Dienstag, 9. April 2013

Das Gewissen

Natürlich hab ich ein Gewissen. Jeder geistig gesunde Mensch hat eines. 

Aber heute soll es um das schlechte Gewissen gehen, dass so viele zu haben scheinen. Jedenfalls lese ich darüber und höre auch hin und wieder von Müttern darüber.

Sie berichten meist vom schlechten Gewissen gegenüber dem Kind. An Platz zwei steht das schlechte Gewissen gegenüber der Familie allgemein und dann kommt auch schon der Ehemann/Freund. 

Das schlechte gewissen bereitet allerlei Probleme, es schleicht sich ein, okkupiert die Gedanken, trübt selbst bei Sonnenschein das Gemüt. Es verhindert ein ungehindertes Genießen der schönen Seiten des Lebens und der freudvollen Momente, in denen eigentlich alles heiter ist.

Meine Mutter berichtete auch öfters davon. Damals, als ich klein war und sie gearbeitet hat. Dann als ich in der Schule war und sie mir nicht bei den Aufgaben helfen konnte. Als sie mir keine Nachhilfe hätte bezahlen können (obwohl ich das gar nicht gebraucht habe). Als sie unsicher war, ob ich auch richtig gefördert wurde. Als die Lehrer im Gymnasium ihr blöd kamen und sie daraufhin beschloss diese Schule nicht mehr zu betreten (was ich absolut nachvollziehen konnte). Als sie mir das Studium nicht bezahlen konnte...

Sie sah sich oft als unzureichende Mutter. Ich glaube vor allem, als sie nach 12-Stunden-Schichten Heim kam und nicht mit mir spielen konnte, sondern schlafen musste. Ich fand das damals schon auch schade, aber ich wusste mich immer zu beschäftigen. 
Meine Mutter fand es eigentlich schrecklich, dass ich ab der ersten Klasse allein die 10km mit dem Bus zur Schule machen musste und nachmittags heim kam zur Oma. Ab der fünften Klassen fuhr ich dann direkt zu uns nach Hause, kochte und machte meine Aufgaben bis meine Eltern abends kamen.
Ich war damals sehr stolz auf mich! Ich hatte unglaubliche Freiheiten und fand es großartig, dass meine Eltern mir schon so viel zutrauten.

Mir sagte nie jemand, dass ich jetzt Hausaufgaben machen soll, oder zum Essen reinkommen. Im Gegenteil, ich hab mir selbst ausgesucht, was ich essen wollte und wann, wann und wie viel ich fernsehe, ob ich aufräume, was ich anziehe etc. An diese Freiheit hatte ich mich innert kürzester Zeit gewöhnt. Und hab sie bis heut nicht aufgegeben.
Ich war viel draußen im Wald, hab Filme geschaut, viel gelesen und mit meinem Hund gespielt. Natürlich hab ich auch mal nen Tag lang nur von Schokolade gelebt, wenn mir danach war, oder nur vorm TV gehangen. Solche Tage gab es - na und?
Kinder sind so. Und ich war genauso mal null-bock und mal neugierig.

Dennoch hatte ich mit 13 Jahren bereits alle Bücher der Jugendabteilung der Stadtbücherei durchgelesen, mein Hund war jeden Tag 3x draußen und ist nicht verhungert, die Schule hab ich auch ohne Lernen geschafft, ich hab nie Drogen genommen, war noch nie im Leben besoffen, hab nicht geraucht, war nie nach 22 Uhr zu Hause, hatte nie einen Krankenhausaufenthalt oder gar gebrochenen Arm etc. Und noch schlimmer, ich hatte nie einen Gameboy! Oh Gott!
Dafür kann ich jede Folge der Simpsons auswendig und trage ungebügelte Kleidung.

Und jetzt zähle ich offiziell zur gut bürgerlichen Elite. 
Wie konnte das passieren? Wo ich doch als Baby schon in Fremdbetreuung kam und dann direkt zum Schlüsselkind wurde? 

Kann es eventuell vielleicht sein, ich meine gibt es ganz ganz vielleicht die unwahrscheinliche Möglichkeit, dass Kinder zwar klein, aber nicht blöd sind? Und dass man ihnen so einiges mehr zutrauen kann, als so mancher Erwachsene meint? Läge das vielleicht im Bereich des irgendwie Möglichen?

Meine Mutter hätte sich ihr schlechtes Gewissen sparen können. Sie hat das schon richtig gemacht. Sie hat mir immer so viel zugemutet, wie ich vertragen konnte, nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Das versuche ich bei meiner Kleinen auch. Bisher sind keine offensichtlichen Schäden aufgetreten, also mach ich so weiter.
Klar wurde ich auch gefragt, ob ich kein schlechtes Gewissen hätte, als die Kleine 4-monatig den ganzen Tag in der Kita war. Leider musste ich antworten, dass ich das nicht habe. 

Einmal kam es allerdings vor. Es beschlich mich von hinten und überfiel mich. Das Ferkelchen war ca. 6 Monate und ich war so fertig und müde nachdem alle krank gewesen waren, da hab ich sie einfach morgens in die Kita gebracht und bin dann zurück nach Hause ins Bett. Ja, da hatte ich ein schlechtes Gewissen.
Als ich sie abends abholte, sagte man mir, sie hätte einen superschönen Tag gehabt. Da hab ich mich geärgert, dass ich mir überhaupt Gedanken gemacht hab. So blöd. 

Seither mach ich mir keinen Kopf mehr. Mein Kind teilt sich recht deutlich mit, wenn ihr was nicht passt. Da hat auch schon die Kita angerufen und ich habe sie abgeholt. Ansonsten, keine Probleme.

Ich denke, ich verdanke es meiner Mutter, dass sie mich von diesem schlechten-Gewissen-machen-Gerede immer fern gehalten hat. Sie wollte, dass ich mich nicht mit den gleichen Gedanken rumschlagen muss, wie sie. 

Natürlich liegt es auch an meinem persönlichen Umfeld, das nur aus Leuten besteht, die mich verstehen und mich auf meinem Weg unterstützen. Keiner von denen würde auf die Idee kommen, mir meinen Weg madig zu machen. Und wenn mir jemand blöd käme würde er einfach von der Liste der Menschen gestrichen, mit denen ich Umgang pflege. Manche Dinge lassen sich nämlich ganz einfach lösen...

So ist mir das Thema 'schlechtes Gewissen gegenüber meinem Kind' immer fremd geblieben. Es lebt sich gar nicht schlecht ohne...

Allgemein würde ich vielleicht sagen: Geht's der Mutter gut, geht's auch dem Kind gut. Das gilt auch für die restlichen Familienmitglieder.

Mittwoch, 3. April 2013

Kitata

Die Kita, ein zentraler Punkt für unsere Familie. 

Mal vorab, wir haben eine super Kita. Das Ferkelchen ist dort seit sie 3,5 Monate ist. Und immernoch überglücklich. Seit 2 Jahren wächst sie da nun mit ihren Freunden gemeinsam auf, lernt immer neue Babys kennen und hat auch schon ihre erste Kitaliebe gefunden. Ein junger Mann mit Hundeblick - wehe, wenn der älter wird...

Zu Kitas in der Schweiz muss man sagen: Es gibt zu wenige. Nur in der einzig wirklich offenen 'linken' Stadt im Dreiländereck, da ist komischerweise das Paradies für Eltern!
Es gibt nicht nur großzügige finanzielle und strukturelle Förderungen für Familien vom Kanton, sondern mittlerweile viele Kitas für alle Bedürfnisse. 

Alle Kitas, die ich angeschaut habe, wurden vor ca. 10 Jahren von sehr engagierten Eltern mit gutem Beruf gegründet, weil sie keinen Platz für ihre Liebsten gefunden haben. In diesen 10 Jahren hat sich die Situation zu 100% umgekehrt. Einen Platz in einer hervorragenden Einrichtung zu finden ist eigentlich kein Problem mehr. Man kann privat suchen, oder das Jugend- und Sozialdepartement um Hilfe fragen. Die haben auch immer Kontingente, die sie zentral vergeben. 

Wir haben damals privat gesucht. Und so kommt es, dass nun Wohnung, Kita und Arbeitsplatz innerhalb von 500m liegen. Traumhaft!

Zu den Rahmenbedingungen: In der Schweiz gibt es 14 Wochen Mutterschutz, keine weitere Elternzeit. Entweder einer bleibt zu Hause, oder das Kind geht in die Kita. Es gibt daher viele Plätze ab 3 Monaten. Die Preise sind ordentlich: Kleinkind ca. 2000 CHF, Baby (bis 19 Monaten) ca. 2500 CHF. Das Betreuungsverhältnis ist vom Bund geregelt: Kleinkind 1:3, Baby 1:2. Jede Gruppe muss 2 ausgebildete Kleinkindpädagogen haben, der Rest wird meist mit Azubis besetzt. Die Betreuer verdienen im Schnitt recht gut, aber dennoch nur die Hälfte von dem, was einer am Bankschalter bekommt. 

Die meisten Kitas haben Öffnungszeiten von 6.30 Uhr bis 18.30 Uhr, zusätzliche Betreuungszeiten (abends und bei Krankheit) wären ebenfalls buchbar. Kostet halt extra. 
Da in dieser Stadt sehr viele gutverdienende Ausländer leben, gibt es in fast allen Kitas englischsprachige Gruppen. Oft gibt es auch angeschlossene Kindergärten, in die die Kinder dann überwechseln.

Die Kinder suchen sich dann eine Lieblingsbetreuungsperson, die hauptsächlich für sie zuständig ist. Das gilt auch schon für Babys. Die Kommunikation ist sehr gut bei uns. Natürlich gibt es auch allerlei pädagogische Konzepte. Die sind mir eigentlich völlig egal. Das Ferkelchen soll möglichst den ganzen Tag spielen, ordentlich und gesund essen, viel draußen sein und alles tun dürfen, was Kinder halt gern machen. 
Unsere Kita bietet ne ganze Reihe an pädagogischen Extras, die bisher so ziemlich an mir vorbei gingen. Die werden schon selber wissen, in was sie sich fortbilden müssen. Es wird auch die Entwicklung protokolliert, was ich reichlich übertrieben finde bei gesunden Babys. Wenn eines wirklich auffallen würde, ja dann könnte man ein Gespräch führen, aber ich seh selber, dass meine Tochter altersgemäß (what ever) entwickelt ist. 
Dennoch, alles läuft super! 
Und da wir weder auf Familie noch auf Freunde (haben's alle nicht so mit Kindern) zurückgreifen können, steht und fällt alles mit der Kita. Und ich muss jetzt mal sagen, es ist klar anstrengend, aber ich bin erstaunt, wie super sich Kind und Vollzeitarbeit kombinieren lassen, wenn man zu zweit ist. Bisher alles in allem recht unproblematisch.

Nun steht in diesem Sommer ein Umzug an. Der Abschluss ist nah, und die Akademikerkrankheit greift um sich. Neuer Job, neue Stadt, neues Land, neues Glück! Nur wohin?

Der Trüffel hat sich in unterschiedlichen Ländern beworben und hätte überall Zusagen bekommen. Also hing die Entscheidung an den Rahmenbedingungen, die wir vorfinden würden. Das achso familienfreundliche skandivaische Musterland? Als Ausländer? Keine gute Idee. Wohnungsnot, teuer, Kita ja, aber Kinder kann man erst mit einem Jahr anmelden für die Kita, den Platz bekommt man spätestens nach 6 Monaten. Also wäre ich bis 2015 zu Hause. No way! Gespräche mit Schweden ergaben, dass es zwar kein Problem ist, wenn man mal mit krankem Kind daheim bleibt, oder um 17 Uhr geht, ansonsten ist aber alles gleich wie im deutschsprachigen Raum, auch die Rollenbilder. Wir waren erstaunt.

Die schöne Donaumetropole in Österreich? Ähhh nee! Familien mit unseren Vorstellungen scheinen eher unerwünscht. Auch wenn die Wiener sehr kinderfreundlich sind, aber ich hätte dort kaum berufliche Perspektiven. Schade eigentlich. 

So, nun kommt, was ich nie für möglich gehalten habe: Wir kommen zurück nach Deutschland, weil das Angebot für unsere Familie in der schönen Stadt in Ba-Wü am Neckar für uns die perfekten Bedingungen bietet! Ausgerechnet!
Der Leser mag sich nun fragen, was ich denn damit meine? Tja, mal ehrlich, auch in Deutschland gilt: Für viel Geld kann man viel kaufen...
Wir haben dort nicht nur eine 4,5 Zimmer-Wohnung, sondern auch eine Kita, die derart traumhaft ist, dass mir fast die Tränen kamen bei der Besichtigung! Mein Ferkelchen wär dann am Liebsten auch gleich dort eingezogen. Bingo! 
Also haben wir direkt einen Platz für sie und ab 2014 einen für das Baby. Außerdem hab ich dort rosige Aussichten für Bewerbungen. Das Angebot ist so reichhaltig, da zweifle ich nicht, etwas zu finden. 
Die Infrastruktur ist ebenfalls super und mal ehrlich Heidelberg ist auch einfach ne tolle Stadt...

Wie wir innerhalb von 2 Tagen einen Kitaplatz in der weltbessten Kita bekamen? Geld! 
Nein, wir haben niemanden bestochen. Aber die Kita spricht nur ein sehr spezielles Kundensegment an. Es gibt nur Vollzeitplätze für Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen. 800 Euro pro Nase. 
Dafür gibt's Betreuung deluxe, zu voll flexiblen Zeiten - angeschlossener Kiga, top Personal, top Räumlichkeiten, alles sehr familiär. 
Für 95% der Familien würde sich das nicht lohnen. Für uns - in jedem Fall. 
Wir werden zwar nicht Millionen verdienen, aber wir haben dann beide eine Top-Ausbildung, sind beide auf 100% Stellen aus etc. Damit kann man so eine Kita und ein gutes Leben finanzieren. Klar zahlen wir erstmal drauf, einer arbeitet nur für die Fixkosten. Aber in 5 Jahren wird wahrscheinlich alles schon viel besser aussehen. Die letzten 10 Jahre Ausbildung sollten sich irgendwann auch mal auszahlen.

Also auf ins nächste Abenteuer! Das wird ein umtriebiges Jahr...