Montag, 4. September 2017

Warum wir weinen.

Ich nehme den nächsten Shitstorm auf in meine Sammlung exemplarischer Darstellungen moderner Lebenseinstellungen. Es geht um einen Artikel in spielgel.online, in dem eine junge Frau skizziert wird, die an allem zu scheitern scheint und bei vielen doch Emotionen weckt. Bei manchen gar Hohn, Spott und den Drang auf sie verbal einzuprügeln. Ich möchte mich weniger mit dem Artikel auseinander setzen, als mit einigen Reaktionen darauf.

Diese Reaktionen waren vorwiegend:
- Soll sie sich halt entscheiden und zu ihrer Rollenverteilung und Mutterschaft stehen!
- Selber Schuld, wenn sie sich nen Mann geangelt hat, der durch Abwesenheit glänzt!
- Die schimpft nur auf's System, statt sich mal richtig anzustrengen! ICH schaff das ja schließlich auch, weil ich muss!

Es geht um Vereinbarkeit. Ein Begriff, den wir gerne in Bezug auf Kind und Karriere benutzen. Ich kenne diesen aber in Hinsicht auf Geldverdienen und alles Andere. Die Vereinbarkeit zu Arbeiten um mein Studium zu finanzieren und gleichzeitig schnell und gut abzuschließen, die Vereinbarkeit von Talenten und Noten - es gibt viele Vereinbarkeiten und vor allem Nichtvereinbarkeiten. Auch die unter Eltern viel diskutierte Vereinbarkeit der Bedürfnisse anderer Familienmitglieder und den eigenen Bedürfnissen. 

Egal worum es sich handelt, es ist eine Gratwanderung mehrere Sachen auf einmal machen zu wollen/müssen.  

Ich möchte aber einige allgemeine Gedanken aufschreiben zur Vereinbarkeit und zu Leistung. 

Zuerst muss ich sagen, dass ich nicht an Vereinbarkeit glaube. Man kann mehrere Sachen innerhalb eines Zeitraumes machen, aber nie wirklich gleichzeitig und je enger der Zeitraum und je größer das Pensum, desto weniger kann man pro einzelner Sache wirklich tun. So werden viele Dinge einfach nur oberflächlich abgehandelt und ich finde das gar nicht schlimm. Problematisch für uns ist ja, dass niemand nur eine oberflächliche Beziehung zu seinen Kindern haben möchte und kein Arbeitgeber jemandem zugestehen würde in der Zeit des Kinderkriegens nur oberflächlich zu arbeiten. So entsteht aus mathematischen Gründen ein Pensum von 200% wo es in der Realität nur 100% geben kann. 
Unter diesem Denkfehler entsteht für viele Menschen ein enormer Leidensdruck. Das wiederum finde ich sehr schlimm.

Ein weiterer Gedanke, der sich vielleicht nicht in unserer Zeit durchsetzt: Unser Leben gehört uns nicht allein. Nichts in unserem Leben gehört nur uns, auch nicht unsere Leistungen. Allein würden wir nicht überleben, wir wären allein noch nicht einmal auf die Welt gekommen, ja noch nicht einmal gezeugt worden. Egal zu was, es gehören immer mindestens zwei Personen zu allem, was in unserem Leben geschieht. 

Unabhängig wieviel wir leisten wollen, können oder tatsächlich tun, unsere Leistung hängt zu einem sehr großen Teil immer davon ab, wieviel andere uns unterstützen, mithelfen, oder uns gewähren lassen ohne uns an den Karren zu fahren. Das gilt für absolut jeden Menschen. Niemand ist unabhängig, niemand kann etwas für sich allein reklamieren. Jeder verdankt anderen etwas, jeder schuldet anderen etwas, jeder profitiert von Leistungen und Gaben anderer und jeder muss andere unterstützen und ihnen etwas der eigenen Ressourcen abgeben. Das heißt Menschsein. Die passende Verhaltensweise dazu nennt sich Menschlichkeit. 

Ganz ehrlich? Mein Ego fände es ganz wunderbar, wenn ich einfach besser wär als andere - klüger, hübscher, perfekter. Es wäre echt toll, wenn ich etwas richtig Gutes mache und es mein Verdienst allein wäre. Eine Erfindung vielleicht, oder ein historischer Moment. Das gibt es ja, das jemand zur richtigen Zeit am richtigen Ort was richtig Großes schafft und ihn alle dafür bewundern und er dann zum Nationalhelden wird. Aber abgesehen davon, dass irgendwelche großartigen Ideen und Taten ungerechterweise Einzelpersonen zugeschrieben werden, hatten diese Menschen viel Glück und viel Unterstützung auf ihrem Weg genau an diesen Punkt. Und Großes ist leider nicht jedem zugedacht. 

Unser Gehirn, unsere Bildung und unsere Gesellschaft erlauben es uns jedoch zu reflektieren, unser Ego bewusst einzuschränken. Die Frage ist, ob es die Erziehung, die jemand genossen hat, erlaubt. Jemand der emotional auf dem Stand eines Kleinkindes ist, der hemmungslos seinen Narzissmus ausleben konnte, oder jemand der einfach einen eher empathielosen Charakter hat, der wird das halt nicht freiwillig tun. 
Und so treffen im richtigen Leben 2 Sorten Mensch aufeinander. Jene, die glauben, sie könnten alles selbst entscheiden, beeinflussen und die sich die Leistungen auf's eigene Hemd schreiben und jene, die ihr Wirken hauptsächlich für andere tun, mit anderen zusammen. Nur wenige sind gänzlich einem Typ zuzurechnen. Aber viele haben eine deutliche Ausprägung. 

Die Krankheit unserer Zeit ist die Überzeugung der Mehrheit, nicht Demut und Hilfsbereitschaft machten eine Gesellschaft stark, sondern perfekte Einzelleistungen. Einer grandioser als der andere, statt alle zusammen grandios. 
Der Denkfehler ist meiner Meinung nach: Wer den Erfolg für sich allein reklamiert, der müsste auch Schuld oder Versagen für sich alleine tragen. Kann aber keiner. Hat noch nie einer gekonnt. Die Last ist zu schwer. 
Es gilt für mich die Devise: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Wenn was schief geht, dann auch daran jeder seinen Anteil und keiner das Recht mit dem Finger auf andere zu zeigen. Jeder trägt ein Stück der Verantwortung.

Der Umkehrschluss aber, dass geteilte Freude doppelte Freude ist, den finde ich genial! Kein Konzept für Egoisten, aber Dankbarkeit für die Unterstützung anderer, das Glück sich gemeinsam über etwas freuen zu können, nicht einsam zu sein, zu wissen, dass andere einem etwas gönnen, sich mit einem freuen, das Glück aller - das ist das Einzige, was Geborgenheit schafft. Und Zufriedenheit. Wie kann man sich geborgen fühlen, wenn man einsam mit seiner Leistung auf einem Podest steht und fürchten muss, jemand will sie einem nehmen?

Meine Kindheit, meine Schulzeit, mein Studium, so viele Leute haben nach Kräften in mich investiert. Klar gab es Rückschläge, Versagen und auch Gemeinheiten. Doch alleine, ohne dass auch fremde Leute mir Schulbildung und finanzielle Mittel ermöglicht haben, alleine wäre ich genau das: alleine. Nichts sonst. Alleine wäre ich nicht jemand, sondern niemand. 

Ich bin überzeugt, wollen wir ein gelingendes Leben, so müssen wir andere wertschätzen, ihnen einen Platz und manchmal auch die Hoheit über unser Leben überlassen. Niemand soll sich zum Sklaven anderer machen, die ihn ausnutzen. Aber sein Leben in den Dienst der anderen, des Gemeinwohls stellen, das würde die Welt verbessern. Das würde auch massenhaft die tollsten Leistungen hervorbringen, denn nichts motiviert mehr als die Anerkennung anderer für einen Beitrag zum großen Ganzen. 

Ich durfte schon richtig tolle Menschen treffen, echte Genies mit Nobelpreis und riesigem Lebenswerk. Jeder einzelne davon war voller Demut und Dankbarkeit. Jeder einzelne davon hat von seinen Fehlern erzählt, die er auf Kosten anderer beging und jeder einzelne davon hat diese voller Reue vorgetragen. Jeder einzelne davon hat betont, wie groß der Anteil der Familie, von Freunden und Förderern und der Gesellschaft, die Bildung und Freiheit garantiert, an diesem Erfolg war. Und jeder dieser Genies erzählte von seinem Punkt des größten menschlichen Versagens, den er oder sie niemals verkraftet hätte, hätte er oder sie diese Schuld alleine tragen müssen. 

Wir leben auf Kosten anderer und andere leben auf unsere Kosten. Wir können das, weil andere es uns gestatten, uns Mittel und Wege zur Verfügung stellen, uns Freiheiten lassen, die sie selbst Freiheiten kosten. Es ist nicht unser gottgegebenes Recht. Es ist unsere Pflicht uns anderen gegenüber ebenso zu verhalten. Tun wir das nicht entsteht Ungerechtigkeit. Und manchmal kann sich der Ausgenutzte nicht aus eigener Kraft dieser Ungerechtigkeit erwehren. Darum gibt es den gesellschaftlichen Überbau, der zumindest versucht Hilfestellungen und Unterstützung zu bieten.


Zurück zum Text. 
Ich kann durchaus nachvollziehen, wenn Eltern, die sich den Arsch aufreißen, rausposaunen, andere sollten doch entweder auch ranklotzen, oder zumindest nicht jammern. Für mich symbolisiert diese Reaktion die vollkommene Überforderung in dem Bestreben den 200% zu genügen, wo nur 100% möglich sind. Jemand der so reagiert, weiß sich nicht mehr zu helfen, als andere zu erniedrigen um sein eigenes wackeliges Selbstbild aufrecht zu erhalten. 

Meine Generation leidet an ihrem Egoismus. Auch der Versuch das Menschlichkeitsversagen durch Maschinen, die nicht versagen, zu ersetzen, hat keine Linderung gebracht. Die Menschen verzweifeln daran. Immer höher, schneller, weiter, noch mehr Druck, noch bessere Leistung, noch mehr Perfektionismus, noch mehr Egoismus, nichts scheint die trotzige Einsamkeit in den Herzen zu vertreiben. Das lässt viel Platz für Gehässigkeiten. Sie vergiften jene viel schneller, die sie aussprechen, als jene, an die sie gerichtet sind.

Nicht der bloße Kitaplatz ermöglicht Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder der Wille alles hinzukriegen. Eine Firma, ein Chef, der hinter einem steht, auch wenn man nicht 100% leisten kann, ein Partner, der hinter einem steht, auch wenn man nicht 100% leisten kann, Kinder, die nicht 100% verlangen von ihren Eltern (abhängig vom Alter), Freunde und Verwandte, die nicht Leistung verlangen, sondern ein paar Prozent ihres Lebens dazu geben, damit man überhaupt auf über 100% kommt, eine Gesellschaft, die einem Geld und Bildungseinrichtungen und Betreuung ermöglicht, damit man die 100% nicht in jeder Sekunde erbringen muss, sondern sie flexibel auf einen Lebenszeitraum aufteilen kann - all das braucht es und dazu noch viel Glück und Gesundheit. 

Aber niemand hat von allem immer genug zur Verfügung. Manchmal fehlt das Glück, manchmal das Geld, manchmal die Gesundheit, manchmal die Zeit und Muse, manchmal die Unterstützung. Andere auszulachen, weil ihnen gerade etwas fehlt um 100% von allem zu geben, ist einfach nur scheiße. Es ist gemein, gehässig und falsch. Man sollte dieses Verhalten immer verurteilen. Prinzipiell. 

Die absichtliche Nichtwertschätzung anderer um sich Selbstwert zu verleihen funktioniert nicht. Aber ich sehe auch, dass sich Menschen Selbstwert verleihen, weil sie selbst keine Wertschätzung von außen bekommen. Es ist ein furchtbares Dilemma. Jedoch müssen Erwachsene irgendwann wählen zwischen einer gewissen Demut im Leben und der Demütigung ihrer Mitmenschen. Was für ein Verlust für die Menschheit sind jene, die sich für's Demütigen entscheiden!

Donnerstag, 24. August 2017

Dem Nils seine Tochter und ich.

Ich bin Jahrgang 1981. Als Nils Bokelberg auf dem Bildschirm erschien war ich genau die Zielgruppe. Aber weil ich das letzte Mal mit ca. 18 Jahren einen der damaligen Musiksender geschaut habe, habe ich diesen Namen natürlich längst vergessen. 

Bis... ja bis ich in der Zeit einen Artikel aus der Feder des besagten Herren las. 
Ganz unabsichtlich und doch sehr plakativ erzählt uns der 40-something hier, warum - auch dank Männern wie ihm - es in unserer Gesellschaft mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau gar nicht klappen kann!

Herr Bokelberg beschreibt, dass er Feminist sei, weil er jetzt dank seiner fast erwachsenen Tochter auf den erschreckenden Gedanken kam, dass die als Frau später schlechter bezahlt werden könnte für gleich gute Leistung, wie ein Mann. Voll ungerecht! Ja und da müsse er jetzt aber unbedingt Feminist sein, denn so geht's ja nun wirklich nicht!

Nach Lesen besagten Artikels verspürte ich den Rest des Tages den sehr starken Wunsch, in stereotypischen Wippbewegungen meinen Kopf gegen die nächste Wand zu schlagen. Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll, Herrn Bokelberg zu widersprechen. Versuchen will ich es dennoch.

1. Die Tochter macht offenbar bald Abitur. Danach macht sie eine Ausbildung oder studiert. Jedenfalls wird sie erstmal einige Jahre Arbeitserfahrung sammeln. In dieser Zeit ist es höchst unwahrscheinlich, dass die junge Dame mit ungleicher Bezahlung konfrontiert wird. Lohnungleichheit ist während der Ausbildung kein so großes Problem. Man kriegt da generell nicht zu viel. Auch nach dem Studium ist der Unterschied zwischen der Bezahlung kein Geschlechterproblem. Eventuell studiert die Tochter Pädagogik und wird Erzieherin. Dann verdient sie vielleicht zwar weniger, als ein gleichaltriger BWL-Studierter, aber das liegt daran, dass wir die Wertigkeit der Branchen schon unterschiedlich einordnen. Da könnte Herr Bokelberg nun einhacken, warum man in diesen oder jenen Berufen so viel weniger verdient, als in anderen... Es trifft ja hier die Pflegeberufe. Aber auch klassische Männerressorts, wie Abfallwirtschaft, Bau oder Landwirtschaft sind furchtbar unterbewertet. DAS ist voll ungerecht, denn ohne Bauer, Bauarbeiter oder Müllmann würde der Banker elendig unter nem Baum hocken, verhungern und die Gegend mit seiner verwesenden Leiche verseuchen.
Das Branchenwertigkeitsproblem spricht Herr Bokelberg aber nicht an.

2. Nehmen wir an, die Tochter studiert Jura und verdingt sich bei einer Versicherung. Abgesehen davon, dass all diese Bürojobs bald überflüssig sein werden, nehmen wir an, sie würde dort eine Art unteren Managementposten bekommen aufgrund guter Leistungen. Dann wird es interessant. Angenommen sie verschreibt sich der Karriere, gründet keine Kleinfamilie, sondern arbeitet Tag und Nacht, dann hat Herr Bokelberg recht. Sie wird wohl mit geschlechtsbedingten Lohnunterschieden und der gläsernen Decke konfrontiert werden.
Ich will das nicht wegdiskutieren. Das ist tatsächlich ungerecht. Die Dame wird dann etwa Anfang 40 sein und männliche Kollegen werden an ihr vorbeiziehen und sie wird vielleicht als Frau aus dem Jungsclub ausgeschlossen werden und nie ins obere Management aufsteigen. 
Ob ihr Vater dann noch lebt und sie ihm wohl ihr Leid klagen wird und er dann entrüstet aufschreit 'Hab ich doch damals schon gesagt! Ich bin ja Feminist!'? Vielleicht wird er aber auch über seine bulgarische Altenpflegerin schimpfen, die immer nur den Pflegeroboter reinschickt, weil sie nicht selbst zu ihm rein mag, weil er immer anzügliche Bemerkungen macht - man weiß es nicht.
Es bleibt die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios ist und wie linientreu Herr Bokelberg seiner Tochter das Bürokarriereleistungsstreben eingeimpft hat.

3. Kommen wir also zu dem wirklich entscheidenden Punkt, weshalb Frauen weniger Geld bei gleicher Qualifikation verdienen. Es sind natürlich die Kinder. Das Kinderkriegen scheint für Herrn Bokelberg nun gar kein entscheidender Punkt zu sein, denn er erwähnt es mit keiner Silbe. 
Natürlich weiß ich nicht, wie Herr Bokelberg seine Elternschaft gelebt hat. Ist er beim Kind zuhause geblieben, hat es betreut und Nächte durchgemacht - nicht nur 2 Wochen lang, sondern 12 Monate lang... Hatte er dadurch finanzielle Einbußen und hat er hinter nur stundenweise gearbeitet. Hat er sich nicht nur Sorgearbeit, sondern auch Hausarbeit 50/50 mit der Mutter des Kindes geteilt? Ja, ich weiß es nicht. Ich frage mich nur, ob nicht jemand, der all die herabwürdigenden Erfahrungen, die mit verminderter, kinderbedingter beruflicher Leistungsfähigkeit einhergehen, gemacht hätte, diese auch in einem Artikel über feministische Väter unterbringen würde? Vielleicht bin ich ja ein Alien, aber ich hätte das in diesem Fall doch erwartet. 
Spontan würde ich also sagen, Herr Bokelberg hält sich selbst für einen dieser ominösen neuen Väter, mit einigen Wochen Erziehungszeit und Windeln wechseln und mal zu nem Elternabend gehen. Aber so richtig mit dem Vereinbarkeitsproblem scheint er mir nicht konfrontiert worden zu sein.

Klar, es muss nicht jeder in der Vereinbarkeitsfalle so tief drinnen sitzen, wie ich. Aber die absolute Oberflächlichkeit des Artikels lässt mich wütend zurück. Denn ich sehe hier ein schreckliches Problem!
Männer, die sich selbst als Feminist bezeichnen, sich öffentlich so darstellen als würden ihnen feministische Themen am Herzen liegen und als würden sie diese durch Reflexion in einem bekannten großen deutschen Medium der Gesellschaft ins Gedächtnis rufen - DIESE MÄNNER SOLLTEN DAS AUCH VERDAMMT NOCH MAL TUN!

Nils Bokelberg reflektiert in seinem Artikel nichts, aber auch gar nichts feministisch Diskutierenswertes. Er nimmt eine seit Jahrzehnten durch alle Medien geschleifte, allen bekannte Statistik und ruft: Ey, voll ungerecht!
Es interessiert ihn ja auch nicht aus Gerechtigkeitsgründen, sondern weil er hier den Löwenpapa für seine Tochter spielen will. Er reflektiert leider gar nicht, sondern will nur so erscheinen, denn er spricht nicht einen Punkt an, der wirklich zum Gender-Pay-Gap führt. Keine Teilzeitarbeit, keine Karriereknick durch Babypause, keine Renteneinbussen durch vorübergehende Nichtberufstätigkeit, keine Vorurteile bei Bewerbungen junger Mütter, keine Mängel in den Betreuungsmöglichkeiten durch andere Personen - etwa den Vater! - damit die Mutter voll berufstätig sein kann, keine Einschätzungen von Personalern 28jährigen Frauen gegenüber. Ach und natürlich auch nicht, dass ne Kindergärtnerin, die 10 Stunden schuftet weniger verdient als ein Verwaltungsmitarbeiter mit geregelten Arbeitszeiten im Büro. 

Kurzum, Herr Bokelberg will reflektiert wirken obwohl sein Artikel einem direkt entgegenschreit 'Ich hab überhaupt gar nix reflektiert!' So kann er natürlich - ganz zufrieden mit sich selbst - nach getaner feministischer Äußerung behaupten, er hätte sich ja eingesetzt. EINEN SCHEISS HAT ER! Im Gegenteil, er macht Frauen mit besagtem finanziellem Problem das Leben schwer, weil er sich wie ein fetter nasser Sack in den Weg legt und meint er hätte ne Erkenntnis gehabt. Damit ist ja dann seine geistige Tiefe genug gefordert gewesen und weiter braucht er sich nicht damit auseinander zu setzten. Feminismus wäre also auf der Lebens-ToDo-Liste auch abgehagt. Diese schiere Ignoranz gegenüber Ungleichbehandlung, die hier in der Öffentlichkeit mit Stolz zur Schau getragen wird ist einfach nur desaströs. Übrigens auch für seine Tochter. 

Problem nicht erkannt, Problem nicht gebannt, aber trotzdem abgehackt. Unfassbar. So wie der Artikel es schildert, ist es ausreichend sich Feminist zu nennen, nicht weiter drüber nachzudenken, Probleme zu ignorieren und - zack ist man Superdaddy. Im Übrigen ein schlimmes Phänomen in unserer Gesellschaft, dieses so tun als ob und einfach ignorieren, dass man damit Ungerechtigkeit zementiert. So eine Scheiße!

Im Kontrast zur gehobenen Managementposition, wie wahrscheinlich mag es wohl sein, dass die Tochter von Herrn Bokelberg dereinst bei ihm vor der Tür steht, alleinerziehend mit 2 kleinen Kindern, keinen Cent in der Tasche, weil sie keinen Job kriegt als Alleinerziehende, ohne Wohnung, weil sie schnell weg musste von ihrem prügelndem Partner, aber keine Wohnung kriegt, allein mit 2 Kindern und ohne Job? 

Lieber Herr Bokelberg, Sie haben eine Tochter. Sie haben berechtigten Grund zur Sorge, Sie haben berechtigten Grund Feminist zu sein und für die Rechte, die Wertschätzung und die Gleichbehandlung Ihrer Tochter zu kämpfen! Aber Sie haben keinerlei Recht, die Rolle Ihrer Tochter in unserer Gesellschaft zu ignorieren!
Ungleiche Bezahlung von Mann und Frau ist eine Folge von geschlechtsspezifischer Diskriminierung, sie ist nicht die Form der Diskriminierung selbst. Die Diskriminierung von Frauen entsteht zum Großteil durch Männer im besten Alter, die sagen 'Was wollt ihr denn, ich persönlich würde nie eine Frau diskriminieren!' und die Probleme dann schlicht negieren. Herr Bokelberg, Sie sind kein Feminist, sie wollen gern Feminist spielen und strengen sich dabei noch nicht einmal an! Sie sind ein Pseudofeminist.

Montag, 7. August 2017

Felsenfest wie 10 Elefanten

Mir kamen ein paar Gedanken nachdem ich diverse Vorstellungsgespräche hatte. 

Ich werde aufgrund meines Lebenslaufes recht häufig eingeladen. Schliesslich bewerbe ich mich auch sehr deutlich unter meiner formalen Qualifikation, weil es auf dieser Stufe schon gar keine Teilzeitjobs gäbe. Also such ich einen 'normalen' Job. 

In 'meiner' Branche finden Vorstellungsgespräche zu 90% bei männlichen Vorgesetzten statt. Präziser, bei echten Superheldenvorgesetzten, die sich selbst für die Allertollsten halten, unterirdische Manieren haben und die gerne möchten, dass man bei ihnen um einen Job bettelt. Mir ist es mehr als einmal passiert, dass das Chefchen bei seiner Sekretärin einen Kaffee bestellt hat, oder sich selbst einen vorbereitet hatte und mir nicht einmal ein Wasser angeboten wird. 

Bei diesen Gesprächen, die auch nicht mal halbwegs der Form eines Bewerbungsgespräches folgen, geht es ausschließlich darum, wieviel ich trotz Kindern arbeiten könne und weshalb ich jetzt überhaupt ne Lücke im CV habe. Meine formale Qualifikation ist gar kein Thema. Allein die Kinder werden thematisiert. 

Mir wird dann auch wirklich jedesmal von den Herren versichert, dass sie ja wüssten wie anstrengend das sei mit Kindern, denn die Herren der Schöpfung haben alle Kinder. Gern breiten sie dann aus, dass sie es ja kennen, das Vereinbarkeitsproblem, die Erschöpfung und die Sorge...

Bereits an diesem Punkt wird mir direkt klar, dass ich das Gespräch besser abbreche, denn ich würde innert 5 Tagen diesen Job bei diesem Chef verlieren, weil ich ihm sehr deutlichen machen würde, dass er leider darüber einen Scheiß weiß und ich ihn für einen Dummschwätzer halte. 

Ich hatte auch bereits 1 Vorstellungsgespräch bei einem Frauenkommittee. Dort waren die Kinder gar kein Thema. Den Job bekam ich nicht, weil sie mich mit meinem Enthusiasmus nicht geeignet hielten, Routinearbeiten zu erledigen. Auch blöd, aber ein richtig stimmiges Gespräch hatte ich zumindest.

Und zudem bin ich im Elternbeirat des Kindergartens und damit Ansprechpartner für die Eltern und als einzige Mutter im Kiga mit drei Kindern merke ich auch, dass Väter anders mit mir reden. Sie wollen, dass ich merke, wie sehr sie sich kümmern. Dann labern sie ewig, statt einen konkreten Punkt anzusprechen und am Ende soll ich ihnen möglichst eine gute Vatereignung bescheinigen. 

Kurzum, ich merke so oft, wie es Männern allein um die Bestätigung ihrer Heldenhaftigkeit geht, selten aber um den Inhalt der Arbeit und schon gar nicht um die Kinder. Selbst bei den Vätern, die zumindest die Kindergartengruppe ihrer Kinder kennen.

Eine Zeit lang habe ich mich darüber aufgeregt. Dann kam mir ein Gedanke:
Liegt es vielleicht nicht nur am männlichen Narzissmus, dass die Herren so aggressiv reagieren? Liegt es etwa tatsächlich auch daran, dass ich mit drei Kinder der Inbegriff von körperlicher und mentaler Stärke bin?

Kann es sein, dass die Fähigkeit Kinder zu kriegen und diese aufzuziehen etwas ist, das als Bedrohung aufgefasst wird von Menschen, die nur durch etwas Können und Förderung und viel Glück in eine gehobene Position gelangt sind?
Ich will Chefs nicht generell absprechen, dass sie nicht wirklich fähige Leute sind. So mancher ist in seinem Fach tatsächlich recht begabt. Aber die Qualifikationen außerhalb des rein sachlichen scheinen mir ein sehr unterbewerteteres Kriterium zu sein.

Mütter jedoch, die zumeist die körperliche Anstrengung ein Kind auszutragen und auf die Welt zu bringen und dann die mentale Stärke der Fels in der Brandung für die Familie zu sein, aufweisen - diese Frauen sind stark wie 10 Elefanten. Vielfach nicht weil sie es wollten, sondern weil es der Lauf der Dinge ist. Mütter sind Menschen, die tatsächlich die körperlichen und geistigen Grenzen zu überschreiten wissen, die bewiesen haben, wie stark sie sind. Etwas, was den meisten Männern einer westlichen Gesellschaft tatsächlich nicht abverlangt wird. Die meisten Männer und Frauen hier haben diese Stärke nicht manifestiert. Das Muttersein als Abzeichen.

Ein diskriminierender Gedanke. Aber für mich durchaus eine Erklärung der Strukturellen Benachteiligung vor allem von Müttern und auch Vätern, die tatsächlich zum Großteil an der Erziehungsarbeit beteiligt sind. 

Der Eindruck entstand bei mir, weil ich von Männern eben so behandelt wurde. Nicht wie eine Aussätzige, vielmehr wie eine Bedrohung. Und leugnen kann ich so vieles nicht. Nicht, dass Kinder und Karriere unvereinbar sind. Aber auch nicht, dass ich eine enorme mentale Ruhe und Stärke entwickelt habe. Meine Ausstrahlung ist von außen wie ein Statement zu verstehen: Es gibt wenig, was mich im Alltag echt umhauen könnte. Gedöns tangiert mich nunmehr nur noch peripher. Aufgeplustertes wird von mir wohlwollend belächelt, denn ich kenne dies aus der Kleinkindphase meine Kinder. 

Menschen, die ihre Erscheinung auf viel heiße Luft aufbauen, müssen mich quasi als Bedrohung ansehen. Alles was nicht Substanz hat wird von meiner Gelassenheit zügig zu den Akten geschoben. Viele scheinen auch verwirrt, dass ich sie respektiere und höflich und freundlich bin - aus Überzeugung - aber mich ihr Rumgepöble und Aufgeplustere nicht beeindruckt.

Vielleicht ist das Muttersein einfach eine alltägliche Möglichkeit mal kurz so ein paar geballte existentielle Erfahrungen zu machen und einige andere Gepflogenheiten dazu in Relation zu setzen.

Klar muss man nicht Mutter sein, um solche Erfahrungen zu machen. Frauen ohne Kinder und Männer generell können das ja auch ohne Kinder am eigenen Leib erleben. Aber Kinder zu bekommen scheint mir ein besonders schöner Weg zu sein, diese Erfahrungen zu sammeln. Man braucht dabei weder Extremsportarten auszuüben, noch tödliche Krankheiten zu überwinden.

Es gibt wohl manche Männer, die Kinder auch als existentielle Erfahrung erleben. Aber das sind eher nicht die, die eine Mutter am Vorstellungsgespräch runtermachen um ihre Position zu behaupten und am Ende versuchen herbeizureden, sie wüssten wie anstrengend das mit Kindern sei - obwohl sie 60h/Woche arbeiten. 

Und je länger ich darüber nachdenke, umso logischer erscheint mir, dass ich für solche Männer eine Bedrohung sein muss. Ich könnte sie aus dem Stehgreif in ziemlich vielen Situationen in die Tasche stecken ohne mich dabei anstrengen zu müssen. Eigentlich alle Mütter, die ich kenne könnten das. Vor allem für Narzissten muss das ein rotes Tuch sein.

Montag, 3. Juli 2017

Don't attachment parent me!

T3 ist nun 15 Monate alt. Ein sehr süßes Alter, aaaaber aufwendig. Bis die Restzähne dann endlich da sind. Und das Kind so gut läuft, dass man es mitlaufen lassen kann und es auch rennen kann. Und das Kind halbwegs anständig sprechen kann. 15 Monate sind eine Umbruchzeit. Und das wird ja noch ne ganze Weile so gehen. 15 Monate ist kein Baby mehr, aber auch noch nicht so richtig Kleinkind.

Mal am Rande, T3 ist mit Abstand das süßeste meiner Babys, auch wenn die anderen bildhübsch waren und sind. T3 hat am meisten Babyspeck und ist am witzigsten von meinen Töchtern. Darum hat man permanent das Bedürfnis dieses Kind zu knuffen und kitzeln und anzublubbern. Es überkommt einen einfach. Jeden, der mit der Dame zu tun hat.

Jedenfalls werde ich oft angesprochen, eben weil ich das Kind oft im Tuch dabei hab und auch noch stille und mich die superinformierten Akademikereltern hier damit sofort in bestimmte Kategorien einstufen und mich ansprechen, weil sie meinen in mir eine Gleichgesinnte im Kampf um das bestgebundenste Kind zu treffen.

Das ist dann immer sehr kompliziert, denn iiiirgendwie bin ich ja gar nicht das, was die suchen. Ich bin nicht AP. Und ich mein das vollkommen ernst. Ich selbst rechne mich keinesfalls zur AP-Fraktion und ich will das bitteschön auch gar nicht haben. Ich selbst rechne mich auch keinesfalls zu den Langzeitstillenden.

‚Ja aber warum denn nicht? Du machst doch alles faktisch wie bei AP, warum willst du das denn nicht sein?’

Tja, auch das ist schnell geklärt. Ich kümmer mich bei fast allem, was ich so mache nicht darum, was das Kind will, was für’s Kind das beste wäre, wie man dem Kind den bestmöglichen Start ins Leben ermöglicht. Darüber denke ich seit vielen Jahren nicht mehr nach weil es mich schlicht nicht interessiert. Ich bin eine dieser blöden Mütter, die sich so sehr sie nur kann nach ihren eigenen Bedürfnissen richtet und macht, was für sie selbst am besten ist. Ich interessieren mich zwar für meine Kinder, aber nicht für Kindergedönse.

Ich identifiziere mich nicht mit AP-Elternschaft. Ich mag wohl bindungsorientiert leben – zum Großteil, aber auch da klebe ich nicht am Kind. Ich hatte noch nie Probleme ein Kind abzugeben. Die Babys mit wenigen Monaten in die Kita, T1 ging mit 1 Jahr allein mit Papa in Ferien, alle Kinder gehen so mit 2 Jahren regelmäßig zu den Omas in Ferien für mindestens 1 Woche – meistens sind es 2 Wochen.

Ich klebe irgendwie nicht an den Kindern. Ich gebe sie ab, sobald sie mich nachts entbehren können. Die Nächte sind der Hauptfaktor. Aber wenn ich den Omas die Nächte zumuten kann, dann sind die Kinder reif für die Ferien – oder ich – je nachdem wie man’s sehen mag.

Und ich freu mich dann, wenn sie wieder heim kommen, aber ich vergess sogar meistens anzurufen und die Kinder vergessen das auch und in 2 Wochen bei Oma kann es locker sein, dass wir so 4 Mal telefonieren. Und keinen stört’s. Klar habe ich mal 2 Minuten, in denen ich ein Kind dann vermisse. Aber 2 Minuten alle paar Tage ist nicht gar so viel.
Und ja, ich stille immer noch. Semifreiwillig. Nach den ersten harten Wochen mit T1 denke ich nimmer über’s Stillen nach. Ich hab’s bei T1 dann einfach getan, bis ich nimmer mochte. Bei T2 hab ich beim ersten Anlegen gar nicht drüber nachgedacht und dann auch gestillt, bis es mir zu blöd wurde. Bei T3 schaut’s ähnlich aus. Ich schmachte beim Stillen das Kind eigentlich nie an. Ich summe zwar meist, aber im Grunde schließe ich fast immer die Augen und mach ne geistige Pause oder zücke das Handy.
Warum ich so lange stille kann ich gar nicht richtig sagen. Bisher kam noch nicht der Punkt, an dem ich aufhören wollte. Das ist glaub der Hauptgrund. Es funktioniert und ist v.a. nachts praktisch. Ich stille aber nach meinen Regeln. Wenn’s mir an nem Tag zu blöd wird, muss das Kind ne Flasche nehmen, oder hungrig bleiben.

Ich hatte ja immer das Problem, dass die Kinder lieber Brust wollen und keine Flasche. Aber wenn ich mich nicht gut fühle, an dem Tag schon öfter gestillt habe oder als Nuggiersatz herhalten soll, dann wird ich irgendwann stur und dann gilt: Flasche oder keine Milch. Gibt zwar meistens erstmal Geschrei, aber das kann ich ab.

Und das Tragen? Ganz ehrlich? Ist das einfachste. Ich bin viel mitm Auto unterwegs oder Fahrrad oder ÖV. Und Wagengedönse finde ich unheimlich nervtötend. Einladen, ausladen, in der Staßenbahn andere zusammenquetschen – alles vollkommen unnötig. 
Also nehm ich meist den Sling. Im Laden, bei den Treppen im KiGa, zum Auto etc... Und wenn ein Kind rumquengelt – zack ab ins Tuch, stört das Kind schon nimmer. Ich brauch meine beiden Hände frei für die anderen Kinder oder für sonstwas. Also ab ins Tuch aufn Rücken oder in den Sling. Ich mach da sehr schnell kurzen Prozess.
T3 hab ich als Baby viel im Wagen gehabt, obwohl sie das oft scheiße fand, aber meine Symphyse hat auch so über ein Jahr gebraucht, um halbwegs zu verheilen. Tragen, weil das Kind das das Beste für’s Kind ist, hab ich noch nie gemacht. Immer nur, damit ich meine Ruhe hab. 
Auch die Neugeborenen. Ja, die wollen immerzu aufn Arm, aber was soll man auch sonst tun, wenn das Kind erst Ruhe gibt, wenn’s aufn Arm kommt und man aber keinen Bock hat den ganzen Tag ein Baby aufm Arm zu haben? Bleibt ja bloß Umschnallen.

Bleibt noch das Familienbett. Das haben wir, weil – ach aus den üblichen Gründen. Die Kinder kommen ja doch ins Bett bis sie 8, 9 Jahre alt sind. Babys wollen ja doch, dass einer da ist und dann haben die auch noch Hunger oder Nuckeln oder sonstwas. Ja und ich bin doch nicht bescheuert und steh 1000 Mal die Nacht auf um in verschiedene Zimmer zu latschen. Das ist mir ernsthaft viel zu blöd. Also haben wir halt ne riesen Liegefläche im Schlafzimmer und da kann jeder neben jedem so schlafen, wie er mag und Ruhe is.

Was ich nie machen würde ist z.B. BLW-Kochen. Babys kriegen bei mir immer irgendwie ein Stück Brezel zum Anlutschen oder Nudeln zum Matschen oder ne Möhre zum Säbeln, aber da extra so ein BLW-Ding zu veranstalten – auf die Idee würd ich im Leben nicht kommen. T3 lebt quasi von Brei (was es für uns gibt püriert), Gläschen und Quetschies. Hauptsache wenig Aufwand, wenig Sauerei und transportabel ohne ewig eintuppern zu müssen. Ich bin keine Apfelschnitzmama. Und ich geb dem Baby auch keine Erdbeere zum rummatschen, weil ich keinen Bock hab das Zeug wieder sauber zu machen. Erdbeere kann’s essen, wenn es richtig essen kann.


Falls mich also nochmal jemand fragen sollte: Nein, ich mach kein AP. Ich bin leidenschaftlicher Anhänger der Methode ‚geschickt und unaufwendig’... Dass da viele Praktiken dabei sind, denen von bindungsorientierten Eltern besondere Bedeutung beigemessen wird, ist echt nicht mein Problem und oftmals einfach Zufall.


Bleibt die Frage, warum ich kein AP-Elter sein möchte, obwohl ich ja schon fast alles so mach?
Die Antwort ist so einfach wie simpel:
Geht's der Mutter gut, ist für alle gesorgt. Im Grunde interessiere ich mich nur bedingt dafür, wie ich die beste Bindung zu meinen Kindern hinkriege. Ich gehe davon aus, dass ich mich am besten und liebevollsten und offensten um die Kindern kümmern mag und kann, wenn ich fit und halbwegs glücklich bin. Das würde ich eben aber nicht spontan als AP bezeichnen. Ich sehe die Bedürfnisse meiner Kinder und wenn ich die Ressourcen frei hab, ihnen das zu geben, dann tu ich das. Und weil's mir gut geht, mach ich das aufrichtig gerne und für's Kind passend. Bedürfnisse befriedigen kann ich aber nicht, wenn ich Stress hab, es mir schlecht geht oder mich alles nervt. Dann will ich nämlich am liebsten nur meine Ruhe vor den Kindern.

Es ist auch nicht im Sinne, ist die Mutter glücklich, sind automatisch alle Kinder immer glücklich, gemeint. Da steigen mir dann wieder die Eltern von Schreikindern auf's Dach, weil man die fälschlicher Weise immer beschuldigt, der Grund für das Schreien zu sein.
Nein, viel eher in dem Sinne: geht's der Mutter gut, dann kann sie für die Kinder gut sorgen. Eine zufriedene Mutter kann den Schlafmangel besser ab, lässt sich vom Schreibaby nicht so leicht aus Konzept bringen, erträgt die Streitereien und Trotzphasen der Kinder viel gelassener - sie kann sich einfach viel eher mit nem Lächeln auf den Lippen um diese nicht endenwollenden Kinderbedürfnisse kümmern und auf die Kinder eingehen. 

Und ja, leider ist der Umkehrschluss, dass sich z.B. Mütter mit Wochenbettdepressionen sehr viel schwerer tun auf ihre Kinder einzugehen. Aber die sind daran nicht Schuld im klassischen Sinn, dass sie sich dafür bewusst entschieden hätten. Dennoch sind diese Situationen sehr viel schwerer, als wenn Mama glücklich und zufrieden ist. 
Darum schau ich zu, dass ich möglichst glücklich und zufrieden bin, dann haben meine Kinder die besten Chancen das auch zu sein. Und das sind sie, ganz ohne bekennende AP-Mutter.

Dienstag, 13. Juni 2017

Kinderlähmung

'Ich bin so urlaubsreif! Noch 2 Wochen, dann geht's endlich nach...'

So höre ich es zur Zeit recht häufig von Müttern im Kindergarten. Man wechselt ein paar Worte beim Kinderabholen. Die Urlaubszeit steht vor der Tür. Nach den Ferien kommt von allen der gleiche Satz: Es war total schön aber auch sehr anstrengend!

Ich glaube diesen Eltern, dass sie urlaubsreif sind. Ich glaube ihnen auch, dass der Urlaub mit ein bis zwei Kleinkindern anstrengend ist. Ich bin dennoch fasziniert, wie sich doch alle jedes Jahr auf die Reise machen, mit dem Flugzeug oder dem Auto, einem Haufen Gepäck und ewig lange im Voraus festgelegten Buchungszeiten. 

Es irritiert mich wirklich. Auch diese Mutter-Kind-Kur Geschichten mit Kleinkindern irritieren mich. Oder besser gesagt, es irritiert mich, dass sich Menschen davon offensichtlich Erholung versprechen. Das leuchtet mir einfach nicht ein.

Der Tapetenwechsel, das versteh ich schon. Aber es ist doch so, Kinder lähmen uns. Am Tag des Abfluges fängt eines an zu Kotzen, das andere schläft im fremden Bett schlecht und krabbelt ins viel zu kleine Bett zu Mama. Man hat immer das nicht dabei, was man gerade bräuchte, oder wenn doch, dann hat man zuvor wochenlang gepackt und Listen geschrieben. 

Reisen mit Kindern stelle ich mir spannend vor, aber nicht für 2 Wochen an den Strand nach Spanien, oder nach St. Peter-Ording.

Es schockiert mich irgendwie, dass die dringend benötigte Erholung nicht konsequent eingefordert wird. Urlaub mit Kleinkindern ist so eine Sache, vor allem, wenn man eben wirklich nur die 2 Wochen hat, die dann erholsam sein müssen, weil man bis Weihnachten durchhalten muss.

Aber ohne Kinder Urlaub zu machen scheint irgendwie ein Tabu zu sein. Wie wäre es wohl, wenn erst der eine, dann der andere mal 5 Tage alleine wegfährt, die Nächte durchschläft, anständig in Ruhe isst, mal etwas tun kann, das ihn/sie wirklich interessiert? Würde das nicht viel mehr Erholung bringen?
Macht man das nicht, weil eben der Job als Eltern gar nicht als Job angesehen wird von dem man sich mal erholen muss? Macht mich ein Bürojob wirklich so urlaubsreif wie 1,5 Jahre schlechten Schlafes mit Baby?

Es gibt ja Jobs, die tatsächlich körperlich und psychisch so auslaugen. In der Pflege, an der Kasse bei Aldi, alles mit hohem Druck und hoher Geschwindigkeit und hohem Frustpotential. Aber will man dann nicht einfach im Urlaub seine Ruhe, schlafen und eben mal kein 24/7 Krawallprogramm? Und ist Elternsein nicht genau so ein Job, wie oben beschrieben? Ich finde schon.

Ich würde ja auch zwischen Ferien und Reisen unterscheiden. 2 Wochen Kanaren sind nicht 2 Monate mit den Kindern durch Asien/Skandinavien/Balkan etc. Der Unterschied liegt in der Zeit und Muse, dem Sichnichterholenmüssen, sondern im Erholtseinundwaserlebenwollen.

Mir macht das Sorgen. Dieser Vereinbarkeitswahn von eigenen und Kinderbedürfnissen. Denn sich von Doppel- und Dreifachbelastungen erholen zu wollen und müssen ist ja sowas von ein wichtiges, legitimes Elternbedürfnis. Einfach mal zu schlafen. Einfach mal keinen Lärm in der Umwelt - aber auch im eigenen Kopf. Einfach mal kein sich um tausend Sachen kümmern müssen. Das wäre doch Urlaub, wenn man urlaubsreif ist!

Tun wir das nicht, weil es in unseren Ohren zu hart klingt 'Ich will mich mal erholen. Ohne dich. Von dir.' ? Können unsere Kinder tatsächlich nicht verstehen, dass Eltern auch mal ne Pause wollen? Schreien sie nicht manchmal selbst 'Lass mich in Ruhe! Ich will mal allein sein?'

Klar gibt man Babys nicht lange weg. Aber Dreijährige? Mal ne Woche zu Oma oder ein Wochenende zur Tante? 
Viele Eltern machen das ja - ein paar Tage Oma. Aber dann sagen sie 'Jetzt hab ich endlich mal Zeit das Liegengebliebene abzuarbeiten.' Das ist doch falsch. Wäre es nicht besser zu sagen 'Du fährst zu Oma, ich fahr in die Toskana.' ?
Die gemeinsame Zeit in Ehren, aber was bleibt von der gemeinsamen Alltagszeit, wenn die Eltern völlig am Ende ihrer Kräfte sind? Wäre eine Woche getrennter Urlaub und hinterher sind die Eltern wieder aufnahmefähig und klar im Kopf nicht besser für die Alltagsstunden als Familie? Oder besser gleich zwei Wochen, damit es wirklich Erholung ist...

Würdet ihr das tun, meine lieben Leser? Sehnt ihr euch nach der Ruhe, nach einer ununterbrochenen Nacht? Würdet ihr nicht auch gerne mal wieder etwas nur für euch machen? Tut ihr es, oder tut ihr es nicht?

Ich muss zugeben, ich habe den Stein der Weisen selbst noch nicht gefunden. Im Sommer sind immer 2 Wochen Kita-Ferien. In dieser Zeit fahren wir zu den Schwiegereltern. Alle zusammen. Das bedeutet für die Erwachsenen zwar Stress, aber auch viel Familienzeit. Nach einer Woche fahren wir Erwachsenen und das Baby wieder zurück. Die Großen bleiben bei der Oma für eine weitere Woche.

Alle drei auf einmal werden wir den Großeltern wohl nie zumuten können. Aber zwei gehen im Moment noch. Wenn das Baby allerdings groß genug ist, schwebt mir durchaus vor, dass 2 bei der Oma sind, einer mit 1 Kind zu Hause und einer in Urlaub fährt. 

Später, wenn die Kinder größer sind, T3 vielleicht 5 oder 6 Jahre alt, dann kann ich mir auch vorstellen 4 Wochen mit dem Wohnmobil durch Frankreich, oder ein anderes europäisches Land. Fernreisen kann ich mir ehrlich gesagt mit Kindern so nicht vorstellen. Dafür müssten sie alle so groß sein, dass lange Flüge stressfrei sind und jeder nur 1 Koffer hat, den er selber ziehen kann. Und wenn alle Teenager sind, dann sollte es auch kein Problem sein, mal eines mit in en Urlaub zu nehmen, oder wenn ein Elternteil in Urlaub während der Schulzeit.

All die tausend Alltagsstunden mit den Kindern, sind die nicht viel wichtiger, als die Ferienwoche am Strand? Dafür sollte man doch fit sein, oder? Abgesehen davon, dass ich es krass finde, wieviel so ein Urlaub kosten kann. Wir sind jetzt 5 Personen. Aber hallo.

Dieses eigentlich was für sich selbst tun wollen, es aber dann doch nicht wirklich tun, nur so halb und dann nahtlos im Alltag weitermachen müssen - das klingt für mich so ungesund. Warum trauen wir uns nicht, Nägel mit Köpfen zu machen? Warum stellen wir grundsätzlich unsere Bedürfnisse hintenan? Immer. Wir machen noch nichtmal ein paar Tage eine Ausnahme. 

Nach nunmehr sieben Jahren am Stück schwanger und Baby, da freue ich mich darauf, wenn diese Babyzeit endlich vorbei ist. Ich hab so viel Babygedöns am Stück gehabt, ich bin wirklich satt. Da ist kein 'aber sie wachsen ja so schnell' mehr übrig. Ich bin froh, wenn die letzten Babyhürden hinter uns liegen. Und wenn T3 dann mal abgestillt ist und bei der Oma bleiben kann. Ich hab so viel nach den Bedürfnissen der Kinder organisiert, dass es Zeit für eine Veränderung wird. T3 ist jetzt 14 Monate. Ich meine ein Licht am Ende des Babytunnels erkennen zu können.

Wir fahren übrigens bewusst nicht in die typischen Ferien, allein weil ich es als einzige ablehne. Ich lehne das Packen, die Fahrt und das konstante Anmirdrangehänge der Kinder in fremder Umgebung ab. Und das Geld haben wir auch nicht, das haben wir schon für's ständige Kinderkriegen ausgegeben.

Ich fahre auch nicht gern zu den Schwiegereltern. Allerdings sind wir dort 4 Erwachsene für 3 Kinder in großem Haus mit Garten. Das ist sehr viel besser als 2 Erwachsene mit 3 Kindern in winzigem Hotelzimmer oder Ferienhaus und ich muss Kochen und Putzen. Also ertrag ich halt die Schwiegermutter. 

Aber wenn ich mal ein paar Tage alleine wegfahren kann, dann flieg ich nach England. Eine Woche in einem kleinen Bed & Breakfast an der Südküste. Oder in die Bretagne. Oder nach Barcelona. Oder nach Siena. Oder in die Tourraine. Ach, ich bräuchte ein ganzes Jahr lang Urlaub!

Donnerstag, 1. Juni 2017

Ich bin ein ungewolltes Kind

Fassungslos lese ich eine Text von BerlinMitteMom über die ungewollten Kinder der Regretting Motherhood Mütter. Einen Text und ein Interview bei dem ich schreien möchte, denn Anna Luz schreibt dezidiert, dass sie differenziert über das Thema diskutieren möchte und dann kommt dabei so ein Text raus, der - meine persönliche Meinung - einfach nur scheisse ist. 

Warum? Weil sie einen interessanten Gedanken hat. Aber sie hat ne total unreflektierte Frau dazu interviewt ohne das irgendwie einzuordnen und das einzige Resultat dieses Beitrags wird sein, dass sich Menschen a) als ungewollte Kinderopfer fühlen und b) der Text das perfekte Argument liefert um auf die Regretting Motherhood Mütter einzuprügeln. Hier werden Schuldige identifiziert und gleich die Tür aufgemacht für Verurteilungen, auch wenn Anna Luz selbst keine Verurteilung ausspricht.


Differenziert ist bei diesem unsäglichen Interview so überhaupt gar nix!


Ich persönlich stehe voll hinter der Debatte, die Regretting Motherhood initiiert hat, und zwar auf der Seite der Mütter! Weil ich beide Seiten kenne und weil diese Mütter so viel Gutes für mich symbolisieren.

Ich erkläre auch gerne weshalb:

1.

Die wohl meisten Frauen auf dieser Welt kriegen Kinder weil sie Sex haben (müssen) und das in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen ein Frauenkontrollmittel ist. Auch bei uns. Sich aussuchen zu dürfen, Kinder zu bekommen und mit wem und wie viele ist ein Privileg, das sich Frauen und Männer über mehrere Hundert Jahre hart erkämpfen mussten. Und wir sind ja noch lange nicht fertig damit. Somit haben wir gut sagen, man müsse doch auch die Kinder sehen... Schön, das wir uns das leisten wollen und ich finde es auch richtig. 
Über meine Urgroßmutter z.B. wurde offen im Ort gesagt, diese arme Frau müsse ein ums andere Jahr Kinder kriegen. Bis es 14 waren... Weil der Mann halt Sex wollte und sie halt sehr fruchtbar war und es keine anderen legalen und religiös zulässigen Wege gab, keine Kinder zu bekommen.
Da ich zumindest halbwegs erahnen kann, was permanente Schwangerschaften mit dem Körper und dem Leben einer Frau machen können, muss ich sagen: GOTT SEI DANK LEBE ICH NICHT VOR 100 JAHREN!

Mein Ross ist also ziemlich hoch, auf dem ich sitze. Das sollte mir bewusst sein.


2. 

Es kann den Kindern leider oder zum Glück immer nur so gut gehen, wie es dem Hautpsorgetragendem der Familie geht. Ist eine Mutter kreuzunglücklich mit ihrem Leben müsste alles Glücklichsein des Kindes aus diesem selber hervorkommen, obwohl die äußerem Umstände manchmal vielleicht sogar konträr entgegen stehen. Zum einen ist kein Kind so dumm ignorieren zu können, dass irgendwas nicht stimmt. Zum anderen ist kein noch so erwachsener Mensch, oft sogar in gewissen Zwangssituationen, in der Lage sein Leid gegenüber seinen Kindern komplett zu kompensieren.
Das Menschenbild, das von der bei Anna Luz interviewten Mutter idealisiert wird (also den Kindern nix zu sagen vom eigenen Leid und eine glückliche Mutter vorzuspielen) ist rein geprägt von Bitterkeit. Und vollkommen unrealistisch. Und warum soll es eigentlich besser sein, Kinder zu verarschen? Inwiefern stärkt das denn ihr Selbstbewusstsein und ihr Vertrauen?

3. 

Mutter und Kind leben erst einmal in einer gewissen Symbiose. Das ist so, das kann man nicht ändern, das kann man nicht abstellen. Das muss man so einfach mal akzeptieren. Wer Müttern eine gewisse Täterrolle zuschreibt, weil sie halt die Erwachsenen sind und Kinder die Opferrolle aufzwingt, weil sie ja die unschuldigen kleinen Kindchen sind, der spielt beide gegeneinander aus. Bei sowas könnte ich ausrasten. Das ist so falsch, wie es nur geht. Denn die Mutter-Kind-Beziehung ist immer reziprok. 

Und Schuld ist immer ein Machtinstrument andere Menschen in ihren Menschenrechten einzuschränken. Wir müssen uns unbedingt vom Schnellschuss Schuldspruch verabschieden. Es gibt Gewaltverbrechen, wo das angebracht sein mag. Ein Kind zu bekommen ist ja doch aber kein Gewaltverbrechen. Und außerdem können wir selbst in unserer Gesellschaft die Rahmenbedingungen, in denen eine gute Mutter-Kind-Beziehung gedeihen kann, schaffen. Und diese Beziehung hat immer einen langen Horizont. Es geht um das Gesamtergebnis, nicht um jede einzelne alltägliche Situation. 


Und es gilt nicht der Umkehrschluss: Wenn eine Mutter glücklich ist, heißt das noch nicht, dass das Kind auch immer automatisch glücklich ist. Und wenn eine Mutter mal unglücklich ist, dann heißt es nicht, dass das Leben des Kindes am Arsch ist. Wenn beide glücklich ist, können sich jedoch beide wahrhaftig begegnen und sich gegenseitig alles gönnen lernen.


4. 

Was wenn die Mutter sich ein Kind wünscht und dann von allen Seiten Prügel bezieht? Es ist schon recht schwer einzuschätzen, was da beim Kinderkriegen auf einen zukommt. Man kann sich ein paar Sachen ausmalen, aber keiner kann alle Umweltreaktionen wirklich voraussehen. Und keiner kann sagen, wie er reagieren würde nach einem Jahr Schreikind oder Schlafentzug. Und wenn da eine Frau schwanger wird und sich eigentlich freut und hinterher geht die Schwiegermutter auf sie los, weil sie alles falsch macht, der Mann hält sich auf einmal nicht an die schön ausgemalten Pläne und lässt die Frau einfach mit dem Kind zuhause sitzen, der Chef äzt sie raus und sie findet auch keinen neuen Job, muss Almosen und Perspektivlosigkeit akzeptieren, obwohl sie mal richtig doll viel Potenzial hatte, und dann die Freunde sagen'Tja, du hast es doch so gewollt!' 

Der Freiheitsentzug, die Zurückweisung, die Nichtwertschätzung, die öffentliche Demütigung, die Hilflosigkeit, die gewisse Selbstaufgabe die einem mit Kind hinterrücks anspringen können, können enorm sein. Müssen nicht, aber können.

In den Regretting Motherhood Interviews sagten die Mütter, jetzt würden sie ihre Kinder nicht mehr hergeben weil sie sie lieben. Sie würden diese nur nicht mehr bekommen, wenn sie vorher gewusst hätten, was da auf sie zukommt. Das zu verdrehen und zu behaupten, die Kinder würden nicht geliebt ist schlicht ne bodenlose Frechheit.



So und jetzt mal zum persönlichen Teil, weshalb mich das Interview so aufregt.


In engen zwischenmenschlichen Beziehung gibt es bei Konflikten nur einen sinnvollen Weg: die Flucht nach vorn.

Das ist sicher ein schwieriger Weg, aber der einzig produktive. Und ich finde, wenn sich die Gesellschaft öffnet, das Mutterideal der Nazis abschafft und nicht durch weitere pseudoreligiöse Ideale ersetzt, sondern die Sache lösungsorientiert anpackt, kann daraus etwas werden, das die Gesellschaft grundlegend 'besser' macht, weil Mütter und Kinder glücklicher werden.

Regretting Motherhood spricht ein für unsere Gesellschaft pikantes Problem an, weil da Machtstrukturen dran hängen. Die Freiheit das öffentlich zu diskutieren, das überhaupt auszusprechen birgt die riesige Chance den gordischen Knoten zu lösen. Die Öffentlichkeit kann dann nämlich adäquat reagieren und Unterstützung anbieten. Mütter, die in irgendeiner Form persönliches Leid erfahren durch die Familiengründung können immer mehr Beratungsangebote wahrnehmen. Das tun sie aber nur, wenn sie nicht für ihre Leiderfahrung verurteilt werden. 

Mütterbashing würgt die Diskussion im Kern ab und bewirkt nur eines: noch größeres Leid für Mutter und Kind. 

Solch schwerwiegende Probleme in Familien und Biografien sollten am besten mit objektiver Unterstützung aufgearbeitet werden. Kein Lügen, kein Theaterspielen, kein Schuldzuweisen, keine Vorwürfe, sondern Auseinandersetzung


Darum: Ermutigt diese unglücklichen Frauen zur Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Kind und dem Kindesvater und der eigenen Eltern. Zeigt Hilfe und Beratungsangebote auf! Stärkt ihnen den Rücken! Haut niemals drauf! 

Und geht mit gutem Beispiel voran und propagiert eine offene Gesellschaft, die nicht unterdrückt und isoliert, wenn jemand von einschneidenden Erfahrungen der persönlichen Freiheit überrollt wird!

Ich selbst gehöre auch zu den Kindern, die sich von ihrer Mutter solche Sachen anhören mussten. Es stimmt, das macht nicht sonderlich Spaß. Ich sei Schuld, dass meine Mutter nicht die persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten im Leben hatte, ich sei Schuld, dass sie diesen Mann heiraten musste, obwohl beide das nicht mit voller Überzeugung taten, ich sei Schuld an mindestens einer späteren Abtreibung meiner Mutter, weil sie sich persönlich und finanziell von zwei Kindern überfordert fühlten. 

Das hat mich geprägt. Das war nicht schön. 
Aber ich war schon immer sehr reflektiert und habe verstanden, warum meine Mutter mir das schon als Kleinkind ins Gesicht sagte. Das kann man von Kindern nicht erwarten aber es führte bei uns dazu, dass ich in die Konfrontation ging. 
Wir konnten beide unsere Gefühle artikulieren. Das lässt die Wut nicht verschwinden, auch die Enttäuschung nicht, aber es zerstört nicht das Vertrauen. Es zeigt vielmehr wie stark die Bindung zwischen Mutter und Kind ist. Gnadenlos belastbar, auch weil Kinder ihre Mütter bedingungslos lieben. Dieser Liebesvorschuss ist Gold wert. Nur rohe Gewalt und grundlegende Lügen machen diese Liebe kaputt.

Das oben besprochene Interview bestätigt, dass es nicht funktioniert, wenn nicht beide Seiten an das Problem rangehen. Es ist eben nicht damit getan, dem Kind etwas zu sagen und dann nicht weiterzureden. Erst da muss die Auseinandersetzung anfangen. An diesem Punkt müssen wir alle unseren Mitmenschen Mut machen und Unterstützungsmöglichkeiten zur Auswahl stellen. Aber nicht Alibiunterstützung, sondern echte, professionelle und nicht wertende Unterstützung. Sonst kann aus diesen Konfrontationen ja nur Bitterkeit entstehen. Das ist dann hinterher ein Fall für den Psychiater.


Meine Familie hatte Hilfe. Meine Eltern haben mich immer geliebt, aber meine Mutter hat sehr unter der restriktiven Machtpolitik einer durch und durch religiös-konservativen Gesellschaft gelitten. Sie hat nur Prügel bezogen, hatte von einem Tag auf den anderen gar keine Freiheiten mehr, nur noch Pflichten. Das hat sie so wütend gemacht und ich war der Grund dafür. Der einzig greifbare Grund. Der einzig konkrete Grund. Jemand, den sie anschreien konnte. Und das hat sie getan. 

So sehr mich ihre Aussagen verletzt haben, so verständlich fand ich immer ihre Wut. 

Seit ich Mutter bin, kann ich sie umso mehr verstehen. Auf mich wird seit Bekanntgeben der ersten Schwangerschaft gnadenlos eingeschlagen. Auch ich hatte nicht damit gerechnet. Und ich kann reumütig sagen, hätte ich das kommen sehen, dann hätte ich das Kinderkriegen wahrscheinlich aufgeschoben bis es zu spät gewesen wäre. Mein Fehler war, meine Schäfchen nicht ins Trockene zu bringen bevor ich an Kinder dachte.

Man sagte mir, es gäbe gute Kitas und damit war für mich die Vereinbarkeit geregelt. Dass ich Karriere und Kinder nicht vereinbaren konnte liegt weder an mangelndem Engagement, noch an den Strukturen. Es lag schlicht daran, dass mein Chef, Teile der Familie, meine Freunde und beruflich Verantwortliche mich nicht unterstützen wollten. Für sie alle war der Machtverlust nicht hinnehmbar, die schiere Tatsache, dass ich über meinen eigenen Uterus und seine Verwendung eigenmächtig bestimmte. Ich habe meinem Umfeld den Krieg erklärt. Und sie haben geantwortet.

Das tun sie bis heute. Ich war nun bei zahlreichen Vorstellungsgesprächen. Die lieben mich. Ich bin supertoll qualifiziert. Und so einige sagten mir direkt, sie würden mich sofort den Vertrag unterschreiben lassen. Und nach 2 Tagen kommt dann doch die Absage. Drei kleine Kinder sind halt drei kleine Kinder und lassen sich nicht wegdiskutieren. Auch nicht mit Ganztagsbetreuung. 

Was meint ihr, wie sehr mich das ankotzt!

Und jetzt ratet mal, wer uneingeschränkt hinter mir steht? Nicht 'Freunde'. Nicht der Trüffel (der hält sich bei dem Thema zurück, weil er dann auch mal ran müsste, wenn ich arbeiten ginge). Meine Mutter. Und mein Vater. Die verstehen sehr genau, was ich durchmache, welchen Bewegungsspielraum ich habe. 


Meine Eltern haben mich immer geliebt. Sie wussten nicht wohin mit ihrer Wut. Einen Teil der Ungerechtigkeiten haben sie akzeptieren müssen. Eine Teil konnten wir aufarbeiten. Und heute begegnen wir uns auf Augenhöhe.


Ich halte im Übrigen auch nichts davon dem Kind bis zum Erwachsenenalter etwas vorzumachen. Nach 20 Jahren sind die Mütter so kaputt, dass da vielleicht nicht mehr viel zu retten ist. Außerdem spüren die Kinder doch, dass etwas nicht stimmt und nehmen es sowieso persönlich. Aber ohne zu wissen, was überhaupt los ist. Wenn wir glückliche Kinder wollen müssen wir den Müttern die Möglichkeiten geben, mit ihren Kindern glücklich zu sein. 


Helfen würde auch, Mutterschaft ein bisschen mehr als biologische Fähigkeit zu sehen und weniger zu mythologisieren und emotional aufzuheizen. Daran können wir alle arbeiten. Ganz konkret.


Ganz generell halte ich auch nix davon selbst kleine Kinder vor allem und jedem verschonen zu wollen. Daraus wird zu leicht das Vorspiegeln falscher Tatsachen. Kinder sind resilient und wenn man sie nicht mit Problemen alleine lässt, so können sie diese Fähigkeit ausbauen. Niemand wird in eine heile Welt hinein geboren. Man muss ihnen das nicht vorlügen. Man kann aber Vorbild sein, ihnen beibringen, wie man gute Lösungen für Probleme findet und nicht, wie man Leid möglichst erfolgreich ignoriert und sich hinein frisst.

Dienstag, 30. Mai 2017

Mama, die - von einer die auszog ein Mythos zu werden

Ich bin mein eigener Muttermythos. Ich habe nämlich sehr viel Ethos. Leider. Mamaethos. 

Mein eigener Muttermythos geht so:
Ich übernehme Verantwortung für mein Handeln und biete meinen Kindern einen klaren Rahmen für ihre Handlungen, ihr Verhalten, ihre Entwicklung und auch ihre Gefühle.

Konkret heißt das:
Ich bin immer da für meine Kinder. Nicht immer Geduldig, aber immer tröstend, immer Haltgebend, immer liebend.

Das Resultat daraus ist, dass die Kinder mich langsam aber sicher emotional wegkonsumieren. Mehr Mama, mehr Trost, mehr Halt, mehr Nähe. Immer. Tagsüber, nachts, sobald ich verfügbar bin.

Die Strategie ist, den Kindern das Verständnis für Resourcenknappheit zu vermitteln, ihnen zu erklären, was Verschwendung ist. Nicht nur an Gütern. Auch an Mamas Aufmerksamkeit. Dem Geschwisterkampf um meine Liebe mit der klaren Ansage entgegenstehen, dass jeder unumstößlich seinen Teil an Liebe von mir bekommt. Immer.

Die Realität ist, dass ich nachts von einem weinenden Kind zum nächsten kuschel, ohne selbst zu schlafen. Und am Tag, wenn sie nicht da sind versuche ich alles zu erledigen, was zu tun ist. Denn sobald ich die Kinder vom Kindergarten abhole kann ich keinen Handgriff mehr tun. Dann gehöre ich ihnen.

Der Lohn sind lachende, glücklich, starke Kinder. Aber auch kleine Konsumenten. Und Unverständnis von meiner Umwelt. Nicht weil sie mein Verhalten für falsch hielten, sondern weil sie es schlicht nicht verstehen, schlicht die Rolle des Konsumgutes nicht kennen, nur die Rolle des Konsumierenden.

Das Ziel: 
So mit meinen Kräften zu wirtschaften, dass es reicht bis die Kinder groß sind und möglichst an mein Lebensende.
Das schaff ich ganz gut.

Nur in manchen Nächten, da frage ich mich, warum immer alle auf so Firlefanz wie Erziehung, Betreuung und Kleinkruscht rumreiten und warum man nie liest, was Kinder wirklich kosten:

Kinder kosten all deine Gefühle als Mutter, all deine Empathie, all deine Liebe, all deine emotionale Kraft. Und mehr Kinder kosten auch mehr. Von allem.

Freitag, 12. Mai 2017

Ein Rat Geber

Ich bin endlich drauf gekommen, was mich an diesen Ratgebern so stört. Eigentlich ist es ganz einfach.

Erziehungsratgeber handeln zu 90% von Kindern. 

Das ist der Fehler bei der ganzen Ratgeber-Sache.
Denn es läuft doch so: Man liest vor der Geburt einen Ratgeber, damit man weiß, wie man mit dem Kind richtig umgeht. Den nächsten Ratgeber liest man dann, wenn man mit dem Kind ein Problem hat und eine Lösung sucht.
Aber immer geht es dabei um das Kind. Die Geburtsvorbereitungsratgeber, die Erziehungsratgeber, die Ratgeberliteratur, die helfen oder zumindest eine Inspiration liefern soll. Und das Problem ist: Die Inspiration kommt von außen.

Das wäre eigentlich nicht schlimm, wenn mal eine Idee von außen kommt - so als Anregung. Aber diese Art des Ideenkonsums hat den doofen Nachteil, dass die Konsumentenhaltung des Lesenden eher gefestigt als hinterfragt wird. Mit jedem guten Rat von außen erlischt ein Funke einer eigenen Idee. 
Nun hat man nicht nur gute Ideen, mag so mancher argumentieren. Aber als Konsument hat man eben  fast gar keine eigenen Ideen. Wie soll man auch eigene Rezepte entwickeln, wenn einem das Futter schon vorgekaut und mit 5-Sterne-Amazon-Bewertung fertig im Napf vorgesetzt wird?

Verstehen könnte ich diesen Ratgeber-Blödsinn eigentlich nur, wenn er dezidiert in Kombination mit eigenen Vorstellung, eingebunden in die eigene Entwicklung, als Hilfsmittel eingesetzt würde. Aber Ratgeber sind ja schon nicht so geschrieben, dass eigene Ideen in den Ratgebertheorien Platz hätten.  

Ratgeber sollen und wollen Wahrheiten verkünden, konkrete Handlungsanweisungen. Sie verkaufen sich nur, wenn sie dem Konsumenten Sicherheit geben, eine Art Gebrauchsanleitung und Wertung was richtig und falsch ist. So sind sie formuliert. 
Und so glaube ich, wenn man Ratgeberliteratur konsumiert, dann wird der genuin eigene Mechanismus selbst Ideen zu entwickeln bewusst gelähmt. Man meint sich zu informieren und wird eigentlich nur roboterisiert, auf dass nach dem Lesen alles möglichst optimal funktioniere, wie bei einer Maschine.

Ratgeberliteratur bietet eigentlich die falsch verpackten Informationen. Die Infos daraus können nicht vernünftig verwertet werden. 

Zudem gibt es zwei Kategorieren von Ratgebern, die mit Lösungen für konkrete Probleme und solche die weltanschauliche Konzepte vermitteln wollen. 
Mit ersteren mag ich mich noch anfreunden, denn vielleicht hat man tatsächlich nur ein konkretes Problem und braucht ne einfache, schnelle Lösung. Da muss nun wirklich nicht immer jeder das Rad auf's Neue erfinden. 
Mich beunruhigen eher die Weltanschauungsratgeber. Denn während die konkreten Problemlösungsratgeber lediglich verhindern, dass man sich die Zeit nimmt mal kurz selbst über eine Situation nachzudenken, zielen die Weltanschauungsratgeber direkt darauf ab, jegliche Auseinandersetzung mit der eigenen Welt und Wirklichkeit direkt zu verwerfen und statt dessen lieber gleich das Weltanschauungskomplettpaket des Autors zu übernehmen. Diese Art Ratgeber scheint mir sehr strikt formuliert zu sein, mit klaren Wertungen anderer Meinungen. Ich finde diese Literatur ist eben genau kein Ideengeber und regt eben genau nicht zur wirklichen Auseinandersetzung mit sich und der eigenen Umwelt an. 

Und wenn ich darüber so nachdenke, dann wird mir ganz anders, denn ich würde so gut wie alle Ratgeber über bindungsorientierte Erziehung zur zweiten Kategorie rechnen. Ich habe so oft durch diese Bücher geblättert, versucht mich reinzulesen und sie nach wenigen Seiten angewidert weggelegt. Ein einziges Buch über diesen Weg mit Kindern hat mich überzeugt. Es ist der Kohn.

Wie also würde ich einen Ratgeber für Eltern und solche, die es werden wollen schreiben:
Von 100 Seiten würden sich maximal 5 mit dem Kind beschäftigen. 90 Seiten würde ich den Eltern widmen und darauf abzielen, dass sie beginnen Fragen zu stellen. Ich würde sie inspirieren wollen, eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Hinter diesen könnten sie dann stehen ohne sich angegriffen zu fühlen, wenn jemand anderes es anders macht. Eltern würden verstehen woher die Gedanken kommen. Eltern könnten, angepasst an die eigene Familie und Lebenssituation, lenken wohin die Gedankengänge führen. 

Ein solcher Ratgeber würde sich nicht so gut verkaufen. Sich ein eigenes Lebenskonzept zu erstellen ist eine anstrengende, langwierige Sache. Es ist nichts für Informationskonsumenten. Und Menschen, die eh selber denken, die konsumieren ja eher selten Weltanschauungskozepte von Fremden. Alfie Kohn schafft es tatsächlich als einer der wenigen, den Leser dazu einzuladen, manchmal gar zu zwingen, selbst über das Gelesene nachzudenken, eine Position zu beziehen. Er formuliert schwammig und einladend, vermeidet ein allzu konkretes Konzept zu erstellen. Natürlich ist die bindungsorientierte Linie klar erkennbar, aber im Dialog mit dem Leser. Wie hast du Schulnoten damals empfunden? Wie könnte dein Kind diese Beurteilungsform empfinden? 
Auch dieser Ratgeber ist bei weitem nicht perfekt, aber sehr viel weniger indoktrinierend und wertender als so mach anderer. Das gefällt mir.

Viel mehr als Ratgeberliteratur und Geburtsvorbereitungskurse würden wir Angebote brauchen, die Frauen einladen sich selbst kennenzulernen, Antworten auf eigene Fragen zu finden - aus sich selbst heraus - wo sie herkommen, was sie geprägt hat, was sie wollen und was nicht und wie man das eine bekommt und das andere umgeht. Angebote, die den Müttern Raum und Zeit und Muse und Anregung bieten über sich selbst nachzudenken, damit sie nicht mit leeren Händen einem Kind gegenüberstehen, das sie vom ersten Tag an mit diesen Fragen bombardieren wird. 
Und wir sollten Männern diesen Raum und diese Zeit anbieten, damit sie sich nicht überrumpelt von den Fragen zurück ziehen müssen und der Mami alles überlassen, weil sie nicht mit der Vehemenz eines Säuglings gerechnet haben.

Denn nur, wer sich intensiv mit sich selbst auseinandersetzt und teilweise frei ist selbst zu entscheiden, wer er sein will, der wird eigene Vorstellungen entwickeln können in der Kindererziehung, denn er/sie wird die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber nicht scheuen, muss die Auseinandersetzung nicht scheuen. Ein Nicht-Ratgeber, der einen Menschen dazu einlädt er selbst zu sein und Menschen zu mögen, auch wenn diese oft schwierig sind - das wäre mal ein sinnvoller Ratgeber. Nur wird es das ja nie geben. Das widerspräche der Ratgeberidee.

Das Buhlen um die Konsumentenaufmerksamkeit erreicht immer neue Höhen. Mittlerweile fühlen sich die Konsumenten gar nicht mehr als Konsumenten, weil sie so eingebettet in ihre Weltanschauungen sind und die Filterbubble so eine dichte Vernetzung für viele ermöglicht, dass alle Anrufe an den eigenen Verstand verhallen. Im Glauben selbst etwas zu steuern, wird von außen so stark manipuliert, dass die eigene Gedankenfreiheit nicht mal mehr vermisst wird. Das Fragestellen ist längst abgeschlossen, die eigene kreative Lösungsfindung wurde längst abgestellt. Nicht aus Dummheit, sondern weil es in dieser so einseitig informierten Welt viel zu kraftraubend wäre sich all den Angriffen und Übergriffen zu erwehren. Man stünde recht einsam gegen den Strom. Ich verstehe, dass kaum eine junge Mutter die Kraft dazu aufbringen kann, zusätzlich zu der Kraft, die die permanente Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Umwelt erfordern würde. Die Unterstützung ist nur oberflächlich, auch das Netzwerk würde sich vielleicht auflösen, wenn Frau den Peergroupweg verlässt.
Und so versiegt das kreative Potential ein eigenständiges Leben zu führen und seinen Kindern das auch vorzuleben. Der Konsumentenkreislauf schließt sich.

Denn wie heißt es so schön: Niemals las jemand eine Zeitung um sich zu informieren. Man liest eine bestimmte Zeitung, um seine Meinung zu bestätigen, nicht das populistische Schundblatt, um sich ausgewogen zu informieren um dann die eigene Meinung eventuell zu korrigieren.