Mittwoch, 15. Oktober 2014

Wo ich her komme gibt's kein Attachment Parenting

Vor Kurzem las ich zum ersten Mal von Attachment Parenting. Das Konzept ansich gefällt mir sehr, weil ich zufällig praktisch alles schon so mache. 
Ich habe das Buch von Sears nicht gelesen und werde es auch nicht tun. Ich kenne niemanden, der speziell AP betreiben würde. Das mag aber auch daran liegen, dass ich Kontakt mit Mitmüttern vermeide, wenn möglich.
Ich las den Blogpost von windelfrei und fand das sehr sympathisch. Ich las den Post vom Blog gewünschtestes Wunschkind, obwohl ich deren Beiträge nur begrenzt ausgewogen finde. Und ich las gestern den Post von den guten Eltern und schüttelte daraufhin nur noch den Kopf. 

Was ist falsch an Attachment Parenting?

Bedürfnisorientierte Elternschaft? Nein, nicht unbedingt. Mach ich ja auch. Das Konzept? Oh ja, grottenfalsch.

Warum? 

Als Antwort reicht eigentlich der zweite Absatz des Posts von Hebamme Anja: 'Es wurde in vielen bewegenden und sehr interessanten Vorträgen (auf dem AP Kongress, Anmerkung der Bloggerin) erklärt, was Kinder wirklich brauchen und weshalb es so wichtig ist, die Kinder darin auch ernst zu nehmen.'
Was Kinder wirklich brauchen. Aha. So liebe Leute, wer's noch nicht gehört hat, wo die Musik spielt, Ohren auf und bitte mitschreiben: Hier wissen die Leute, was Kinder wirklich brauchen!

Wahrscheinlich hab ich da jetzt wieder alles falsch verstanden, aber wer sich so ein bisschen durch die Blogs der AP-Anhänger liest könnte eventuell ein ganz kleines bisschen auf die Idee kommen, dass da wieder mal eine kleine Elite ein Konzept zur einzig wahren Erziehungsmethode erklärt und diese auch immer gern missionarisch und dogmatisch unter die Leute bringen möchte. 

Denn, was ist der Umkehrschluss? 

Wer sich jetzt angegriffen fühlt, dem sei ganz aufrichtig versichert: Ich meine die anderen! Auf gar keinen Fall dich persönlich! So wie du das meinst ist das natürlich was ganz anderes und du machst das total richtig! Du hast ganz wirklich recht!

Und natürlich würde ich auch niemals jemandem widersprechen, der weiß, was mein Kind WIRKLICH braucht. Echt jetzt. Würd ich nie machen! 

So, zurück zum Thema.
Wie schon gesagt, scheine ich selbst die Erziehung meiner Kinder sehr weit bedürfnisorientiert zu gestalten. Sogar mit all den Features, die AP offensichtlich so im Angebot hat: Bonding nach der Geburt, Tragen, Familienbett, Stillen, Beikost, meine Reaktion auf Weinen meiner Kinder
Fand ich jetzt im Rückblick so raus. Ist doch schön. 

Ich greife also nicht die Idee an. Ich greife jeden an, der meint er könne mir sagen, was meine Kinder wirklich brauchen. Das ist weit über's Ziel hinausgeschossen. Und obwohl ich kein Buch über AP gelesen habe unterstelle ich mal, dass das AP Konzept eben gerade NICHT dogmatisch und missionarisch gelebt und verbreitet werden soll! Man wollte nur Verhaltensweisen mal zusammen fassen, die für viele sowieso schon Alltag sind und den meisten von uns einleuchten.

Meine Oma bläute meiner Mutter ein: Was du nicht willst, dass man dir tut, das tu auch keinem andren an. Oder wer's etwas positiver will: Behandle andere so, wie du gerne behandelt werden willst.
In der Welt meiner Oma gibt's kein Attachment Parenting. Aber sie hat von ihrer Oma gelernt, dass man andere behandeln soll, wie man selbst behandelt werden will. Ich nehme an, den meisten Menschen leuchtet diese Erkenntnis seit Jahrtausenden ein.

Wo liegt jetzt eigentlich das Problem? Offensichtlich sind wir uns doch inhaltlich alle einig? Sind wir das? 
Mich würde mal interessieren, was ein überzeugter AP Vertreter alles abkann:
- Tragen im BabyBjörn?
- Baby schläft im eigenen Bettchen im Schlafzimmer?

Geht noch...

- Nach 2 Monaten Abstillen und mit Alete-Fläschchen füttern? Abends noch mit Schmelzflocken drin?

Ja, nein? Wird schon unschön jetzt, oder? 

- Kein Abhalten, sondern Windeln von Aldi?

Zzzzzzzzz, schon schwieriger. 

- Impfungen laut Stiko und zwischendurch noch Menigokokken B zusätzlich?  
  Vielleicht auch noch FSME?

Na? Puls noch normal?

- Fremdbetreuung ab 3 Monaten?
- Brei aus Fertiggläschen? Am besten Alete Abendbrei mit Keks? Gefüttert von   
  der Mami?
- Kleider und batteriebetriebenes Spielzeug von Aldi?
- Kind anschreien, weil es nicht aufhört zu heulen?
- Aus dem Zimmer gehen, weil man das heulende Kind nicht beruhigt bekommt 
  und es nicht mehr aushält?
- Schnell die Geduld verlieren, weil mit Kind doch alles viel anstrengender und 
  komplizierter ist, als gedacht?
- Das Kind zum Mond wünschen, weil man frustriert zu Hause sitzt, die
  einfachsten Sachen nicht gebacken kriegt und alle anderen sagen, man solle  
  sich nicht so anstellen und die Zeit genießen?
-Aus Überforderung einen Klaps auf den Po? Eine Ohrfeige für das trotzende 
 Kind?

Und?
Gehört das zum Attachment Parenting? 
Ja?
Nein?
Vielleicht?

An dieser Stelle wird es sehr kompliziert, nicht wahr? Kommt jetzt das 'ja, aber…'? Ja, aber die Mutter braucht nur die richtige oder wahlweise genug Unterstützung?
Ha, erwischt!
Ok, die Ohrfeige ist gesetzlich verboten. Aber Situationen, in denen man einfach ausrastet, weil man nicht mehr kann, kommen trotzdem vor.

Die einfache Weisheit: 'Was du nicht willst, dass man dir tut, das tu auch keinem andren an.' ist gar nicht so einfach umzusetzen. Und sie gilt nicht nur für Mutter und Kind, sondern auch zwischen den Eltern und von Mutter zu Mutter. Die Antwort auf die Frage: 'Respektierst du mich auch, wenn ich etwas anders mache, als du es für richtig hältst?' gibt Auskunft darüber, wie weit Idee und Ideologie bei jedem auseinander liegen.

Warum ich mich von Menschen bedroht fühle und mit Ablehnung reagiere, mit denen ich eigentlich inhaltlich konform gehe? 
Dafür gibt es 2 Gründe.
1.
AP mag ein schönes Konzept sein, aber ich halte es als Gesamtpaket eher für ein Konzept, dass man sich leisten können muss. Man braucht Zeit, etwas Geld, ein unterstützendes Umfeld, Muse und Zuspruch und genug Energie, das auch umzusetzen. Diese Ressourcen hat nicht jede und Nerven dazu vielleicht auch nicht. Es scheint mir eher ein Konzept für ein gebildetes, gut gestelltes Klientel und somit für eine Elite.
Eine Elite, die weiß, was das Kind wirklich braucht. Sehr sympathisch.

2. 
Danielle von 'gewünschtestes Wunschkind' erwähnt, dass es 2 Sorten Mütter gibt, die AP praktizieren: die Informierten, die das willentlich tun. Und jene, die schon selbst so erzogen wurden und darum AP für normal halten.
Nach dieser Argumentation dürfte es mich gar nicht geben. Das passiert mir häufiger. Ich habe das Buch nicht gelesen und wurde nicht von einer belesen Mami per AP erzogen.

Und jetzt muss ich ausholen. 
Ich komme aus einer echten Problemfamilie, die heutzutage unter Betreuung des Jugendamtes stünde. Gewalttätiger Alkoholiker mit bigotter Frau (beide ungelernt), Suizidversuchen und Teenangerschwangerschaft der Tochter. Diese ging auch nach 6 Wochen Mamisein wieder arbeiten und zur Schule. Der Papa verlor seinen Job, weil er seinen Vorgesetzten Tätlich angegriffen hatte, lungerte fortan mit Baby zu Hause rum, nachdem er mit der Kindesmutter unfreiwillig verheiratet wurde. 
Klingt dramatisch? Sind die Fakten.

Fakt ist aber auch, dass meine Eltern wunderbare Menschen sind, auch wenn sie keine Akademikerkind-Startbedingungen hatten. Kein Geld, kein Job, zerrüttete Familie, viel Streit. Kein Tragen, kaum Stillen, Fremdbetreuung, Aletegläschen, Babybettchen, Schoppen mit Schmelzflocken, Schulmedizin, kein Bonding nach der Geburt, keine Mami als Hausfrau, sondern Schichtdienst und Schlüsselkind. Keine Nachhilfe, kein Engagement im Elternbeirat oder Vokabeln abfragen. 

Und doch bin ich heute Akademikerin mit Kindern und bedürfnisorientierten Erziehungsansätzen. Gut bürgerlich. 

Warum? Weil meine Eltern mir das gaben, was ich wirklich brauchte: unbedingte Liebe und grenzenloses Vertrauen. Es gab nämlich auch kein 'du musst', kein 'wenn du nicht…dann', kein 'das macht man nicht', kein 'das kannst du nicht'. Meine Eltern sind sehr kluge, liebevolle Menschen, die niemals einem AP Konzept hätten folgen können. Aber sie gaben mir alles, was ich brauchte. Sie setzten ihr ganzes Vertrauen in mich, sie lebten mir vor, wie man kämpft, wie man die Hoffnung nicht verliert. Sie zeigten mir wo welche Grenzen sind und wie man sie respektiert, weil sie ihre eigene Situation reflektieren konnten. Sie muteten mir vieles zu, weil sie überzeugt waren, ich zerbreche nicht daran, nicht weil sie mich abhärten oder besser machen wollten. Sie sahen mich, konnten ihren Fokus von sich auf mich lenken und somit meine echten und dringenden Bedürfnisse erkennen und versuchten alles, diese zu erfüllen. Mit ihren eigenen improvisierten Methoden. 

Um ehrlich zu sein bin ich der Meinung, das beste Konzept nützt nix, wenn die Eltern nicht wirklich Vertrauen in sich und in das Kind haben. Dazu müssen sie aber den Fokus weg von sich und dem Konzept und allen Meinung hin zu ihrem Gegenüber wenden. Sich nicht selbst verwirklichen durch das 'best Momy ever'-Emblem oder das beste Konzept. Sondern ernsthaft fragen: Wer bin ich? Wer bist du? Vertraue ich mir? Vertraue ich dir? Liebe ich mich? Liebe ich dich?
Respektiere ich mich? Respektiere ich dich? Was will ich? Was willst du?

Mag sein, dass Attachment Parenting das alles meint. Es ist ohnehin egal. 
Nur, nennt es nicht so. Haltet keine Vorträge darüber wer was wie wirklich braucht. Nehmt den Fokus von euch weg und schaut mal auf die Welt voller Wunder um euch herum! Wir leben in einer Welt voller Mütter, die ihre Kinder so sehr lieben obwohl sie sie nicht tragen oder stillen oder abhalten. Freut euch mit diesen Familien. Vertraut diesen Eltern und diesen Kindern, dass sie das Leben zusammen schon hinbekommen. 
Und wer sich aufrichtig für andere interessiert und im Stande ist sie zu respektieren, der darf gerne seine Hilfe anbieten. Hilfe, keine Konzepte oder Ratschläge, die vielleicht gar nicht ins Leben anderer Menschen passen. Sondern fragen 'Was brauchst du, damit du sorgloser, bedingungsloser Lieben und vertrauen kannst?'

Vielleicht bin ich da nur etwas überempfindlich. Ich reagiere auf diese impliziten Anmerkungen und sie ärgern mich, obwohl mich niemand direkt angegriffen hat. Ich biete ja auch wenig Angriffsfläche, weil ich viele solcher Situationen meide. 
Aber wer eine gute Idee hat, der sollte sich mal überlegen, was aus seiner Idee wird, wenn er den Ton nicht trifft und somit das Zielpublikum verfehlt. Es gibt so viele gute Ideen, die daran scheitern.

Kommentare:

  1. Bewertest Du immer ganze Studien anhand dessen, was ein Journalist über das Abstract geschrieben hat?

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Rosali,

    ich habe Deinen Beitrag jetzt wirklich sehr aufmerksam und intensiv gelesen und wundere mich ehrlich gesagt etwas. Da ich nun auch namentlich genannt werde, möchte ich etwas ausführlicher Stellung nehmen.

    Du schreibst

    1) dass Du zu AP im Grunde noch nichts gelesen hast

    Daraus folgt, dass Du

    2) nicht wirklich weißt, was andere meinen, wenn sie sagen, sie betreiben AP.

    Und ja - das erkennt man relativ deutlich an Deinem Posting - Du schusterst ein AP-Bild zusammen, das schlicht NICHT der Realität entspricht. Aber das weißt Du natürlich nicht, weil Du Dich ja von anderen Müttern fern hältst (wertungsfrei).

    Ich fühle mich nicht angegriffen, sondern vielmehr missverstanden, weil das, was Du schreibst schlicht nicht auf mich zutrifft. Und ich wundere mich etwas, weil ich ja weiß, dass Du uns regelmäßig liest. Mit ist nur nicht so richtig klar, warum, wenn es Dir zu unausgewogen und zu dogmatisch ist ;-).

    Ich begreife AP nicht als Ideologie und bin weit davon entfernt, missionieren zu wollen. Ich für meinen Teil hoffe lediglich, dass manche Leute lesen, was ich schreibe und sich einfach ein paar Gedanken machen - ob Strafen sein müssen oder ob ihre Liebe als bedingungslos Empfunden wird. Dank des zahlreichen Feedbacks, weiß ich , dass wir damit einiges bewegen und das macht mich froh.

    Nochmal kurz zum Begriff AP: Der ist geprägt von William Sears und bedeutet zunächst nichts anderes, als ein Baby zu tragen, zu stillen, bei ihm zu schlafen und es zu trösten - wann immer das das Baby will. Nicht mehr und nicht weniger.

    Im allgemeinen Sprachgebrauch hat es sich nun für eine Form des Zusammenlebens etabliert, die man auch als zugewandte Erziehung bezeichnen kann. Dabei geht es mitnichten darum, den Kindern einfach ständig alle Wünsche zu erfüllen.

    Es ist bei AP völlig wurscht, ob man Bio-Brei kocht, oder Alete-Glas füttert. Oder ob sich das Baby im Kinderzimmer im eigenen Bett wohler fühlt. Es geht nicht um den Zwang: Du musst Familienbett betreiben, es geht darum, das zu geben, wenn das Kind das FORDERT und MAN ES LEISTEN KANN. Manche Kinder fordern es nicht und gut ist.

    AP hat nichts mit Plastikspielzeug, "richtiger" Kleidung oder besonderer Pädagogik zu tun. Du hast Dir da ein wirres Bild zusammengezimmert. Es ist richtig, dass AP-Eltern häufig auch Wert auf bestimmte Dinge legen - aber das hat nichts mit AP direkt zu tun. Ich praktiziere AP auch mit Breiglas, Aldiwindel und Kik-Leggins. Auch wenn ich mal lauter werde und mein Sohn mit 11 Monaten in die Kita kam und nicht getragen werden mochte.

    Im Grunde geht es letztendlich nur um eins: RESPEKT und bedingungslose Liebe.

    Insofern bist Du - wenn Du diese bedingungslose Liebe gefühlt hast, auch mit Alkohol und schwieriger Kindheit im Grunde AP-erzogen. Deine Beschreibung kling ganz danach.

    Und Du wirst doch wohl zustimmen, dass es genau das ist, was JEDES Kind braucht und daher tatsächlich universell anwendbar ist, für jedes Kind:

    Wärme
    Nähe
    Zuwendung
    Verständnis
    typabhängig möglichst wenig Grenzen, die aber konsequent eingehalten werden
    möglichst viel Geduld - im Rahmen der eigenen Möglichkeiten
    die Berücksichtigung aller Bedürfnisse in der Familie
    Mitspracherecht vom Kind
    Suche von Kompromissen, die alle zufrieden stellen

    All das meint AP - und nicht das Kokadi-Tragetuch, den Dinkelbratling, das Holzspielzeug oder Fremdbetreuung ab 3 Jahren.

    Viele Grüße
    Danielle

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für Deine ausführliche Antwort Danielle.
      Ich habe mir vor diesem Post sehr genau überlegt, ob ich das Buch von Sears durchlesen soll. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Und stattdessen weltweite Blogs von AP-Begeisterten gelesen. Das hat lange gedauert, aber ich wollte wissen, was die Leute meinen, was AP sei. Mit allgemeinen Formulierungen, wie Geborgenheit und Zuwendung, gab sich allerdings nicht einer zufrieden. Im Gegenteil, es wurden sehr spezifische Ausführungen gemacht, wie Geborgenheit durch bedürfnisorientierte Elternschaft denn nun zu vermitteln sei.
      Natürlich sind die meist familienspezifisch, aber es liessen sich doch grundsätzlich allgemeine Punkte in jedem Blog finden, wie BLW, windelfrei, Langzeitstillen, Familienbett etc. Komisch oder? Die Ausführung/Umsetzung von AP scheint in der AP Gemeinde recht klare Regeln zu kennen.
      Dafür sprechen auch viele Kommentare, die ich in Blogs gefunden habe. Offensichtlich werden Mütter angegriffen, die sich nicht an diese Regeln halten. Klingt mir dann schon nicht mehr so verständnisvoll.

      Deine Ausformulierung, was AP wirklich meint, in Ehren. Ich habe den klaren Eindruck gewonnen, dass auch hier die Form mehr zählt als der Inhalt. Und das ist immer der Fall, wenn ein Anwender sich eben gerade nicht auf den Inhalt, sondern auf sich selbst konzentriert. Gerade bei diesem Thema finde ich das sehr schade.

      Und ich stimme dir auch nicht ganz zu, dass jedes Kind Zuwendung braucht. Jeder MENSCH braucht das. Und so ist es mir ein Rätsel, warum man bei AP gerade die Kinder in den Mittelpunkt stellt. Klar weiß ich, dass AP v.a. als Gegenbewegung zur, von dir bereits häufig reflektierten Erziehungsmethoden des 20 Jhd,, zu verstehen ist. Das ist die klassische antiautoritäre Erziehung aber auch. Und die scheint ja heute schuld an allem bösen zu sein und kam in Verruf. Auch das ist schade, denn, wie bei AP, haben da die Anhänger wohl auch einiges Missverstanden.

      Nochmal, dieses wirre Bild von AP entstand bei mir durch unzählige Blogposts, die mich je mehr je ärgerlicher gemacht haben.
      Es ist wie bei der Religion: Entweder man hat einen Führer, der die Worte für einen auslegt und bis zu den alltäglichen Situationen durchdekliniert, oder man fängt an selbst zu interpretieren. Und was dabei rauskam, hat mir eben gar nicht gefallen.

      Ich habe in meinem Post tatsächlich nicht geschrieben, was ich mir wünschen würde: Dass im Rahmen einer Familie jeder Mensch die gleiche Wertigkeit hat. Keine spezielle Fokussierung aufs Kind, aber unter Berücksichtigung, was das Kind kann und was es nicht kann. Wenn ein Baby Hunger hat, hat es Hunger und braucht sofort was zu essen. Kein Thema.

      Aber, was auch die Motivation für den Post von gute Eltern war, offensichtlich hat sich unter AP Anhängern die Fokussierung aufs Kind durchgesetzt. Der Rest mag zwar zur Theorie gehören, ist aber nur am Rande bedeutsam. Mein Bild von AP: Es hat sich ein Kult ums Kind entwickelt. Und das finde ich komplett falsch. Wie Du wahrscheinlich auch, denn es widerspricht deiner Lesart von AP laut Buch.

      Bei all den Posts hab ich auch nur wenige, und wenn dann akademische theoretisierende Kritik an AP gefunden. Das macht mich stutzig. Das zeugt eben nicht von Verständnis.

      Löschen
    2. Wie offen und tolerant AP-Anhänger tatsächlich sind, kann ich nicht sagen. Das Bild im Netz, das sich mir bot, war mäßig tolerant.

      Und wie ich schrieb: Was AP wirklich meint, ist egal, wenn die Menschen nicht das große ganze Bild erkennen können, sondern nur die kleinen Details sehen.

      Die AP-Szene sollte sich dafür einsetzen, dass in Medienberichten nicht einseitig über die Zuwendung zum Kind berichtet wird. Es geht um familiengerechtes Leben. Auch die öffentliche Darstellung ist nicht ausgewogen. Genau dafür wären eigentlich solche Kongresse da, um sich dafür einzusetzen.

      Ich sehe jedenfalls, dass das Pendel nun in Richtung 'alle Aufmerksamkeit aufs Kind' schwingt, getrieben von gut gebildeten und gut situierten Müttern, die alles richtig machen wollen. Auch das führt zu einer Extremsituation, die für alle Beteiligten schwerwiegende Konsequenzen hätte.

      Vielleicht ist auch das Label AP einfach eine schlechte Idee, denn unter einem Label versteht man dann auch etwas Konkretes. Um Geborgenheit innerhalb der Familie zu schaffen, kann man aber unter 1000 Methoden wählen und muss das nicht AP nennen.

      Eine offene Bewegung, die einfach mehr Respekt, Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und Höflichkeit leben würde, fände ich gut. Und dass man den Menschen mehr zutraut, sie stärkt und nicht reglementiert. Nur, scheint der Mensch nicht dafür gemacht, grundsätzlich freundlich zu sein. Aber damit könnte man etwas bewegen.

      Braucht es also eine Bewegung wie AP, damit Mütter intuitiv auf das Weinen ihres Kindes reagieren? Glaub ich nicht.

      Die AP-Gemeinde sollte sich lieber überlegen, wie sie Dein 'Berücksichtigung ALLER Bedürfnisse in der Familie' mit einem positiven Menschenbild umsetzen will. Darüber habe ich nämlich verdammt wenig gelesen in den Blogs.

      Vielleicht möchtest du mal dazu einen ausführlichen Post schreiben.

      Löschen
    3. Hallo Rosalie,

      in dem Buch von Sears geht es nicht um Erziehung, sondern nur um den Umgang mit Babys. Er schreibt eben, dass Babys in der Regel (!) gerne getragen werden, gestillt werden, im Familienbett schlafen und nicht schreien gelassen werden wollen. Er schreibt auch, dass es familiäre Umstände geben kann, wo nicht alle Instrumente des AP genutzt werden können - das aber auch völlig in Ordnung ist. Da ist absolut keine Dogmatik drin. Alles andere hat sich m. W. abseits davon entwickelt und ist nicht im Sinne des "Erfinders" AP.

      Dass sich da dogmatische Strukturen entwickeln, habe ich noch nicht beobachtet - ich kenne aber nur etwa fünf weitere Mütter persönlich, die wirklich AP leben und da hat überhaupt keiner ein Problem damit, wenn andere bestimmte Dinge (Ernährung, Fremdbetreuung etc.) ganz anders machen. Aber ich habe dazu auch noch nicht viel in Blogs gelesen, muss ich dazu sagen.

      Windelfrei, Familienbett usw. sind Dinge, die einem Kind naturgemäß viel Zuwendung geben - aber ich habe noch nie erlebt, dass einer gesagt hat: "Du nutzt Pampers - Du bist nicht AP". Vielmehr habe ich APler überdurchschnittlich empathisch, interessiert und auch anderen Menschen zugewandt erlebt.

      Und was ich auch nicht verurteilen kann: Wenn jemand seinen Weg richtig findet und das sagt. Ich mein - jeder findet seinen Weg richtig (sonst würde er nicht den, sondern einen anderen gehen). Toleranz beginnt da, wo man die anderen Wege akzeptiert - und das tue zumindest ich und die anderen APler, die ich kenne, auch. Kannst Du mir mal Artikel verlinken, die Du grenzwertig idealistisch fandest? Das interessiert mich wirklich.

      Und ich finde ja auch, dass AP eben nicht kindzentriert ist. Ja - im ersten Babyjahr - aber sobald die Kinder die Welt entdecken, haben AP-Kinder eher eine seeeehr lange "Leine". Und ja: Ich glaube, man "braucht" AP - ich bin wirklich nicht dumm, aber ich habe es nicht geschafft, mein Kind während der vermeintlichen Dreimonatskoliken zu trösten. Da war nichts mit Bauchgefühl - ich brauchte Technik.

      Ich kann auch Deine abschließende Kritik nicht verstehen - wo fehlt Dir ein positives Menschenbild bei den APler-Darstellungen? Ich finde, dass es genau das ist, was vermittelt wird. Wenn Du das konkretisierst, mache ich mir gerne mal Gedanken um einen Post zu diesem Thema.

      Aber gut, ich verstehe grundsätzlich, wo Dein Problem liegt, aber das ist für mich dadurch verursacht, dass Du einem anderen Eindruck von AP hast, als den von mir praktizierten :-).

      Viele Grüße!
      Danielle

      Löschen
    4. Ich stelle gerne einige Links zusammen, wenn ich den restlichen Trouble hier etwas geordnet habe.

      Löschen
  3. Danke Rosalie. (und ich hinterlasse jetzt ganz bewusst kein Herzchen..)

    anne.

    AntwortenLöschen
  4. Du machst mir, die zuweilen krampfhaft an AP und anderen Konzepten Orientierung zum Muttersein sucht, mit diesen Worten Mut, ich selbst zu sein und mein Kind zu sehen und es zu erkennen. Danke!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das freut mich. So hab ich wenigstens einige wenige Menschen wirklich erreichen können.

      Löschen
  5. Ein bezüglich der sehr frühen Krippenaufbewahrung nicht ausreichend beachtetes Problem (neben zu erwartender erhöhter Stresshormonausschüttung infolge "learned helpnessless" und Wachstumshormonmangel infolge reduziertem Langsamen-Wellen-Schlaf in der Krippe) ist die mögliche Störung bzw. Verzögerung der frühkindlichen Sprachentwicklung zu befürchten. Mangelnde primäre (besonders 0 - 1,5 Jahre) frühkindliche Sprachentwicklung hat oft die Folge von Lese- und Rechtschreibstörungen und letztlich ungünstiger kognitiver Entwicklung. [Auch Migrantenkinder müssen das basale Denken in der jeweiligen Muttersprache beginnen zu lernen].
    (Siehe Ärztereport der Barmer Ersatzkasse vom Januar 2012 mit bereits jetzt schon ca. 40% sprachgestörten Kindern im Alter von 5 - 6 Jahren (Gründe: Zunahme Krippe/Tagesmütter: 2006 ca. 14%, bereits 2010: 23%;; enorme Lärmpegel in Kitas); logopädische Behandlungskosten etwa 1 Milliarde Euro).
    Warum heißt es Muttersprache und nicht Vatersprache?
    Bereits ab der 20. Gestationswoche hört der Foet im Mutterleib flüssigkeitsangekoppelt die Mutterstimme und ist nach der Geburt massiv darauf fixiert, sodass eine längere (max. bis zu 3 Jahren) dyadenspezifische Beziehung zwischen diesen beiden Personen notwendig ist, zumal in diesem Zeitraum zumindest zwei kürzere Phasen besonders begierigem Sprechlernen des Kleinkindes individuell verschieden auftreten [siehe Kapitel „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ im Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014, ISBN 978-3-9814303-9-4]

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hab jetzt nicht wirklich verstanden, was das mit dem Post zu tun hat.

      Löschen
  6. Liebe Rosalie,
    bewundernswert, wie straight Du bist.
    AP geht mir, wenn es mir so als fast neue Idee des Elternsein und daran hängender Gemeinde, manchmal auf den Wecker.
    Ich mag eh keine Dogmen, in denen nicht "true" bin, wenn ich in ein, zwei Punkten abweiche. Ich habe beim Thema AP und anhängenden Punkten so meine eigenen Ideen und kritische Ansätze. Prinzipiell bin ich natürlich auf die Bedürfnisse des Babies eingestellt. Aber eben nicht nur. Die absolute Hingabe scheint mir da zu fehlen.
    Die körperlichen und basis-emotionalen Bedürfnisse kleiner Kinder sollten befriedigt werden. Mehr haben sie nicht, um zu kommunizieren. Ich habe meinen kleinen Sohnemann auch gehalten und weinen lassen. Wir haben währenddessen kommuniziert. Ich habe nicht versucht, ihn zu beruhigen, wenn es unangebracht war, etc. Aber ich habe vier Kinder. Und auch die Zwölfjährige hat noch Bedürfnisse. Die hören nicht beim süßen Toddler auf.
    Man muss sich also in einer Familie um mehrere kümmern. Zum Schluss kommt man selbst. Aber dann auch wirklich.
    Als (Ehe-)Paar hat man auch emotionale Bedürfnisse. Und für uns zum Beispiel ist es prima, zu zweit allein in einem Bett zu schlafen.
    Ich benutze Windeln. Ich wollte nicht immer darauf konzentriert sein, ob Sohni den Blick nach innen wendet oder einen kleinen Schrei macht und mit ihm ins Bad flitzen. Mir würde es in der Restrospektive nicht gefallen, wenn meine Mutter immer geschaut hätte, ob ich das nächste Häufchen produziere.
    Da sind mir andere Bedürfnisse wichtiger. Und alle, die zwei Wickelkinder gleichzeitig hatten - gern auch in verschiedenem Alter - die finden vielleicht auch, dass es etwas viel ist, bei beiden das "Ich-muss-Kaka-Gesicht" rechtzeitig zu erkennen ...
    Ich will nicht alle Inhalte des AP hier einmal durchdenken. Nur kurz anreißen. Ich bin inniglich mit meinen Kindern verbunden. Ich spreche mit ihnen über ihr Seelenleben und meine Instinkte gehen sehr weit, wenn es um sie geht. Ich spüre zuhause, ob meine Tochter in der Schule belästigt wird oder mit welchen Stimmungen sie nach Hause kommen. Nur als Beispiele.
    Die lagen aber alle mit 3 bis 7 Monaten in ihren Zimmerchen in ihren Betten und waren abgestillt. Sie können sich alle entspannen und mitteilen. Und albern sein und haben Phantasie für zehn. Und so weiter.

    Das schreibe ich nur als kleines Brainstorming, an dem ich Dich gern teilhaben lassen wollte.
    Liebe Grüße von Lareine von essentialunfairness.wordpress.com

    AntwortenLöschen
  7. Das Problem ist nicht AP (wenngleich ich Dir in Deine Analyse zustimme - das muss man sich erst mal leisten können ,zeitlich und finanziell), das Problem ist der Eltern(insbesondere Mütter)faschismus, der unabhängig von der konkreten Elternideologie betrieben wird. Es gibt unzählige Mütter, die GENAU als EINZIGE wissen, wie's geht und welche Wahrheit in welchen Stein gemeißelt wird, und die sich auch nicht scheuen, der Umwelt bzw. ihren Mitmüttern das ausführlich mitzuteilen. Der Kern ist, denke ich, dass Mütter oft unglaublich verunsichert sind und ganz schlecht damit umgehen können, dass es vielleicht nur sehr wenige in den Stein gemeißelte Wahrheiten gibt. Und dementsprechend versuchen sie, sich selbst zu bestärken, indem sie ihre Ideologie pushen und andere Strategien abwerten. "Ich bin okay, du bist okay" ist unter Müttern meiner Erfahrung nach eher nicht...

    AntwortenLöschen
  8. Oh Mann, was für eine wilde Diskussion! Vielleicht kann man sich einfach mal darauf einigen, dass man sich doch auf sein Bauchgefühl und den gesunden Menschenverstand verlassen sollte. Was sagt der Verstand, das Herz, der Bauch? Dann findet doch jedes Eltern-Kind-GEspann den für sich passenden Weg. Jeder hat seine Persönlichkeit und die muss man kennenlernen und damit umgehen. Da braucht man keine Konzepte, Ratgeber, Bücher. Da kannmal sich natürlich immer mal eine Idee holen, wenn man vielleicht auf der Stelle tritt und nicht so richtig weiß. Aber am Ende muss jeder für sich den passenden Weg daraus stricken. Fakt ist: Sei authentisch, ehrlich, zuverlässig. Dann klappt das schon mit der Erziehung.

    AntwortenLöschen