicht nur nach der krampfhaften Suche nach Rechtfertigungsgründen für eine Aufwertung der Hebammenarbeit, es stören mich 2 Dinge daran: 
1. Warum kann eine Hebamme die Aussage einer Mutter, die eigentlich zufrieden ist, nicht einfach mal so stehen lassen? Schaut her, auch eine Standard-Klinikgeburt kann zufriedene Mütter und Kinder zum Ergebnis haben. Ist doch schön, auch mal davon zu hören. Weshalb muss die Aussage der Mutter auch noch abgewertet werden, damit man die eigene Rolle aufwertet? Und warum macht gerade eine Hebamme mit relativ großem Publikum so etwas?

2. Wie finden wohl die Klinikhebammen eine solche Abwertung? Diese Frauen reißen sich den A*sch auf, um es allen so schön wie möglich zu machen, geben ihr Bestes und dann kommt ausgerechnet eine Kollegin und erklärt ihnen, dass es ja noch viel besser geworden wäre, wenn nur mehr Personal da wäre! Das finde ich ziemlich unangebracht, denn ich nehme schwer an, jede Klinikhebamme weiß, dass mehr Personal immer besser wäre - für alle Beteiligten. Dennoch kann man diesen Frauen auch einfach mal öffentlich sagen: Liebe Klinikhebammen, ihr macht unter schlechten Umständen einen wirklich hervorragenden Job! Das verbessert eure Situation nicht, aber WIR ALLE sehen, wie ihr euch anstrengt und wir sind euch sehr dankbar für euer unermüdliches Engagement, eure Freude und eure Begleitung während dieser aussergewöhnlichen Situation einer Geburt!

Ich denke, gerade solch ein Geburtsbericht mit positiver Bilanz hätte sich hervorragend dazu geeignet nicht nur alles Schlechte einmal ausführlich darzustellen, sondern auch mal die außergewöhnlichen Leistungen zu würdigen, die da von allen Seiten erbracht werden. Und ich frage mich, weshalb man denn davon so selten liest? Damit nicht der Eindruck entsteht, alles laufe super? Ist das wirklich ein hinreichender Grund Klinikgeburten IMMER in negativem Licht darzustellen und immer auch noch auf dem kleinsten Fehler dabei herumzureiten?

Punkt Nr.1 der Posts auf diesen Hebammenblogs, der mich enorm stört, ist zusammengefasst die überwiegend negativ gefärbten Darstellung von Klinikgeburten.

Dem gegenüber steht logischerweise die romantisierte Darstellung außerklinischer Geburten. Leider. Nicht, weil die gar nicht so doll superschön sind, sondern weil diese Art der Darstellung gezielt das Eine gegen das Andere ausspielen soll. Ich halte das für total fehl am Platz.

Ich möchte hier nicht beschönigen, dass durch die Situationen in den Kliniken Frauen schlechte Erfahrungen machen, die Verarbeitung der Geburten erheblich verlängert werden kann und diesen Frauen echtes Leid zufügt. Ja, das kommt vor und das tut mir für jede einzelne dieser Frauen ehrlich leid. Allerdings ist es schlicht falsch, diese Situation als den Normalfall darzulegen. 

Man liest viele unschöne Geburtsberichte. Das mag mehrere Gründe haben. Aber dass der Eindruck entsteht, Klinikgeburten wären halt irgendwie nicht so super, das muss echt nicht sein, denn so ist es einfach nicht. Ich habe überwiegend Positives von Klinikgeburten gehört und es eben auch so erlebt. Spricht man mit den Frauen, so hört man oft 'Meine Geburt war eigentlich ganz schön, anstrengend, aber gut. Mach ich beim nächsten Mal wieder so.' Das allerdings ist nur ein Satz, keine ganze Leidensgeschichte, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit und Empörungspotential erzeugt. Die Aussage dieses einen Satzes ist jedoch nicht weniger wert, auch wenn sie medial weniger Verwurstungsmöglichkeiten hergibt. Aus irgendeinem Grund entscheiden sich ja 98% der Schwangeren für eine Klinikgeburt. Die (vermeintliche/gefühlte) medizinische Sicherheit ist dabei ja nur ein Aspekt. 

Aber es ist doch so, wenn mich eine Schwangere fragt, wie ich entbunden habe und ob ich das empfehlen könne, kann ich tatsächlich nur antworten: meine Klinikgeburten waren tiptop betreut, liefen zwar nicht glatt, aber das ist nunmal Pech. 'Meine' Kliniken kann ich aber weiterempfehlen. Daran gab es nix auszusetzen. Das ist übrigens auch die Aussage des Trüffels, der explizit keine Situation erkennen kann, in der eine umfangreichere Betreuung das Ergebnis, Erleben oder Fazit der Geburt verbessert hätte. Bei uns wurde stets so wenig wie möglich, dann aber absolut korrekt eingegriffen und dann auch ohne große Diskussion. Für die Komplikationen oder die Schmerzen, die mir persönlich zu schaffen machten, kann keine Klinik und überhaupt kein Mensch etwas, wohl aber konnten sie in der Klinik etwas dagegen machen.

Ein weiterer Punkt ist vor allem die stets misstrauische Betrachtung von Schmerzmitteln. Hebamme Anja sagt wohl konkret, dass eine PDA auch ihre Berechtigung haben kann. Jaja, nur wie diese Aussage im Text verpackt ist, ist doch unzulässig. Schon der Titel ihres Posts sagt ganz klar aus: PDA schlecht - Hebamme gut. Dann wird im Text erst lang die innere Stärke der Frau und die intensive Hebammenbetreuung beschworen, danach kommt ein Abschnitt über PDA und das das manchmal schon helfen kann, dann kommt eine zulässige kritische Auseinandersetzung der PDA als Massenphänomen in Klinikgeburten und dann wieder ein ausführlicher Abschnitt über weitere intensive Betreuungsmöglichkeiten während der Geburt als Ersatz für die PDA.

Warum ich das für unzulässig halte? Weil dabei gleich mehrere Undifferenziertheiten eingebaut werden und einem diese auch noch als 'wohlwollende Sorge um die Frauen' verkauft wird. Aber so einfach ist es nicht.

Erstmal disqualifizieren sich Fachpersonen mit undifferenzierten Aussagen, die auch noch, zumindest idealistisch manchmal auch ideologisch eingefärbt sind, selbst. Je differenzierter ein wissenschaftliches/medizinisches Thema dargestellt wird, desto weniger kann man hineininterpretieren und desto nachvollziehbarer ist die Argumentation.
Des Weiteren wird damit die ursprüngliche Aussage 'wir brauchen bei Geburten eine möglichst hohe Betreuungsrate, dann brauchen wir auch weniger Medikamente, erheblich ideologisiert. Das ist niemals gut und ich erkläre auch gerne, was ich damit meine. Studien belegen in der Tat, dass eine ausführliche Beratung und eine gute Betreuung die Verwendung von Schmerzmitteln und die allgemeine Interventionsrate senken kann. Fraglich in diesen Studien bleibt für mich aber, ob die Frauen weniger PDAs wollen, weil sie durch ausführlichere Beratung und Aufklärung differenziertere Entscheidungen treffen können, oder ob sie nicht doch etwas anderes dazu bewegt. Eine Hebamme z.B. die aus Überzeugung von einer PDA abrät oder eine übermäßige Betonung der Nachteile. Diesen Punkt möchte ich noch ausführlicher behandeln. 

Denn gerade Schmerzen sind so ein Thema. Sind wir ehrlich, wir sind heute eher selten mit erheblichen Schmerzen konfrontiert. Menschen mögen Schmerzen nicht so gerne. Wir sehen es als 'human' an, Schmerzen zu lindern. Einem Verletzten, einem Sterbenden, einem Kind mit Mittelohrentzündung - denen geben wir unbedingt Schmerzmittel. In Dosis und Wirkstoff angepasst, aber wir würden diesen Menschen niemals sagen: 'An Schmerzen kann man ja nicht physiologisch sterben, also da musst du halt durch…' Wir dürfen Wirbeltiere nicht ohne vorherige Betäubung töten und müssen selbst unsere Haustiere mit Schmerzmitteln versorgen, da gilt: 'Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.'

Bekommt nun aber eine Frau ein Kind, so wird auf einmal die innere Stärke hochgehalten. Chakka, du schaffst das! Ein bisschen Badewanne, ein bisschen Hybnobithing, ein bisschen mehr Betreuung und jemand, der einen motiviert und dann kannst du das - auch ohne Schmerzmittel. Dann entdeckst du deine innere Stärke und darfst hinterher stolz sein, dass du das geschafft (oder vielleicht auch notgedrungen durchgestanden) hast. 
Mir persönlich klingt das doch sehr nach Genesis 3, 16: 'Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen wirst du deine Kinder gebären.' Auf englisch klingt das sogar noch matialischer: I will multiply your pains in childbirth. You shall give birth to your children in pain. 

Da sind wir also wieder - zurück im finsteren Mittelalter, als die Erbsünde doch tatsächlich einen erheblichen Beitrag an der gesellschaftlichen Einstufung der Frau hatte. Ach Eva, was hast du uns da nur eingebrockt? 

Mal ehrlich, natürlich glaube ich nicht an Erbsünde. Ich bin Biologin. Evolutionär ist ein gewisser Geburtschmerz von Nöten, denn allein die Gebärmutterkontraktion aktiviert nunmal die Nociceptoren. Ich bin Neurobiologin. Das beeindruckt mich nicht. Dennoch gibt es derart starken Geburtsschmerz im Tierreich eigentlich nicht. Wäre auch ganz kontraproduktiv auch noch Fressfeinde anzulocken, während man grad den Nachwuchs rauspresst. Wir Menschen haben da aber dieses Feature der wirklich schmerzhaften Geburt. Ok, nicht alle Frauen erfahren unerträglich starke Schmerzen, aber doch ein erheblicher Teil der Gebärenden. Das hat zum einen mit der Kindes- und Kopfgröße zu tun. Alles gewachsen im Laufe der Menschwerdung. So ein Affenbaby ist winzig im Vergleich zu einem Säugling. Aber es gab bei uns eben auch keine Notwendigkeit nach Geburtsschmerz zu selektieren. Wenn eine Antilope in der Savanne stundenlang vor Schmerzen schreit wird sie gefressen und der Nachwuchs auch. Da hat sich sinniger Weise 'schnell und leise' durchgesetzt. Wenn Homo erectus 24h in höllischen Wehen liegt, beschützt vom Familienclan mit Waffen, kommt niemand und frisst diese unvorteilhaften Gene auf. 

Pech für uns.

Und so bringen wir unsere Kinder eben unter Schmerzen auf die Welt. Aber wir wären ja nicht Menschen, wenn wir nicht alles daran gegeben hätten, der Natur da nachzuhelfen. Wir haben heute - GOTT SEI DANK! - Schmerzmittel. Ein unfassbares Glück, dass noch vor 200 Jahren so gar nicht existierte. 

Jetzt ist es natürlich so, dass auch und gerade Schmerzmittel, Nebenwirkungen haben. Zum Teil massive. Darum darf man diese Medikamente niemals einfach so einsetzten, um Leute ruhig zu stellen, damit sie keine Zeit kosten, oder weil ökonomische Gründe höher gewichtet werden als medizinische oder gar persönliche. Beides geschieht heute in Kliniken und beides ist grundlegend falsch. 

Die positive Wirkung eines Medikamentes muss immer im individuellen Fall die Nebenwirkungen (mehr als) aufwiegen. Bei Schmerzen ist das genau dann der Fall, wenn beim Patienten die absolut individuelle Grenze von 'erträglich' zu 'Leid' überschritten wird. Ja, es gibt Frauen, die kommen mit ihren Schmerzen so klar, unterstütz von Meditation und/oder intensiver Betreuung. Aber viele tun das nicht. Und viele wollen das gar nicht ausprobieren. Wenn ich denn einen Zahn gezogen bekomme und mein Arzt fragt 'Mit Betäubung oder ohne?' Ja also, ich persönlich würde nie antworten 'Ach, probieren wir's doch erstmal ohne, ich bin da innerlich stark genug.' Das geb ich hier ganz unumwunden zu.

Und ich hatte ja nun eine lange komplizierte Geburt mit PDA und eine schnelle ohne jegliche Betäubung. Falls einer der geneigten Leserinnen fragt: Ich persönlich würde niemals freiwillig diese viel zitierte Urgewalt so auskosten wollen. Ich würde es keinem empfehlen und ich werde auch direkt beim ersten Schritt in die Klinik bei T3 nach Schmerzmitteln verlangen. Meine innere Stärke wurde von bestialischen Schmerzen dahingerafft und auch wenn 5 Hebammen neben mir stünden und mir Mut zusprächen - Geburtsschmerz törnt mich nicht an! Wird es niemals. Ich nehme es in Kauf, aber das löst leider nicht ein Fünkchen Stolz oder positive Gefühle in mir aus. Ich hab da jetzt keine Wahl mehr, aber wollen will ich das bestimmt nicht! Und an der Betreuung lag's sicher nicht, dass ich bei Wehenschmerzen eher abgeneigt bin. 

Diese Schmerzgeschichte ist eine ganz Heikle, denn ist das Kind einmal drin, muss es nunmal auch wieder raus. Wahlmöglichkeiten hat man da ja nur begrenzt. Wir machen das, weil wir es ab einem bestimmten Punkt müssen. Das mit dieser ominösen inneren Stärke zu verknüpfen führt meiner Meinung nach zu einem: Die Einteilung in Frauen, die der Urgewalt getrotzt haben - und den Weicheiern. 

Und auf den Blogs geistern ja immer wieder diese Themen herum: Bin ich eine echte Mutter, obwohl ich eine PDA hatte, mich dem Ideal der natürlichen Geburt entzogen habe? Nicht nur KS-Mütter hadern mit medizinischer Intervention. 
Nur am Rande: niemand will jemals dem Baby irgendwie schaden. Aber es geht nunmal nicht immer nur um's Baby. Es geht auch um das reale Leid der Frau, die da vor sich hinweht. Die Abwägung, ob und wie dieses Leid gelindert wird hängt von vielen Faktoren ab, nicht nur von der Hebammensituation. Und es darf niemals einfach so leichtfertig massiv eingegriffen werden. Eine PDA ist eine intensive Maßnahme. Aber wenn eine Frau sagt, sie will Schmerzmittel und nicht Chakka, dann ist das ihr gutes Recht und ihre freie Wahl. Ja, das kann den Geburtsvorgang negativ beeinflussen, weitere Maßnahmen nach sich ziehen oder einfach die Geburt verlängern (was irgendwie auch nicht ganz so tragisch ist, da ja schmerzfrei und solange es keine größeren Probleme für Mutter und Kind macht). Dass die Geburt mit PDA vom Idealfall der interventionsfreien natürlichen Geburt abweicht ist kein Nachteil, sondern Sinn und Zweck der Sache!

Fazit: Ja, Frauen sollten nicht unaufgeklärt und aus Spaß Schmerzmittel bekommen. Nein, Frauen müssen da aber nicht durch, weil es eben so ist, oder die Überwindung der Schmerzen sie zu Superheldinnen macht. 

Punkt Nr.2: Die Romantisierung der Geburt als etwas Erhebendes macht Frauen zu Heldinnen und Weicheiern und das ist komplett unangebracht. Gleiches gilt für die Romantisierung der Schwangerschaft als sinnstiftende weibliche Erfahrung und für Geburt und Mutterschaft insgesamt. Die etwas realistischere Darstellung der gesamten Mutterschaft würde all die vielen Frauen unterstützen, die sich selbst unter Druck setzen alles ideal machen zu wollen, und ihnen wahrscheinlich das Leben erleichtern.

Mich persönlich störte neben der dem Titel 'PDA statt Hebamme' auch noch das Titelbild. Es suggeriert, eine nette Atmosphäre, ein paar Rescue-Tropfen und Globuli, noch ein Kerzchen dazu und schon hat man sich ne gemütliche, entspannte Geburt gebastelt, durch die man ohne Probleme, dafür mit viel Chakka so durchrutscht. Man hätte auch ein Bild einer entspannten Mutter in einem Klinikbett zeigen können. Das allerdings passt ja auch nicht ganz zum Inhalt des Posts.

Man darf sich auch fragen, weshalb außerklinische Geburten, bei denen eigentlich keine Schmerzmittelgabe erfolgen kann, die aber eine 1:1 Hebammenbetreuung aufweisen, so anders laufen. Sie sind nicht besser und nicht schlechter in meinen Augen. Aber die Frauen wissen nunmal vorher, dass sie durch die Schmerzen durchmüssen - ob sie wollen oder nicht. Das ist schon eine ganz andere Einstellung. Ich z.B. wäre das eingegangen, weil ich damit rechne, da sowieso durchzumüssen, weil die Geburt wahrscheinlich ähnlich schnell wird, wie beim letzten Mal. Und eine weitere Frage ist auch, ob die Frau das durchhält, weil die Hebamme daneben sitzt, oder die Hebamme daneben sitzt, weil die Frau das durchhalten muss und Zuspruchsbedarf hat. Wir trösten ja grundsätzlich jeden, der starke Schmerzen hat und lachen ihn nicht einfach aus.

Wenn ich zusammenfassen darf: 
Medikamente sind keine Lutschbonbons. Und Frauen sind keine Indianer.

Mir persönlich wäre es doch sehr recht, wenn Medizin als probates Mittel zum Zweck dargestellt würde und nicht als Entgegner der idealen Mutterschaft. Fachpersonal, dass diese zwei Faktoren gegeneinander im Wettbewerb antreten lässt ist mir suspekt. Die großen Verlierer dabei sind die Frauen, die sich dadurch instrumentalisieren lassen und Angst haben auf der Verliererseite zu stehen.
Keine Frau ist ein Verlierer, weil sie ihr Kind mit Schmerzmitteln oder per KS zur Welt gebracht hat und keine Frau ist ein Gewinner, weil sie darauf verzichtet hat. Das sind schlicht die komplett falschen Denkkategorien.







Mittwoch, 16. Dezember 2015

Der böse Schwiegervater hat Schuld - Teil 2

Um die Geschichte abzurunden möchte ich noch ein wenig Hintergrund berichten. Wie komme ich eigentlich zu meinen Gedanken?
Und es soll dabei um den Schwiegervater gehen, aber nicht meinen. Vielmehr ist es der Schwiegervater meines Papas, also mein Opa mütterlicherseits. 

Wie schon öfter angedeutet, war und ist das keine gut bürgerliche Familie und mit erheblichen Problemen behaftet. Die Lösung dieser Probleme allerdings ermöglichte mir tatsächlich das, was sich alle Eltern für ihre Kinder wünschen: Sie sollen's mal besser haben. 
Um es deutlich zu sagen: aus der Schei*e, die meine Großeltern und meine Eltern gebaut haben, konnte ich ne Menge lernen und erspar mir so eine riesige Menge ernsthafter Probleme. Das wiederum ist ja Sinn und Zeck so eines Familienlebens und darum fällt meine Familienbilanz, trotz sehr unschöner Geschehnisse, sehr deutlich positiv aus.
Das finde ich auch wichtig zu betonen, denn wenn Eltern echte Fehler machen, heißt das nicht automatisch, dass die Kinder tödlich traumarisiert durchs Leben torkeln. Bei Vielen mag das Leben dadurch negativ beeinflusst werden, bei Vielen ist es aber nicht der Fall. Das ist was Gutes und muss auch betont werden!

Und los. Kapitel 1: Die verlorene Generation

Mein Opa ist Anfang der 30iger Jahre geboren, in Schlesien. Der Vater fiel im Krieg, die Mutter floh mit den 3 Kindern. Das jüngste starb auf der Flucht als Baby. Das 2. war sowieso recht krank, Multiple Sklerose im Anfangsstadium, und mein Opa war der Große, gerade Teenager und der einzig verbliebene Mann im Haus. Schulbildung fiel dem Krieg und nachkrieglicher Aufbauarbeiten zum Opfer. Die Mutter brachte die Kinder allein durch. Kurz und gut - die Kindheit meines Opas war einfach kacke, die Familie traumarisiert, alle total überfordert, bettelarm und krank. 

Nichts desto Trotz, mein Opa überlebte, machte mit 14 eine gute Ausbildung, arbeitete mit 18 in der Firma, die ihn bis zur Rente beherbergen sollte, lernte mit 20 eine junge Dame kennen, heiratete sie Ende der 50iger Jahre, als er finanziell ganz gut dastand, bekam Anfang/Mitte der 60iger 2 Kinder - erst einen Jungen, dann noch ein Töchterchen. Anfang der 60iger baute er der Familie mit eigenen Händen ein Haus, das er brav abbezahlte bis er 1 Jahr vor der Rente stand. Von außen betrachtet ein gutes, anständiges Leben, voller harter Arbeit, aber auch voller selbst erarbeiteter Errungenschaften. Ein guter Bürger, ein gutes Gemeindemitglied, ein guter Arbeiter, ein guter Mann. 

Doch innen tobte der Krieg. Nicht laut und schreiend, sondern leise und qualvoll. Und mein Opa wählte eine relativ anerkannte Alternative: Betäubung. Bier, Schnaps, Wein. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann stand nur leider nicht die Lösung vor der Tür, sondern alles, was Alkoholismus so an Nettigkeiten mit sich bringt. Aggression, Totalausfälle in Familie und am Arbeitsplatz, Gewalt gegen Frau und Kinder, noch mehr Alkohol, kognitive Schäden, Leberschaden und was es sonst noch so gibt.

Meine Mutter - inzwischen 16 Jahre alt - suchte sich erst einen Beruf, der sie da rausholte, dann einen Typen, der sie beschützte. Ja gut, sie wurde dann schwanger und die beiden zackig verheiratet, aber das war auch irgendwie ein Glücksfall. Wie bereits erwähnt, mein Vater war damals Offizier bei den Fallschirmjägern und Bodybuilder. Diplomatisch gesagt: wenn mein Vater auf den Tisch haut und sagt 'Jetzt reicht's!', dann ist jegliche Diskussion damit beendet. Und genau das tat er irgendwann.

Kapitel 2: Die Flucht nach vorn

Ich war damals 5 Jahre alt und es ist eine meiner ersten Erinnerungen. Ich spiele im Garten meiner Großeltern und höre meinen Opa an der Garage fuhrwerken. Natürlich bin ich neugierig und gehe hin. Mein Opa steht am Kofferraum seines roten Seat und fädelt ein langes dickes Seil auf. Er hat mich nicht bemerkt. Am Ende des Seils ist eine große Schlaufe. Ich weiß wofür die ist. Vielleicht habe ich derartiges einmal in einem Film gesehen - keine Ahnung woher ich das weiß. Ich frage laut: 'Opa? Wo gehst du denn hin?' Mein Opa sieht mich lange an, mit Tränen in den Augen, steigt ein und fährt davon. Ich bin nicht wirklich beunruhigt, weiß aber, dass etwas nicht stimmt. Also gehe ich zu meinen Eltern auf die Terrasse und erzähle, was ich gesehen habe. 

An diesem Punkt hat mein Vater die Sache in die Hand genommen. Er war einen ganzen Tag weg, hat meinen Opa aufgespürt und ihn direkt in eine Entzugsklinik gebracht. Er muss sehr klar und deutlich gewesen sein, denn mein Opa blieb dort ganze 3 Monate. Er kaufte mir dort eine große Puppe, die ich immernoch habe. Das einzige Geschenk, das er je persönlich für mich ausgesucht hat. 

Die Bedingungen waren klar: Entweder Therapie oder er sieht seine Tochter und mich nie wieder. Also Therapie. Bei Rückfällen stationär, ansonsten ambulant - nunmehr 30 Jahre lang. Therapie nicht nur für ihn. Paartherapie, Familientherapie - immer und immer wieder. Erst mir zuliebe, dann zuliebe seiner Familie, zuletzt für sich selbst. 

Zusätzlich eine massive Einbindung in die Kirchengemeinde. Ich erinnre mich sehr genau an den Pfarrer von damals. Statur und Auftreten wie Helmut Kohl - groß, dick und irgendwie eklig, aufdringlich, sehr autoritär. Ich hab den nie gemocht. Aber er hat meine Großeltern unter Kontrolle gehalten. Später dann, suchten sie sich eine freikirchliche Gemeinde. Ich würde es eher eine Sekte nennen, der Guru - Entschuldigung Prediger - ebenfalls groß, sehr dick, laut und eklig. Ich mag solche Männer nicht. Aber meinen Großeltern hat's geholfen. Sie sind sehr religiös geworden. Eine komische Mischung, denn sie sind keineswegs verbohrt, fanatisch, missionarisch oder irgendwie aufdringlich. Nur sie für sich brauchen die strengen Regeln und Hierarchien ihrer Gemeinde. Gegen alle anderen haben sie keinerlei Vorbehalte und sind frei und offen im Umgang mit allen anderen Menschen. 

Sie haben 2 entscheidende Dinge gelernt durch diese Geschehnisse:
1. Lerne dir selbst und anderen wirklich zu verzeihen - und wenn es das Letzte ist, was du tust.
2. Grenze niemals jemanden aufgrund seiner Herkunft, Erscheinung, Geschichte oder Taten aus, sondern setze dich mit ihm auseinander. 

Ich muss zugeben, die religiöse Gemeinschaft hat gute Arbeit an ihnen geleistet. Man hat ihnen dort einen Weg gezeigt, mit sich und ihrem Leben klar zu kommen. Denn natürlich war nachdem offiziellen Outing als Alkoholiker der Ort in Aufruhr. Meine Großeltern erlebten massive soziale Ächtung und Spott, auch wenn wir alle wissen, dass in ihrer Generation mein Großvater ganz und gar keine Ausnahmeerscheinung darstellt. Aber sie haben in der Gemeinde eine Heimat, Freunde und Anerkennung gefunden. Das ist unbezahlbar.

Die Aufarbeitung der Geschehnisse in meiner Familie dauert bis heute an. Mein Opa ist nun über 80, seine Leberwerte sind nicht gar so schlecht. Er ist trocken - mit ein paar schwachen Momenten. Manchmal gibt es deswegen Streit mit meiner Oma. Aber alles in allem - alle haben inzwischen ihren Frieden miteinander gemacht. Es war ein extrem steiniger und harter Weg. Aber irgendwie blieb diese Sache mit der Vergebung keine hohle Phrase, sondern ein jeder von uns hat das tatsächlich früher oder später hinbekommen. Es macht nichts ungeschehen, aber es hat den Weg frei gemacht für eine sinnvolle Zukunft. 

Anstatt sich umzubringen, hat mein Opa erst mich und nun meine Kinder aufwachsen sehen. Und so, wie er mir früher Gummibärchen zusteckte, verteilt er sie heute an meine Kinder. Ganz ehrlich, mich macht das sehr glücklich. Und meine Eltern sind nicht verbittert, nicht selbst Alkoholiker oder von sonstwas abhängig, sie sind nicht nachtragend, nicht wütend, nicht (mehr) traumarisiert. Sie blicken voller Zuversicht in die Zukunft und sind glücklich über die kleinen blonden Engel, die nun ihr Leben bereichern.

Und darum lässt es mich auch nicht los, meinen Mann zu sehen und meine Schwiegereltern. Diesen ständigen Kampf. Meine Schwiegereltern gehören eher der Generation meiner Großeltern an, auch wenn sie beide direkt nach dem Krieg geboren wurden. Doch sicherlich war ihre Kindheit bei kriegstraumatisierten Eltern auch nicht allzu lustig. Meine Schwiegermutter ist nur noch verbittert und mein Schwiegervater ist seit 30 Jahren Alkoholiker. Das würde niemand offen zugeben, es ist ihnen sogar vor mir peinlich. Es mag mehrere traumarisierende Ereignisse in ihrem Leben gegeben haben, die sie an diesen Endpunkt gebracht haben. 

Aber auch wenn alles nicht ganz so akut ist, wie bei meiner Familie damals: Meine Schwiegermutter hat ein Problem. Mit mir, meinen Kindern, mit der ganzen Familiensache. Wenn ich das so anmerken darf, ich halte auch meine Schwägerin, ihre Tochter, für nicht allzu psychisch stabil. Die Probleme ihrer Mutter haben sie bis ins Mark geprägt und ich sehe da ne Menge Komplikationen auf diese Frau zukommen. Sie hat nun geheiratet und ein Haus gebaut, das sie völlig überfordert. Sie machen sich nun an die Familienplanung. Dass sie das alles krank gemacht hat, darf man nicht offen sagen oder fragen, aber sie wiegt bei 173cm ganze 43kg, wird - oh Wunder - seit 2 Jahren einfach nicht schwanger und nimmt nun den professionellen Familienplanungsmarathon in Angriff. 

Ich persönlich stehe in dieser Familie stets zwischen 'geht mich nix an' und 'um himmels Willen!' Der Trüffel leidet, meine Kinder bleiben bisher, bis auf einige wirre Ansichten der Schwiegermutter, relativ unbehelligt. Doch was, wenn sich das ändert? Rutsche ich dann in diese Position zu sagen 'Bis hierher und nicht weiter?' Bisher ist es nur für uns Erwachsenen sehr schwer einander zu ertragen. Und Aufarbeitung, Auseinandersetzung wäre so dringend nötig, damit wir alle eine gute Zukunft haben. Doch ich kann nichts erzwingen. 

Stattdessen intensiviert sich mein Gefühl dieser Frau die Leviten lesen zu wollen. Die Große war zu Nikolaus bei Oma in Ferien und die hatte nichts besseres zu tun, als all meinen globalen Erziehungsansätzen zuwiderzuhandeln und nicht nur alles 'viel besser zu machen, als ich, sondern mir das natürlich auch so darzulegen. Vielleicht sucht sie ein Ventil, ist überfordert, vielleicht habe ich nicht die nötige Distanz. Es ist nervig und ich hab diese Weihnachten Hormone...

Quarks & Co. - Ranga erklärt das Projekt Schwangerschaft

Gestern Abend strahlte der WDR die Quarks & Co. Sendung zum Thema Schwangerschaft aus. Ich möchte das absolut jedem ans Herz legen - egal ob schwanger oder nicht. Denn es ist die bisher beste Sendung zum Thema Pränataldiagnostik, Statistik vorgeburtlicher Vorsorgeuntersuchungen, Druck und Ängste der Schwangeren und der Bedeutung von Diagnosen. Es ist eine extrem gute, seriöse, ausgewogene und nicht urteilende Sendung! Mein großes Kompliment an die Redaktion, das habe ihr wirklich wunderbar gemacht!!!

Mein Kompliment auch an Dr. Lütje und Dr. Ulrich Sanken, die sich in sehr reflektierter Weise mit den Frauen auseinandersetzen, ihre Ängste anerkennen und großartige Aufklärungsarbeit leisten!

Ein echter Beitrag zur seriösen Aufklärung von Schwangeren, der auch unschöne Zahlen nennt und die Statistik hinter dem ganzen Untersuchungsmarathon erklärt. Vollkommen unideologisch und wissenschaftlich korrekt. Und vor allem nicht mit dem Fokus aufs Kind, den Ärzten, den Hebammen oder sonstwem, sondern mit dem klaren Fokus auf die schwangere Frau. DAS ist so bitternötig.

Danke! Danke! Danke! Danke! Danke! Danke! Danke!

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Baby einmal so und einmal so

Das wird eine Buchrezesion, obwohl das auf meinem Blog ja sonst nicht üblich ist. Ich möchte zwar etwas über ein Buch schreiben, von dem ich begeistert bin, aber nicht nur. Ich möchte vor allem diskutieren, wie unterschiedlich man die Kommunikation über Familienzuwachs gestalten kann.

Im Klartext: Es geht um Kinderbücher für werdende große Geschwister.

In der Schwangerschaft mit T2 war ich auf der Suche nach netten Büchern, die T1 ein wenig vorbereiten sollten auf die Familienerweiterung. 
Ich fand zunächst das Übliche:
Wir sind jetzt vier! von Ministeps und Unser Baby aus der Wieso?Weshalb?Warum?-Reihe. Ich schaute mir natürlich auch noch weitere an aus dieser Kategorie. Und eigentlich fand ich die nicht schlecht. Es sind zwar einfach eine Art kindgerechte Sachbücher - aber warum denn auch nicht?
T1 war damals gerade um die 2 Jahre und es war schon noch sehr früh, ihr diese Geschwistersache näherzubringen.

Im Grunde gibt es eine Menge Bücher, die mit mehr oder weniger ausführlichen Geschichten das Kinderkriegen schildern - manchmal eher erklärend, manchmal als nette Geschichte mit Herz.
Ich würde auch nicht sagen, dass diese Bücher nicht gut oder nicht gut genug sind. 

Aber sie offenbaren eine sehr deutsche Sicht auf Geschwisterkinder. Das Fazit der üblichen Geschwisterbücher ist leider ein negatives: zuerst kann die Mama nicht mehr richtig spielen, weil sie so dick und rund ist und alles so anstrengend und das wird direkt abgelöst von der Zurücksetzung, die große Geschwister dann zwangsläufig erleben müssen. 
Da mag auch faktisch einiges dran sein, aber der Ton ist negativ. Geschwisterchen zu bekommen ist nichts Schönes, Erfreuliches, sondern wirkt sich immer negativ auf das bereits vorhandene Kind aus.

Nun, wenn das der Forschungsansatz von Entwicklungspsychologen sein sollte, ist das eine Sache. Das jedoch als Fakt einem 2jährigen Kind zu vermitteln ist, gelinde gesagt, fragwürdig und unnötig. 
Schön, wenn zwar mögliche Wut oder Ängste der Kinder thematisiert werden, aber fehlt zwischen dem dicken Bauch und der Zurückweisung nicht ein Schritt?

So jedenfalls fand ich und ich suchte nach einem Buch, dass einen anderen Grundtenor hat.
Mein großer Favorit ist:
Was macht das Baby in Mamas Bauch? des Schweden: Thomas Svensson.
Ich möchte gleich betonen, dass es auch in dieser Kategorie herzlicher Geschwistergeschichten mehr als eines gibt. Aber dieses hier hat mir doch ausnehmend gut gefallen und meinen Kinder eben auch. Der Grund? Es macht richtig Lust auf Babys! Es überwiegt in dieser Geschichte die Neugier auf das kleine Geschwisterlichen in Mamas Bauch - unabhängig vom Geschlecht. Und es ermöglicht den Großen bereits zum Kugelbauch eine positive Beziehung aufzubauen.

So hat der große Bruder Jakob im Buch auch allerlei Fragen und natürlich gleich die Antworten parat: Warum nur das Baby anfängt im Bauch herumzuhüpfen, wenn die Mama gerade schlafen gehen will? Was das Baby wohl gerne isst und ob es auch so gern Limonade trinkt? Und ob das nicht anstrengend für das Baby ist immer im Kopfstand zu stehen, wenn die Mama sich bückt? Wie sich das Baby wohl vorstellt, wie alle aussehen?

Eine typische Frage, die ja eigentlich fragt: Wie stellst du dir denn das Baby vor? Das allein ermöglicht eine Identifikation und so ist nach der Geburt auch nicht die fehlende Zeit der Eltern das Thema, sondern ein großes Herz, dass gemeinsames Spielen verheißt, wenn das Baby erst groß genug dafür ist.

Ich mag dieses Buch so, weil es wirklich witzig ist und kein bisschen negativ. Und das ist gut so. Mamas Rückenschmerzen sind nämlich nicht das Problem der Kinder und sollen es auch nicht sein. 

Und für meine Damen ist dieses Buch auch sehr einleuchtend, denn die beiden haben eine so innige Beziehung miteinander, dass völlig klar ist, je mehr Kinder - desto besser. Auch Eifersuchtsdramen gab es bei uns keine, denn einerseits habe ich nur selten dem Baby mehr Aufmerksamkeit gewidmet, aber andererseits hab ich T2 auch immer als etwas Schönes dargestellt. Wir haben uns darauf gefreut.
Eifersüchteleien gibt es natürlich dennoch, aber nur situationsbedingt, nicht als grundlegend negatives Gefühl dem anderen Kind gegenüber. 

Und so wird es wohl auch bei T3, denn die 3 Damen spielen bereits jetzt miteinander. Die Großen kitzeln meinen Bauch und bringen dem Baby bei, wie es mich genauso auch von innen kitzeln soll. Außerdem wird dem Baby bereits erklärt, dass man beim Essen den Mund schließen soll und dass man T2 besser nicht ihren Parasaurolophus wegnimmt, sonst haut sie nämlich. 

Ich muss aber zugeben, dass dieses Buch wahrscheinlich erst für Kinder ab ca. 3 Jahren seinen ganzen Witz entfaltet, denn die Gedankengänge sind durchaus eher die eines Kindergartenkindes. Jedenfalls würde ich mich immer wieder für ein Buch entscheiden, dass positive Gefühle dem Baby gegenüber in den Mittelpunkt stellt. Probleme kann man immernoch thematisieren, wenn sie dann auftauchen.

Montag, 30. November 2015

Die böse Schwiegermutter hat Schuld - Teil 1

Das mit der Schuld ist ja schon eine heikle Sache. Wir Menschen lieben die Schuld. Wir beschuldigen andere, schieben die Schuld auf andere, fühlen uns selbst schuldig und fatal: wir verknüpfen Schuld auch gerne mal mit der großen Gerechtigkeitsfrage/-suche.

Wie ich bereits einmal schrieb, ist in meinen Augen Schuld etwas für Menschen, die auf Rache stehen. Einen anderen Zweck als Rachegelüste legal stillen zu dürfen scheint mir das Konzept der Schuld nicht zu erfüllen. Mit Schuld kann man nicht leben, Schuld macht nichts besser, aber so einiges im Leben schlechter. Die Schuldfrage ist eben so sinnlos, wie es Schuldgefühle sind. Und zur Beantwortung irgendeiner scheinbar übergeordneten Frage nach Gerechtigkeit scheint Schuld auch nicht viel beizutragen, außer dass man hinterher guten Gewissens mit dem Finger auf jemanden zeigen kann. 
Einem Menschen in all seinen Facetten wird jedenfalls weder Schuld noch Gerechtigkeit in irgendeiner Weise gerecht.

Wie schon erwähnt, mit Schuld kann man nicht leben - egal, wie schlimm oder vermeintlich schlimm die Schuld sein mag. Im Grunde kann man nur genau auf vier Arten relativ aufwandslos auf Schuld reagieren: Betäubung, Verbitterung, Verdrängung und Suizid. 
Nichts davon scheint mir eine erstrebenswerte Alternative.

Was das mit meiner Schwiegermutter zu tun hat? 
Nun, im Grunde ist die Antwort darauf ganz einfach. Die Schwiegerfamilie ist kaputt und Familienzeit ist einfach nur schrecklich, weil dort nur Menschen an einem Tisch sitzen, die seit Jahrzehnten eigentlich nichts mehr miteinander zu tun oder zu reden haben wollen. Schwiegerfamilientreffen sind Pflichtveranstaltungen, die alle Beteiligten überfordern.

Und ihr mögt euch erinnern: auch ich bin schon im Auge dieses Sturms gesessen und fand das gar nicht lustig. Nun kommt die nächste Weihnachtszeit und ich begann mich frühzeitig zu fragen, warum diese Menschen solch ein schlechtes Verhältnis zueinander haben und vor allem weshalb meine Schwiegermutter derart aggressiv auf mich reagiert.

Ich überlegte geraume Zeit. Die Lösung brachte meine erneute Schwangerschaft. Und die Lösung ist erstaunlich einfach: Die Schwiegermutter hat aufgrund traumatischer Ereignisse panische Angst vorm Kinderkriegen. 
Das mag paradox klingen, aber die Geschichte ist schnell erklärt. 

Eigentlich lief alles super, damals Mitte der 70iger. Verliebt, verlobt, verheiratet, Haus gebaut, schwanger. Besser hätte es nicht laufen können. Er einen guten Job, sie Beamtin, das erste Kind - ein Sohn. Und so nahm das Glück seinen Lauf. Klar war es anstrengend, mit Job und Kind und Hausbau etc., aber es lief gut. Dann sollte das 2. Kind kommen - ein Mädchen. Und die Tragödie begann. 

Sie wurde gegen Ende der Schwangerschaft sehr krank, die Ärzte rieten zum Kaiserschnitt, 4 Wochen vor ET. Alles ging gut, die Mutter wurde versorgt, das Kind kam auf die Neointensiv. Und dann war das Glück vorbei. Zuerst die Trennung von Mutter und Kind. Die Neointensiv war im Uniklinikum der benachbarten Stadt. Die Mutter nach Kaiserschnitt wurde nicht mitverlegt. Kein guter Start. 
Und dann bekam die kleine Tochter eine massive Hirnblutung. Der Supergau, der Beginn der Schuldspirale, das absolute Trauma für die ganze Familie. 

Meine Schwiegermutter hat nur mal ein paar Fakten erwähnt, nie erzählt, was damals wirklich passierte. Und so brauchte ich geschlagene 4 Jahre, bis mir dieses Licht aufging: Diese Frau stand schmerzgebeugt täglich nach langer Fahrt an einem Intensivbettchen und gab sich die Schuld für das ganze Schlamassel. 
Sie muss gedacht haben: Hätte ich nur nicht in diese Geburt eingewilligt. Wäre ich doch nur gleich in die Uniklinik gegangen und bei meinem Kind geblieben. Hätte ich dieses Kind doch nur im Bauch behalten, bis es reif genug gewesen wäre auf die Welt zu kommen. Ich hatte eine einzige Aufgabe - dieses Kind in meinem Bauch zu haben und es zu beschützen - und habe es nicht getan. Ich bin Schuld an dieser Hirnblutung. Ich bin Schuld, wenn meine Tochter behindert ist. Ich bin Schuld, wenn sie nie ein richtiges Leben führen kann. Ich bin Schuld und vielleicht geht meine ganze Familie zugrunde daran.

Das ist zwar nur Spekulation, denn die Frau würde das wohl kaum einfach so mir gegenüber an die große Glocke hängen, aber ich halte das für ein sehr sehr realistisches Szenario, denn es erklärt den gesamten Werdegang dieser Familie und ihr komplettes Verhalten.

Zur Beruhigung, das Kind hat keine bleibenden Schäden behalten, die Mutter jedoch deutliche Blessuren. Und geht es der Mutter schlecht, geht es automatisch der ganzen Familie schlecht. 
Die Mutter reagierte eigentlich ganz normal, mit Überkompensation. Fortan war sie sehr ängstlich, wachte mit Adleraugen über jeden Atemzug der Kinder, deklarierte die Tochter zum Sorgenkind und übersah oft genug den Sohn.
Ich kann mir daraus folgende katastrophale Entscheidungen und Verhaltensweisen vorstellen, die ihre Ehe zur bloßen Fassade verkommen liessen, aber das ginge hier wohl zu weit. 
Den Erwachsenen entglitt die Situation, er reagierte mit Betäubung auf die Schuldanhäufung der folgenden Jahre, sie mit Verbitterung, der Sohn mit Wut und die Tochter mit erlernter Hilflosigkeit. Aus vier gesunden Menschen wurde eine vergiftete Familie, deren Mitglieder am liebsten nicht miteinander reden würden. Diese Ablehnung schmerzt natürlich sowohl Eltern als auch Kinder, nur lässt sich der Knoten nicht so leicht lösen. Sie reden ja nicht miteinander. 

Und sie sind allesamt nicht in der Lage die Schuld von damals zu verarbeiten. Denn mit Schuld zu leben ist nicht möglich. Schuld kann man nur vergeben. Und Vergebung ist eine verdammt harte Lektion. Milliarden Menschen bitten regelmäßig in glühenden Gebeten 'und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern'. 

Der erste Schritt, der härteste ist: sich selbst zu vergeben. Wer das kann, kann auch lernen, anderen zu vergeben. Wenn dazu doch nur ein Gebet reichen würde - wie viel besser wäre das Leben der Menschen auf dieser Erde? 

Ich verstehe nun also besser was dieser Familie passiert ist. Ich kann nun nachvollziehen, weshalb meine Schwiegermutter derart ablehnend auf meine Schwangerschaften reagiert hat. Nicht ich bin das Problem, oder die Kinder, sondern die Angst und die Schuld, die 30 Jahre erfolgreich verdrängt wurden. Und dann so kommt aus heiterem Himmel eine Frau daher und setzt Kinder in diese Familie, einfach so. Und hört auch nicht auf damit. Immer noch eines und noch eines kommt auf die Welt. Und die Schwiegermutter hat wieder dieses Bild vor Augen, wie sie an einem Intensivbettchen steht und Schuld ist am Leid ihrer allzu kleinen Tochter, die sie nicht beschützt hat…

Diese Tragik stellt mich vor ein massives Problem: Ich kann dieser Frau nicht helfen. Ich bin schwanger, ich bekomme diese Kinder ohne Schuldgefühle, ich weiß um die Bedeutung von Schuld und Vergebung und ich habe gelernt zu vergeben. Es fällt mir nicht immer leicht, aber ich weiß, wie ich an den Punkt komme und wie sich Vergebung anfühlt. 
Ich kann zwar versuchen diese Familie ins Gespräch zu bekommen, aber jeder von ihnen muss sich selbst vergeben lernen. Niemand, kein Gott der Welt kann ihnen diese Aufgabe abnehmen. Und für viele Menschen ist das in der Tat eine Lebensaufgabe.

Was mache ich nun aus meinem Verständnis? Nehme ich die Sache in Angriff und provoziere eine Konfrontation im Angesicht meines Kugelbauches? Ertrage ich die Feiertage und habe Mitleid? Ertrage ich es und habe Mitgefühl? Ist damit jemandem geholfen? Keiner von ihnen will Hilfe, das muss ich bedenken. 

Ich wünschte, ich könnte ihnen allen einfach eine Familientherapie verordnen. Dann hätten wir noch ein paar angenehme Jahre miteinander. Das mit der Schuld, das ist schon eine heikle Sache.

Mittwoch, 25. November 2015

Bist du guter Hoffnung?

Für mich die zentrale Frage der Schwangerschaft. Denn, ein Kind zu bekommen bedeutet genau das. Man hofft - auf das Beste - und muss dann nehmen, was man bekommt.

Der rbb strahlte gestern die Reportage 'Am Anfang' zu Schwangerschaft und Pränataldiagnostik aus, die ich jedem ans Herz legen möchte.
Das Fazit, das man ziehen sollte: Sei guter Hoffnung. Und erwäge, was du kannst und was du nicht kannst.

Und selbst wenn nicht alles glatt lief und du nicht die Traumgeburt samt sofort durchschlafendem Baby hattest, so erinnere dich doch jeden Tag daran: mein Kind lebt, ist soweit gesund und meiner Familie geht es gut. Am Ende zählt nämlich genau das und nichts anderes.

Vielen Dank an die Macher dieser Doku für die umfassende Darstellung des Themas Schwangerschaftsvorsorge.

Dienstag, 24. November 2015

Gestatten, mein Name ist Reiner Zufall

Wir alle kennen diese Zufälle, die zwar Zufälle sind, aber irgendwie auch nicht, denn sobald sie einem bewusst werden, hat unser Gehirn schon alles zusammen gerechnet und wir denken uns: Hab ich's doch gewusst!

Ich darf hiermit verlautbaren: Ich habe zum 5. Mal die Zufallswette gewonnen. Gegen den Trüffel, der offenbar nicht so viel Rateglück hat, wie ich. Oder sich einfach nicht so gern auf sein Glück verlässt.
Aber in Punkto Kinderkriegen hat er halt den entscheidenden Nachteil, dass er die körperlichen Symptome nicht hat und somit sein raten auch echtes raten ist. Es steht also 5:0 für mich.

1. Schwangerschaft:
Wette ich: Mädchen, unproblematische Schwangerschaft, ewig lange Geburt. 
Hab ich komplett, auch wenn der Trüffel anderes behauptet hat.

2. SS:
Ich: Das wird nix.
Trüffel: doch doch
Fehlgeburt 6-7 SSW

3. SS:
Ich: Mit diesem Ei klappt das, Mädchen, sehr schnelle Geburt
Trüffel: Jaja wart erstmal ab ob du überhaupt schwanger wirst, Junge, ganz normale Geburt
Tja, hab ich gewonnen.

4. SS:
Ich: schwanger, aber irgendwas stimmt nicht. Das wird nicht klappen.
Trüffel: Juhu schwanger! Super!
Fehlgeburt 7.-8. SSW

5. SS:
Ich: Juli/August ist ein super Zeitpunkt zum Schwanger werden - das haut hin, Mädchen, wird so eine, die alles abkann und ruhig bleibt, sehr schnelle Geburt.
Trüffel: Ganz sicher ein Junge, 'Schatz, wenn du sagst, die Geburt wird schnell, dann glaub ich dir diesmal.'
We proudly present: Tochter Nr. 3 (das mit der Geburt wird sich schon noch zeigen).

Ich werde darum auch die Nomenklatur ändern und fortan von T1-3 berichten. Das erleichtert die Sache enorm.

Ich kann auch nicht sagen, woher ich das jedesmal wusste. Und das Geschlecht steht ja nun wirklich nicht auf der Liste der Dinge, die ich überhaupt beeinflussen kann. Obwohl, vielleicht hab ich gerochen, dass der Trüffel nur Spermien mit X-Chromosom produziert? Das sollte man mal untersuchen, findet Ihr nicht auch?
Jedenfalls, eindeutiger als dieses Ultraschallbild der Schamlippen kann's nun nicht mehr werden, der Trüffel bleibt der Hahn im Korb. 
Ich glaube auch nicht, dass er sich so unbedingt nen Jungen wünscht, ich vermute eher, dass ihm so langsam Angst und Bange wird, wenn er an seine Zukunft in diesem Frauenhaushalt denkt. 

Und ich? Bin wieder mal zufrieden. Nicht, weil ich Recht habe, sondern weil ich beruhigt bin, mich nicht an ein Bild von mir mit Sohn gewöhnen zu müssen. Ich kann mir das aus irgendeinem Grund einfach nicht vorstellen. Darum war es auch für mich klar, dass ich Töchter bekomme. Ok, ich gebe zu, das ist vielleicht eher ein Wunschtraum, aber dennoch kann ich mir bis heute nicht vorstellen, einen Jungen zu bekommen. Warum weiß ich nicht.

Und da mir diese Schwangerschaft so schwer fällt und ich doch erhebliche Probleme hatte bisher, mich auf das Baby zu freuen, bin ich nun umso glücklicher. Ich hab so dieses Bild vor Augen, das ich dann aufnehmen werde in 2 Jahren, wie meine blondgelockten Engelchen wie die Orgelpfeifen im Urlaub posieren. Dieses Bild werd ich dann nehmen und jedem zeigen, der es sehen will und dem Rest auch und voller Stolz sagen: Das sind meine Mädchen! 

Und wenn die Damen in die Pubertät kommen, dann werd ich dieses Bild hervorkramen und mich erinnern, wie orgelpfeifenmäßig sie damals posiert haben - und dann werd ich mir eventuell ein Glas Wein einschenken in der Hoffnung, dass sie sich nicht gegenseitig die Haare ausreißen…

Ja, ich weiß, das ist doch alles sehr kitschig, aber so ein Bild meiner Mädels wünsche ich mir schon sehr und ich bin sehr glücklich mit meinem Haus voller Prinzessinnen, die so gar nicht prinzessinnenhaft sind. Zumindest aber die hellblonden Locken und himmelblauen Augen entsprechen dem Klischee.


Der neue Arzt ist im Übrigen wirklich gut und in Ordnung, hat sich schön viel Zeit genommen, mich bestärkt, statt gedroht und auch verstanden, dass es beim dritten Kind auch ruhig mal ein Totalausfall sein darf. Schließlich ist die körperliche Anstrengung der Hammer und das soll auch so sein. Ich bin ja kein Roboter.

Auch darüber bin ich sehr froh, endlich jemanden gefunden zu haben, zu dem ich mit gutem Gefühl gehen kann. Und auch das Krankenhaus ist bereits entschieden. Es wird das Uniklinikum, wie beim letzten Mal auch. Dort war ich vor einigen Tagen, denn mir ging es spät abends plötzlich gar gut und so bin ich notfallmäßig in den dortigen Kreißsaal zur Behandlung. Und was soll ich sagen, vor allem die Hebammen dort waren echt super zu mir, trotz laufender Geburten. Und eine Hebammenschülerin hat mir Blut abgenommen, also sowas hab ich noch gar nie erlebt. Da kann sich so manche Schwester, Hebamme und Arzt ne diesen Scheibe abschneiden! (Ich wurde ja schon von Schülerinnen traktiert und auch die meisten alten Hasen bekommen es nicht so schmerzfrei und sicher hin bei mir, wie diese junge Dame.)

Nun, endlich das so lang erwartete positive Schwangerschafts-Update. Was bin ich erleichtert. Und wenn ich mir die obere Auflistung so anschaue: den ersten positiven Test hielt ich Ende September 2010 in Händen. Ich war also in 5 Jahren, 5 Mal schwanger und hab 3 Schwangerschaften ausgetragen. Irgendwie sollte es mich nicht wundern, dass mein Körper mit Erschöpfung reagiert. Eventuell hat er recht und ich sollte mal kindertechnisch einen Gang runterschalten, um mich zu erholen. Das Orgelpfeifenszenario ist ja nun nicht mehr so lang hin, da kann ich mir schon mal ne Pause gönnen...

Mittwoch, 18. November 2015

Mein Geburtsplan

Ich habe heuer einen Geburtsplan. Eigentlich hab ich den schon nach der Geburt des ersten Kindes erstellt und auch so durchgezogen, aber diesmal hab ich doch die Einzelheiten noch mal genauer definiert und abgeklärt und das quasi als mündlichen Vertrag aufgesetzt. 

Mein Geburtsplan lautet:
Ich schreie, kotze und verfluche den Trüffel. Er trifft alle Entscheidungen. 

Dieser wunderbare Plan ist einfach genug, dass ich ihn während einer Geburt auch hinbekomme. Allerdings scheint mein so ausgeklügelter Geburtsplan auf wenig Gegenliebe zu stoßen - jedenfalls bei 2 meiner 'Freundinnen', mit denen ich auf dieses Thema zu sprechen kam. 

Es scheint ihnen irgendwie zu wenig emanzipiert, zu übergriffig, zu wenig mein eigener Wille im Vordergrund zu stehen. Das wundert mich überhaupt nicht, ist doch immer nur die Rede von selbstbestimmter Geburt. Schon in der 2. Schwangerschaft hatte ich da so meine eigene Meinung dazu. Ok, diese speißt sich vor allem aus meiner eigenen Erfahrung, aber je mehr ich über dieses Thema nachdenke, desto sicherer bin ich mir: eine selbstbestimmte Geburt ist nix für mich allein.

Warum?

Ja, der Grund ist so einfach wie simpel: Mein Gehirn schaltet bei der ersten Wehe auf Notstrom. Atmen geht, Schreien geht, Kotzen geht und Fluchen. Der Rest ist komplett ausser Betrieb. 
Nach 2 Geburten kann ich definitiv sagen, ich bin unter der Geburt zu 0% fähig irgendetwas richtig oder gar vernünftig einzuschätzen, irgendeine sinnvolle Entscheidung zu treffen oder mir überhaupt irgendetwas so erklären zu lassen, dass ich es im Ansatz verstehen kann. 

Eigentlich ist das Einzige, das ich bisher bei beiden Geburten gedacht habe: Bitte bitte lieber Gott, lass es vorbei sein! Es soll einfach nur vorbei sein! Ich will das nicht! Ich kann das nicht!

Und ich bin Atheistin - wohl gemerkt. 

Mag ja sein, dass das Denkvermögen bei anderen Frauen in dieser Situation ganz wunderbar funktioniert. Für mich jedenfalls scheidet 'Denken' ganz klar aus. 
Aber das ist gar nicht schlimm, denn es ist ja nicht nur mein Kind, sondern zu ganzen 50% ist es das Werk des Trüffels. Und so war es schon bei der letzten und unabgesprochen bei der ersten Geburt so, dass er das Denken übernahm und ich ihm einfach vertraut habe, dass er das schon richtig macht. 

Dafür ist er auch genau der richtige Mann, denn er hat nicht nur Mathe und Physik, sondern auch Medizin studiert. Denken ist genau sein Ressort, ich übernehm den blutigen, handwerklichen Teil. 

Klar ist er bei Geburten auch aufgeregt. Es ist sogar so, dass ich trotz so mancher Dramatik kaum eine klare Erinnerung an die Geburten habe, aber der arme Trüffel jedoch tatsächlich bei der Geburt der Großen ein 'Geburtstrauma' gratis dazu bekam. Nicht, dass ich die Erfahrungen anderer Mütter in ein anderes Licht stellen möchte, aber Notstrom ist nicht unbedingt von Nachteil. 
Ich erinnere mich, dass die Schmerzen höllisch waren, der Rest jedoch ist eine wabernde Masse von unzusammenhängenden Momentaufnahmen, die mir noch nichtmal eine Rekonstruktion des Geschehens erlauben. Notstrom ist eher so ein lieblicher Trip, dem ich mich bisher bereitwillig hingab. Gegenwehr nützt ja eh nix.

Der Trüffel allerdings war bei klarem Verstand, konnte somit stets realisieren, wenn es ein Problem gab, wie dramatisch die Situation wirklich war und er reagierte, wie ein Lebewesen in dramatischen Situation reagiert: mit Angst. 
Nicht mit Panik, denn sonst würde ich mich nun nicht in seine Obhut begeben, aber sagen wir mal so, in der Situation selbst reagiert er logisch, die Verarbeitung der Geburten war und ist für ihn jedoch ne harte Nuss. Und die Aussicht auf noch eine Geburt weckt in ihm nicht grad die Partystimmung. 

Über die medizinisch doch sehr dramatische Geburt der Großen haben wir viel gesprochen. Ihm hilft das, dieses Trauma zu verarbeiten und für mich ist es sehr hilfreich die Geburt immer und immer wieder erzählt zu bekommen und langsam zu verstehen, was denn da wirklich los war. Ich kann mich ehrlich nicht erinnern.

Und je mehr ich über meinen Geburtsplan nachdenke, desto besser finde ich das ganze Konzept. Genau dafür ist der Mann ja da. Ich meine, Händchenhalten ist ja nun keine wirkliche Aufgabe. Aber sich erklären lassen, was passiert, ob und warum das medizinische Personal wie eingreifen will, darüber nachzudenken und eine Entscheidung zu treffen - das ist ne super wichtige und gute Aufgabe für den Mann während der Geburt. 
Männer sind ja in dieser Hinsicht nicht dümmer oder verantwortungsloser als Frauen. Aber sie haben geistige Kapazitäten frei, die vielleicht so mancher Frau - mir ganz sicher - während einer Geburt fehlen.

Klar kennt der Trüffel meine Wünsche im Voraus. Aber wenn ich dann nach Schmerzmitteln schreie soll gefälligst er mit Hilfe der Hebamme entscheiden, ob Tropf oder PDA. Die Hebamme kann gut einschätzen, wie der Geburtsverlauf wahrscheinlich sein wird und die Optionen und Folgen erläutern und der Trüffel bestellt dann das wahrscheinlich sinnvollste Medikament. Selbst wenn ich bei klarem Verstand wäre, könnte ich nicht mehr oder anderes handeln und entscheiden.

Diese Aufgabenteilung hat noch einen weiteren Vorteil, der nicht zu unterschätzen ist: Ich kann mir hinterher alles ganz genau immer und immer wieder erzählen und erklären lassen, bis sich es verstanden habe. Selbst wenn ich ein ungutes Gefühl nach der Geburt haben sollte, kann ich mir vom Trüffel 1000 Mal erläutern lassen, was passiert ist, welche Entscheidung welche Folge hatte und wie dann eins zum anderen führte. Das hilft bei der Verarbeitung solch wirklich überfordernder Situation, wie eine Geburt mit medizinischen Notfällen es definitiv ist, ungemein. Und es hilft nicht nur mir, sondern beiden Eltern. 

Damit keine Missverständnisse entstehen - auch ich möchte nicht, dass Ärzte nun ungefragt irgendwas mit mir anstellen und an mir herumdoktern. Ich gebe nicht die Verantwortung an der Krankenhaustür bedenkenlos ab. Ich gebe sie an den Vater des Kindes weiter, vorübergehend. Er kennt meine Wünsche, er kennt meine Reaktion, er wird abwägen, wer in welcher Situation Priorität hat - ich oder das Kind. Und klar wird er auf mich eingehen, mir auch emotional zur Seite stehen. Aber allzu viel kann er da eben nicht machen. 

Das fängt bei uns schon bei der Wahl des Krankenhauses an. Die überlasse ich ihm, denn er muss wissen, ob er das Personal dort für kompetent und passend hält. Ihn wird nicht interessieren, wie die Wandfarbe im Kreißsaal ist (hat mich ehrlich gesagt auch noch nie interessiert), er entscheidet rein nach seinen Maßstäben, wo seine Frau und sein Kind am besten aufgehoben sind. Sicher würde ich ihm sagen, wenn ich mit seiner Entscheidung nicht einverstanden wäre, aber objektiv gesehen, kann er tatsächlich die sinnvolleren Entscheidungen treffen und ich muss ihm da einfach vertrauen und mich darauf einlassen.

In all den Situationen, in denen ich mit Hormonen und logischem Denken überfordert war, hat er bisher verdammt gute Entscheidungen getroffen. Ist ja auch seine Aufgabe. Wenn ich etwas nicht entscheiden kann, muss er ran. So machen das Partner, sie übernehmen Verantwortung für einander. Sollte er mal nicht mehr in der Lage sein medizinische Entscheidungen zu treffen für sich selbst, muss ich das ja auch übernehmen. Ich hoffe, ich schlage mich dann auch so gut, wie er. 

Der Trüffel ist jedenfalls offenbar genau der Richtige Mann für diesen und weitere Fälle. Gut, dass ich zumindest bei ihm die beste Wahl getroffen hab (bei all den dämlichen Entscheidungen, die ich bisher im Leben so getroffen hab). Er ist der Mann meines Vertrauens und das sind nicht nur schöne Worte. Bei einer Geburt müssen eben doch alle herhalten, die für die Veranstaltung verantwortlich sind. 


Ich finde meinen Geburtsplan jedenfalls kein bisschen umemanzipiert. Im Gegenteil, ich nehme meinen Mann ganz selbstverständlich in die Pflicht. Ich mach meinen Job und press dieses Kind raus. Er macht seinen Job und arbeitet mit der Hebamme so kompetent wie möglich daran, dass wir alle heil aus der Sache rauskommen. Das ist sein Job. Das Kind hat auch einen Job, nämlich zu sagen, wann's denn los gehen soll und möglichst keinen weiteren Blödsinn anzustellen. Jeder macht seinen Job so gut er kann und für den Rest ist die Hebamme zuständig. 

Ich finde den Plan gut.

Und ich habe auch gemerkt, dass die beiden Geburten und mein Vertrauen in ihn unsere Beziehung sehr vertieft haben. Er musste sich dadurch mit mir, mit der Geburt und mit den Risiken auseinander setzen. Das hat seine Sicht auf mich und auch auf die Kinder wesentlich mitgeprägt. Wir sagen nicht nur, dass wir für einander einstehen, wir tun es auch.

Ich kann wohl verstehen, dass sich Frauen schwer tun, die Geburtsplanung aus der Hand zu geben. Es geht ja schließlich um den eigenen Körper und um das eigene Kind. ABER, es geht auch um Vertrauen und es geht auch für den Vater um die eigene Frau und das eigene Kind. Es geht um 'sich darauf einlassen' können und wollen, um Verantwortlichkeiten - und die liegen mitnichten einfach nur bei der Mutter. Der Vater des Kindes hat immer 50% der Verantwortung. Das muss Frau halt auch mal anerkennen. 

Wozu also sollte ich den Vater des Kindes mit in den Kreißsaal nehmen wollen um ihn dort als Zuschauer in die Ecke zu verbannen und die ganze Arbeit - auch die Aufarbeitung - alleine machen zu wollen? In dem Fall könnte ich schlicht gleich alleine, nur mit der Hebamme (die in den meisten Fällen nota bene weniger vertraut ist als der Kindsvater) die Geburt planen. Machen aber die wenigsten. Weshalb nur?

Im Grunde mache ich mit meiner Entscheidung genau das Gegenteil von 'die Verantwortung einfach abgeben'. Ich gehe nicht ins Krankenhaus und sage dort irgendwelchen Ärzten: 'So, jetzt machen Sie mal mit mir, was Sie wollen.' 
Nein, ich nehme jemanden mit, der mich kennt, dem ich vertraue und der per Definition schon Mitverantwortlich ist und sage: 'Hier, das ist mein Mann, dem muss jedes medizinisches Personal Rede und Antwort stehen, bevor in irgendwas eingewilligt wird. Der stellt Fragen, der beurteilt die Antworten und wenn die Antworten nicht gut genug sind, dann macht er allen die Hölle heiß, während ich grad mit Wehen beschäftigt bin.' 

So haben wir bisher, trotz Komplikationen, zwei selbstbestimmte Geburten hinbekommen. Nur eben nicht selbstbestimmt von mir, sondern selbstbestimmt von uns. Genau dafür hab ich schließlich nen Mann!

PS: Und wenn mir was nicht passt, dann kann ich ihn immernoch anschreien und kritisieren. Aber wenigstens steh ich dann nicht nem unbekannten, meist nicht greifbaren Arzt gegenenüber, sondern jemandem, mit dem die Auseinandersetzung sowieso auf einer anderen Ebene abläuft. Auch das ist Sinn und Zweck einer festen Partnerschaft. 

PPS: Ich finde die bisher rudimentäre Einbindung der Väter in die Schwangerschaftsvorsorge, die Geburtsvorbereitung, die Geburt selbst und die folgende Aufarbeitung derselben eine echte Schande! Warum sind diese Bereiche so fest in Frauenhand? Weil die Frau das Kind austrägt? Ein lächerliches Argument. Die Frau teilt bereitwillig ihren Körper mit dem Kind, aber die Verantwortung nicht mit dem Vater? Und wo sind die Hebammen, die den Frauen klar machen: Hier habt ihr den Vater des Kindes - benutzt ihn gefälligst! Der ist nicht nur Dekoration!

Da ist noch so einiges in Schieflage und diskussionswürdig. 
Mein Geburtsplan jedenfalls ist kein bisschen unemanzipiert. Er ist grundlegend feministisch und objektiv sinnvoll!

Dienstag, 17. November 2015

Wie ich einen Plan ersann, gleich eine ganze Helikopterflotte zu chartern

Ja, ich behaupte durchaus, eine total entspannte Mutter zu sein. 

Stillen? Ach, ich nehme das Fläschchen, wenn's geschickter ist. Beikostart? Wurscht, Hauptsache es schmeckt. Kita? Ne gute Betreuung und dann passt das schon, egal wie früh. Dem Kind geht's auch gut, wenn man als Mutter nicht am Rad dreht und alles perfekt machen will.
Klar, ich mach mir Gedanken - meine eigenen Gedanken - sind ja auch meine eigenen Kinder, aber bei mir gab's bisher kein Pekip, keinen Babykurs, keine Ratgeber, keine Apfelschnitze und kein Gerenne. Ich mach halt so gut wie alles, wie ich denk. Die Kinder werden sich schon melden, wenn's ihnen nicht passt. Den Rest werden sie wohl überleben. Total easy. Sogar schwimmen kann kann die Große bereits, obwohl wir nie einen Schwimmkurs besucht haben. Ich war halt bisher so naiv und dachte, wenn wir eh regelmäßig im Schwimmbad sind, dann kann ich ihr das auch zeigen, wenn sie Bock drauf hat. Wozu Geld und Zeit aufwenden, damit andere das erklären, was wir sowieso tun?

Sodann wachte ich vor einigen Tagen auf und fand mich als Hubschrauberpilotin wieder, völlig unerwartet und völlig überfordert, wo ich das riesen Ding denn nun landen sollte - so mitten in der Stadt.

Nun worum geht es? 

Es geht um diese eine Sache, die wohl die meisten Eltern manchmal zur Verzweiflung bringt, ebenso wie deren Kinder. Es geht um die Schule.
Eine gute Schule. Die richtige Schule. Die perfekte Schule für das perfekte Kind.

Und zack, wer so denkt hat schon verloren.

Wie es dazu kam?

Tja, die Große ist gerade 4 geworden und war somit bereits dran mit der amtsärztlichen Vorschuluntersuchung. Darüber hab ich auch gar nicht nachgedacht, denn wozu? Kind ist gesund, kann alles, weiß alles besser, macht alles. Kein Grund sich über irgendwas Gedanken zu machen.

Doch dann, dann fingen die anderen Eltern an im Kindergarten über die Infotermine in den Grundschulen zu fachsimpeln und ich fing an darüber nachzudenken, dass ich mich da mal informieren könnte/sollte/müsste. Das Kind wird ja nun auch nicht jünger. 
Und klar, sie wird erst 2017 eingeschult, aber nächstes Jahr hab ich dann 3 Kinder an der Backe - ein Baby - tja und ob ich da so viel Muse hab? Da nutz ich schlaues Weibchen doch die Zeit und begeb mich jetzt auf Grundschulsuche und dann ist das nächstes Jahr alles ganz einfach. Nur Anmeldung unterschreiben und fertig...

Ja, ich weiß, ich bin ein Depp. Ein totaler Idiot und der naivste Mensch der Welt.


Die perfekte Schule - Durchdrehen für besorgte Eltern - Schritt 1

Ich suchte also im Netz, wurde direkt befriedigt und fand schnell heraus, wie das hier läuft. Entweder man ist Hausfrau und kann sein Kind in die staatliche Grundschule schicken und um 12 Uhr abholen. Hortplätze gibt es unverschämt wenige und einen zu ergattern ist utopisch. Man könnte jedoch eine private Betreuung organisieren. 
Die eigentlich einzige Alternative: eine Privatschule. Der endlose freie Himmel für helikopternde Eltern - freien Flug für freie Bürger. 

Die Entscheidung fiel schnell - es wird nur mit einer Privatschule funktionieren.


Schritt 2: gut, besser, am BESTEN.

Was sind wir? 
ELTERN!

Was wollen wir?
DIE BESTE SCHULE FÜR UNSER KIND!

Nur falls einer fragt, Schule heute und Schule damals ist ja gar nicht mehr vergleichbar. Unzählige pädagogische Konzepte, bilingual, klassenübergreifendes Lernen, kleine Klassen, individuelles Lernen mit individuellen Lernplänen? Ist bereits Standard.

Und dann fand ich sie. Die perfekte Schule. Ich war verliebt. Die Rektorin - ein Traum. Der Personalschlüssel, unverschämt hoch. Die Lehrer, platzen vor Begeisterung und ich würde alle sofort heiraten, so emphatisch sind die. Die Sozialpädagogen, so engagiert, da bleibt kein Kind allein in der Ecke sitzen. Das Konzept: 'Wir sind nicht leistungsorientiert, sondern tun alles, um Ihr Kind in seiner natürlichen Neugier und Kompetenz zu unterstützen. Freies Lernen für glückliche Kinder!'

Ich saß da, auf dieser Infoveranstaltung, seufzte leise vor mich hin, entschwand in den Grundschulhimmel und war glücklich. Genau das Richtige für mein wunderbares Kind…

Ok, von den Wartelisten darf man sich nicht abschrecken lassen, die Hoffnung stirbt zuletzt, wir werden ganz sicher einen Platz in dieser Schule bekommen. Oder zumindest in einer mindestens genauso himmlischen anderen Schule. Oder in einer noch viel besseren, noch viel himmlischeren!


Schritt 3: Wunsch und Wirklichkeit

Gut, natürlich hat die ganze Sache einen klitzekleinen Haken. Aber nur einen kleinen, kaum der Rede wert. Ehrlich. 

Der Haken an einer Privatschule ist natürlich das Schulgeld. Es ist ein klein bisschen teuer. Nicht sehr. Ich mein, hey, wir haben alle studiert und super Jobs und bilinguale Kitas und weil das Kind doch unser Augenstern, unsere Zukunft ist, wird man doch wohl bereit sein, ein paar Euro zu investieren. Man bekommt ja schließlich auch was dafür!

Was also hätten Sie denn gern? 

Sicher nicht die billigste Schule, wo die Anmeldegebür 1000 Euro beträgt und das Schulgeld nur 400.- pro Monat. Dort gibt es aber keine zwei Lehrer plus einen SozPäd pro Klasse!

Also 3500.- müssen Sie schon für ne Anmeldung investieren. Da kommen dann monatlich nur 700.- Schulgeld dazu. A b e r, dann haben Sie auch komplette Ferienbetreuung und ne wirklich gute Schule!

Wer sein Kind aber wirklich liebt, der nimmt die Schule mit 7000.- Anmeldung und 1500.- Schulgeld. Das wird ja meist auch vom Arbeitgeber bezahlt (WTF Hääääääääää?). Dann, und nur dann, wird ihr Kind mit Geldzurückgarantie glücklich im Leben. 


Ich möchte anmerken, die Obergrenze ist da noch lange nicht erreicht in dieser so wunderbaren Stadt. 

Ich habe nun verstanden, weshalb alle die Akademikereltern, die Erfolgreichen mit den tollen Jobs, der super Karriere und dem erstrebenswerten Leben alle nur EIN Kind haben. Mehr als eins kann man verdammt noch mal gar nicht bezahlen!

Die Mami mit Nr.3 im Kugelbauch erntet leicht spöttische Blicke. Selber Schuld, haste halt die Zukunft deines Kindes versaut. Was musste auch Karnickel spielen? Hätteste mal vorher genau überlegt, statt zu rammeln…


Und so setzt langsam Ernüchterung ein. Die Helikopterflotte ist ganz eindeutig sehr viel zu teuer für uns.
Ich mein, die billigste Privatschule ist auch gut und hat ein Ganztagskonzept und eine Kantine und betreute Hausaufgabenzeit am Nachmittag. Ich mein, ich hab die Schule auch überlebt und die war lang nicht so fancy, wie diese Privatschule. Ich mein, der Großen würde es dort doch auch gut gehen. Sie findet dort doch auch Freunde, nette Freunde. Und sie wird dort auch viel lernen. Halt eher auf herkömmliche Weise. Ist eher wie ne staatliche Schule, nur mit Ganztagsbetreuung… (Dennoch bleibt dieser Stachel, dem Kind nicht das Beste vom Besten bieten zu können - zum allerersten Mal.)

Wenn diese vermaledeiten Helikopter nur nicht so im Sonnenlicht funkeln und glänzen würden mit ihrer Regenbogen-metallic Lackierung! Hätte ich mich doch nur von den Helikoptern fern gehalten. Zu ersten Mal frage ich mich, ob ich es bei so einer wichtigen Sache, wirklich richtig mache. Und was wohl passiert, wenn ich es versaue. 

Und dann schäme ich mich, denn bei meiner ganzen Begeisterung für Helikopter-Pädagogik hab ich mein Kind gar nicht mit eingerechnet. Wie komme ich eigentlich dazu, diesem so unglaublich fantastischen Kind nicht zuzutrauen, dass es auf einer normalen Schule zurecht kommt, Freunde findet und seinen Weg selbstbewusst und kompetent alleine geht? Ohne in Watte gepackt zu werden.

Ich hasse Helikopter!