Montag, 27. Oktober 2014

Überleben

Wir haben überlebt!
Das war zwar abzusehen, aber zeitweise hatte ich den glauben daran verloren…

Menschen mit mehreren Kinder werden nun wissenend nicken. Menschen ohne Kinder werden sich denken: Jetzt übertreibt sie aber gewaltig. Menschen mit einem Kind schwanken zwischen 'oh je' und 'das geht noch schlimmer?', Alleinerziehende werden abwinken und mich für ein Weichei halten.

Dies nun ist die Geschichte eines klitzekleinen Virus, dass eine gesamte Familie auszurotten suchte, indem es Eltern und Kinder an wirklich jeder Körperöffnung undicht werden lies. Aber sowas von!

Magen-Darm-Zeugs ist ja sowieso etwas vom Gemeinsten überhaupt. Ohne Kontrolle übernimmt der Körper, der Geist ist dem hilflos ausgesetzt. Wenn was raus muss, muss es raus und es kommt auch raus, egal wie gut die Kinderstube war.

Ich erinnere mich, als die Große ein Baby war, waren wir alle drei über 3 Tage lang niedergestreckt. Wir konnten uns kaum bewegen, uns ging es richtig dreckig. 
Ich hätte diese entspannte Situation genießen sollen.

Alles begann am letzten Freitag. Der Trüffel hatte frei, wir freuten uns auf ein langes Familienwochenende. Davon gibt es nicht allzu viele. 
Freitag Morgen: Baby kotzt, Mama wäscht. Nr.1 kotzt, Baby kackt, Mama wäscht. Baby kotzt, Nr.1 kackt… ihr könnt es euch vorstellen…
Freitag Nachmittag: Mama fühlt sich etwas flau… ihr könnte es euch vorstellen.
In der Nacht zog der Trüffel dann noch mit.
Es war, gelinde gesagt, ekelig!
Der Höhepunkt war erreicht, als Nr.1 sich übergibt und ich gleich mit dank des Geruchs. Da lohnt das Duschen wenigstens.

Wie so oft, erholen sich die Kleinen rasant. Leider. Denn die Eltern haben diese Fähigkeit bereits eingebüßt. Beide Elternteile k.o. und 2 Kinder munter wie eh und je. Wie schrecklich!!! 
Ernsthaft, es war die Hölle.
Aber immerhin kennen wir jetzt jede verdammte Folge der Biene Maja Sammelbox I auswendig. 
Die Große freute sich, denn bisher gab's immer nur eine Folge am Stück. 
Allerdings ist das Parken der Kleinen vor dem Computer in manchen Fällen der totale Segen.

Puh, das war anstrengend. 
Hätte ich nicht noch Bauchgrummeln, ich würde mich fühlen, als hätte ich eine Himalaya-Gipfel-Tour geschafft. 
Für Außenstehende mag es seltsam klingen, aber doch, ein Magen-Darm-Familien-Virus zu überleben ist eine Heldentat!

Bleibt mir allesamt gesund!

Dienstag, 21. Oktober 2014

Phasenweise


Es gibt ja diese anhängliche Phase, in der ein Kind am liebsten auf Mamas Arm kuschelt und nimmer herunter will.

Ich finde diese Phase gar nicht schlimm. In der 'normalen' Ausprägung.

Nun, nachdem wir seit 2 Monaten zahnen ohne sichtbares Ergebnis, 2 Mal Schnupfen überstanden haben, hatte das Babyferkel einen besonderen Geburtstagswunsch:

Baby will zurück in Mamas Bauch! Subito.

Ich meine das ernst. Körperkontakt ist ja schön und gut. Also trage ich Madame den ganzen Tag. Wir stillen viel. Kuscheln immerzu. 

Es ist mir inzwischen unmöglich aufs Klo zu gehen, ohne dass Madame auf meinem Arm ist. Supi.

Anstrengend wurde es aber erst vor 3 Wochen. Als Madame zurück in den Bauch wollte. Um mir das unmissverständlich klar zu machen, sind wir nun jede Nacht 3 Stunden lang wach, in denen Madame nackt auf meinem Bauch liegen will und gründlich von mir durchgekrault wird. 

Die junge Dame verlegt ihren Schlaf seither auf den Mittag, Mama jedoch kann keine 3 Stunden Mittagsschlaf machen. Da wäre ja noch die Arbeit…

Ich brech nieder. 

Fazit: Mama kaputt gekuschelt, Baby schnarcht zufrieden auf meinem Bauch. Supi.

Manchmal frage ich mich tatsächlich, wieviel Mutter ein Kind wirklich braucht und wieviel Kind eine Mutter gebrauchen kann.

Alles nur eine Phase… ich weiß.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Wo ich her komme gibt's kein Attachment Parenting

Vor Kurzem las ich zum ersten Mal von Attachment Parenting. Das Konzept ansich gefällt mir sehr, weil ich zufällig praktisch alles schon so mache. 
Ich habe das Buch von Sears nicht gelesen und werde es auch nicht tun. Ich kenne niemanden, der speziell AP betreiben würde. Das mag aber auch daran liegen, dass ich Kontakt mit Mitmüttern vermeide, wenn möglich.
Ich las den Blogpost von windelfrei und fand das sehr sympathisch. Ich las den Post vom Blog gewünschtestes Wunschkind, obwohl ich deren Beiträge nur begrenzt ausgewogen finde. Und ich las gestern den Post von den guten Eltern und schüttelte daraufhin nur noch den Kopf. 

Was ist falsch an Attachment Parenting?

Bedürfnisorientierte Elternschaft? Nein, nicht unbedingt. Mach ich ja auch. Das Konzept? Oh ja, grottenfalsch.

Warum? 

Als Antwort reicht eigentlich der zweite Absatz des Posts von Hebamme Anja: 'Es wurde in vielen bewegenden und sehr interessanten Vorträgen (auf dem AP Kongress, Anmerkung der Bloggerin) erklärt, was Kinder wirklich brauchen und weshalb es so wichtig ist, die Kinder darin auch ernst zu nehmen.'
Was Kinder wirklich brauchen. Aha. So liebe Leute, wer's noch nicht gehört hat, wo die Musik spielt, Ohren auf und bitte mitschreiben: Hier wissen die Leute, was Kinder wirklich brauchen!

Wahrscheinlich hab ich da jetzt wieder alles falsch verstanden, aber wer sich so ein bisschen durch die Blogs der AP-Anhänger liest könnte eventuell ein ganz kleines bisschen auf die Idee kommen, dass da wieder mal eine kleine Elite ein Konzept zur einzig wahren Erziehungsmethode erklärt und diese auch immer gern missionarisch und dogmatisch unter die Leute bringen möchte. 

Denn, was ist der Umkehrschluss? 

Wer sich jetzt angegriffen fühlt, dem sei ganz aufrichtig versichert: Ich meine die anderen! Auf gar keinen Fall dich persönlich! So wie du das meinst ist das natürlich was ganz anderes und du machst das total richtig! Du hast ganz wirklich recht!

Und natürlich würde ich auch niemals jemandem widersprechen, der weiß, was mein Kind WIRKLICH braucht. Echt jetzt. Würd ich nie machen! 

So, zurück zum Thema.
Wie schon gesagt, scheine ich selbst die Erziehung meiner Kinder sehr weit bedürfnisorientiert zu gestalten. Sogar mit all den Features, die AP offensichtlich so im Angebot hat: Bonding nach der Geburt, Tragen, Familienbett, Stillen, Beikost, meine Reaktion auf Weinen meiner Kinder
Fand ich jetzt im Rückblick so raus. Ist doch schön. 

Ich greife also nicht die Idee an. Ich greife jeden an, der meint er könne mir sagen, was meine Kinder wirklich brauchen. Das ist weit über's Ziel hinausgeschossen. Und obwohl ich kein Buch über AP gelesen habe unterstelle ich mal, dass das AP Konzept eben gerade NICHT dogmatisch und missionarisch gelebt und verbreitet werden soll! Man wollte nur Verhaltensweisen mal zusammen fassen, die für viele sowieso schon Alltag sind und den meisten von uns einleuchten.

Meine Oma bläute meiner Mutter ein: Was du nicht willst, dass man dir tut, das tu auch keinem andren an. Oder wer's etwas positiver will: Behandle andere so, wie du gerne behandelt werden willst.
In der Welt meiner Oma gibt's kein Attachment Parenting. Aber sie hat von ihrer Oma gelernt, dass man andere behandeln soll, wie man selbst behandelt werden will. Ich nehme an, den meisten Menschen leuchtet diese Erkenntnis seit Jahrtausenden ein.

Wo liegt jetzt eigentlich das Problem? Offensichtlich sind wir uns doch inhaltlich alle einig? Sind wir das? 
Mich würde mal interessieren, was ein überzeugter AP Vertreter alles abkann:
- Tragen im BabyBjörn?
- Baby schläft im eigenen Bettchen im Schlafzimmer?

Geht noch...

- Nach 2 Monaten Abstillen und mit Alete-Fläschchen füttern? Abends noch mit Schmelzflocken drin?

Ja, nein? Wird schon unschön jetzt, oder? 

- Kein Abhalten, sondern Windeln von Aldi?

Zzzzzzzzz, schon schwieriger. 

- Impfungen laut Stiko und zwischendurch noch Menigokokken B zusätzlich?  
  Vielleicht auch noch FSME?

Na? Puls noch normal?

- Fremdbetreuung ab 3 Monaten?
- Brei aus Fertiggläschen? Am besten Alete Abendbrei mit Keks? Gefüttert von   
  der Mami?
- Kleider und batteriebetriebenes Spielzeug von Aldi?
- Kind anschreien, weil es nicht aufhört zu heulen?
- Aus dem Zimmer gehen, weil man das heulende Kind nicht beruhigt bekommt 
  und es nicht mehr aushält?
- Schnell die Geduld verlieren, weil mit Kind doch alles viel anstrengender und 
  komplizierter ist, als gedacht?
- Das Kind zum Mond wünschen, weil man frustriert zu Hause sitzt, die
  einfachsten Sachen nicht gebacken kriegt und alle anderen sagen, man solle  
  sich nicht so anstellen und die Zeit genießen?
-Aus Überforderung einen Klaps auf den Po? Eine Ohrfeige für das trotzende 
 Kind?

Und?
Gehört das zum Attachment Parenting? 
Ja?
Nein?
Vielleicht?

An dieser Stelle wird es sehr kompliziert, nicht wahr? Kommt jetzt das 'ja, aber…'? Ja, aber die Mutter braucht nur die richtige oder wahlweise genug Unterstützung?
Ha, erwischt!
Ok, die Ohrfeige ist gesetzlich verboten. Aber Situationen, in denen man einfach ausrastet, weil man nicht mehr kann, kommen trotzdem vor.

Die einfache Weisheit: 'Was du nicht willst, dass man dir tut, das tu auch keinem andren an.' ist gar nicht so einfach umzusetzen. Und sie gilt nicht nur für Mutter und Kind, sondern auch zwischen den Eltern und von Mutter zu Mutter. Die Antwort auf die Frage: 'Respektierst du mich auch, wenn ich etwas anders mache, als du es für richtig hältst?' gibt Auskunft darüber, wie weit Idee und Ideologie bei jedem auseinander liegen.

Warum ich mich von Menschen bedroht fühle und mit Ablehnung reagiere, mit denen ich eigentlich inhaltlich konform gehe? 
Dafür gibt es 2 Gründe.
1.
AP mag ein schönes Konzept sein, aber ich halte es als Gesamtpaket eher für ein Konzept, dass man sich leisten können muss. Man braucht Zeit, etwas Geld, ein unterstützendes Umfeld, Muse und Zuspruch und genug Energie, das auch umzusetzen. Diese Ressourcen hat nicht jede und Nerven dazu vielleicht auch nicht. Es scheint mir eher ein Konzept für ein gebildetes, gut gestelltes Klientel und somit für eine Elite.
Eine Elite, die weiß, was das Kind wirklich braucht. Sehr sympathisch.

2. 
Danielle von 'gewünschtestes Wunschkind' erwähnt, dass es 2 Sorten Mütter gibt, die AP praktizieren: die Informierten, die das willentlich tun. Und jene, die schon selbst so erzogen wurden und darum AP für normal halten.
Nach dieser Argumentation dürfte es mich gar nicht geben. Das passiert mir häufiger. Ich habe das Buch nicht gelesen und wurde nicht von einer belesen Mami per AP erzogen.

Und jetzt muss ich ausholen. 
Ich komme aus einer echten Problemfamilie, die heutzutage unter Betreuung des Jugendamtes stünde. Gewalttätiger Alkoholiker mit bigotter Frau (beide ungelernt), Suizidversuchen und Teenangerschwangerschaft der Tochter. Diese ging auch nach 6 Wochen Mamisein wieder arbeiten und zur Schule. Der Papa verlor seinen Job, weil er seinen Vorgesetzten Tätlich angegriffen hatte, lungerte fortan mit Baby zu Hause rum, nachdem er mit der Kindesmutter unfreiwillig verheiratet wurde. 
Klingt dramatisch? Sind die Fakten.

Fakt ist aber auch, dass meine Eltern wunderbare Menschen sind, auch wenn sie keine Akademikerkind-Startbedingungen hatten. Kein Geld, kein Job, zerrüttete Familie, viel Streit. Kein Tragen, kaum Stillen, Fremdbetreuung, Aletegläschen, Babybettchen, Schoppen mit Schmelzflocken, Schulmedizin, kein Bonding nach der Geburt, keine Mami als Hausfrau, sondern Schichtdienst und Schlüsselkind. Keine Nachhilfe, kein Engagement im Elternbeirat oder Vokabeln abfragen. 

Und doch bin ich heute Akademikerin mit Kindern und bedürfnisorientierten Erziehungsansätzen. Gut bürgerlich. 

Warum? Weil meine Eltern mir das gaben, was ich wirklich brauchte: unbedingte Liebe und grenzenloses Vertrauen. Es gab nämlich auch kein 'du musst', kein 'wenn du nicht…dann', kein 'das macht man nicht', kein 'das kannst du nicht'. Meine Eltern sind sehr kluge, liebevolle Menschen, die niemals einem AP Konzept hätten folgen können. Aber sie gaben mir alles, was ich brauchte. Sie setzten ihr ganzes Vertrauen in mich, sie lebten mir vor, wie man kämpft, wie man die Hoffnung nicht verliert. Sie zeigten mir wo welche Grenzen sind und wie man sie respektiert, weil sie ihre eigene Situation reflektieren konnten. Sie muteten mir vieles zu, weil sie überzeugt waren, ich zerbreche nicht daran, nicht weil sie mich abhärten oder besser machen wollten. Sie sahen mich, konnten ihren Fokus von sich auf mich lenken und somit meine echten und dringenden Bedürfnisse erkennen und versuchten alles, diese zu erfüllen. Mit ihren eigenen improvisierten Methoden. 

Um ehrlich zu sein bin ich der Meinung, das beste Konzept nützt nix, wenn die Eltern nicht wirklich Vertrauen in sich und in das Kind haben. Dazu müssen sie aber den Fokus weg von sich und dem Konzept und allen Meinung hin zu ihrem Gegenüber wenden. Sich nicht selbst verwirklichen durch das 'best Momy ever'-Emblem oder das beste Konzept. Sondern ernsthaft fragen: Wer bin ich? Wer bist du? Vertraue ich mir? Vertraue ich dir? Liebe ich mich? Liebe ich dich?
Respektiere ich mich? Respektiere ich dich? Was will ich? Was willst du?

Mag sein, dass Attachment Parenting das alles meint. Es ist ohnehin egal. 
Nur, nennt es nicht so. Haltet keine Vorträge darüber wer was wie wirklich braucht. Nehmt den Fokus von euch weg und schaut mal auf die Welt voller Wunder um euch herum! Wir leben in einer Welt voller Mütter, die ihre Kinder so sehr lieben obwohl sie sie nicht tragen oder stillen oder abhalten. Freut euch mit diesen Familien. Vertraut diesen Eltern und diesen Kindern, dass sie das Leben zusammen schon hinbekommen. 
Und wer sich aufrichtig für andere interessiert und im Stande ist sie zu respektieren, der darf gerne seine Hilfe anbieten. Hilfe, keine Konzepte oder Ratschläge, die vielleicht gar nicht ins Leben anderer Menschen passen. Sondern fragen 'Was brauchst du, damit du sorgloser, bedingungsloser Lieben und vertrauen kannst?'

Vielleicht bin ich da nur etwas überempfindlich. Ich reagiere auf diese impliziten Anmerkungen und sie ärgern mich, obwohl mich niemand direkt angegriffen hat. Ich biete ja auch wenig Angriffsfläche, weil ich viele solcher Situationen meide. 
Aber wer eine gute Idee hat, der sollte sich mal überlegen, was aus seiner Idee wird, wenn er den Ton nicht trifft und somit das Zielpublikum verfehlt. Es gibt so viele gute Ideen, die daran scheitern.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Das macht man so.

Wer kennt ihn nicht, diesen Satz, der mit 'man muss…' beginnt und mit 'das macht man so.' endet?
Nicht, dass man diesen Satz nicht auch als Kinderlose/r im Hinterkopf hallen hört. Man muss so vieles - vor allem was aus sich machen, sparen, Abitur und Studieren muss man ja heut auch - mindestens. Dann muss man einen Mann, wahlweise auch eine Frau kennenlernen, dann muss man erst heiraten und dann muss man auch noch Kinder bekommen.

Oftmals werden wir eher subtil als direkt auf all die Dinge, die man so macht, weil man sie halt so macht, hingewiesen. Klar gibt es Ausnahmen. Großzügig wird heute von allen erklärt, dass man ja nicht mehr zwingend heiraten muss. Wir sind ja als Gesellschaft so unglaublich viel toleranter geworden.
Das mag auch stimmen. Die 50iger waren in Sachen Familie bestimmt erheblich rigider. Aber so unglaublich tolerant sind wir nun auch nicht. Was muss, dass muss eben. Sonst herrscht Anarchie, oder sowas.

Nun werden die gesellschaftlichen Normen meist eben eher subtil vermittelt, sie sind dennoch nicht in Frage zu stellen oder gar irgendwie abweichend zu interpretieren. Wo kämen wir denn hin, wenn hier jeder macht, was er will?

Sobald das Spermium aber das arme Eichen gesichtet hat, wird's konkret. Von allen Seiten mischen sich Menschen ein und erklären: Du musst ab jetzt…
Gerne vermiest man auch der letzten Schwangeren mit 'du darfst … nicht.' den Tag. Immer beliebt auch die Ärzte mir ihrem 'Da müssen Sie jetzt…' Blablabla.
Schwangere hören ständig Stimmen in ihrem Kopf. Krankhaft ist das nicht, aber krank macht einen das schon.

Was macht nun die ständige Gängelei mit einem Menschen? Genau. Sie macht ihn verrückt.
Und weil wir ja nicht verrückt sein wollen, weil wir ja nicht krank sind, halten wir uns schön an die Norm, dann sind wir alle 'Wahnsinnig normal' wie Manfred Lütz das so schön ausführt.

Frei nach dem Motto: Wenn man macht, was alle machen, dann macht man zumindest nichts falsch.
Ganz fürchterlicher Irrtum!
Kollektivirrtum ist eine wirklich schlimme Sache. Genau aus diesem Grund hat sich die aufgeklärte Gesellschaft ja unter anderem zum Ziel gesetzt, jeden Menschen so gut (aus)zu bilden, damit er/sie sich eine eigene Meinung bilden kann und als Individuum frei und vernünftig handeln kann.

Ja denkste. Frei und vernünftig bitte immer nur im Rahmen der Norm. Abgesehen davon wird uns somit ja suggeriert, es gäbe ein Richtig und ein Falsch und wir könnten uns dann doch einfach für das Richtige entscheiden.

Ein geistig gesunder Mensch muss sich da ja zwangsläufig fragen: Ja was denn nun? Soll ich selber denken, oder einfach tun, was im Ratgeber steht?

Jaja, man kann die Fülle an Ratgebern auch damit erklären, dass sich heute mehr Menschen stärker interessieren, z.B. für Elternschaft. Nur drucken die in diesen Ratgebern leider niemals den Warnhinweis: DIES IST NUR EIN DENKANSTOSS, EIN KONZEPT MIT DEM SIE ES MAL VERSUCHEN KÖNNEN, WENN SIE WOLLEN. SIE MÜSSEN KEINESFALLS WÖRTLICH SO UMSETZEN WAS IN DIESEM BUCH STEHT. SIE SIND HERZLICH EINGELADEN DARÜBER NACHZUDENKEN, OB SIE DIESES KONZEPT IN INDIVIDUALISIERTER FORM MAL AUSPROBIEREN WOLLEN!

Und Ärzte sagen einem leider auch nicht: Ich rate Ihnen zu diesem Verhalten, denn wir haben statistische Hinweise, dass sich dieses Verhalten zusammen mit all den anderen Verhaltensweisen, zu denen ich Ihnen raten möchte, positiv oder zumindest nicht negativ auf ihr Kind auswirken kann.

Ärzte sagen: Wir machen jetzt mal die teure Untersuchung und wenn wir dann noch nicht gefunden haben woran sie eventuell leiden könnten, dann suchen wir halt weiter.
Ich weiß, die sagen das nicht, weil sie böswillig sind. Aber auch diese Erkenntnis fördert das Vertrauen in die Fachperson und das eigene Urteilsvermögen NICHT.

Die Folge all dieser Verwirrungen und tausend Stimmen, die auf einen Einquatschen sind entweder Tinitus oder Angst und Verwirrung.

Und bei Angst und Verwirrung reagieren wir je nach Situation:
- panisch
- hilflos
- mit Weinen und Flehen
- mit Aggression und wildem Umsichschlagen
- im besten Falle mit Zweifeln und Grübeln.
Wir reagieren darauf nie mit Ruhe und Gelassenheit und einem kühlen Kopf zum Nachdenken.

Ein wunderbares Beispiel für die Rigorosität von Normen ist das Rauchen in der Schwangerschaft. Ich musste mit Rauchen aufhören, als ich schwanger war. Es war an sich nicht freiwillig, aber mir wurde direkt übel. Ich vermisse es auch nicht. Gehe ich an Schwangeren oder Kleinkindeltern mit Zigarette in der Hand vorbei, denke ich mir auch, ob die vielleicht blöd im Kopf sind. Das darf man doch nicht! Verantwortung für's Kind und sich selbst und so…

Falsch. Natürlich darf man in der Schwangerschaft rauchen. Mann SOLL es nicht, weil es dem Kind schaden KANN. Und selbst wer das weiß und das Kind diesem Risiko aussetzt, darf das tun. Es besteht nämlich auch die berechtigte Chance, dass das Kind gesund sein wird. Ätsch. Ja was denn nun? Wir wissen jetzt also genau was richtig und falsch ist. Rauchen in der Schwangerschaft ist falsch. Basta. Dabei ist das ganz egal, ob das richtig oder falsch ist. Jede Schwangere darf für sich selbst - und natürlich nach Aufklärung - entscheiden, ob sie rauchen will oder nicht. Das ist so. Und das muss so sein, denn wenn das nicht so wäre, würden wir nicht mehr in einer freiheitlichen aufgeklärten Gesellschaft leben. Aber es ist ja nicht nur die Entscheidungsfreiheit. Diese Entscheidung - egal wie sie ausfällt - haben fremde Menschen (also wir alle) zu respektieren. Jaaaaaa. Auch wenn es uns nicht passt, unseren Überzeugungen zuwider läuft. Wir dürfen die rauchende Schwangere nicht einfach so angreifen, wir dürfen sie höflich fragen, was sie zu ihrer Entscheidung bewogen hat. Allerdings mit der recht hohen Wahrscheinlichkeit, dass uns die Antwort nicht gefallen wird.

Leider ist das nur allzu mühsam und darum plädieren wir lieber für die Diktatur der Mehrheit, jedenfalls solange wir zu Mehrheit gehören und nehmen die rauchende Schwangere in die Zange: wir machen ihr Angst. Wir nennen es aber lieber anders, Unterstützung zum Beispiel. Mit Unterstützung hat das nix zu tun, dafür umso mehr mit Druck, Horrorgeschichten, Schuldzuweisungen und immer auch mit der Demütigung des Gegenübers. Was stellt es sich auch gegen die Norm! Macht man nicht. Selber schuld.

Die gleiche Methode wird auch gerne beim Kinderbetreuungsthema und bei vielen anderen Themen angewandt. Sie macht die Spaltung und eben gerade nicht die Solidarität oder Unterstützung zur Waffe im Kampf für die Normierung.
Wer weiß, was richtig ist, braucht keine Wahlfreiheit. So einfach ist das. 

Und das Richtig-Falsch-System hat eine weitere wunderbare Folge: Richtig und falsch kann man kontrollieren. Und das tun wir. Wir kontrollieren, am liebsten uns gegenseitig, um uns immer schön zu bestätigen, dass wir auch ja das Richtige tun und keine Angst haben müssen. 

Es ist schon traurig. 
1,5 kg Gehirn, Aufklärung, Vordenker und scharfsinnige Philosophen, gute Bildung für alle und Wohlstand, das Grundgesetzt und Freiheitsrechte, freier Zugang zu allen Informationen - all das hat nicht viel helfen können im Kampf gegen die Angst. Es hat uns keine Solidarität gebracht, sondern Diktatur. 

Bei mir ist der Befehlston immer Ausdruck von Unzufriedenheit, Müdigkeit, Zeitdruck oder Überforderung. Es bedeutet, dass ich keine Geduld mehr habe. 

Vielleicht macht man das eben so, weil man sich keine Gelassenheit gönnt, es anders zu machen.
Was meint ihr?