Dienstag, 13. Juni 2017

Kinderlähmung

'Ich bin so urlaubsreif! Noch 2 Wochen, dann geht's endlich nach...'

So höre ich es zur Zeit recht häufig von Müttern im Kindergarten. Man wechselt ein paar Worte beim Kinderabholen. Die Urlaubszeit steht vor der Tür. Nach den Ferien kommt von allen der gleiche Satz: Es war total schön aber auch sehr anstrengend!

Ich glaube diesen Eltern, dass sie urlaubsreif sind. Ich glaube ihnen auch, dass der Urlaub mit ein bis zwei Kleinkindern anstrengend ist. Ich bin dennoch fasziniert, wie sich doch alle jedes Jahr auf die Reise machen, mit dem Flugzeug oder dem Auto, einem Haufen Gepäck und ewig lange im Voraus festgelegten Buchungszeiten. 

Es irritiert mich wirklich. Auch diese Mutter-Kind-Kur Geschichten mit Kleinkindern irritieren mich. Oder besser gesagt, es irritiert mich, dass sich Menschen davon offensichtlich Erholung versprechen. Das leuchtet mir einfach nicht ein.

Der Tapetenwechsel, das versteh ich schon. Aber es ist doch so, Kinder lähmen uns. Am Tag des Abfluges fängt eines an zu Kotzen, das andere schläft im fremden Bett schlecht und krabbelt ins viel zu kleine Bett zu Mama. Man hat immer das nicht dabei, was man gerade bräuchte, oder wenn doch, dann hat man zuvor wochenlang gepackt und Listen geschrieben. 

Reisen mit Kindern stelle ich mir spannend vor, aber nicht für 2 Wochen an den Strand nach Spanien, oder nach St. Peter-Ording.

Es schockiert mich irgendwie, dass die dringend benötigte Erholung nicht konsequent eingefordert wird. Urlaub mit Kleinkindern ist so eine Sache, vor allem, wenn man eben wirklich nur die 2 Wochen hat, die dann erholsam sein müssen, weil man bis Weihnachten durchhalten muss.

Aber ohne Kinder Urlaub zu machen scheint irgendwie ein Tabu zu sein. Wie wäre es wohl, wenn erst der eine, dann der andere mal 5 Tage alleine wegfährt, die Nächte durchschläft, anständig in Ruhe isst, mal etwas tun kann, das ihn/sie wirklich interessiert? Würde das nicht viel mehr Erholung bringen?
Macht man das nicht, weil eben der Job als Eltern gar nicht als Job angesehen wird von dem man sich mal erholen muss? Macht mich ein Bürojob wirklich so urlaubsreif wie 1,5 Jahre schlechten Schlafes mit Baby?

Es gibt ja Jobs, die tatsächlich körperlich und psychisch so auslaugen. In der Pflege, an der Kasse bei Aldi, alles mit hohem Druck und hoher Geschwindigkeit und hohem Frustpotential. Aber will man dann nicht einfach im Urlaub seine Ruhe, schlafen und eben mal kein 24/7 Krawallprogramm? Und ist Elternsein nicht genau so ein Job, wie oben beschrieben? Ich finde schon.

Ich würde ja auch zwischen Ferien und Reisen unterscheiden. 2 Wochen Kanaren sind nicht 2 Monate mit den Kindern durch Asien/Skandinavien/Balkan etc. Der Unterschied liegt in der Zeit und Muse, dem Sichnichterholenmüssen, sondern im Erholtseinundwaserlebenwollen.

Mir macht das Sorgen. Dieser Vereinbarkeitswahn von eigenen und Kinderbedürfnissen. Denn sich von Doppel- und Dreifachbelastungen erholen zu wollen und müssen ist ja sowas von ein wichtiges, legitimes Elternbedürfnis. Einfach mal zu schlafen. Einfach mal keinen Lärm in der Umwelt - aber auch im eigenen Kopf. Einfach mal kein sich um tausend Sachen kümmern müssen. Das wäre doch Urlaub, wenn man urlaubsreif ist!

Tun wir das nicht, weil es in unseren Ohren zu hart klingt 'Ich will mich mal erholen. Ohne dich. Von dir.' ? Können unsere Kinder tatsächlich nicht verstehen, dass Eltern auch mal ne Pause wollen? Schreien sie nicht manchmal selbst 'Lass mich in Ruhe! Ich will mal allein sein?'

Klar gibt man Babys nicht lange weg. Aber Dreijährige? Mal ne Woche zu Oma oder ein Wochenende zur Tante? 
Viele Eltern machen das ja - ein paar Tage Oma. Aber dann sagen sie 'Jetzt hab ich endlich mal Zeit das Liegengebliebene abzuarbeiten.' Das ist doch falsch. Wäre es nicht besser zu sagen 'Du fährst zu Oma, ich fahr in die Toskana.' ?
Die gemeinsame Zeit in Ehren, aber was bleibt von der gemeinsamen Alltagszeit, wenn die Eltern völlig am Ende ihrer Kräfte sind? Wäre eine Woche getrennter Urlaub und hinterher sind die Eltern wieder aufnahmefähig und klar im Kopf nicht besser für die Alltagsstunden als Familie? Oder besser gleich zwei Wochen, damit es wirklich Erholung ist...

Würdet ihr das tun, meine lieben Leser? Sehnt ihr euch nach der Ruhe, nach einer ununterbrochenen Nacht? Würdet ihr nicht auch gerne mal wieder etwas nur für euch machen? Tut ihr es, oder tut ihr es nicht?

Ich muss zugeben, ich habe den Stein der Weisen selbst noch nicht gefunden. Im Sommer sind immer 2 Wochen Kita-Ferien. In dieser Zeit fahren wir zu den Schwiegereltern. Alle zusammen. Das bedeutet für die Erwachsenen zwar Stress, aber auch viel Familienzeit. Nach einer Woche fahren wir Erwachsenen und das Baby wieder zurück. Die Großen bleiben bei der Oma für eine weitere Woche.

Alle drei auf einmal werden wir den Großeltern wohl nie zumuten können. Aber zwei gehen im Moment noch. Wenn das Baby allerdings groß genug ist, schwebt mir durchaus vor, dass 2 bei der Oma sind, einer mit 1 Kind zu Hause und einer in Urlaub fährt. 

Später, wenn die Kinder größer sind, T3 vielleicht 5 oder 6 Jahre alt, dann kann ich mir auch vorstellen 4 Wochen mit dem Wohnmobil durch Frankreich, oder ein anderes europäisches Land. Fernreisen kann ich mir ehrlich gesagt mit Kindern so nicht vorstellen. Dafür müssten sie alle so groß sein, dass lange Flüge stressfrei sind und jeder nur 1 Koffer hat, den er selber ziehen kann. Und wenn alle Teenager sind, dann sollte es auch kein Problem sein, mal eines mit in en Urlaub zu nehmen, oder wenn ein Elternteil in Urlaub während der Schulzeit.

All die tausend Alltagsstunden mit den Kindern, sind die nicht viel wichtiger, als die Ferienwoche am Strand? Dafür sollte man doch fit sein, oder? Abgesehen davon, dass ich es krass finde, wieviel so ein Urlaub kosten kann. Wir sind jetzt 5 Personen. Aber hallo.

Dieses eigentlich was für sich selbst tun wollen, es aber dann doch nicht wirklich tun, nur so halb und dann nahtlos im Alltag weitermachen müssen - das klingt für mich so ungesund. Warum trauen wir uns nicht, Nägel mit Köpfen zu machen? Warum stellen wir grundsätzlich unsere Bedürfnisse hintenan? Immer. Wir machen noch nichtmal ein paar Tage eine Ausnahme. 

Nach nunmehr sieben Jahren am Stück schwanger und Baby, da freue ich mich darauf, wenn diese Babyzeit endlich vorbei ist. Ich hab so viel Babygedöns am Stück gehabt, ich bin wirklich satt. Da ist kein 'aber sie wachsen ja so schnell' mehr übrig. Ich bin froh, wenn die letzten Babyhürden hinter uns liegen. Und wenn T3 dann mal abgestillt ist und bei der Oma bleiben kann. Ich hab so viel nach den Bedürfnissen der Kinder organisiert, dass es Zeit für eine Veränderung wird. T3 ist jetzt 14 Monate. Ich meine ein Licht am Ende des Babytunnels erkennen zu können.

Wir fahren übrigens bewusst nicht in die typischen Ferien, allein weil ich es als einzige ablehne. Ich lehne das Packen, die Fahrt und das konstante Anmirdrangehänge der Kinder in fremder Umgebung ab. Und das Geld haben wir auch nicht, das haben wir schon für's ständige Kinderkriegen ausgegeben.

Ich fahre auch nicht gern zu den Schwiegereltern. Allerdings sind wir dort 4 Erwachsene für 3 Kinder in großem Haus mit Garten. Das ist sehr viel besser als 2 Erwachsene mit 3 Kindern in winzigem Hotelzimmer oder Ferienhaus und ich muss Kochen und Putzen. Also ertrag ich halt die Schwiegermutter. 

Aber wenn ich mal ein paar Tage alleine wegfahren kann, dann flieg ich nach England. Eine Woche in einem kleinen Bed & Breakfast an der Südküste. Oder in die Bretagne. Oder nach Barcelona. Oder nach Siena. Oder in die Tourraine. Ach, ich bräuchte ein ganzes Jahr lang Urlaub!

Donnerstag, 1. Juni 2017

Ich bin ein ungewolltes Kind

Fassungslos lese ich eine Text von BerlinMitteMom über die ungewollten Kinder der Regretting Motherhood Mütter. Einen Text und ein Interview bei dem ich schreien möchte, denn Anna Luz schreibt dezidiert, dass sie differenziert über das Thema diskutieren möchte und dann kommt dabei so ein Text raus, der - meine persönliche Meinung - einfach nur scheisse ist. 

Warum? Weil sie einen interessanten Gedanken hat. Aber sie hat ne total unreflektierte Frau dazu interviewt ohne das irgendwie einzuordnen und das einzige Resultat dieses Beitrags wird sein, dass sich Menschen a) als ungewollte Kinderopfer fühlen und b) der Text das perfekte Argument liefert um auf die Regretting Motherhood Mütter einzuprügeln. Hier werden Schuldige identifiziert und gleich die Tür aufgemacht für Verurteilungen, auch wenn Anna Luz selbst keine Verurteilung ausspricht.


Differenziert ist bei diesem unsäglichen Interview so überhaupt gar nix!


Ich persönlich stehe voll hinter der Debatte, die Regretting Motherhood initiiert hat, und zwar auf der Seite der Mütter! Weil ich beide Seiten kenne und weil diese Mütter so viel Gutes für mich symbolisieren.

Ich erkläre auch gerne weshalb:

1.

Die wohl meisten Frauen auf dieser Welt kriegen Kinder weil sie Sex haben (müssen) und das in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen ein Frauenkontrollmittel ist. Auch bei uns. Sich aussuchen zu dürfen, Kinder zu bekommen und mit wem und wie viele ist ein Privileg, das sich Frauen und Männer über mehrere Hundert Jahre hart erkämpfen mussten. Und wir sind ja noch lange nicht fertig damit. Somit haben wir gut sagen, man müsse doch auch die Kinder sehen... Schön, das wir uns das leisten wollen und ich finde es auch richtig. 
Über meine Urgroßmutter z.B. wurde offen im Ort gesagt, diese arme Frau müsse ein ums andere Jahr Kinder kriegen. Bis es 14 waren... Weil der Mann halt Sex wollte und sie halt sehr fruchtbar war und es keine anderen legalen und religiös zulässigen Wege gab, keine Kinder zu bekommen.
Da ich zumindest halbwegs erahnen kann, was permanente Schwangerschaften mit dem Körper und dem Leben einer Frau machen können, muss ich sagen: GOTT SEI DANK LEBE ICH NICHT VOR 100 JAHREN!

Mein Ross ist also ziemlich hoch, auf dem ich sitze. Das sollte mir bewusst sein.


2. 

Es kann den Kindern leider oder zum Glück immer nur so gut gehen, wie es dem Hautpsorgetragendem der Familie geht. Ist eine Mutter kreuzunglücklich mit ihrem Leben müsste alles Glücklichsein des Kindes aus diesem selber hervorkommen, obwohl die äußerem Umstände manchmal vielleicht sogar konträr entgegen stehen. Zum einen ist kein Kind so dumm ignorieren zu können, dass irgendwas nicht stimmt. Zum anderen ist kein noch so erwachsener Mensch, oft sogar in gewissen Zwangssituationen, in der Lage sein Leid gegenüber seinen Kindern komplett zu kompensieren.
Das Menschenbild, das von der bei Anna Luz interviewten Mutter idealisiert wird (also den Kindern nix zu sagen vom eigenen Leid und eine glückliche Mutter vorzuspielen) ist rein geprägt von Bitterkeit. Und vollkommen unrealistisch. Und warum soll es eigentlich besser sein, Kinder zu verarschen? Inwiefern stärkt das denn ihr Selbstbewusstsein und ihr Vertrauen?

3. 

Mutter und Kind leben erst einmal in einer gewissen Symbiose. Das ist so, das kann man nicht ändern, das kann man nicht abstellen. Das muss man so einfach mal akzeptieren. Wer Müttern eine gewisse Täterrolle zuschreibt, weil sie halt die Erwachsenen sind und Kinder die Opferrolle aufzwingt, weil sie ja die unschuldigen kleinen Kindchen sind, der spielt beide gegeneinander aus. Bei sowas könnte ich ausrasten. Das ist so falsch, wie es nur geht. Denn die Mutter-Kind-Beziehung ist immer reziprok. 

Und Schuld ist immer ein Machtinstrument andere Menschen in ihren Menschenrechten einzuschränken. Wir müssen uns unbedingt vom Schnellschuss Schuldspruch verabschieden. Es gibt Gewaltverbrechen, wo das angebracht sein mag. Ein Kind zu bekommen ist ja doch aber kein Gewaltverbrechen. Und außerdem können wir selbst in unserer Gesellschaft die Rahmenbedingungen, in denen eine gute Mutter-Kind-Beziehung gedeihen kann, schaffen. Und diese Beziehung hat immer einen langen Horizont. Es geht um das Gesamtergebnis, nicht um jede einzelne alltägliche Situation. 


Und es gilt nicht der Umkehrschluss: Wenn eine Mutter glücklich ist, heißt das noch nicht, dass das Kind auch immer automatisch glücklich ist. Und wenn eine Mutter mal unglücklich ist, dann heißt es nicht, dass das Leben des Kindes am Arsch ist. Wenn beide glücklich ist, können sich jedoch beide wahrhaftig begegnen und sich gegenseitig alles gönnen lernen.


4. 

Was wenn die Mutter sich ein Kind wünscht und dann von allen Seiten Prügel bezieht? Es ist schon recht schwer einzuschätzen, was da beim Kinderkriegen auf einen zukommt. Man kann sich ein paar Sachen ausmalen, aber keiner kann alle Umweltreaktionen wirklich voraussehen. Und keiner kann sagen, wie er reagieren würde nach einem Jahr Schreikind oder Schlafentzug. Und wenn da eine Frau schwanger wird und sich eigentlich freut und hinterher geht die Schwiegermutter auf sie los, weil sie alles falsch macht, der Mann hält sich auf einmal nicht an die schön ausgemalten Pläne und lässt die Frau einfach mit dem Kind zuhause sitzen, der Chef äzt sie raus und sie findet auch keinen neuen Job, muss Almosen und Perspektivlosigkeit akzeptieren, obwohl sie mal richtig doll viel Potenzial hatte, und dann die Freunde sagen'Tja, du hast es doch so gewollt!' 

Der Freiheitsentzug, die Zurückweisung, die Nichtwertschätzung, die öffentliche Demütigung, die Hilflosigkeit, die gewisse Selbstaufgabe die einem mit Kind hinterrücks anspringen können, können enorm sein. Müssen nicht, aber können.

In den Regretting Motherhood Interviews sagten die Mütter, jetzt würden sie ihre Kinder nicht mehr hergeben weil sie sie lieben. Sie würden diese nur nicht mehr bekommen, wenn sie vorher gewusst hätten, was da auf sie zukommt. Das zu verdrehen und zu behaupten, die Kinder würden nicht geliebt ist schlicht ne bodenlose Frechheit.



So und jetzt mal zum persönlichen Teil, weshalb mich das Interview so aufregt.


In engen zwischenmenschlichen Beziehung gibt es bei Konflikten nur einen sinnvollen Weg: die Flucht nach vorn.

Das ist sicher ein schwieriger Weg, aber der einzig produktive. Und ich finde, wenn sich die Gesellschaft öffnet, das Mutterideal der Nazis abschafft und nicht durch weitere pseudoreligiöse Ideale ersetzt, sondern die Sache lösungsorientiert anpackt, kann daraus etwas werden, das die Gesellschaft grundlegend 'besser' macht, weil Mütter und Kinder glücklicher werden.

Regretting Motherhood spricht ein für unsere Gesellschaft pikantes Problem an, weil da Machtstrukturen dran hängen. Die Freiheit das öffentlich zu diskutieren, das überhaupt auszusprechen birgt die riesige Chance den gordischen Knoten zu lösen. Die Öffentlichkeit kann dann nämlich adäquat reagieren und Unterstützung anbieten. Mütter, die in irgendeiner Form persönliches Leid erfahren durch die Familiengründung können immer mehr Beratungsangebote wahrnehmen. Das tun sie aber nur, wenn sie nicht für ihre Leiderfahrung verurteilt werden. 

Mütterbashing würgt die Diskussion im Kern ab und bewirkt nur eines: noch größeres Leid für Mutter und Kind. 

Solch schwerwiegende Probleme in Familien und Biografien sollten am besten mit objektiver Unterstützung aufgearbeitet werden. Kein Lügen, kein Theaterspielen, kein Schuldzuweisen, keine Vorwürfe, sondern Auseinandersetzung


Darum: Ermutigt diese unglücklichen Frauen zur Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Kind und dem Kindesvater und der eigenen Eltern. Zeigt Hilfe und Beratungsangebote auf! Stärkt ihnen den Rücken! Haut niemals drauf! 

Und geht mit gutem Beispiel voran und propagiert eine offene Gesellschaft, die nicht unterdrückt und isoliert, wenn jemand von einschneidenden Erfahrungen der persönlichen Freiheit überrollt wird!

Ich selbst gehöre auch zu den Kindern, die sich von ihrer Mutter solche Sachen anhören mussten. Es stimmt, das macht nicht sonderlich Spaß. Ich sei Schuld, dass meine Mutter nicht die persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten im Leben hatte, ich sei Schuld, dass sie diesen Mann heiraten musste, obwohl beide das nicht mit voller Überzeugung taten, ich sei Schuld an mindestens einer späteren Abtreibung meiner Mutter, weil sie sich persönlich und finanziell von zwei Kindern überfordert fühlten. 

Das hat mich geprägt. Das war nicht schön. 
Aber ich war schon immer sehr reflektiert und habe verstanden, warum meine Mutter mir das schon als Kleinkind ins Gesicht sagte. Das kann man von Kindern nicht erwarten aber es führte bei uns dazu, dass ich in die Konfrontation ging. 
Wir konnten beide unsere Gefühle artikulieren. Das lässt die Wut nicht verschwinden, auch die Enttäuschung nicht, aber es zerstört nicht das Vertrauen. Es zeigt vielmehr wie stark die Bindung zwischen Mutter und Kind ist. Gnadenlos belastbar, auch weil Kinder ihre Mütter bedingungslos lieben. Dieser Liebesvorschuss ist Gold wert. Nur rohe Gewalt und grundlegende Lügen machen diese Liebe kaputt.

Das oben besprochene Interview bestätigt, dass es nicht funktioniert, wenn nicht beide Seiten an das Problem rangehen. Es ist eben nicht damit getan, dem Kind etwas zu sagen und dann nicht weiterzureden. Erst da muss die Auseinandersetzung anfangen. An diesem Punkt müssen wir alle unseren Mitmenschen Mut machen und Unterstützungsmöglichkeiten zur Auswahl stellen. Aber nicht Alibiunterstützung, sondern echte, professionelle und nicht wertende Unterstützung. Sonst kann aus diesen Konfrontationen ja nur Bitterkeit entstehen. Das ist dann hinterher ein Fall für den Psychiater.


Meine Familie hatte Hilfe. Meine Eltern haben mich immer geliebt, aber meine Mutter hat sehr unter der restriktiven Machtpolitik einer durch und durch religiös-konservativen Gesellschaft gelitten. Sie hat nur Prügel bezogen, hatte von einem Tag auf den anderen gar keine Freiheiten mehr, nur noch Pflichten. Das hat sie so wütend gemacht und ich war der Grund dafür. Der einzig greifbare Grund. Der einzig konkrete Grund. Jemand, den sie anschreien konnte. Und das hat sie getan. 

So sehr mich ihre Aussagen verletzt haben, so verständlich fand ich immer ihre Wut. 

Seit ich Mutter bin, kann ich sie umso mehr verstehen. Auf mich wird seit Bekanntgeben der ersten Schwangerschaft gnadenlos eingeschlagen. Auch ich hatte nicht damit gerechnet. Und ich kann reumütig sagen, hätte ich das kommen sehen, dann hätte ich das Kinderkriegen wahrscheinlich aufgeschoben bis es zu spät gewesen wäre. Mein Fehler war, meine Schäfchen nicht ins Trockene zu bringen bevor ich an Kinder dachte.

Man sagte mir, es gäbe gute Kitas und damit war für mich die Vereinbarkeit geregelt. Dass ich Karriere und Kinder nicht vereinbaren konnte liegt weder an mangelndem Engagement, noch an den Strukturen. Es lag schlicht daran, dass mein Chef, Teile der Familie, meine Freunde und beruflich Verantwortliche mich nicht unterstützen wollten. Für sie alle war der Machtverlust nicht hinnehmbar, die schiere Tatsache, dass ich über meinen eigenen Uterus und seine Verwendung eigenmächtig bestimmte. Ich habe meinem Umfeld den Krieg erklärt. Und sie haben geantwortet.

Das tun sie bis heute. Ich war nun bei zahlreichen Vorstellungsgesprächen. Die lieben mich. Ich bin supertoll qualifiziert. Und so einige sagten mir direkt, sie würden mich sofort den Vertrag unterschreiben lassen. Und nach 2 Tagen kommt dann doch die Absage. Drei kleine Kinder sind halt drei kleine Kinder und lassen sich nicht wegdiskutieren. Auch nicht mit Ganztagsbetreuung. 

Was meint ihr, wie sehr mich das ankotzt!

Und jetzt ratet mal, wer uneingeschränkt hinter mir steht? Nicht 'Freunde'. Nicht der Trüffel (der hält sich bei dem Thema zurück, weil er dann auch mal ran müsste, wenn ich arbeiten ginge). Meine Mutter. Und mein Vater. Die verstehen sehr genau, was ich durchmache, welchen Bewegungsspielraum ich habe. 


Meine Eltern haben mich immer geliebt. Sie wussten nicht wohin mit ihrer Wut. Einen Teil der Ungerechtigkeiten haben sie akzeptieren müssen. Eine Teil konnten wir aufarbeiten. Und heute begegnen wir uns auf Augenhöhe.


Ich halte im Übrigen auch nichts davon dem Kind bis zum Erwachsenenalter etwas vorzumachen. Nach 20 Jahren sind die Mütter so kaputt, dass da vielleicht nicht mehr viel zu retten ist. Außerdem spüren die Kinder doch, dass etwas nicht stimmt und nehmen es sowieso persönlich. Aber ohne zu wissen, was überhaupt los ist. Wenn wir glückliche Kinder wollen müssen wir den Müttern die Möglichkeiten geben, mit ihren Kindern glücklich zu sein. 


Helfen würde auch, Mutterschaft ein bisschen mehr als biologische Fähigkeit zu sehen und weniger zu mythologisieren und emotional aufzuheizen. Daran können wir alle arbeiten. Ganz konkret.


Ganz generell halte ich auch nix davon selbst kleine Kinder vor allem und jedem verschonen zu wollen. Daraus wird zu leicht das Vorspiegeln falscher Tatsachen. Kinder sind resilient und wenn man sie nicht mit Problemen alleine lässt, so können sie diese Fähigkeit ausbauen. Niemand wird in eine heile Welt hinein geboren. Man muss ihnen das nicht vorlügen. Man kann aber Vorbild sein, ihnen beibringen, wie man gute Lösungen für Probleme findet und nicht, wie man Leid möglichst erfolgreich ignoriert und sich hinein frisst.

Dienstag, 30. Mai 2017

Mama, die - von einer die auszog ein Mythos zu werden

Ich bin mein eigener Muttermythos. Ich habe nämlich sehr viel Ethos. Leider. Mamaethos. 

Mein eigener Muttermythos geht so:
Ich übernehme Verantwortung für mein Handeln und biete meinen Kindern einen klaren Rahmen für ihre Handlungen, ihr Verhalten, ihre Entwicklung und auch ihre Gefühle.

Konkret heißt das:
Ich bin immer da für meine Kinder. Nicht immer Geduldig, aber immer tröstend, immer Haltgebend, immer liebend.

Das Resultat daraus ist, dass die Kinder mich langsam aber sicher emotional wegkonsumieren. Mehr Mama, mehr Trost, mehr Halt, mehr Nähe. Immer. Tagsüber, nachts, sobald ich verfügbar bin.

Die Strategie ist, den Kindern das Verständnis für Resourcenknappheit zu vermitteln, ihnen zu erklären, was Verschwendung ist. Nicht nur an Gütern. Auch an Mamas Aufmerksamkeit. Dem Geschwisterkampf um meine Liebe mit der klaren Ansage entgegenstehen, dass jeder unumstößlich seinen Teil an Liebe von mir bekommt. Immer.

Die Realität ist, dass ich nachts von einem weinenden Kind zum nächsten kuschel, ohne selbst zu schlafen. Und am Tag, wenn sie nicht da sind versuche ich alles zu erledigen, was zu tun ist. Denn sobald ich die Kinder vom Kindergarten abhole kann ich keinen Handgriff mehr tun. Dann gehöre ich ihnen.

Der Lohn sind lachende, glücklich, starke Kinder. Aber auch kleine Konsumenten. Und Unverständnis von meiner Umwelt. Nicht weil sie mein Verhalten für falsch hielten, sondern weil sie es schlicht nicht verstehen, schlicht die Rolle des Konsumgutes nicht kennen, nur die Rolle des Konsumierenden.

Das Ziel: 
So mit meinen Kräften zu wirtschaften, dass es reicht bis die Kinder groß sind und möglichst an mein Lebensende.
Das schaff ich ganz gut.

Nur in manchen Nächten, da frage ich mich, warum immer alle auf so Firlefanz wie Erziehung, Betreuung und Kleinkruscht rumreiten und warum man nie liest, was Kinder wirklich kosten:

Kinder kosten all deine Gefühle als Mutter, all deine Empathie, all deine Liebe, all deine emotionale Kraft. Und mehr Kinder kosten auch mehr. Von allem.

Freitag, 12. Mai 2017

Ein Rat Geber

Ich bin endlich drauf gekommen, was mich an diesen Ratgebern so stört. Eigentlich ist es ganz einfach.

Erziehungsratgeber handeln zu 90% von Kindern. 

Das ist der Fehler bei der ganzen Ratgeber-Sache.
Denn es läuft doch so: Man liest vor der Geburt einen Ratgeber, damit man weiß, wie man mit dem Kind richtig umgeht. Den nächsten Ratgeber liest man dann, wenn man mit dem Kind ein Problem hat und eine Lösung sucht.
Aber immer geht es dabei um das Kind. Die Geburtsvorbereitungsratgeber, die Erziehungsratgeber, die Ratgeberliteratur, die helfen oder zumindest eine Inspiration liefern soll. Und das Problem ist: Die Inspiration kommt von außen.

Das wäre eigentlich nicht schlimm, wenn mal eine Idee von außen kommt - so als Anregung. Aber diese Art des Ideenkonsums hat den doofen Nachteil, dass die Konsumentenhaltung des Lesenden eher gefestigt als hinterfragt wird. Mit jedem guten Rat von außen erlischt ein Funke einer eigenen Idee. 
Nun hat man nicht nur gute Ideen, mag so mancher argumentieren. Aber als Konsument hat man eben  fast gar keine eigenen Ideen. Wie soll man auch eigene Rezepte entwickeln, wenn einem das Futter schon vorgekaut und mit 5-Sterne-Amazon-Bewertung fertig im Napf vorgesetzt wird?

Verstehen könnte ich diesen Ratgeber-Blödsinn eigentlich nur, wenn er dezidiert in Kombination mit eigenen Vorstellung, eingebunden in die eigene Entwicklung, als Hilfsmittel eingesetzt würde. Aber Ratgeber sind ja schon nicht so geschrieben, dass eigene Ideen in den Ratgebertheorien Platz hätten.  

Ratgeber sollen und wollen Wahrheiten verkünden, konkrete Handlungsanweisungen. Sie verkaufen sich nur, wenn sie dem Konsumenten Sicherheit geben, eine Art Gebrauchsanleitung und Wertung was richtig und falsch ist. So sind sie formuliert. 
Und so glaube ich, wenn man Ratgeberliteratur konsumiert, dann wird der genuin eigene Mechanismus selbst Ideen zu entwickeln bewusst gelähmt. Man meint sich zu informieren und wird eigentlich nur roboterisiert, auf dass nach dem Lesen alles möglichst optimal funktioniere, wie bei einer Maschine.

Ratgeberliteratur bietet eigentlich die falsch verpackten Informationen. Die Infos daraus können nicht vernünftig verwertet werden. 

Zudem gibt es zwei Kategorieren von Ratgebern, die mit Lösungen für konkrete Probleme und solche die weltanschauliche Konzepte vermitteln wollen. 
Mit ersteren mag ich mich noch anfreunden, denn vielleicht hat man tatsächlich nur ein konkretes Problem und braucht ne einfache, schnelle Lösung. Da muss nun wirklich nicht immer jeder das Rad auf's Neue erfinden. 
Mich beunruhigen eher die Weltanschauungsratgeber. Denn während die konkreten Problemlösungsratgeber lediglich verhindern, dass man sich die Zeit nimmt mal kurz selbst über eine Situation nachzudenken, zielen die Weltanschauungsratgeber direkt darauf ab, jegliche Auseinandersetzung mit der eigenen Welt und Wirklichkeit direkt zu verwerfen und statt dessen lieber gleich das Weltanschauungskomplettpaket des Autors zu übernehmen. Diese Art Ratgeber scheint mir sehr strikt formuliert zu sein, mit klaren Wertungen anderer Meinungen. Ich finde diese Literatur ist eben genau kein Ideengeber und regt eben genau nicht zur wirklichen Auseinandersetzung mit sich und der eigenen Umwelt an. 

Und wenn ich darüber so nachdenke, dann wird mir ganz anders, denn ich würde so gut wie alle Ratgeber über bindungsorientierte Erziehung zur zweiten Kategorie rechnen. Ich habe so oft durch diese Bücher geblättert, versucht mich reinzulesen und sie nach wenigen Seiten angewidert weggelegt. Ein einziges Buch über diesen Weg mit Kindern hat mich überzeugt. Es ist der Kohn.

Wie also würde ich einen Ratgeber für Eltern und solche, die es werden wollen schreiben:
Von 100 Seiten würden sich maximal 5 mit dem Kind beschäftigen. 90 Seiten würde ich den Eltern widmen und darauf abzielen, dass sie beginnen Fragen zu stellen. Ich würde sie inspirieren wollen, eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Hinter diesen könnten sie dann stehen ohne sich angegriffen zu fühlen, wenn jemand anderes es anders macht. Eltern würden verstehen woher die Gedanken kommen. Eltern könnten, angepasst an die eigene Familie und Lebenssituation, lenken wohin die Gedankengänge führen. 

Ein solcher Ratgeber würde sich nicht so gut verkaufen. Sich ein eigenes Lebenskonzept zu erstellen ist eine anstrengende, langwierige Sache. Es ist nichts für Informationskonsumenten. Und Menschen, die eh selber denken, die konsumieren ja eher selten Weltanschauungskozepte von Fremden. Alfie Kohn schafft es tatsächlich als einer der wenigen, den Leser dazu einzuladen, manchmal gar zu zwingen, selbst über das Gelesene nachzudenken, eine Position zu beziehen. Er formuliert schwammig und einladend, vermeidet ein allzu konkretes Konzept zu erstellen. Natürlich ist die bindungsorientierte Linie klar erkennbar, aber im Dialog mit dem Leser. Wie hast du Schulnoten damals empfunden? Wie könnte dein Kind diese Beurteilungsform empfinden? 
Auch dieser Ratgeber ist bei weitem nicht perfekt, aber sehr viel weniger indoktrinierend und wertender als so mach anderer. Das gefällt mir.

Viel mehr als Ratgeberliteratur und Geburtsvorbereitungskurse würden wir Angebote brauchen, die Frauen einladen sich selbst kennenzulernen, Antworten auf eigene Fragen zu finden - aus sich selbst heraus - wo sie herkommen, was sie geprägt hat, was sie wollen und was nicht und wie man das eine bekommt und das andere umgeht. Angebote, die den Müttern Raum und Zeit und Muse und Anregung bieten über sich selbst nachzudenken, damit sie nicht mit leeren Händen einem Kind gegenüberstehen, das sie vom ersten Tag an mit diesen Fragen bombardieren wird. 
Und wir sollten Männern diesen Raum und diese Zeit anbieten, damit sie sich nicht überrumpelt von den Fragen zurück ziehen müssen und der Mami alles überlassen, weil sie nicht mit der Vehemenz eines Säuglings gerechnet haben.

Denn nur, wer sich intensiv mit sich selbst auseinandersetzt und teilweise frei ist selbst zu entscheiden, wer er sein will, der wird eigene Vorstellungen entwickeln können in der Kindererziehung, denn er/sie wird die Auseinandersetzung mit dem Gegenüber nicht scheuen, muss die Auseinandersetzung nicht scheuen. Ein Nicht-Ratgeber, der einen Menschen dazu einlädt er selbst zu sein und Menschen zu mögen, auch wenn diese oft schwierig sind - das wäre mal ein sinnvoller Ratgeber. Nur wird es das ja nie geben. Das widerspräche der Ratgeberidee.

Das Buhlen um die Konsumentenaufmerksamkeit erreicht immer neue Höhen. Mittlerweile fühlen sich die Konsumenten gar nicht mehr als Konsumenten, weil sie so eingebettet in ihre Weltanschauungen sind und die Filterbubble so eine dichte Vernetzung für viele ermöglicht, dass alle Anrufe an den eigenen Verstand verhallen. Im Glauben selbst etwas zu steuern, wird von außen so stark manipuliert, dass die eigene Gedankenfreiheit nicht mal mehr vermisst wird. Das Fragestellen ist längst abgeschlossen, die eigene kreative Lösungsfindung wurde längst abgestellt. Nicht aus Dummheit, sondern weil es in dieser so einseitig informierten Welt viel zu kraftraubend wäre sich all den Angriffen und Übergriffen zu erwehren. Man stünde recht einsam gegen den Strom. Ich verstehe, dass kaum eine junge Mutter die Kraft dazu aufbringen kann, zusätzlich zu der Kraft, die die permanente Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Umwelt erfordern würde. Die Unterstützung ist nur oberflächlich, auch das Netzwerk würde sich vielleicht auflösen, wenn Frau den Peergroupweg verlässt.
Und so versiegt das kreative Potential ein eigenständiges Leben zu führen und seinen Kindern das auch vorzuleben. Der Konsumentenkreislauf schließt sich.

Denn wie heißt es so schön: Niemals las jemand eine Zeitung um sich zu informieren. Man liest eine bestimmte Zeitung, um seine Meinung zu bestätigen, nicht das populistische Schundblatt, um sich ausgewogen zu informieren um dann die eigene Meinung eventuell zu korrigieren.

Montag, 10. April 2017

Lerne zu akzeptieren, was du nicht ändern kannst.

Mich nervte letzte Woche schon wieder etwas. Etwas Triviales, das aber gar nicht trivial ist, sondern allgegenwärtig und eben meiner Meinung unbedacht mehr Schaden anrichtet, als es hilft.

Es geht um den Rat. Nicht den der doofen Schwiegermutter, nein, den von den Experten. In meinem Fall von einer Dame, die wohl alle bindungsorientiert erziehenden Eltern hauptsächlich loben würden. Diese Dame hat mehrere Ratgeber geschrieben, ist im Netz sehr präsent, wahrscheinlich auch viel auf Vorträgen und sonstigen Treffen unterwegs und eben eine ganz tolle bindungsorientierte Leitfigur. 

Alles fing damit an, dass ich - natürlich - so einen Satz fallen lies, wie 'Puh, ich bin müde.' Ok, es wirkt bei mir authentisch, denn ich bin nicht nur müde, ich seh auch so aus. Jedenfalls sagte ich diesen Satz und ja, in dem Fall erwartet man etwas Aufmunterndes, sonst würde man das nicht sagen.

Was man allerdings als Reaktion bekommt ist nur nebensächlich etwas Aufmunterndes, oder ein 'Hey, du machst das so toll, du schaffst das!'. Die Hauptreaktion auf meine Müdigkeit (wohlgemerkt, kein exzessives Gejammer) ist 
a) Pech, du wolltest ja drei Kinder. Selber Schuld.
b) Ja also, da musst du nur dies oder jenes tun, und hast du schon mal Dingsbums probiert oder dieses Buch gelesen. Da sind wirklich ganz tolle Tipps drin!

Mit a) hab ich ein Problem - logischer Weise, denn es ist schlicht blöd und ignorant und unfair. Aber auch Antwort b) ist in der schieren Ignoranz nicht zu unterschätzen. Ich weiß, die Tipps sind nett gemeint, aber wir alle wissen, wie das mit dem Nett gemeint so ist...

Es trug sich sogar zu, dass ich Kontakt zu eben jener oben beschriebenen Dame bekam und die hatte auch gleich super Tipps für mich, besser für mein Problem. Gleich ein ganzes Bündel an Verhaltensweisen, die ich mal ausprobieren kann.

Mein Problem:
Ich habe ein Baby. Mein Baby schläft schlecht.

Also das Baby ist oftmals stundenlang wach nachts, es trinkt gern mal alle halbe Stunde, es hat zur Zeit wilde Träume und die Zähne machen uns allesamt fertig. Falls gerade nichts davon zutrifft bekommt T3 mit Sicherheit ne Erkältung, schläft schlecht dank verstopfter Nase oder wacht vom Husten auf. 

Kurz, es ist ein Elend, die Nächte sind scheisse. Und zum Überfluss ist das Baby nunmal ein schlechter Schläfer. Sie ist geräuschempfindlich, wacht auf, wenn ich mich nur einen Millimeter bewege, ihre Tiefschlafphasen sind ok, aber drum herum wacht sie halt wegen jedem Mucks auf.

Und da bekam ich all diese tollen Tipps vom Profi persönlich und statt dankbar zu sein und mich gleich ans Werk zu machen, wollte ich besagte Dame und alle so hilfreichen Mütter nur anschreien. Weil...

MEIN BABY IST HALT VERDAMMT NOCHMAL EIN SCHLECHTER SCHLÄFER. ES SCHLÄFT HALT NICHT DURCH, ES WIRD AUCH MIT ALLEN TIPPS UND TRICKS DER WELT NICHT DURCHSCHLAFEN, WEIL ES IST HALT EINES DIESER BABYS, DIE NICHT GUT SCHLAFEN!!!

Ja, und ich weiß das, weil ich auch die Gegenseite kenne. Ich hatte ein Baby, das hat von Beginn an geschlafen, da wäre jeder Babyexperte neidisch geworden. Babys sind halt so wie sie sind und manche schlafen gut und manche schlafen schlecht und manche wachen bei jedem Ton auf und manche kriegt man mit ner Sirene nicht wach. Das ist halt so. Punkt. Das muss man einfach so auch mal akzeptieren.

Ein Baby das nicht schläft ist eine Qual für die Mutter. Aber es ist auch keine Maschine, wo ich bei Kundenservice anrufen kann und der nennt mir dann ne Taste, die ich drücken kann und dann ist das Ding resetet und funktioniert wieder. 

Ich leugne nicht, dass es schön wäre, wenn man das einfach könnte, mal aus- und wieder anschalten und dann bootet das neu und alles läuft. Aber es ist nunmal ein Baby. Und da bootet nix, da schreit's halt nachts.

Jedenfalls nervt es mich gewaltig, dass Menschen, die sich dann auch noch als Experten verkaufen und so angesehen werden, meinen, mir Tipps geben zu wollen. Als würde ich nicht schon versuchen, die Situation nicht noch schlimmer werden zu lassen. Es nervt mich, dass selbst ach so fürsorgliche Menschen meinen, ich könne da was tun. Meine lieben Ratgeber-Damen, WENN DAS GEHIRN MEINES BABYS SOWEIT IST, DANN WIRD ES AUCH DEN SCHLAF ANDERS REGULIEREN. STECKT EUCH DOCH BITTE BIS DAHIN EURE TIPPS DORTHIN, WO DIE SONNE NIEMALS SCHEINT!
Danke.

Um das klar zu stellen, wenn jemand kommt und nach Hilfe fragt, dann kann man wohl anregen dies oder jenes zu probieren. Aber jedem einfach ungefragt seine Weisheiten aufpöbeln ist scheiße. Würde ich mit meinen Kindern so umgehen, würden all die AP-Leute wieder vor Wut im Kreis springen. Und überhaupt komm ich mir verarscht vor, wenn mir nach 3 Babys nicht glaubt, dass ich eben verdammtnochmal ein schlecht schlafendes Baby habe. Ich bin doch nicht doof, sondern müde!

Wenn also jemand sagt 'Ich bin müde, das Baby schläft grad so schlecht.' dann ist die einzige Erstantwort, die vertretbar ist: 'Das ist scheiße, hoffentlich wird es bald besser. Komm ich geb dir nen Kaffee aus.'

So schwer ist das nicht. Bittedanke.

Im Übrigen verstehe ich, wenn Eltern in ihrer Not nach jedem Strohhalm greifen, aber ich halte diese 'jeder Experte schreibt einen Ratgeber'-Quatsch für gefährlich, denn dann denken die Eltern auch, dass sie selbst etwas ändern könnten und zack ist alles super. Eltern sollte man zu allererst immer darin unterstützen, zu akzeptieren, dass ihr Kind so ist, wie es ist und es weiter kennen zu lernen. Ratgeber suggerieren eher, dass es Lösungen für Probleme gibt, nicht, dass die Challenge eben darin liegt, andere so anzunehmen, wie sie eben sind. Mein Baby ist nämlich kein Problem und keine Maschine. 

Mittwoch, 29. März 2017

Ein ketzerischer Gedanke

Ich bin nicht gestresst. Ich bin manchmal genervt, öfter unausgeschlafen, aber so generell bin ich nicht gestresst. Ich bin nicht gestresst mit meinen drei Kindern, denn sie sind soweit gesund und machen relativ gut mit und es läuft wirklich gut. Ich habe momentan sehr viel Zeit und kann mir gut vorstellen, in dieser freien Zeit zu arbeiten.

Allein, es ist unmöglich zu arbeiten für mich.

Ich muss ganz ehrlich zugeben, seit Anfang November waren die Kinder ca 6 Wochen im Kindergarten. Also alle drei Kinder. Gleichzeitig. Diesen Winter haben wir schlicht jeden scheiß Virus, jede Bakterie, jede nervtötende Kita-Seuche mitgenommen. Von der Bindehautenzündung, Scharlach, Magen-Darm, Hand-Fuß-Mund, normale Erkältungen, Bronchitis – wir haben brav alles abgearbeitet.

Stressig war auch das nicht. Unmöglich wäre es aber gewesen zu arbeiten. Es wäre nicht gegangen. Zu viele kranke Kinder, die sich abwechselten mit den Infekten. Innert 5 Monaten nur 6 Wochen arbeiten zu können ist ja kein Zustand.

Und nun verstehe ich jeden Arbeitgeber. Es ist so: Es ist nicht vereinbar.

Für mich wäre es vom Arbeitsaufwand vereinbar. Ich kann da einiges ab und lass mich von Krankheit nicht stressen. Ich bin inzwischen Meister der Improvisation, das gefällt mir sogar. Aber ich kann leider kein Homeoffice machen. Ich muss zu einem Arbeitsplatz hingehen. Ich hab keinen Bürojob gelernt, ich arbeite nun mal eher handwerklich.

Und daraus ergibt sich eine Situation, die einfach keine Vereinbarkeit von Beruf und Familie zulässt. Entweder ich bin mit krankem Kind zu Hause oder ich kann das Kind in den Kindergarten bringen. Die Krankheitstage haben sich mit der Anzahl der Kinder tatsächlich potenziert.

Schon als ich die 3. Schwangerschaft komplett ausfiel, war die Vereinbarkeit gestorben. Es gibt diesen Fall eben. In der einen Schwangerschaft hab ich bis zum Tag der Geburt voll gearbeitet und gar kein Problem gehabt, in der anderen war vom ersten Tag an Arbeit nicht mehr zu denken. Es ist nun mal so.

Man kann das nicht planen. Man kann das nicht einschätzen. Man kann das nicht kompensieren. Und wir reden hier halt auch schnell von echt untragbaren Krankheitszeiten. Von Jahren, die man mal kurz mit Schwangerschaft und Babyzeit ausfällt. Von einem ganzen Winter, in dem man nur sporadisch zur Arbeit gehen kann. Wir reden hier von unkalkulierbaren Arbeitsausfällen für Arbeitgeber. Und ich glaube jedem, der sagt, das kann sich eine Firma nicht leisten. Ich akzeptiere auch, wenn jemand sagt, das will sich eine Firma nicht leisten. So funktioniert tatsächlich unser Wirtschaftssystem nicht.

Also gibt es für Frauen wie mich keine Vereinbarkeit.

Den Trüffel möchte ich mal außen vor lassen, denn zum einen Stille ich das Baby noch und zum anderen muss irgendjemand verlässlich Geld verdienen. Gleiches trifft auf meine Eltern zu. Meine Eltern, der Trüffel – ja sie haben frei genommen, mir versucht zumindest wichtige Termine freizuschauffeln, aber keiner von Ihnen kann monatelange Fehlzeiten riskieren. Ein paar Tage sind für niemanden ein Problem. 4 Monate schon.

Ich bin bestimmt kein Huschele am Herd, aber das muss ich eben so akzeptieren. Was nicht geht, geht halt nicht.

Wer allein diese Erkenntnis bereits als ketzerischen Gedanken versteht, der soll sich nun wundern. Denn, obwohl ich die Letzte bin, die sagt: ‚Mütter gehören nach Hause und Kinder gehören zur Mutter’, so muss ich nun doch einen ketzerischen Gedanken äußern:

Es ist sinnvoll, dass in diesen Familienphasen mit kleinen Kindern, mit unzähligen Infektionen und wo Kinder einfach nicht in eine geregelte Arbeitsplanung eines Erwerbstätigen Erwachsenen passen, dass Eltern und Kinder in dieser Zeit die Möglichkeit haben sollten zu Hause in Ruhe all die Unvereinbarkeiten auszusitzen und die Zeit zu genießen!

Ich sage das nicht, weil ich konservativ bin, im Gegenteil. Ich sage das mit einem weit ketzerischeren Zusatz, der jedem Konservativen einen Herzinfarkt verursacht. Ich will nämlich explizit nicht, dass die Frauen benachteiligt werden, dass sie weiterhin in patriarchalischen Strukturen leben müssen und in zahlreichen Abhängigkeiten von Männern um jeden Scheiß betteln müssen.

ICH WILL IN DIESER SCHWIERIGEN LEBENSPHASE ZU HAUSE BLEIBEN KÖNNEN UND VON DER GESELLSCHAFT EIN ORDENTLICHES GEHALT BEKOMMEN FÜR MEINE ARBEIT ALS MUTTER.

Jawohl, ich plädiere für ein Erziehungsgehalt. Wer zu Hause ist und die Kinder tatsächlich mehrere Stunden am Tag erzieht, aufzieht, Vorbild ist, sie versorgt und pflegt – der verdient ein Gehalt.

Ein echtes Gehalt. Keine paar hundert Euro, sondern ein paar Tausend, sozialversicherungspflichtig, ohne zeitliche Begrenzung. Ein Elterngrundeinkommen. Denn Kinder machen nicht Arbeit. Es sind keine Haustiere, die man ausmisten muss. Kinder sind eine echte verantwortungsvolle Aufgabe.

Und wenn sich Kinder phasenweise nicht mit der üblichen Erwerbsarbeit vereinbaren lassen – kein Problem. Dann soll man eben ein Gehalt von der Gesellschaft, vom Staat erhalten, damit man seinen Job zu Hause gut ausfüllen kann. Finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit für denjenigen, der sich um’s Kind kümmert. Fern ab von allem erzkonservativen Geschwafel. Die echte Freiheit zu wählen, ob 1 Jahr oder 5, ob immer mal wieder ein halbes, oder 1 Jahr, wenn es eben nötig ist...

Denn leider muss ich Frau Schwarzer hierin Recht geben: man erzählt jungen Frauen heute mehr denn je die Lüge von der Vereinbarkeit.
Aber alle Kitaplätze der Welt werden keine Vereinbarkeit bringen, geschweige denn in irgendeiner Form die Situation von Müttern verbessern oder gar zur Gleichberechtigung beitragen. Es gibt keine Vereinbarkeit, denn Menschen sind keine Maschinen und kleine Menschen schon gar nicht. Sollten sie auch nicht sein müssen. Also darf man ihnen nicht 5 Jobs gleichzeitig aufbürden, sondern muss ihnen zugestehen, dass nun mal alles im Leben seine Zeit hat.

Das Diktat der Wirtschaft aushebeln, das wäre eine gute Investition in unsere Gesellschaft und in unsere Familien. Es würde die Care-Arbeit aufwerten und uns ein menschliches Zusammenleben vereinfachen.


Und nebenbei, wenn ich aus der Kindererziehungsphase heraus komme, fängt auch bald die Phase an, in der ich mich um meine Eltern kümmern möchte. Statt eine Unvereinbarkeit an die Nächste zu reihen, würde ich mir wünschen in finanzieller Sicherheit all den familiären Verpflichtungen nachgehen zu dürfen, aber nicht für lau, wie in den 50iger Jahren. Denn was ich tue ist nicht Nichts!

Sonntag, 5. März 2017

Des isch mir wurscht!

Ich möchte heute mal einen, auf den ersten Blick furchtbaren, aber auf den zweiten Blick ganz wunderbaren Gedanken formulieren.

Als Kind gab ich diesen Satz sehr oft von mir, in breitestem Schwäbisch:
‚Des isch mir wurscht!’
Ich lies das aber nie so stehen, sondern ergänzte und formulierte einen Gedanken, der sehr treffend das Thema meines Posts auf den Punkt bringt:
‚Des isch mir wurscht – Wurscht wie Käs, aber Käs mog i net!’

Falls ich meine treuen Leser bis hierher verwirrt habe – Entschuldigung.

Ich möchte über folgendes schreiben:
Was braucht es zu einem gelingenden Leben?

Konkreter, was braucht mein Kind von mir, damit es das Rüstzeug hat, aus seinem Leben ein gelingendes Leben zu machen? Und was brauchen wir für eine gelingende Mutter-Kind-Beziehung?

Das ist ein allumfassendes Thema, ich weiß. Ich könnte mich fragen, was denn ‚gelindes Leben’ eigentlich meint? Ich könnte über mein Leben schreiben, was ich als mein gelingedes Leben, eine gelingende Beziehung definiere. Ich könnte über Erziehung schreiben.

Ich komme aber über einen anderen Umweg auf die obrige Frage – inwiefern tragen all die Sachen, Handlungen, Entscheidungen die man heute so machen und treffen muss dazu bei, dass mein Kind später von sich sagen kann: mein Leben ist gut und gelungen und befriedigend? Und was muss ich tun oder vermeiden, damit wir beide sagen können, wir hätten eine gelungene Beziehung zu einander?

Auslöser sind all die Imperative, die mich ja schon so oft aufgeregt haben. Als Schwangere – tu dies und jenes unbedingt/auf keinen Fall, als Mutter – Stille, Trage, behandle dein Baby soundso, ernähre es soundso, kommuniziere soundso...

All diese furchtbaren Imperative, Handlungsanweisungen, persönlichen Ratschläge. Ich hasse sie von ganzem Herzen! All diese ideologisch verbrämten Do’s and Don’ts. Zum Teufel damit! Sollen sie den Besserwissern im Halse stecken bleiben!

Und das sage ich nicht, weil ich ach so eigenwillig bin, oder weil ich nicht differenzieren kann und mir manchmal Menschen konkret auf den Keks gehen. Ich habe einen echten, nachvollziehbaren Grund gefunden, das so drastisch zu formulieren. Und dieser Grund lautet:

Es ist wurscht, was wir als Eltern – konkreter als Mütter – für einzelne Kleinigkeiten für unser Kind tun.
Das klingt wie gesagt auf den ersten Blick schrecklich, aber denken wir mal genau darüber nach.
Eine halbwegs gesunde Ernährung und Lebensweise während der Schwangerschaft ist zu befürworten, denn es erhöht die Wahrscheinlichkeit des Kindes, möglichst kräftig und gesund zur Welt zu kommen. Gesundheit ist ein sehr gutes Argument. Aber ob ich z.B. eine stressige Situation habe in diesen 9 Monaten, mal eine Nachspeisse mit Alkohol esse, oder zum Schwangerenyoga gehe, wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind am Ende seines Lebens sagen kann: das hat mit beigetragen zu meinem gelungenen Leben?
Eigentlich ist das doch ghopft wie gsprungen.

Dann die Geburt. Ob vaginal oder Kaiserschnitt, ob mit oder ohne Schmerzmittel – das beeinflusst höchstens mich selbst sagen zu können, diese Erfahrung trägt mit zu meinem gelingendes Leben bei. Aber wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind am Ende seines Lebens sagen kann: das hat mit beigetragen zu meinem gelungenen Leben?
Eigentlich ist das doch ghopft wie gsprungen.

Dann das Stillen. Stillen hat Vor- und Nachteile. Fläschchen haben Vor- und Nachteile. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand im Alter sagt: mein Leben ist nicht befriedigend verlaufen, weil mich meine Mutter nicht gestillt hat, oder mit 6 Monaten abgestillt hat, oder 3 Jahre gestillt hat...
Eigentlich ist das doch ghopft wie gsprungen.

Dann die Beikost. Mal ernsthaft, wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind am Ende seines Lebens sagen kann: das hat mit beigetragen zu meinem gelungenen Leben?
Eigentlich ist das doch ghopft wie gsprungen.

Stadt oder Land. Kita oder nicht. Ganztag oder Halbtag. Tragen oder Kinderwagen. Eigenes Zimmer oder Familienbett. Das ist doch ghopft wie gsprungen! Es ist doch völlig wurscht!

Denn all diese Sachen sind ja nicht das Entscheidende. Wichtig ist doch allein die Frage, ob ich zu meinem Kind eine gelungene persönliche Beziehung aufbauen und aufrecht erhalten kann. Wie ich das mache, ist doch im Grunde egal.

Diese Einzelentscheidungen haben ja gar keinen Einfluss darauf, ob mein Kind je ein für sich gutes Leben leben wird.

Der erste Einwand wird sein, dass all diese ach so empathischen Methoden ja förderlich sind für eine gelunge Mutter-Kind-Bindung. Äh, da entgegne ich ein klares JEIN.

Jein deswegen, weil einerseits das Kind möglichst gewaltfrei, möglichst liebevoll und zugewandt, möglichst mit der Erfahrung von Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit aufwachsen soll.
Aber eben auch jein, weil diese erbitterten Kämpfe um ‚Das darfst du und das nicht!’ und ‚Stillen ist aber das beste für dein Kind!’ und ‚Ein Baby gehört nach Hause zur Mutter.’ ausgetragen werden auf der Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit der Mutter. Und das macht die Mutter unzufrieden, manchmal gar unglücklich und trägt so gar nicht zu einer reziproken gelungenen Mutter-Kind-Beziehung bei. Und ist es nicht auch kaum möglich dem Kind Selbstbestimmung zuzugestehen und ihm diese Erfahrung zu ermöglichen, wenn man selbst nicht als authentisches Vorbild dienen kann, weil man gefangen ist im Dschungel des Alles-richtig-machen-Mütter-Wettbewerbs?

Ich halte das für einen wesentlichen Punkt, dass die Selbstbestimmung des Kindes nicht auf Kosten der Selbstbestimmung der engen Bezugspersonen gehen darf.

Der zweite Einwand wird wohl eben ein Aufschrei all der Mütter sein, die sich täglich den Arsch aufreissen, um das allerallerbeste für ihr Kind zu tun. Dass all das eigentlich völlig wurscht sein soll, die Quälerei durch die Anfangszeit des Stillens, das Lesen all der Literatur, das Durchkämpfen durch all die Unsicherheiten, wie man denn jetzt das Kind am besten erzieht, oder nicht erzieht – das kann, das darf doch nicht einfach alles egal sein!

Da würde ich antworten: Es ist wurscht, aber nicht egal. Wie mit der Wurscht und Käs.
Vielleicht ist für mich persönlich nicht egal. Vielleicht ist es wurscht auf das gesamte Leben meines Kindes gesehen, ob und wie lange ich stille. Aber vielleicht ist es für mich, meine Art eine Bindung zu meinem Kind aufzubauen, die körperliche Verbindung nach der Geburt nicht abreißen zu lassen, vielleicht ist das für mich als Mutter nicht egal.

Und das führt mich direkt zu dem tieferen Blick auf diesen Gedanken: wenn es im Grunde für das Leben des Kindes wurscht ist, ob und wie viel ich stille – stellt Euch das mal vor – dann könnte ich tatsächlich mein Baby stillen, einfach weil ICH Bock drauf hab! Und wenn mir das Stillen Schmerzen bereitet, dann könnte ICH völlig schmerzfrei und entspannt und ohne schlechtes Gewissen meinem Baby die Flasche geben. Oder stellt euch vor, die Ärzte raten zu einen Kaiserschnitt und ich könnte das annehmen, weil da gar nix falsch dran wäre und ich würde mir keine weiteren Gedanken machen müssen, ob ich nun richtig geboren habe, sondern könnte verzückt mein Baby anglotzen, den ganzen Tag lang.

Wenn dieser Kleinkram, diese Einzelentscheidungen im Grunde völlig wurscht wären, dann stellt Euch mal vor, wie Selbstbestimmt ich die Beziehung zu meinem Kind gestalten könnte und wie gut ich vielleicht seine Selbstbestimmungsmöglichkeiten erkennen und dem Kind das auch von Herzen gönnen könnte. Stellt Euch vor, allein diese Freiheit in der gegenseitigen Bindung von Mutter und Kind könnte einen echten Unterschied ausmachen, das mein Kind sein Leben als ein gelungenes, ein gelingendes Leben erlebt. Und stellt Euch vor, dass ich dadurch mein eigenes Leben als Gelingendes erfahren würde und nicht nur von einer Gängelei zur nächsten hetzen müsste.


Zum Schluss möchte ich natürlich anfügen, dass ich, wie viele andere kluge Köpfe, bewusst von GELINGEN, nicht von GLÜCK spreche. Glück ist für mich ein zeitlich begrenzter Zustand. Ein gelingendes Leben beinhaltet für mich eine Gesamtübersicht und Bewertung der sinnstiftenden und sinnhaften Erfahrungen. Beziehungen zum Beispiel sollten für mich nicht primär glücklich sein, sondern vor allem gelungen.

Und ich möchte ergänzen, dass ich es fatal finde, dass Mütter, meist im persönlichen Gespräch, in diese Grabenkämpfe der Einzelentscheidungen verwickelt werden. Der Fokus kann so kaum auf das große Ganze gelegt werden. Es ist eine permanente Nabelschau, ein Aufblasen von Kleinigkeiten zu lebensentscheidenden Fragen, die wahnsinnigen Stress erzeugen kann. Die Mütter selbst geraten so aus dem Blickfeld und geben dadurch eben ihre Selbstbestimmung auf, werden gar dazu genötigt.

Diese systematische Indoktrinierung, das beste für das Kind zu tun, ist in meinen Augen vor allem eine Machtkonsolidierung der betreffenden Personen, die es ja meist ach so gut meinen. Aber wo Systematik dahinter steckt, geht es niemals um individuelle Freiheiten und Unterschiede, sondern nur darum, wer wem zu sagen hat, was richtig und was falsch ist, gern in Verbindung mit 'das haben Studien gezeigt' ohne jegliche relative Einordnung oder mit der Moralkeule. Ich finde das scheisse!