Mittwoch, 10. August 2016

Über die veganen Lemminge

 Wie ich ein Gespräch mit einer Mutter abbrach, die ihr Kind vegan aufzieht.



Jaja, ich weiß, das ist ein heikles Thema. Es war so: Das Kind ass Saltimbocca. Genauer, es ass wahrscheinlich Sojaschnitzel, umwickelt mit irgendwas wie veganem Speck. Mein Kind wollte das auch und ich fragte die Mutter, wo es das gäbe. Da erklärte sie mir die Welt aus Veganersicht. Oder vielmehr aus Pseudoveganer Sicht.

Nun bin ich ja nicht Veganer, kann also nicht unbedingt voll autentisch über veganes Essen reden. Ich esse manchmal vegan, denn da gibt es leckere Rezepte und generell esse ich viel Gemüse und nicht zwingend Fleisch. Mehr aber auch nicht.

Was mich an diesem Vegantrend so irritiert ist, dass es für mich so eine Art Möchtegern-Veganismus ist.

Ich erkläre das mal:
Würde ich vegan leben wollen, so würde ich mir Gedanken machen müssen über mein Essen. Nicht einfach, wo kommt es her? Wie hat es gelebt? Sondern, was ist da drin? An Nährstoffen? Was braucht mein Körper, um Gesund zu bleiben?
Aber aus rein physiologischen Gründen verzichtet kaum jemand auf Fleisch.

Ein Veganer verzichtet aus humanistischen Gründen, aus Empathie zur Kreatur, nicht einfach wegen seiner eigenen Gesundheit. Veganismus ist keine egozentrische Ausprägung einer Lebensform, sondern rührt aus dem Gegenteil, dem Verzicht auf Kosten anderer zu leben.

Ein veganes Saltimbocca ist darum für mich schlicht Blödsinn. Nein, ich verstehe nicht, weshalb es Wurst-, Käse-, Fleischimmitate gibt. Wer Fleisch essen will, soll das tun, wer auf Fleisch verzichten will, der soll das tun. Fleischimmitat aus dem Supermarkt an der Ecke ist etwas für Möchtegern-Veganer. Verzichten ohne Verzicht. Also eigentlich kein Verzicht, sondern eine Bestärkung der Konsumhaltung, keine Reflexion.

Denn Fleischimmitat macht einen nicht zu einem guten Menschen. Im Gegenteil, Fleischimmitat verwässert den veganen Gedanken aus Respekt keine tierischen Produkte zu verwenden. Bei Fleischimmitat wird der humanistische Gedanke schlicht durch Egozentrik ersetzt. Man macht das für sich, nicht wegen des Tieres.

Es ist schlicht ein Trend, wie bei den Light-Produkten: Schokolade fressen wollen, aber die Kalorien nicht. Kann man machen, wenn man sich der Erkenntnis verschliesst: Schokolade ist Schokolade, aus Milch, Zucker und Kakao. Es ist nunmal so.

Beim Schnitzel ist es genauso. Schnitzel ist nunmal Schnitzel. Und ein Döner ist ein Döner. Ein altes traditionelles Essen, das Fleisch beinhaltet. Es ist ein Stück Kultur. Mir erschliesst sich der Sinn eines veganen Döners nicht. Klar kann man andere Sachen auf ein Fladenbrot tun und das schmeckt super. Aber es ist halt kein Döner.

Wenn ich also entscheide auf etwas zu verzichten, dann liegt für meine Persönlichkeit die Betonung auf dem Verzicht, nicht auf der Sache, auf die ich am Ende verzichte. Ich treffe eine Entscheidung für oder gegen den Verzicht. Und zwar im besten Fall aus wohlüberlegten Gründen.

Fleischimmitat jedoch führt dazu, dass 20% Veganer (die sich aus Respekt gegenüber dem Tier) für den Verzicht entscheiden und auch generell eine respektvoll ausgerichtete Lebensweise haben, dann 80% Möchtegern-Veganer gegenüber stehen, denen die Tiere im Grunde egal sind, weil sie sich eh aus egoistischen Gründen für veganes Essen entscheiden. Diese Menschen setzen sich nicht für eine Verbesserung der Tierhaltung ein, sondern sehen bewusst weg – mit gutem Gewissen.

Diese Menschen machen sich keine Gedanken über ihre Lebensweise, über Humanismus oder eine Verbesserung der Gesellschaft. Diese Menschen wollen schlicht weiter blödsinnig konsumieren ohne sich überhaupt Gedanken zu machen. Es gibt keine Auseinandersetzung, keine Reflexion, man will sich als guter Mensch fühlen, ohne einer sein zu wollen. Total absurd.

Gleichzeitig kämpfen aber Veganer für eine Verbesserung der Welt nach ihren Vorstellungen. Wäre ich Veganer, mich würde dieser blöde Supermarktveganismus aufregen, denn eine Bewegung, die von Möchtegernbewegten unterlaufen ist, verliert an Schwung und Überzeugungskraft. Wenn nur jeder 5. authentisch argumentieren kann, wie soll man denn mit den 80% träger Masse etwas bewegen, neue Anhänger für die Sache gewinnen?
Es ist Verblödungskonsum auf einem neuen, höheren Level. Mehr nicht. Und Wurstimmitat ist noch nichtmal gesünder.


Und da kommt wieder die Mutter ins Spiel, die ihrem Kind veganes Salitmbocca serviert. Ich finde das falsch.

Es ist wie mit der religiösen Erziehung.
Erklärt man es gut, bindet es ins täglische Leben so ein, dass man nach religiösen Regeln authentisch lebt, LEBT man seine Religion, so kann sie Halt und Sicherheit und Gemeinschaft geben und das Leben verbessern – auch das des Kindes.

Konsumiert man Religion, entwickelt das Kind keinen Glauben, der es trägt, sondern lernt nur die Konsumhaltung. Das ist das Gegenteil von Aufklärung und Humanismus und Reflexion und wird zurecht in der Kindererziehung scharf kritisiert. Veganismuskonsum ist aus dem gleichen Grund ebenso scharf zu kritisieren.

Entscheidet sich ein Mensch für eine Lebensweise, hat er seine Gründe. Einem Kind, das zum Konsum, nicht zur Reflexion und Entscheidungsfähigkeit erzogen wird, nimmt man die Wahl. Ich finde das falsch.

Denn es ist eben so. Saltimbocca ist nunmal aus Fleisch. Veganes Saltimbocca gibt es nicht. Das muss man dem Kind sagen. Man kann einem Kind auch ein veganes Gericht kochen, ohne ihm Immitate als etwas Echtes zu verkaufen, denn ein Kind ist auf die Erwachsenen angewiesen, die es auf diesen Unterschied hinweisen. Ein Kind hält zunächst alles in seiner Umgebung für echt.

Abgesehen davon muss man auch immer wieder erwähnen, dass Milliarden Menschen auf dieser Welt vegetarisch und nahezu vegan leben, aus religiösen Gründen, oder weil es eben nicht oft Fleisch gibt – strukturell bedingt. Nur wir im reichen Westen schaffen es, daraus eine Möchtegern-Trend-Lebensweise zu machen.
Das Gute ist aber, wenn Milliarden Menschen seit jeher ohne (viel) tierische Produkte auskommen, so konnten sich unzählige traditionelle Rezepte für jeden Geschmack entwickeln. Vorwiegend mit Gemüse, nicht mit Seitan. Aber um diese kennen zu lernen muss man sich natürlich für andere interessieren, nicht nur für sich selbst.

Schade, dass manche Menschen das verpassen.


Wirklich erschreckend finde ich aber die höchst bedenkliche Entwicklung des Guten-Lebens-Trendes. Es ist tatsächlich ein lähmendes Pseudo-Gutestun, die Kreation eines guten Gewissens durch Wegschauen, was jegliche Entwicklung zu einem Besseren Leben im Keim erstickt. Wer keinen Grund hat, etwas zu Verbessern, der wird nicht auf die Idee kommen für eine Idee oder eine konkrete Sache zu kämpfen.

Freitag, 22. Juli 2016

Wenn Fremde Mütter bestimmen

Ich habe nun schon mehrere Texte im Netz gelesen, in denen Mütter sich rechtfertigen (hier und hier zum Beispiel), weil sie ihre Kinder um acht Uhr ins Bett schicken, ihnen die Mediennutzungszeiten einschränken oder gar um 18 Uhr alle zusammen Abendbrot essen, was der Kühlschrank halt hergibt. Mütter, die nicht gerade dadurch aufgefallen sind bisher, dass sie uninformiert, unreflektiert oder besonders autoritär wären. Dennoch meinen sie sich in aller Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen und bekunden, ihre Kinder doch zu lieben und ihr bestes zu tun, dass es den Kindern so gut wie nur irgend möglich gehe, nur eben nicht 1:1 dem ‚unerzogen’-Weg folgen. Ein Text, den ich besonders 'unschön formuliert' finde, ist auf elternmetamorphose zu finden.

Ich bin darüber sehr traurig.

Ich bin nicht wütend, denn ich sortiere meine Filterbubble sehr gut. Ich mute #unerzogen einfach. Und es gibt ja doch einige Stimmen die sehr eloquent die Art und Weise, wie dieser Diskurs geführt wird, kritisieren und zur Mäßigung aufrufen (hier und hier z.B.). Aber ich bin traurig.

Traurig über die geringe Wertschätzung, die liebende Eltern von anderen liebenden Eltern entgegen gebracht wird.

Traurig, dass mal wieder alles für die Kinder getan werden soll, die Mütter dabei allenfalls die sind, die an irgendwas Schuld haben und noch mehr an sich arbeiten müssen. Die Mütter selbst sind offenbar nie ok so, wie sie sind, die Kinder aber wohl immer.

Traurig, dass Prügelstrafe erstmal ohne Relativierung provokativ gleichgesetzt wird mit ganz normalen Regeln, die im Familienverband gelten.

Traurig, dass gleichwürdig nur die Kinder sind, nicht aber andere Mütter. Denn was anderes bedeutet es, wenn einige wenige ihr Weltbild als das einzig wahre präsentieren und missionarisch andere dominieren wollen? Das stellt sich mir als Machtmissbrauch vom Feinsten dar.

Traurig, weil Toleranz offenbar nur gewollt ist, solange man selbst toleriert wird, nicht aber wenn man andere tolerieren muss.

Traurig, dass vielleicht ganz interessante Gedanken wieder einmal so hinausgebrüllt werden, dass eine Diskussion gar nicht erst stattfinden soll. Differenzierung wird so verunmöglicht und all die Grautöne, die ja real in den Familien gelebt werden, bestenfalls ignoriert.

Traurig, dass Pädagogik nie in einem vernünftigen biologistischen Sinne diskutiert wird, zumindest nicht von Pädagogen.

Traurig, dass man offenbar nicht glaubt, dass Eltern sich anstrengen für ihre Kinder gut zu sorgen. Im Propagieren einer überlegenen Methode steckt ja gleichfalls die Implikation, dass man sich eben nur noch nicht gut genug angestrengt hat, weil man das Optimum noch nicht erreicht hat. Das ist eine wunderbare Methode andere zu demütigen.

Traurig, dass wir unseren Kindern nicht zutrauen glückliche, selbstständig denkende und handelnde Erwachsene zu werden, nur weil wir dies nicht, oder jenes so machen.

Traurig, dass dieses Thema der Fremdbestimmung so absolut diskutiert wird, denn wir alle unterliegen zu jeder Zeit einer Menge struktureller und persönlicher Fremdbestimmung. Ich kann nicht erkennen, was daran per se schlecht sein soll.

Es macht mich auch traurig, dass sich freundliche Menschen nun nen Kopf machen, ob sie ihren Kindern nicht schaden, nur weil eine minikleine Zahl von Müttern durch das Internet ein Forum hat, ihre doch recht radikale Minderheitenmeinung besonders laut herauszuschreien. Zu meiner Zeit sagte man dazu: don’t feed the trolls.

Auch wenn das kein besonders großer Trost ist:
Liebe Mitmütter,
solange ihr euch um eure Kinder sorgt, solange ihr reflektiert und euch in dem euch möglichen Maße um eure Kinder kümmert, solange ihr euren Kindern regelmäßig zeigt und ihnen sagt, dass ihr sie liebt, solange seit ihr hervorragende Mütter!
Traut euch zu, eure Kinder zu genießen, aber vergesst euch nicht! Ihr schadet niemandem, wenn ihr eure Kinder abends ins Bett schickt, um noch eine Stunde für euch selbst zu haben! Ihr schadet niemandem, wenn ihr eure Kinder mit Regeln großzieht, die jedem Familienmitglied das Leben erleichtern! Ihr macht euch selbst und somit der ganzen Familie das Leben schwerer, wenn ihr euch nur Selbstvorwürfe macht, weil ihr meint nicht gut genug zu sein!
Habt Vertrauen in EUCH, meine lieben Mütter! Habt Vertrauen in eure Fähigkeit den Entwicklungsstand eines jeden Familienmitgliedes einzuschätzen und ihm den passenden Rahmen dafür zu bieten. Macht euren Kindern situationsbedingte Grenzen und eure Grenzen klar, denn der eine Gedanke hat immer noch Gewicht: Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt.
Dieser Gedanke wurde von mehreren Personen auf unterschiedliche Weise formuliert (am bekanntesten wohl von Kant oder Holmes), auf diesem Gedanken wurden seit der Aufklärung ganze Nationen aufgebaut. Die Grundlage dieses Gedanken ist aber ein klares Zusammenspiel von Freiheit und Regeln, die von allen eingehalten werden müssen. Es geht dabei keineswegs um eine einseitige Unterlassung von Gewalt.

In diesem Sinne, liebe Mütter, lasst euch nicht fremdbestimmen, sondern bestimmt selbst, was für euch und eure Familie richtig und gut ist und wie ihr eure Kinder erziehen wollt!


Und an die Mütter, die ‚nur mal sagen wollten, wie sie es zu Hause (richtig!) machen’, ihre Lebensweise aber als Optimum definieren und/oder andere Lebenswirklichkeiten vorwurfsvoll kritisieren: Respekt funktioniert in beide Richtungen. Probiert es mal aus, man kann sich gegenseitig respektieren, wenn man denn will.




Donnerstag, 14. Juli 2016

Gott gebe, dass es klebe.

So ein Spruch aus meiner Kindheit. Woher, von wem gehört - ich weiss es nicht mehr. Aber er drückt für mich eine klare Botschaft aus:
Es ist nicht alles in unserer Hand.

Gemeint ist natürlich: Gott wird es richten und uns wissen lassen, ob es richtig war, was wir gewollt und getan haben, oder nicht.

Nun arbeite ich ja weder mit einer Vorstellung von Gott, noch mit Begriffen wie Schicksal. Ich denke eher in der Begrifflichkeit des Zufalls, oder wie ich es nenne 'es ist halt so, irgendwas wird schon passieren'. Dennoch bin ich ziemlich schicksalsergeben, man könnte auch sagen, ich akzeptiere halt, was passiert, wenn ich's nicht instantan ändern kann. Verbesserungsstrategien und Lösungen sind für mich eher Mittel zur langfristigen Planung.

Ich denke, ich kann meinen Weg auf lange Sicht verändern, Dinge verbessern etc. Kurzfristige Problemlösung halte ich in 80% der Situationen für sinnlos, denn wenn man etwas abwartet und die Situation mal genau anschaut lösen sich eben 80% der Probleme von selbst, wenn sich alle Beteiligten halbwegs an vereinbarte Regeln halten.

Ich bin schon der Typ 'Verbessern wo's geht', aber eben auch 'abhaken, wo's sich das Eingreifen nicht wirklich lohnt'. Übertragen gesprochen: eher die Ernährung umstellen, als ne 2-Wochen-Diät.

Wie komme ich jetzt darauf? Also, ich versuch's mal zu erklären.

Ich ging in einen Rückbildungskurs und ich muss sagen, ich hab mich direkt nach der ersten Stunde wieder abgemeldet. Ich hab die Mütter nicht ertragen. Nicht, weil die so grässlich waren, sondern weil ich über die Metaebene nachdenken muss und mir die Müttergeschichten die Konzentration rauben.

Neomütter. Noch voll im Rausch der Geburtsverarbeitung. Nicht, dass mich das als alten Hasen nervt, ich gehe 3x die Woche mit einer Mutter aus dem Kurs spazieren (so klischeehaft mit Kinderwagen schieben und Kaffee-to-go). Sie hat einen ähnlichen Geburtsverlauf wie ich bei T1 erlebt und sie ist aber nicht aufdringlich. Ganz wichtig bei mir…

Jedenfalls ich hab ja meine Geburten tatsächlich nun abgehakt und man könnte meinen ich sei durch mit dem Thema. Tatsächlich dachte ich das auch, aber ich komm nicht von der Frage der selbstbestimmten Geburt los.

Ich würde ja sagen, meine Geburten waren alle so selbstbestimmt, wie es nur ging, aber auch das Gegenteil trifft zu. Ich konnte nullkommagarnichts bestimmen. Und darüber möchte ich eigentlich schreiben.

Die Fragen dazu, die mich umtreiben:
Warum haben Frauen Angst vor der Geburt?
Warum erleben Frauen Geburten als Eingriff von außen?
Warum traumatisieren Geburten einige der Frauen?

Die pauschalen Antworten sind natürlich einfach: Angst vor Schmerzen, Angst vor Geburtsschäden/Fehlern, Überforderung in Bezug auf die Verantwortung.

Und nun hole ich etwas weiter aus.

Gottergebenheit ist und war unter uns Menschen nur bei den wirklich gläubigen jemals Trend. Der Rest begnügte sich mit dem Schicksal - irgendwer wird irgendwas schon richten, ob's jetzt Gott ist oder sonstwer. Heute ist man ja eher selbst verantwortlich für sein Schicksal (im besten Falle) oder man macht gleich alles Mögliche direkt von der eigenen Person abhängig. Am liebsten Dinge, die man haben möchte und gut kann. Schuld und Verantwortung sind immer blöd, wenn man eben selbst Schuld ist, darum macht man die lieber am Mitmensch fest. Ja und das Selbstoptimieren ist ja ganz groß zur Zeit. Ey, wenn du krank wirst, dick bist, blöd oder ungebildet, einsam oder süchtig - klarer Fall: biste selbst Schuld! Hättet ja bloss alles besser machen müssen! Musste dich halt auch mal anstrengen!

Ein beschissenes Argument, möchte ich mal sagen, dass auf den ersten Blick von der modernen Genetik auch noch untermauert wird. Ich hasse es. Denn klar, mit noch MEHR kann man IMMER BESSER! Nur, dass das eigentlich gar nicht stimmt, denn immer noch optimaler untergräbt unser Selbstbewusstsein, unser Ego und auch unsere Menschlichkeit und Solidarität. Viel diskutiertes Problem in Bezug auf Krankenkassenleistungen. Aber auch in Bezug auf Schwangere und Mütter.

Ja wir tragen Verantwortung. Für uns selbst, für die Mitmenschen und auch für unsere Babys. Und 'optimal' wird leider nur in Bezug auf das Kind, nicht auf die Mutter verwendet. Wen interessiert denn schon die Gebärmaschine? Das Kind ist die Zukunft, nicht die Mutter.

Diese Herabwürdigung ist ein großes Problem, finde ich. Die Wertigkeit der Mutter wird verändert und das ist ein gesellschaftliches Problem. Es geht fortan nicht mehr darum, auch mal etwas zu akzeptieren, oder mit vorhandenen Ressourcen zu arbeiten, sondern wenn was nicht perfekt ist, so hat die Mutter Schuld. Die hat ja die Verantwortung. Den Bogen zu Überforderung und Ängsten muss ich da gar nicht erst mehr spannen.

Bei Vielen setzt erst Schockstarre ein und dann geflissentliches Befolgen irgendwelcher Regeln in Ratgebern oder von medial präsenten Pädagogen. Natürlich wird in diesen Foren stets betont, eine Mutter wisse schließlich am besten, wie ihr Kind sei und was zu machen sei. Äh ja genau. Aber sie das machen lassen, was sie will, das lässt man sie eben dann doch nicht, weil wenn sie dann doch etwas nicht gut macht, dann ist die Persönlichkeit und Vertrauen und die kindliche Psyche generell versaut. Das arme Kind!

Man predigt also Selbstbestimmung unter kontrollierten Bedingungen. 

Ich. mag. das. nicht!

Mittwoch, 29. Juni 2016

Die Abwiegelstrategie, oder wie mich das Leben zurecht gestutzt hat

Ich hole die Kinder vom Kindergarten ab und freu mich schon. Ich bin recht gut drauf. Da kommt doch die Kindergärtnerin meines Vertrauens, die meine Kids von Beginn an in diesem Kiga begleitet und sagt: 'Wissen Sie, Sie sind ja die geborene Mama. Ich find das so schön Ihren Kindern zuzuschauen, die sind richtig glücklich und ganz tolle Kinder.'

Bäm.

Und ich antworte: 'Ja, die machen es einem ja auch total einfach. Die schlafen super und hören gut und zu Hause bin ich aber auch strenger, als es hier den Anschein haben mag. Da muss ich ja die Kinder irgendwie unter einen Hut bekommen.'

Wir unterhielten uns dann noch ein bisschen. 

Abends im Bett kamen mir dann auf einmal die Tränen. Ich fing an darüber nachzudenken, wann ich so… so kaputt gegangen bin? Da wollte mir die Frau nur ein wirklich nettes spontanes Kompliment machen und ich Depp komm nicht auf die Idee mich einfach zu bedanken oder das anzunehmen. Nein, ich schieb alles auf die Kinder und die Umstände und überhaupt. Als ob ich sonst schon genug Komplimente und Anerkennung für mein Tagwerk bekäme! 

Und da ging mir auf, wie bescheuert ich reagiert habe. Dass es mir schon fast peinlich ist, wenn man meine Kinder für toll befindet. Und im Übrigen bekomm ich oft von Wildfremden Komplimente in der Strassenbahn oder im Restaurant oder im Supermarkt. Weil meine Kinder meist friedlich sind, Geschichten erzählen, ruhig spielen, mithelfen oder ihre Schokolade freiwillig teilen und bei uns Damen meist gute Stimmung herrscht.

Aber keines dieser Komplimente berührt mich. Ich nehme das voll nicht persönlich. 

Warum eigentlich nicht?

Zum Einen wohl, weil ich tatsächlich glaube, dass meine Kinder einfach schon so super auf die Welt kommen. Keine Ahnung, woher ich das habe, aber ich hab immer das Gefühl, je mehr ich mich raushalte und sie in Ruhe lasse, desto besser für alle. Es ist also nicht mein Verdienst und so beziehe ich auch Komplimente nicht auf mich oder meine Leistung als Mutter.

Zum Anderen ist mir mein Ego abhanden gekommen. Gar nicht so sehr durch die Fremdbestimmung der Babyjahre, sondern eher durch das permanente Runterbügeln meiner Person seit ich Kinder habe. Das fing bei T1 an und heute braucht man mich schon gar nimmer angreifen. Ich trau mich ja so schon nimmer zu sagen, dass ich grad mit Baby daheim sitze und den lieben langen Tag nix anderes mach als Waschen und Wickeln. In meinen eigenen Augen ist mir der Wert dafür schon ganz abhanden gekommen, so sehr hab ich mir die Herabwürdigungen zu Herzen genommen. 

Privat hab ich mir zwar auch einiges anhören müssen, aber vor allem beruflich hab ich in den letzten 5 Jahren nur Prügel bezogen. Dabei hab ich arbeitstechnisch kaum Fehler gemacht. Es lief nur so: Mach ich alles richtig, bekomm ich kein Lob mehr sondern erfüll ja lediglich die Erwartungen. Schulterklopfen und Karriere sind eh unnötig, wegen der Kinder. Aus der Schiene bin ich ja nun eh raus - hab ich ja selber so gewollt… Sobald ich aber auch etwas nur ansatzweise nicht perfekt gemacht habe gab's richtig eine auf die Nuss. Weil, war ja klar, dass ich das alles nicht gebacken krieg.

Und so lag ich da nachts, und fragte mich, warum ich um alles in der Welt dieses nette Kompliment nicht annehmen kann. 

Mir war nicht bewusst, dass es bereits so schlimm ist. Und ich denke auch immer, es ist ja eigentlich gar nicht schlimm. Ich führe ein in höchstem Maße, auch für deutsche Verhältnisse, privilegiertes Leben. Warum also sollte ich mich beschweren.

Und dann weiß ich wieder, warum. Weil ich nämlich die einzige in meinem Umfeld bin, die kein Ego mehr hat. Dieses 'Selbstwirksamkeitsgerede' und dieses 'Selbstbestimmung' sind mir inzwischen völlig fremd. Ich frage mich sogar, ob es verantwortlich ist, den Kinder zuerst groß die Selbstbestimmung näher zu bringen, um dann in ein paar Jahren zusehen zu müssen, wie sie untergebuttert werden. In so vielerlei Hinsicht ist diese viel besungene Selbstbestimmung nämlich blanker Hohn und eine Illusion. Die wenigsten Menschen können namhafte Teile ihres Lebens selbst bestimmen. In Wirklichkeit interessiert sich niemand für die Meinung einer einzelnen Durchschnittsmama. Vielleicht gibt es darum so viele Mamablogs, damit man doch auch mal ein Forum findet seine Meinung kund zu tun. Weil halt sonst keiner zuhört…

Jedenfalls muss ich zugeben, komm ich mir noch wertloser vor, seit ich darüber nachdenke, warum meine Arbeit in meinen eigenen Augen so wenig Wert besitzt. Und das zeigt mir ganz klar: ich bin jetzt wirklich lange genug zuhause rumgesessen beim Waschen und Wickeln. Nach dem Baby muss ich mir definitiv eine Aufgabe suchen, die mich mehr fordert, damit ich zumindest für mich selbst wieder eine Herausforderung habe, ob jetzt beruflich oder als Hobby. Aber Baby und Haushalt ist offensichtlich nicht mehr spannend genug für mich. 

Und all das zeigt mir auch, wie sehr ich kognitive Herausforderungen brauche, denn KLAR BIN ICH EINE SUPER MAMA! Alles was ich mache, mache ich mit viel Liebe und Aufmerksamkeit und sehr gut. Das ist nix Neues für mich. Nur die depperten Chefs und Kollegen, die ich bisher hatte, die meinten das übersehen zu müssen, weil ich ja Kinder habe. Idioten. Allesamt.

Montag, 27. Juni 2016

Von der Unmöglichkeit gewaltfreier Kommunikation

Wir wünschen uns das alle, gewaltfreie Kommunikation. Im Büro, im Strassenverkehr und vor allem zu Hause. Ein frommer Wunsch, wie ich finde, denn in meinem Leben gibt es nicht viel respektvolle Kommunikation. Gab es nie und so mancher wird sagen, darum gibt es sie auch in der Gegenwart und Zukunft nur spärlich. Aber das stimmt nicht.

Ich bemühe mich unaufhaltsam meine Kommunikation zu verbessern. Allein, es scheint niemand darauf zu reagieren. 

Im Beruf habe ich die Erfahrung gemacht, dass mich alle für den gutmütigen Deppen halten, wenn ich nicht eine gewisse Schärfe an den Tag lege. 

Zu Hause scheitere ich oft an der Reaktion der Kinder, vornehmlich bei T1. Sie macht schlicht wirklich was sie will, wenn ich nicht zumindest sehr deutlich werde. Und nein, das geht schlicht und einfach nicht. Sie darf nicht ihre Schwester mit Holzspielzeug hauen, sie darf nicht non-stop Filme schauen oder Handy spielen, sie muss essen, was es eben zu Essen gibt und darf nicht von Schokolade leben, sie muss abends ins Bett und darf nicht prinzipiell aufbleiben bis wir Eltern ins Bett gehen, sie muss ihre Jacke aufhängen und Händewaschen und vieles mehr. Sie darf viel entscheiden, aber sie hört auch viele Ermahnungen und Verbote.

Das ist soweit normal und auch ok. Allerdings gelingt es mir nicht, sie freiwillig davon zu überzeugen, das Handy wegzulegen oder eine Banane statt Gummibärchen zu essen. Ich muss das durchsetzen. Also lasse ich die Kinder den Speiseplan erstellen und wir achten darauf, dass es nicht zu ungesund wird. Wenn ich dann aber Spaghetti Bolo gekocht habe und sie beschließt, nach 3 Bissen den offensichtlich verdienten Nachtisch zu wollen, dann wird es heikel. Denn dann gibt es kein Argument, dass sie davon überzeugt, sich erst am eigentlichen Essen satt zu essen. 

Meine innere Stimme sagt dann 'Das kommt schon davon, wenn man die Kinder frei essen lassen will, wie sie es bestimmen.' Dieser inneren Stimme folge ich dann nicht. Ich will es ja richtig machen. Allerdings bin ich auch nicht bereit einer fast 5jährigen dann nachts die verlangten Kakaofläschchen zu machen. Also suche ich den Kompromiss. 

Zur Zeit stehen leider Kompromisse von der Mama nicht hoch im Kurs bei T1. Und ich bin wie schon erwähnt etwas dünnhäutig. Was also tun?
Es läuft in etwa so ab:
- Iss bitte noch so viel, dass du heute nacht nicht hunger bekommst und weinen musst. 
- Nein. Ich will Pudding.
- Pudding gibt es aber erst zum Nachtisch, wenn man sich satt gegessen hat.
- Ich will aber meinen Pudding du blöde Mama!
- Du bekommst deinen Pudding, wenn du noch 10 Löffel isst.
T1 isst 2 Löffel.
- Ich will jetzt meinen Pudding!
- Das waren erst 2 Löffel. Du hast höchstens 4 Löffel insgesamt gegessen. Ich hatte gesagt nach 10 Löffeln bekommst du den Pudding.
- Nein! Ich will das nicht. Das schmeckt mir nicht!
- Du hattest dir Spaghetti ausgesucht.
- Ich will etwas anderes! Ich will Waffeln!
- Ich hab jetzt keine Waffeln. Es gibt Spaghetti. Du kannst auch ein Brot haben.
- Nein! Ich will das nicht! Ich bin selber groß und kann bestimmen! Nie darf ich was bestimmen! Ich will Pudding.
- Nachtisch gibt es aber erst, wenn wir mit essen fertig sind und uns satt gegessen haben.
T1 steht auf, kommt zu mir und haut mich auf den Arm.
- Hör sofort auf mich zu hauen! Ich will das nicht.
- Du gemeine Mama!
T1 haut mich nochmal.

An dieser Stelle bin ich regelmäßig hilflos und hier endet auch der Versuch ruhig und gewaltfrei zu bleiben.
Es folgt ein klares Nein von meiner Seite, ich schicke sie aufs Sofa bis sie sich beruhigt hat oder versuche sonstwie zu deeskalieren. Es geht nicht. Sie fängt an zu heulen und weiterhin zu hauen. 

Diese Tage, an denen sie komplett austickt sind anstrengend für mich. Ich schreie, wenn es mir zu viel wird. Ich versuche auch regelmäßig dem Kind klar zu machen, dass ich sie verstehe und dass jetzt aber meine persönliche Grenze erreicht ist. Das scheint sie aber nicht verstehen zu wollen oder zu können. 

Generell können meine Kinder meine Grenzen nicht respektieren, auch wenn ich mehrmals deutlich klar stelle, dass ich nicht mehr weiter kann. Sie können nicht reagieren und das macht es mir sehr sehr schwer. Denn ich als Mutter muss nicht alles schlucken, was meine Kinder mir auftischen. 

Ich will nicht gehauen werden, oder getreten. ich will nicht, dass man mit Essen nach mir wirft etc. Nur, wenn ich das klar so sage, veranlasst dies meine Kinder nicht, damit aufzuhören. Das mag auch soweit normal sein, aber wie reagiere ich dann? Ich kann STOP sagen, sogar schreien, aber das hilft wenig. Ich kann den Raum verlassen, dann fängt mindestens eine Tochter an zu weinen, also muss ich wieder zurück und Trösten. Das verlangt mir wirklich viel ab. Ich kann Drohen und Verbote aussprechen, was ich manchmal auch tue, aber natürlich ist das keine Lösung und macht auch nix besser. Jedoch steigt in solchen Situationen mein Bedürfnis eine Strafe auszusprechen rasant. Ich möchte dann eigentlich nur noch, dass endlich Ruhe ist, kein Geplärre mehr, kein Hauen. 

Wenn T1 einmal hochdreht, dann schreit sie oftmals eine ganze Stunde lang und kann sich kaum beruhigen, denn dann ist jedes Geräusch, jede Bewegung der Schwester Anlass genug umso lauter zu heulen. Es ist richtiges Plärren, das einen irgendwann wahnsinnig macht. 

Ähnlich ist es beim Schlafen gehen. Selbst entscheiden lassen, wann sie sich fertig macht und schlafen geht kann ich nicht. Freiwillig zieht sie sich noch nicht einmal aus und ich kann mich nicht ausschließlich um sie kümmern, denn ich muss T2 fertig umziehen und hab ein Baby auf dem Arm. Also beginnen wir mit ständigem Wiederholen der Bitte sich nun auszuziehen. Ich kann dann drohen oder mit Belohnungen locken. Beides gleich weit weg von dem, was ich mir wünsche. Ich kann dann irgendwann schreien. Es nutzt nix.

Solche Tage sind nicht die Regel, aber seit T3 gibt es sie gehäuft. Bei allem Verständnis, ich habe gerade nur selten den Nerv dazu. Allzu oft bin ich abends total erledigt von den andauernden Kämpfen. Es ist das Alter, es ist die Umstellung mit Baby - ich weiß. Und doch ändert es nichts daran, dass ich oft nicht weiter weiß. Wenn T1 eskaliert kann ich sie nicht aufhalten. Und ich kann es nicht unbegrenzt aushalten. Sie muss lernen, dass ich mit STOP auch STOP meine. Gewaltfreie Kommunikation hat mich diesem Ziel jedoch kein Stück näher gebracht. 

Ich sage nur 'Es reicht!' wenn es mir tatsächlich reicht. Zur Zeit jedoch interessiert sich T1 nicht für das, was ich sage. T2 sagt wenigstens noch nein, wenn ihr was nicht passt. T1 ignoriert mein Gerede. Zu gern würde ich sie auch mal ignorieren. Mach ich natürlich nicht. Wenn ich aber nach einem Streit sage, dass ich kurz meine Ruhe bräuchte, dann wird auch diese Bitte ignoriert. Das macht wiederum mich aggressiv, denn ich brauche manchmal eine kurze Pause und T1 wird jetzt 5 Jahre alt. Sie weiß, was eine Pause ist. Sie selbst fordert sie oft für sich ein. 

Und so versuche ich möglichst ruhig zu bleiben, geduldig, liebevoll und gerecht. Aber wenn mir jemand gewaltfreie Kommunikation predigt, dann kann ich nur mit dem Kopf schütteln. In meiner Familie gibt es sowas nicht. Egal wie sehr ich mich bemühe und welche Formulierungen ich benutze. Abgesehen davon ist mir auch noch nie jemand begegnet, der etwas von mir wollte und mich völlig gewaltfrei behandelt hätte. Und schon gar nicht unter Erwachsenen…




PS: Ich möchte hier ausdrücklich nicht die 'unerzogen-Fraktion' auf den Plan rufen. Ich habe mich damit etwas beschäftigt und möchte meine Kinder so nicht erziehen. Danke.

Montag, 6. Juni 2016

Eins, zwei, drei, vier… viele!

'Ja und macht ihr jetzt weiter, bis ein Junge kommt?'

Diesen Satz höre ich ständig. Darüber kann man sich jetzt aufregen, oder man kann einfach akzeptieren, dass sich mein Gegenüber gar nicht wirklich für die Antwort interessiert, sondern in seinen eigenen Sphären schwebt und da auch nicht rauskommen mag - wieso auch immer. Ich persönlich schließe daraus einfach nur, dass mein Gegenüber eine Niete im Smalltalk ist. Also was soll's. Und so antworte ich: 'Nein, drei ist eine gute Zahl.'

Traurig macht es mich dennoch, denn ich würde gerne irgendjemandem erzählen, warum es nicht zu weiteren Kindern kommen wird. Es gibt nämlich handfeste Gründe dafür.

An den Babys selbst liegt es nicht. Meine Kinder waren bisher sehr elternfreundlich und problemlos, also muss ich zugeben, von der Sorte würde ich durchaus noch ein paar nehmen.

Unsere Familie fühlt sich auch keineswegs so komplett an, dass weitere Kinder nicht in Frage kämen. Wir wollten immer viele Kinder. Bei 5-6 würde ich in jedem Fall aufhören wollen, aber an sich ist so ein ganzer Bus voll Kinder nichts schlechtes.

Die Arbeit - das ist natürlich so eine Sache. So viele Kinder muss man sich ja leisten können und dafür muss man arbeiten und.. ach ihr wisst schon… Viele Kinder und arbeiten, einfacher wird's dadurch auch nicht. Aber auch das würde mich nicht ernsthaft vom Kinderkriegen abhalten.

Es gibt genau 2 Gründe, die mir diese Entscheidung, keine Kinder mehr zu bekommen, nahelegen.

Zum Einen ist da die Schwangerschaft. Die letzte war zum abgewöhnen und ich fürchte fast, eine weitere würde mir die letzte Kraft rauben. Ich kann und will das nicht noch einmal und es steht ja doch zu befürchten, dass es mit meinem Körper nur noch heftiger und nicht einfacher würde. Irgendwo ist die Grenze nunmal erreicht und die muss man dann auch akzeptieren.

Zum Anderen ist da mein Gefühl. Ich habe das sehr starke Gefühl, dass es ein viertes Mal nicht gut gehen würde. Das war bei den vorherigen Schwangerschaften ganz anders. Ich hatte so eine innere Gewissheit, alles würde gut, das Kind sei gesund, alles super. Aber schon vor der 2. Schwangerschaft kam bei mir der Gedanke auf, bis Nr.3 sei alles ok und dann gäbe es Probleme. 
Fragt mich nicht, was sich mein Gehirn da zusammen spinnt. es ist eben so. Ich bin überzeugt, ein viertes Kind wäre eine Katastrophe. Und ich rede hier nicht über Trisomie 21 Risiken aufgrund meines Alters. Ich denke dabei spontan an sehr viel schwerere Behinderungen und Beerdigung. 

Irgendwas sagt mir, ich sollte ab jetzt die Finger vom Kinderkriegen lassen und mich mit dem Kinderhaben begnügen. 
Also ich bin gar kein esoterischer Mensch und ich weiß, dass das ja irgdwo auch Hirngespinste sind, aber ich hätte keine ruhige Minute bei einer erneuten Schwangerschaft. Es ist einfach in meinem Kopf drin. Eine Art Vorahnung. Gerade bei mir… tzzzzzz.

All das war bisher kein Thema, weil ich ja erst jetzt an den Punkt komme, wo diese Gedanken relevant werden. Nicht, dass ich etwas geplant hätte, aber ich habe ja nun drei gesunde Töchter. Und ein weiteres Kind ist nicht erst Thema, wenn es an die konkrete Umsetzung geht. Es ist für mich ein Thema, weil ich merke, dass ich ziemlich trauere und sehr oft denke 'du machst das hier zum letzten Mal'… 

Das letzte Mal ein ganz kleines Baby. Das letzte Mal die ganz kleinen Babysachen anziehen. Das letzte Mal all die ersten Male. Kein weiteres Baby im Babybettchen, im Babysitz, in der Babywanne… 

Das tut mir weh. An manchen Tagen mehr, an manchen Tagen weniger.

Der Trüffel ist dabei keine Hilfe, denn er nennt meine Ängste tatsächlich Hirngespinste. Aber er muss die Kinder ja auch nicht kriegen. Nur die Schwangerschaftskomplikationen lässt er als Argument gelten, weil es diesmal schon so schwierig war. Und auch, weil er sich tatsächlich einen Jungen wünschen würde. Warum kann er allerdings nicht sagen.

Ich wünsche mir weiterhin keinen Jungen. Aber das kann ich anderen ja nicht sagen, dass ich lieber Töchter habe als Söhne. Darf man ja heut nicht. Nicht wegen der Söhne, sondern wegen der anderen Mütter, die Söhne haben. Dass mir die Identifikation mit Töchtern leichter fällt und ich mich einfach nicht mit Sohn sehe ist aber nur ein Scheinproblem. Schließlich habe ich ja nur Töchter.

Ich habe jetzt die nächste Windelgröße gekauft. Noch ein letztes Mal. Ich räume die nächste Kleidergröße ein. Am liebsten würde ich das Zeug direkt verkaufen, damit ich es nicht mehr um mich haben muss. Selbst ein Karton im Keller ist mir zu viel. Aber der Trüffel will nicht. Er will das Kinderkriegen noch nicht aufgeben und sich schon gar nicht damit auseinander setzen, nur noch letzte erste Male zu haben. 

Aber der muss die Kinder ja auch nicht kriegen.

Hoffentlich kriegt er mich nicht doch noch rum, es noch einmal zu versuchen.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Eine Woche auf der Woche

Vor der Geburt habe ich eine ganze Woche auf der Geburtsstation verbracht als Patientin. Ich möchte heute berichten von den Frauen, die mir dort begegneten. Mit vier Frauen teilte ich ein Zimmer. Die Geschichten aller haben mich tief berührt. Sie waren denkbar unterschiedlich und ich muss zugeben, sie haben mich mit der verallgemeinernden Welt der Mütter und Mythen versöhnt.

Frau A
Eine Frau Anfang 30, Akademikerin, Ende der 1. Schwangerschaft mit Komplikationen.

Sie war sehr nett und rein themenmäßig und von der Einstellung her haben wir gut zusammen gepasst. Wir haben uns sehr viel unterhalten und Meinungen ausgetauscht. Sie hatte das Problem, dass sie in etwa das Gegenteil von Schwangerschaftsdiabetes aufwies. Die Werte ansich waren super, nur dass ihr Blutzucker sehr unkontrolliert schnell sinken konnte und sie so in massive Unterzuckerungszustände geriet. Nichts, was man mit nem normalen Tagesprofil nachweisen könnte, aber so gefährlich, dass der Kindsvater sie drängte in die Klinik zu gehen, da sie doch auch zu Hause umkippte.
Das belastete sie sehr und die Ärzte machten ihr auch wenig Hoffnung auf Einleitung und schnelle Beendigung dieses Zustandes. Psychisch belastete sie die Schwangerschaft allerdings sehr. Ich konnte das so gut nachvollziehen, das ging weit über 'am Ende mag man einfach nicht mehr' hinaus. Es macht einen einfach nur noch fertig.
Es war ein wenig, als schaute ich in den Spiegel. Man versucht alles richtig zu machen, aber die körperliche Grenze ist eigentlich schon überschritten und man weiß sich nicht mehr zu helfen. Eben diese Hilflosigkeit hat uns verbunden, dass der eigene Körper einen quasi verrät und einfach aufgibt, ohne wirklich aufzugeben - dieses dahinschleppen.
Ich war froh, war ich nicht allein mit dem Gefühl und sie offensichtlich auch. Dennoch hatte sie eigentlich noch einige Wochen bis zur Geburt und weil das Krankenhaus und die Ärzte nix für jedermann sind, verliess sie das Krankenhaus wieder.

Frau B
Eine Frau Ende 30, mit 12jährigem Sohn, im 5. Monat schwanger, die in den 3 Jahren zuvor 2 frühe Fehlgeburten und eine im 5. Monat hatte.

An ihr hat mich sehr beeindruckt, wie sie gegen die Panik kämpfte, der Angst vor einer weiteren Katastrophe. Sie erzählte ganz offen und war auch froh, dass ich durchaus schon meine Erfahrungen gemacht habe. Mit ihr führte ich natürlich ganz andere Gespräche, als mit A. Es ging um Fehlgeburten, um die Angst beim Kindergroßziehen, um die Geburt. Wir hatten sehr schöne Gespräche, die mir bestätigten, wie wichtig es ist, auch unpopuläre Meinungen äußern zu dürfen. Frauen haben dafür wenig Raum und ich hoffe, ich habe ihr etwas davon bieten können.
Sie hatte eine kleine Operation, der Muttermund wurde verschlossen, und verlies danach die Klinik auch wieder. Ich hoffe und wünsche ihr, dass alles gut geht mit diesem Kind.

Frau C
Eine Frau Anfang 40 aus der Ukraine, die nur wenig deutsch sprach. Sie kam allein am Abend der Wehen. Dann lief sie die ganze Nacht den Flur auf und ab, verschwand am morgen und kehrte nach 4 Stunden mit Baby zurück. Es war ihr 4. Kind. Sie hat es ganz allein auf die Welt gebracht, kein Mann, kein Beistand außer der Hebamme. Sie wollte auch keine Hilfe, war sehr freundlich aber eben kaum der Kommunikation fähig. Ich habe ihr mehrmals Tee gebracht. Mehr wollte sie nicht. Wir wechselten nur wenige Worte. Am 2. Tag nach der Geburt kam ihre Mutter mit den Kindern zu Besuch. Am nächsten Tag nahm sie ein Taxi nach Hause.

So geht es auch. Ich weiß nicht, ob sie einsam war, sich ihren Mann gewünscht hätte. Sie wirkte einerseits schicksalsergeben, andererseits auch ganz zufrieden - so allein und konzentriert auf sich, ihren Körper und das Kind. Kein Tamtam, kein Gedöns, eher wie einen Job, den man erledigt. Machte auf mich aber keinen schlechten Eindruck.

Frau D
Eine Frau Anfang 40, Brasilianerin und wunderschön, die bereits drei fast Erwachsene Kinder hat. Diese drei kamen jeweils wegen Geburtsstillstandes per Kaiserschnitt zur Welt, so auch das vierte. 
Allerdings wurde das vierte Kind wegen Komplikation in der 35. SWS geholt und lag dementsprechend auf der FIPS, der Früchenintensivstation. Ansich ein gesundes Kind, doch vor allem der Vater war von den Geschehnissen und den Umständen total überfordert. Die Mutter war eher überanstrengt mit Kind besuchen, abpumpen, KS und allem, was diese Situation so mit sich bringt. Es ist eine harte Zeit und wir überbrückten die Nächte mit langen Gesprächen. Es war von Vorteil, dass mir eine Intensivzeit mit Baby nicht unbekannt war, denn es belastete beide Eltern sehr. Aber die Frau war extrem beeindruckend und kein bisschen verunsichert. Während ich mein Baby mit mir rumtrug, war sie immer auf dem Sprung. So ist es eben, wenn man ein Kind bekommt, man gibt alles dafür.

Vier so unterschiedliche Frauen, vier so unterschiedliche, gar dramatische Geschichten. Jede ungewöhnlich und beeindruckend. Vier, mit mir fünf, Mütter die alles in Kauf nehmen für ihr Kind, für die Familie. Sie haben mich mit der Mütterwelt versöhnt. Einmal ging es nicht um irgendwelche Debatten, sondern um echte Geschichten, echte Schicksale und das echte Leben fern ab von theoretischen Diskussion. Eine gute Erfahrung und eine gute Erinnerung für mich. 

Freitag, 13. Mai 2016

Die zauberhaften Schwestern

Es ist nach vier Wochen Baby mal wieder Zeit Bilanz zu ziehen. Seit 3 Wochen bin ich nun mehr oder minder allein mit den Damen, wir gewöhnen uns immer mehr aneinander und zumindest grundlegende Strukturen am Tag konnte ich einhalten. Gewöhnlicher Alltag also mit Kita und Spielplatz etc.

Die Großen haben sich inzwischen wieder beruhigt. Die erste Woche war wirklich schwer, aber nun haben sie das Baby akzeptiert und gehen auch nicht mehr auf mich los. Anhänglich sind sie natürlich geworden, aber es ist weit entfernt von irgendwelchen Eifersüchteleien. Und im Kindergarten sind alle neidisch, weil sie jetzt zu dritt sind und immer jemanden zum Spielen haben. 
T2 hat zudem einen diesen Sprung gemacht von der kleinen Schwester zur nun großen Schwester. Das Ankommen entwickelt sich also planmäßig.

Das Baby ist ein Brummer. Groß, schwer, will immer wissen was die Schwestern so machen. Ansonsten ne ganz Ruhige, schläft viel und frisst, als gäbe es kein Morgen…

Mein Körper ist immer noch eine Baustelle. ISG und Schambein sind weiterhin ausser Betrieb. Das wird wohl noch ein halbes Jahr dauen und damit die Schmerzen am Abend, wenn ich viel auf den Beinen war. 

Mein Bauch hingegen fühlt sich wundervoll an. Ich bin unglaublich froh darüber. Zudem bin ich nun 20kg schlanker. Wenigstens ein Vorteil, auf den es mir eigentlich nicht ankam. Aber es schaut nicht schlecht aus.
Jedenfalls bin ich überglücklich, keinen Bauch mehr zu haben. jedenfalls keinen in dem ein Riesenbaby sein Unwesen treibt. Es fühlt sich wunderbar an genug Platz für die eigenen Organe zu haben. Zur Erinnerung, mein Leberultraschall wurde direkt in der Achselhöhle gemacht in der 39. Woche. Ich bin nur Biologe, aber dort gehört die Leber nun wirklich nicht hin!

Etwas anderes jedoch überkam mich. Ich hab diesmal Hormone. Keine Heultage, keine Depression, aber ich bin dünnhäutig geworden. Es wird langsam besser, aber vor allem den Trüffel schnauze ich sofort an, wenn es mir zu viel wird. Ich hab einfach grad keine Nerven aus Drahtseil. Ein echtes Novum bei mir, versuche ich doch sonst immer ein besonders geduldiger, freundlicher Mensch zu sein.

Ansonsten kann ich berichten, dass mich das Baby tatsächlich glücklich macht. Sie ist T1 wie aus dem Gesicht geschnitten - einen Kopf größer zwar, aber ansonsten… Sie ist wunderschön. Aus irgendeinem Grund ist das wichtig für mich. Alle sollen sehen, dass ich die zauberhaftesten Kinder der Welt habe! 
Ein Verhalten von dem ich mir unsicher bin, wie ich es bewerten soll, denn Komplimente selbst erreichen mich gar nicht. Die gehen tatsächlich zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Aber ich für mich schau meine Kinder gerne an und finde sie perfekt. Die großen blauen Kulleraugen und der Goldschopf ist da durchaus ein Teil davon. Ist das nun einfach oberflächlich? 

Noch etwas fiel mir auf. Ich lese zur Zeit kaum andere Mamablogs. Man könnte nun sagen, ich hätte ja weniger Gelegenheit dazu, aber das stimmt nicht. Die Großen sind in der Kita und das Baby schläft. Allein, die üblichen Beiträge interessieren mich gerade nicht. Es ist irgendwie so, als hätte ich diese Phase nun hinter mir, in der mich Meinungen und Geschichten anderer Mütter interessierten. Ich finde es sogar verstörend, wie die immer gleichen Themen ständig wiederholt werden. Ich habe zu vielen meinen Senf gegeben, es interessiert andere Mütter in etwa so sehr, wie mich ihre Meinung. 
Für mich ist es schwer in Mamablogs eine Gemeinschaft von Eltern zu sehen, die sich vernetzen und sogar semiprofessionell werden. Blogger als Gemeinschaft - find ich total absurd. Klar kann man dort einzelne Freunde finden, aber also ich persönlich bin kein Teil einer Bloggergemeinschaft. Denn ich sehe nicht wozu? Ich muss mich nicht mehr austauschen, wie man dies oder jenes mit Baby macht. Das ist etwas für Neomütter und da bin ich eindeutig raus. Auch Tipps geben kann ich nicht, denn ich weiß viel zu gut, wie sehr pauschale Ratschläge nerven und wie wenig sie anderen helfen, deren Kinder so ganz anders funktionieren als meine. Ich würde also Fragen beantworten, aber diese klassischen Posts 'mach das so, dann wird das Kind glücklich' finde ich überflüssig. Das steht mir so pauschal nicht zu.
Mamablogs sind für mich eher die virtuelle Community, die ich ansonsten auf dem Spielplatz treffe. Einigen nickt man zu, mit anderen wechselt man ein paar Worte, 1-2 sind gut für echte Unterhaltungen.  Das Wort 'Gemeinschaft' ist mir schon direkt ein wenig zu stark für diese zufällige Zusammenkunft.  

Die Geburt von T3 hat mich also noch mehr Abgrenzung von den zur Verfügung stehenden Welten gebracht. Mehr Konzentration auf mich. Ob das auch gleichzeitig weniger Auseinandersetzung bedeutet, bezweifle ich. Es ist die weitere Fokussierung auf mein direktes Umfeld. Für mich gar keine schlechte Entwicklung nach der Geburt. Und eine Möglichkeit um sich von dem Gezerre um Schwangere und Geburt zu erholen. 

Nach drei Geburten wird für mich immer klarer, dass auch 99% der Mamablogs keine Hilfe für Erstschwangere bieten, keine Denkanstöße und vor allem kaum Mut machen, eigene Wege zu finden. Es wird alles Mögliche schön geredet, aber wo liest man schon Ermutigungen einfach guter Hoffnung zu sein und es so zu nehmen, wie es kommt? Ich hatte da durchaus Hoffnungen bei den Mamablogs, die sich leider eher in die andere Richtung entwickelt haben. Und keiner spricht die Wahrheit aus: Du selbst hast willentlich kaum Kontrolle über das was beim Kinderkriegen passiert, also ergib dich der Situation. Dein Körper, das Baby und die medizinische Begleitung werden das Kind schon schaukeln!
Statt 'lass mal die Erwartung etwas beiseite' wird sogar eher die Selbstbestimmung hochgehalten - immer im Kontrast zur Fremdbestimmung. Aber dabei wird nie erwähnt, dass die Schwangerschaft ansich nicht physiologisch kontrollierbar ist, nur weil man versucht mental Kontrolle auszuüben. Man kann sich allerdings die Schwangerschaft und Geburt erleichtern, wenn man sich 9 Monate lang die Einstellung aneignet, dass man nicht alles mit dem Kopf kontrollieren können muss. Finde ich zumindest. 

So möchte ich diesen Blog eigentlich auch weiterführen: mit der Aufforderung sich mit sich selbst und seiner Einstellung auseinander zu setzen. Nicht um herauszufinden, wer Schuld ist, wenn etwas anders läuft als geplant, sondern um Planänderungen als Normalität anzuerkennen. Und um jedem seine eigenen Gedanken und Gefühle zum Thema Mutterschaft zuzugestehen. 

Zum Schluss möchte ich noch den Lesern danken, die mich zahlreich Glückwünsche zukommen liessen. Drei Kinder sind schon sportlich, aber langweilig wird's mir in den nächsten 50 Jahren wohl nicht werden...