Mittwoch, 1. Februar 2017

Die Kinder zu erziehen hat doch eh keinen Wert

In mir hallt etwas nach, etwas, das sich erst jetzt in klare Gedanken auflöst.

Es geht um das mal immer wieder mehr oder weniger diskutierte Thema Erziehung.

Es gibt ja eine manchmal heftig geführte Diskussion darüber, ob man gleich alle Erziehung im klassischen Sinne weglassen solle, ob man moderat (z.B. Tischmanieren) erziehen, oder gezielt mit Erziehung das Kind nach den Bedürfnissen der Eltern formen solle (z.B. beim Schlafenlernen).

Die wenigsten Eltern praktizieren wohl das Konzept 'unerzogen', bei dem v.a. die intrinsische Motivation der Kinder gefördert werden soll, sich im Rahmen ihrer eigenen Bedürfnisse sozial- und elternverträglich zu verhalten. 

Die wohl meisten Menschen lassen ihren Kindern viele Freiheiten, aber haben zu Hause von den Eltern festgelegte Regeln, wie Tischmanieren, Schlafenszeiten, Aufräumgewohnheiten, Mediennutzung etc. Zu diesen Eltern gehöre ich auch. Wir haben ne Menge fester Regeln, die weniger den Kindern als vielmehr mir persönlich das Zusammenleben und Ertragen der kindlichen Flausen erleichtert. Es ist eine extrinsische Kontrolle über das Familienleben, wonach alle an einem Kompromiss teilhaben müssen, damit jeder so seine Freiräume nutzen kann.

Zu guter Letzt mag es auch Eltern geben, die ihre Kinder gezielt formen, z.B. im religiösen oder leistungsgesellschaftlichen Sinn, oder aber weil sie nicht den Nerv dafür haben permanent auf das Kind einzugehen. 


Was mich nun beschäftigt an diesem Thema ist keineswegs die Frage, was davon jetzt richtig und falsch ist. Ich halte diese Frage sogar für absolut sinnbefreit und unlogisch. Mich interessiert etwas anderes:

Welcher Wert wird der Erziehung per se eigentlich heute zugeschrieben?

Und zwar ganz konkret im Kontext moderner Elternschaft, wo Frauen versuchen Familie und Beruf zu vereinbaren und Männer beschworen werden 'neue Väter' zu sein.

Der Wert der Erziehung hängt für mich nämlich sehr eng mit der Rollenverteilung innerhalb der Familie zusammen und mit dem freiwilligen und/oder erzwungenen Engagement jeden Elternteils in der Familie.

Wir sind uns alle einig, dass die neudeutsch genannte 'Care-Arbeit', meist unbezahlt und von Müttern geleistet, mit wenig Wert bemessen wird. Sie bringt keine Quartalsbilanz, kein Lob, keine Aufstiegsmöglichkeiten - ist also in einer Leistungsgesellschaft tatsächlich als wertlos konnotiert. Gleichzeitig ist es harte körperliche und psychische Arbeit, sehr zeitintensiv, sehr emotional und immer fordernd. 
Zurecht wird das beklagt und ein gesellschaftlicher Wandel des Blickes auf Familienarbeit gefordert.

Dass sich daran aber nichts, bzw. nur quälend langsam etwas ändert, liegt meines Erachtens nicht daran, dass die Forderungen zu selten wiederholt oder zu leise vorgetragen werden. Ich denke, es hat auch viel mit zwei neuen Strömungen zu tun: den neuen Vätern und demokratischen antiautoritären Erziehungsmoden unserer Zeit.

Beides wertet nicht etwa automatisch die Erziehungsarbeit auf, sondern entwertet sie eher.
Warum?

Ich persönlich halte 'die neuen Väter' für ein falsches Konstrukt, ein falsches Ziel. J.König geht in vielen seiner Texte darauf ein und beklagt, dass das Vatersein etwas Freiwilliges zu sein scheint, währen das Muttersein nunmal ein Zwang ist. Die Mutter übernimmt gezwungener Maßen die Aufgaben in der Familie, die der Vater nicht freiwillig machen mag oder schlicht nicht macht.

So gilt heute als neuer Vater, wer bei nem kleinen Baby die Pipiwindel wechselt. Das strampelnde Kleinkind, dass sich bis zu Hals eingeschissen hat, darf aber die Mama wickeln. Großzügigerweise. Die wenigen 2 Vätermonate, die von manchem genommen werden, tragen nicht zur Gleichberechtigung bei, sondern zementieren die Rollenverteilung eher. Denn wenn Papa das 1jähige Kind übernimmt, so hat meist die Mutter zuvor 1 ganzes Jahr lang mit Baby zu Hause gesessen, sich die Nächte um die Ohren gehauen, um sogleich in Teilzeit wieder arbeiten gehen zu dürfen mit ihren kleidsamen Augenringen. Und Papa ist der Held, wenn er ein Kleinkind übernimmt, dass schon eine Menge an Regeln gelernt und Entwicklungsschritten hinter sich hat. 
Auch das Baby mal sonntags im Manduca durch die Gegend tragen ist eine schlechte Hilfe. Als Retter in der Not heldenhaft der Mami mal zu nem Nickerchen am Wochenende zu verhelfen, signalisiert nur: Ich bin sonntags mal gewillt für 2 Stunden meine Zeit zu investieren und partnerschaftlich Hilfe anzubieten. Ich finde, dieses Verhalten zementiert die abschätzige Wertigkeit der Familienarbeit, indem sie die Hauptfamilienarbeit leistende Person in völlige Abhängigkeit und Wohlwollen des Partners befördert. Mami kann ja froh sein, wenn sich Papa mal zum Mithelfen anbietet. 

Gefährlich dabei finde ich zwei Punkte: Zum einen demonstrieren diese neuen Väter nach außen ein Bild von Partnerschaftlichkeit, leben aber in der Realität ein Leben, bei dem die Familienarbeit in der Prioritätenliste ganz klar unter der Erwerbsarbeit, manchmal sogar unter sonstigen privaten Interessen, angesiedelt ist. Gefährlich dabei ist nicht die Prioritätenverteilung auf der Liste, sondern dass Wasser gepredigt und Wein getrunken wird. Es ist eine schiere Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Das schließe ich nicht daraus, dass sich Väter nicht wünschen würden, sich mehr um die Familie zu kümmern. Das mag durchaus der Fall sein. Allein, sie tun es nicht, obwohl sie es könnten. Der einzige Grund dafür wird angegeben mit: Aber einer muss doch das Geld verdienen. 
Jein. Denn leider werden die Mütter nicht gefragt, ob sie zu Hause bleiben wollen, ob sie nachts aufstehen wollen. Die Mütter machen das, weil es sonst niemand macht und einer muss es ja tun. Nicht, dass sie es nicht gern täten. Aber wie viele Väter schlafen nachts, weil sie morgens zum Job müssen und darum fit sein müssen? Wie viele Väter sagen: Dein Job ist es morgen ausgeruht und entspannt den Tag mit unserem Kind zu verbringen, also schlaf du doch, meine Liebste?

Allein, dass die Mutter ja nachts aufstehen kann, weil sie morgens ja nicht zum Job muss, oder nur nen unwichtigen Halbtagsjob hat, dass sie ja gleich noch Putzen und Kochen und Einkaufen kann, wo sich doch eh schon zu Hause ist, ist eine deutlich ausgesprochene Entwertung an die Leistung und Qualifikation der Kinder betreuenden Person. Es sagt schlicht: Deine Arbeit ist nix wert, du bist Dreck und darum kannst du die andere anfallende Drecksarbeit auch gleich noch mit erledigen. Dazu kommt, dass die übermüdete Mutter natürlich in Stress gerät ob all dieser zeitraubenden, anstrengenden Arbeit, genervt reagiert und ihr Lob dann ein schreiendes Kind ist, das sich nicht verstanden fühlt und natürlich das größte Geschrei veranstaltet. 

Welcher Mann würde nicht für umme eine Sisyphusarbeit machen, sich vom Partner permanent entwerten lassen und als Belohnung ein 'Du blöder Papa, ich will lieber zur Mama, die ist viel lieber als du!' hören wollen? 
Also mir ist er ansteigende Frust der Mütter ein echtes Rätsel! Tssss...


Der zweite gefährliche Punkt ist für mich die falsch interpretierte antiautoritäre Erziehung, Individualisierung und Überbewertung der Kinder auf Kosten der Mütter.

Die Kinder sollen heute bedürfnisorientiert aufwachsen, selbstbestimmt, voller Geborgenheit und Empathie. Sie sollen Selbstwirksamkeitserfahrungen machen. 

Das ist auch soweit alles schön und gut und klingt toll. Aber diese Erziehung kostet. Sie geht auf die Kosten der Eltern - konkret auf die Kosten der Mütter. Die Bedürfnisorientierung wird nämlich meist eher an den Bedürfnissen des Kindes, nicht an denen der Mutter gemessen. Ihre Selbstbestimmtheit geht dabei in vielerlei Hinsicht flöten.

Mama soll voll stillen, bedarfsorientiert. Will sie nachts schlafen, hat sie Pech gehabt. Dass der Vater einfach mal nachts eine Flasche gibt, wird ja direkt ab Geburt ausgeschlossen und mit Androhung von Saugverwirrung im Keim erstickt. Das Kind später mit Brei abfüttern geht natürlich auch nicht. Man bereite doch bitte dem Baby breifreie Kost und putze jedesmal hinterher den Esszimmerboden. Die Rückenschmerzen vom Tragen und Stillen ignoriere man doch bitte, wer den Kinderwagen nimmt verliert...
Es gibt unzählige solche Punkte, bei denen die Mutter zum Wohle des Kindes alles mögliche zu ertragen hat. Will das Kind nicht um 20 Uhr ins Bett, weil es selbstbestimmt noch rumhüpft? Tja Pech, Feierabend ist heut nicht für Mama. Will das Kind nachts nicht schlafen, weil es eben noch keinen richtigen Rhythmus hat, Mama aber am nächsten morgen zur Arbeit muss? Tja Mama, das musst du ertragen ohne deinem Kind das Schlafen anzutrainieren. Das könnte dem Kind nämlich schaden! Ach, es schadet aber dir? Tja Mama, das ist natürlich blöd. Vielleicht ist der Vater ja so nett und geht mit dem Kleinen am Sonntag aufn Spielplatz, damit du dich kurz hinlegen kannst. Vielleicht könntest du aber auch in der Zeit die Wäsche zusammen legen. Kommst du doch sonst auch nicht dazu...


Ok, das war jetzt natürlich überspitzt und zynisch, aber es gar nicht so weit entfernt von den Realitäten vieler Mütter.

Um das ganze System halbwegs am Laufen zu erhalten etablieren dann gar nicht wenige Mütter gewisse Regeln eben für's Essen oder Zubettgehen. Einen Kompromiss, den die Kinder manchmal nicht wollen und die Mütter manchmal nur mit schlechtem Gewissen halbherzig durchsetzen.

Aber auch bei der falsch verstandenen Bedürfnisorientierung ausschließlich am Kind wird der Mutter mit dem Holzhammer eingetrichtert: Deine Bedürfnisse sind obsolet, sie schaden eventuell sogar der kindlichen Entwicklung zur Selbstbestimmtheit. Du und deine Care-Arbeit, ihr seid nichts wert. 

Und als Sahnehäubchen wird ja dann gern unterstrichen, dass diese wunderbaren Kinder schon perfekt mit ihrer Neugier und ihrer intrinsischen Motivation auf die Welt kommen. Fang bloß nicht an, sie zu erziehen, du verkorkst sie nur und nimmst ihnen ihre Vollkommenheit! Nur falls du dich fragst, liebe Mami, nicht deine Kinder machen etwas falsch, DU bist falsch mit deinen Ansichten, Bedürfnissen nach Ruhe und Sauberkeit und Schlaf. Die Kleinen können nix dafür, dass du ein fehlerhaftes Modell einer Mutter bist. Lass es nicht an ihnen aus. Arbeite an dir selbst! Optimiere dich doch auch als Mutter und Mensch selbst. 
Ach, und schreib dir keinesfalls auf die Fahnen, dass du was damit zu tun hättest, wenn die Kinder hinterher gut rauskommen. Das ist nicht dein Verdienst, sondern der Verdienst der Kinder, dass ihr Wesen deine Erziehungsversuche überlebt hat.

Also für mich klingt es am Ende sogar fast logisch, dass man nem Arbeiter, der alles falsch macht und nur Drecksarbeit macht, die nix wert ist und auch noch die lieben Kleinen drangsaliert, dass man so einer keine Anerkennung und schon gar keine Entlohnung zukommen lassen kann. Und dann wollen die Mütter diese Scheiße auch noch den Vätern zumuten? Ey, wo simmer denn? Also wenn ich so eine Mutti zuhause hätte, die mir dann auch noch mit Anforderungen kommt, da würd ich aber auch lieber länger im Büro bleiben oder mir gleich eine suchen, die nicht so blöd tut!

Und der Rest der Gesellschaft wundert sich, dass die Mütter an Burnout zu Grunde gehen. Ey, also früher haben die Frauen aber auch mehr ausgehalten. Echt jetzt. Immer dieses Gejammer. Was haben die eigentlich? Haben doch ein schönes Leben zu Hause. 

Und die betroffenen Mütter? Die fügen sich, denn wenn jeder sagt, du bist nix wert und auch deine Arbeit ist wertlos, dann muss da doch was dran sein. Irgendwie unrealistisch, dass alle da draußen unrecht haben, oder? Muss ich mir halt selbst einen Wert geben. Fang ich halt nen stylischen Mamablog an, und präsentiere, dass ich die perfekte Mutter und Hausfrau bin. Da kann ich auch mal was Jammerndes schreiben, das verstehen die anderen Mütter. Und dort bekomme ich sicher auch ein paar nette Kommentare für das toll zusammen gestellte Abendessen, oder die selbst gebastelten Kindersachen. Wenigstens das. Wenigstens das mach ich dann gut.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele von mir haben schon resigniert?

Mutter und Frau sein. Und Ehefrau und Arbeitnehmerin und noch tausend Sachen mehr. Aber hauptsächlich Mutter und gleichzeitig Frau sein. Darüber lese ich zur Zeit wieder mehr. 
Oder vielmehr lese ich Überschriften und dann hört's bei mir nämlich gleich schon wieder auf mit dem Thema.

Es drängt sich mir dann nämlich sofort der Gedanke auf, was ich nicht alles wollen muss... Und das auch noch gleichzeitig. Und dann fällt mir ein, dass ich das ja gar nicht muss und nicht will und zwar nicht, weil ich das so entscheide, sondern weil der eine und auch andere Teil von mir längst resigniert hat und daran gar nix schlimm ist.

Ich möchte also heute ein Lob der Resignation aussprechen. Denn im Gegensatz zu den meisten Menschen, die Resignation irgendwie negativ kontieren, finde ich das super. Mit Resignation lebt es sich ganz klasse. Allerdings darf's nicht nur vorgeschobene Resignation sein, obwohl man doch noch Hoffnung auf Änderung hat. Das macht nur unzufrieden und unglücklich. Echte Resignation hingegen ist ungemein befreiend. In einer gewissen Hinsicht zu resignieren ist sogar meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit zur inneren Freiheit, die wir haben. 

Um konkret zu werden, fangen wir also bei den Schlagworten 'Frau bleiben trotz Mutterschaft' an. Ehrlich? Ich hab beim Thema 'Frausein' längst resigniert. 

Ich bin schon aus 200 Metern Entfernung als Muddi auszumachen. Haare niemals offen, sonst klammert sich ein Babyäffchen dran. Kein Schmuck an Kopf/Ohren/Hals - Babyäffchen. Seit Jahren ausschließlich Stillkleidung oder Schwangerschaftszeugs. Keine hohen Schuhe, in mir oder an mir hängt ja ständig ein Baby. Keine feinen Schuhe, ich treib mich eh nie wo rum, wo's fein sein müsste. Kein Parfum/Deo da Schwangerschaftsübelkeitsgeruchsinnswahnsinn oder Babyäffchen. Keine Schminke, da keine Zeit, da zu viele Kinder. Keine vorzeigbar saubere Kleidung, da Babykotze und Babyrotze und Eis- und Schokoladenhändegeschmier. Kein Nagellack - wann soll ich das denn auch noch machen??? Kein Friseur, da keine Frisur, da lange Haare zusammengebunden eh keine spezielle Frisur brauchen. Kein schicker Wintermantel, da Tragejacke (100x geflickt, da permanent irgendein Kind dran hängt). Schöne Unterwäsche? Könnt ihr euch vorstellen, wie meine Still-BHs inzwischen aussehen, nach so vielen Jahren permanenten Gebrauchs und Waschens? Wollt ihr euch das vorstellen? Und generell, betrachte ich meine Brüste, so haben die längst nix mehr mit Weiblichkeit zu tun. Das ist Babygebiet.

Ich sag's mal ganz deutlich: Ich bin halt jetzt mal ne Muddi und ich seh auch so aus! 

Manch eine mag diese Aufzählung lesen und denken 'Aber mach doch mal für dich, für dein Gefühl!' Das dachte ich ja am Anfang auch. Aber dann merkte ich, dass der Aufwand dafür viel größer war als vor den Kindern. Es raubt meine Zeit, kostet mich Kraft und der Outcome ist dafür viel zu gering. Also hab ich mich in meine Rolle gefügt und resigniert. Wer viele kleine Kinder hat, der ist halt ne Mutti und der sieht auch so aus. 
Und das ist gar nicht schlimm.

'Tu dir doch auch mal was Gutes! Was für die Sinne!'
In dem Punkt hab ich resigniert, denn es war viel zu anstrengend für mich, mich auf Teufel komm raus zu erholen in meinen freien Minuten. Alkohol geht eh nicht. Essen? Gerne lecker, aber egal was es ist, ich würde auch ein 5-Gänge-Menü in Sekundenschnelle in mich hineinschaufeln. Ich sitze meist allein mit kleinen Kindern am Tisch. Mein Ziel ist satt zu werden. Gesund? Ja schon, für mich. Für die Kinder gibt's überwiegend jeden Tag das gleiche und das beinhaltet sicher kaum Gemüse oder Obst. Also versuch ich dieses ausgewogen Kochen für die ganze Familie gar nicht erst. Bin doch nicht blöd. 
Baden? Wann denn? Und wo denn? Wir haben gar keine Wanne.

'Mach dir doch mal nen gemütlichen Abend mit deinem Mann!'
Ich hab jetzt durchgehend nuckelnde, zahnende, rotzende, hustende Kinder, die seit 2011 jede Nacht auf höchstens 5-6 Stunden Schlaf begrenzen. Mir ist ja schon ein Rätsel, wie wir's überhaupt auf drei Kinder geschafft haben! Tssss.

Urlaub? Ach lasst mich einfach in Ruhe damit. Zu viel Arbeit, zu wenig Erholung, zu teuer.

Ich habe bei recht vielem einfach resigniert. Und es ist gar nicht schlimm. 

Und wisst ihr warum nicht?

Weil alles seine Zeit hat. Und jetzt ist halt Mami-Zeit. 
Mit allem was Mamisein bei drei kleinen Kindern bedeutet.

Was ich aber bei meiner Mutter gesehen habe: Die Zeiten ändern sich auch wieder!

Urlaub: Wenn T3 etwas größer ist und das besser mitmacht: mit dem Wohnmobil Europa erkunden. Aber Geld bezahlen, um in St.-Peter-Ording am Familienstrandabschnitt mit all den anderen Familien zu hocken? Nee, echt nicht.

Kleidung, schöne Sachen, die auch länger als 5 Minuten sauber bleiben? Schmuck, Zeit im Bad? Das wird sich ändern. Aber nicht mit Baby und nicht so lange ich stille und nicht bei dem Gerotze und Gepatsche und Gematschte. Das kommt schon noch.

In Ruhe Essen können? Vielleicht. Abwechslungsreich Essen? Irgendwann. Irgendwann sind alle Kinder aus der 'Is ess nur Nudel und Fisstäbsen'-Phase raus. Irgendwann probieren sie andere Sachen. Bei T1 ist das bereits der Fall. Fehlen nur noch 2 Kinder. Und dann trink ich ein Glas Wein und genieße den Abend mit dem Trüffel.

Aber im Moment wäre es ein echter Aufwand das alles zu organisieren und dann klappt das ja doch nicht so, wie gedacht und überhaupt ist mir das zu blöd. Also hab ich da einfach mal resigniert. Ich fühl mich halt grad nicht als Frau, nicht als Ehefrau. Ich bin halt grad die Mami. Und das ist gar nicht schlimm, denn ich bin frei.

Frei vom Gefühl was zu verpassen, was falsch zu machen, was ausprobieren zu müssen. Frei davon alles gleichzeitig sein zu müssen. Frei einem Lifestyle folgen zu müssen. Frei davon vorzeigbaren Erfolg haben zu müssen. Ich bin ja nur das Muttertier. Niemand hat Erwartungen an mich. Ich bin auch frei alle, die doch Erwartungen haben könnten einfach zu ignorieren.

Alles hat seine Zeit. 

Und wenn ich meine Enkel später auf dem Schoß sitzen habe, dann kann ich mich an die Zeit erinnern und mir denken 'Ach, wie anders war das Leben damals. Und jetzt kannste dir Babys ausleihen für ne Stunde und dann zurück geben und schön Essen gehen und hast beides. Ohne zu müssen.'

Freitag, 13. Januar 2017

Das Geschlecht denken

Da gibt es nun diesen Blogpost von der Rabenmutti, in dem sie ihre Enttäuschung darüber beschreibt, dass das zweite Kind, ein Wunschkind, kein Mädchen ist. Der Shitstorm, der darauf über die Bloggerin hinwegfegte ist noch nicht am Ende und ich muss sagen, spiegelt vor allem die selbstgerechte Art der heutigen Eltern wider, die immer und überall die Kinder und deren Gefühle und Entwicklung in den Vordergrund stellen.
Ich kann das schon nicht mehr hören und finde diese Einstellung auch falsch. Mal ernsthaft, Kinder sind psychisch nicht gar so zerbrechlich, wie gerne behauptet wird und sie können auch eine gewisse Resilienz entwickeln – müssen das sogar – sonst wären wir schon längst als Menschen ausgestorben. Und sich medial empörende Muttis find ich einfach nur scheiße.

Jetzt kennt der langjährige Leser aber meine Einstellung zum eigentlichen Thema, dem Geschlechterproblem beim Kind.

Ich kann der Rabenmutti zustimmen. Hätte ich einen Jungen bekommen, so hätte ich sicherlich auch aus Enttäuschung geflucht und geweint. Ich wollte und will keinen Sohn.

Nun ist das Geschlecht der eigenen Kinder für die meisten von uns, jedoch für immer weniger Paare, kein Wunschkonzert. Und sich eine Tochter zu wünschen ist definitiv kein Angriff auf Jungseltern. Vielmehr hat dieser sehr persönliche Wunsch leider garüberhauptnix mit anderen Eltern und deren Kindern zu tun. Dass die sich angesprochen fühlen, sagt lediglich etwas darüber aus, wie wenig diese abstrahieren und differenzieren können.

Um es noch deutlicher zu sagen: Mir ist scheißegal, welches Geschlecht dein Kind hat. Mir ist jedoch nicht egal, welches Geschlecht mein Kind hat!

Andere Mütter sollten so langsam lernen, dass Mamablogger in kleinen Blogs vorwiegend für sich selbst, nicht für andere schreiben. Es gilt klar der Satz: Wenn es dir nicht gefällt, dann lies es halt nicht!
Diese mediale Aufschrei- und Kränkungsmentalität suggeriert offensichtlich, dass sich irgendjemand für die Einzelmeinungen tausender anderer Interessiert. Dem ist nicht so.

Zurück zum Thema, nachdem ich mich über dieses Befindlichkeitsgedönse aufgeregt habe.

Wie schon öfter erwähnt, sehe ich mich bis heute nicht mit einem Jungen auf dem Arm. Nicht weil Jungs blöd sind, sondern weil ich es nicht sehe. Jungs sind mir fremd, Mädchen sind mir nah. Ich kann mich mit kleinen Mädchen identifizieren weil ich selbst eines war. Zwar sind meine Töchter charakterlich von mir verschieden, aber doch ist mir die Identifikation mit einem Mädchen leichter.

Und nicht nur mir geht es so, sondern auch meinen Töchtern. Ich würde die Hypothese wagen, dass diese extrem enge Verbundenheit und Identifikation die meine Töchter untereinander haben auch ihrem Geschlecht geschuldet sind. Sie tragen in ähnlichem Alter die selbe Kleidung, sie sehen sich verdammt ähnlich, vor allem die Kleinen haben in T1 eine unglaublich starke Identifikationsfigur. T2 ist sehr viel enger mit K1 verbunden, als mit jedem andern Kind, mit dem sie sonst spielt. Es gibt relativ wenig Streit, und im Moment auch kaum Versuche sich abzugrenzen. Und T3 entwickelt sichtbar die gleiche Tendenz. Sie hasst es ohne ihre großen Schwestern zu sein.

Nun ist das natürlich nicht prinzipiell bei Schwestern so und eine enge Verbundenheit besteht zweifellos auch zwischen Bruder und Schwester. Dennoch könnte ich mir gut vorstellen, dass dieser Verbund anders aufgestellt wäre, wenn es keine drei Mädchen wären. Möglich auch, dass sich drei Mädchen untereinander nur mäßig gut verstehen. Das ist und bleibt ja ein Gedankenexperiment.

Der eigentlich krasse und heftige Diskussionspunkt in der Geschlechterdiskussion ist nicht, ob diese Mutter auch einen Sohn lieben kann. Ein viel grundlegenderer Punkt ist für mich die Frage, kann es ein Problem sein, wenn aus dem Sohn ein Mann würde, der Dinge tut, die man selbst als Frau grundlegend ablehnt?

Für mich persönlich ist das ein Argument. Meine persönliche Erfahrung sagt mir, dass ich mit mindestens 85% der Männer negative Erfahrungen gemacht habe. Als Lehrer, mit stark sexistischen Tendenzen. Als gewalttätige oder bloß bedarfsorientiert empathische Partner, eine ganz gemeine Sache. Als machthungrigen, opportunistischen Chef, eine grundlegend änderungsbedürftige Sache. Als Bekannter/Freund/Kollege sehr oft mit sexistischen und/oder abwertenden Begegnungen. Und nun, da ich Mutter bin sehr krass z.B. als Konkurrenten am Arbeitsmarkt.

Das alles verleitet mich nicht direkt zu behaupten Jungs seinen schlecht. Sehr wohl gedenke ich, meinen Töchtern klar feministische Werte und Verhaltensweisen vorzuleben und sie ebenso darauf vorzubereiten, dass sie aufgrund ihres Geschlechtes Gewalt und Diskriminierung erleben werden. Ich werde diese Erfahrungen nämlich nicht verhindern können, jedoch kann ich dann vielleicht Ansprechpartner sein, oder mit ihnen Strategien entwickeln sich zu wehren.

Und genau an diesem Punkt darf sich jetzt jede Jungsmama angegriffen fühlen. Denn wenn eine meiner Töchter in 10 Jahren mit ihrem ersten Freund heim kommt, so werde ich ihr klar vermitteln: Sag nein, wenn du etwas nicht willst und hau ihm direkt auf die Nase, wenn er es trotzdem tut! Auch, wenn er dir unbeabsichtigt weh tut.

Ich weiß wohl, dass es bei Teenies zu Situationen kommt, die keiner will, einfach weil keiner weiß, was er tut. Und wegen der Hormone. Aber auch, weil einer von beiden unsensibler und weniger empathisch dem anderen gegenüber ist. Und da sind die Eltern gefragt.

Nun versuchen wir natürlich alle möglichst wenig falsch zu machen und unsere Kinder achtsam und empathisch gedeihen zu lassen (oder auch nicht), aber die Wahrscheinlichkeit ist doch gegeben, dass meine Tochter an nen Typen oder Chef oder Kollegen gerät, dessen Eltern da nicht besonders erfolgreich waren und dessen Charakter das nicht aus sich selbst gebiert.

Wenn ihr mich persönlich als Mutter dreier Töchter fragt: Ja, eure Söhne könnten eine potentielle Bedrohung für meine Mädels sein.

Diese Überlegungen entfremden mich tatsächlich noch sehr viel mehr dem Gedanken an einen Sohn. Und zu Beginn sind die ja auch so niedlich und harmlos. Die Mütter der Söhne, mit denen ich heute kämpfen muss, haben diese abgöttisch geliebt, wollten alles richtig machen und doch sind dann daraus Männer geworden, die in bestimmten Situationen Frauen nicht genug respektieren.

Ich sag mal so: Das ist ein echtes Problem.

Und wenn jetzt Jungsmütter mir Tod und Teufel an den Hals wünschen, so kann ich das verstehen. Berechtigt. Ihr wollt alle nicht, dass Eure Söhne irgendwem Schaden zufügen.

Aber aus Euren kleinen Babybuben werden mal ausgewachsene Männer, die eigenverantwortlich handeln. Vielleicht nicht in Eurem Sinne.

Das gilt für meine Töchter genauso. Die werden sicherlich Dinge tun, die ich verurteilen werden. Allerdings wird dabei vielleicht etwas weniger offene Gewalt oder bewusster Machtmissbrauch eine Rolle spielen.


Ich möchte zudem noch eine Geschichte erzählen, von mir und meinem ersten Freund. Ich war schwer verliebt. Er war aus sehr gutem Hause. Die Mutter die totale Attachment Parenting Mutter (aus meiner heutigen Beurteilung), er hatte Geschwister, ein sicheres geborgenes Elternhaus, finanzielle Sicherheit, Harmonie und Empathie allendhalben. Er war der absolute Prototyp eines Sohnes.
Und dann kam ich. Und ich löste etwas in ihm aus. Eine gewisse Triebsteuerung übernahm, der Verstand verschwand, die Vernunft wurde verdrängt von der Hormonflut. Und der Sohn, der mit gleichberechtigten Eltern aufwuchs stellte seine Lust über mein Nein. Nicht böswillig, aber doch weil er zum ersten Mal den geschützten achtsamen Raum seiner Mutter verließ und keinen eigenen aufbauen konnte oder wollte. Er war zu sehr getragen davon, dass alles richtig lief und er richtig war, dass er übersah, dass es nun an ihm war selbst respektvoll zu sein. Aus sich selbst heraus andere zu achten.
Wir trennten uns und die Mutter fragte mich, weshalb ich so wütend dabei bin und so abweisend und sie fragte mich, ob ihr Sohn etwas getan hätte, das falsch gewesen sei. Ich erinnere mich genau an die bitterlichen Tränen dieser Frau, als ich nicht antwortete, sondern nur zu Boden starrte.

All meine Erfahrungen führen zu meiner Aussage, ich bin froh nur Töchter zu haben. Ich weiß nicht, wie es ist einen Sohn groß zu ziehen. Ich will es nicht wissen. Ich lebe gut ohne diese Erfahrung. Ich musste mich nie mit einem Sohn auseinander setzen. Ja. Es ist so. Ich vermisse es aber nicht.

Eben weil es meist noch Zufall ist, ist das Thema so heikel. Ist es irgendwann flächendeckend kein Zufall mehr, wird ein anderes Problem wieder gegenwärtig werden. Immerhin sind heute immer noch Mädchen von Abtreibung und Kindstötung bedroht, einfach aufgrund der Wertigkeitsunterschiede von Mann und Frau. Und niemand soll glauben, dass dieses Problem eines außerhalb Mittel- und Nordeuropas ist. Mann und Frau sind keineswegs gleichgestellt, genauso wenig wie es Töchter und Söhne sind, sofern man nicht mit staatlichen Mitteln gezielt Gleichstellung herstellt. In der Natur des aufgeklärten Menschen liegt weder Gleichstellung, noch Gleichwertigkeit. Nicht weil Eltern ihre Söhne mehr lieben als ihre Töchter, sondern weil es Gleichstellung ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das wir bewusst als Maßstab setzen. Oder auch nicht.

Eine Mutter mit einem Sohn und einer Tochter liebt beide. Das stellt niemand in Frage. Nur ob sie beide gleich behandelt, ob sie beide gleich behandeln sollte – das ist eine ganz andere Frage.


Ich möchte euch weder eure Söhne, noch die Liebe zu ihnen, absprechen. Ich bin lediglich glücklich mit meinen drei Töchtern und wünsche mir keinen Sohn. Der Trüffel tut das jedoch. Er hätte gern einen Sohn. Denn der wäre ihm wahrscheinlich näher, es fiele ihm wahrscheinlich leichter sich mit ihm zu identifizieren. Kann ich verstehen. Es tut mir leid für ihn. Er wird sich mit seinen Töchtern arrangieren müssen.

Mittwoch, 11. Januar 2017

Ein guter Mensch

 Als ich mit T1 schwanger war besuchte ich eine Veranstaltung, eine Diskussionsrunde, der Uni Basel über die Vereinbarkeit von Familie du Beruf. An diesem Abend erzählten fünf Professoren von ihren Erfahrungen.
Ich muss gestehen, fast alle faselten erkennbar wirren und gehaltlosen Quatsch. Einzig eine Juraprofessorin mit Kleinkind gab vernünftige, nachvollziehbare Antworten.

Es wurde an diesem Abend vom Moderator eine sehr schöne, sehr gute und wichtige Frage gestellt:

Hat Sie das Kinderkriegen und –haben zu einem besseren Menschen gemacht?

Unnötig zu erwähnen, dass darauf nur blödsinnige Antworten kamen, die dümmste von einem hochdekorierten Medizinprof. Die erwähnte Juraprofessorin jedoch gab eine wunderbare Antwort. Sie sagte, sie habe mit Kind ihre Empathiefähigkeit ungemein trainieren müssen. Das sei für sie eine echte Bereicherung.

Über die Frage, ob mich meine Kinder zu einem besseren Menschen gemacht haben, habe ich seither unzählige Male nachgedacht.

Ich möchte der Juristin zustimmen, meine Kinder zwingen mich sehr viel mehr als die Gesellschaft im Allgemeinen zur Empathie. Ich muss mich mit ihnen auseinandersetzen, mich in sie hinein versetzen, sie verstehen – schon allein um mit ihnen irgendwie umgehen zu können ohne durchzudrehen.

Ich musste mich auch nicht nur mit ihren äußeren Bedürfnissen, sondern sehr viel mehr mit ihren inneren Bedürfnissen nach Geborgenheit und Sicherheit auseinander setzen. Ich muss täglich darüber nachdenken, wie ich ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubere und Kinder sind zu Glück ein dankbares Ziel solcher Überlegungen.

Viel mehr als meine Auseinandersetzung mit meinen Kindern hat mich jedoch die Auseinandersetzung meiner Kinder mit mir verändert und nachhaltiger geprägt. Meine Kinder gaben mir die Chance, mich selbst noch mal ganz neu kennen zu lernen.

Klar hätte ich das auch auf verschiedenen Wegen ohne Kinder erreichen können, aber doch muss ich zugeben, dass mich das Kinderkriegen direkt mit der Nase darauf gestossen hat.
Denn Kinder stellen schon als Zygote allerlei Fragen – vor allem an die Mütter.

Wer bist du? Was willst du? Was kannst du? Was willst du nicht? Was kannst du nicht?

Kinder stellen diese Fragen nicht, um uns zu ärgern oder gar zu therapieren. Sie stellen den Eltern diese Fragen, um ein Bild von sich selbst zu bekommen, um im Diskurs mit dem Gegenüber ein Ich auszubilden.
Auf die Frage: Wer bist du? Folgt im nächstens Schritt automatisch die Frage: Wer bin ich?

Nun ist es aber so, dass wir Erwachsenen uns meist zuletzt im Teeniealter so grundlegend mit diesen Fragen beschäftigt haben. Wir haben dann irgendeine Antwort gefunden, meist geprägt von dem Bild, wer wir gerne wären und weniger, wer wir wirklich sind. Und seither waren wir damit beschäftigt, diese Projektion, die wir damals von uns aufgestellt haben, irgendwie zu erreichen. Seither optimieren wir an uns herum, arbeiten und sparen um uns materielle Werte zu generieren, suchen den perfekten Partner usw.

Ja und dann kommt da jemand, der aus uns heraus (im wörtlichen Sinne) wissen will, wer wir denn jetzt eigentlich sind? So ganz wirklich: Mama, wer bist du?

Ich sag mal so: Wehe dem, der dann keine Antwort parat hat.

Das kann schon sehr schwierig werden, auf die oben genannten Fragen keine Antworten zu haben. Zumal wir dem fragenden Kind auch nicht entkommen können. Wir können uns ja nicht einfach umdrehen und gehen. Nein, wenn ich heute keine Antwort geben kann, so fragt mich dieses Kind morgen direkt die selben Fragen und übermorgen auch und jeden weiteren Tag. Das wird wohl erst weniger penetrant, wenn mein Kind sich von sich selbst ein vorläufiges Bild gemacht hat. Aber auch dann sind die Fragen nicht endgültig beantwortet, ist der Diskurs nicht einfach vorbei.

Und so muss ich sagen, ja meine Kinder haben einen sehr viel besseren Menschen aus mir gemacht, weil sie mich zwingen zu reflektieren, jeden Tag auf’s Neue zu beantworten, wer ich bin, was ich kann und was ich will. Und was ich alles nicht kann und nicht will.

Ich bin sehr viel klarer geworden, mein Selbstbild hat sich sehr stark geschärft und ich habe auch realisiert, dass es in meiner Macht liegt, nicht nur getrieben zu sein, sondern was ich will und was ich kann selbst zu bestimmen und das auch klar zu formulieren. Ich kann mich bewusst dazu entscheiden mich auf eine Weise zu verhalten. Und ich kann das auch bewusst so umsetzen, wenn ich will. Eine vielleicht triviale, aber für mich nicht selbstverständliche Erkenntnis, dass ich nicht nur abhängig bin.

Leider stelle ich fest, dass manche Eltern mit diesen Fragen kämpfen. Ich möchte behaupten, dass ein guter Teil der heutigen Verunsicherung, was wann wie richtig ist in Bezug auf Kinder, von der Tatsache herrührt, dass es auf diese Fragen keine einfachen endgültigen Antworten gibt. Man muss sie jeden Tag wieder beantworten und man braucht wirklich starke Nerven und viel Überlegung, Muse, Auseinandersetzung und Durchhaltevermögen, um Antworten zu finden, mit denen man gut leben kann. Manche bräuchten gar Unterstützung von außen, weil sie in der Reflexion allein überfordert sind. Und eigentlich hat man ja ganze vierzig Wochen Zeit, sich schon einmal Gedanken über diese Fragen zu machen. Denn wenn das Kind auf der Welt ist, dann ist es eigentlich zu spät. Dann gerät man massiv in Stress, weil eben kaum mehr Musestunden vorhanden sind, weil einem die Müdigkeit und die Hormone den Kopf vernebeln.

Die Kinder jedenfalls lassen sich von so Kleinigkeiten wie Zeit oder Schlaf nicht daran hindern die Eltern permanent mit den Fragen zu bombardieren.

Ich wünschte, Schwangeren würde die Zeit und Unterstützung gegeben, sich ihrem Selbstbild zu stellen, bevor es das Kind tut. Das würde allen wahrscheinlich einiges an Frust und Druck und Stress und Angst ersparen.



Der Medizinprofessor antwortete damals im Übrigen, er sei ein besserer Mensch geworden, weil er nachts, als er das weinende Kind herumtrug, seine medizinische Probleme wälzte und so zur Rettung der Menschheit beitrug. Was für ein Versager...

Freitag, 9. Dezember 2016

Sprachlos an Weihnachten

Nicht ich bin sprachlos. Jemand anders ist es. Aber von vorn.

Sprachlos kann man ja aus vielen Gründen sein: aus Freude und Überraschung, vor Wut, vor Entsetzen, auch vor Sorge. Wenn wir sagen 'Jetzt bin ich aber sprachlos.' dann meinen wir das ja nicht im wörtlichen Sinn, sondern im Übertragenen. Wir können ja dennoch reden, wenn auch manchmal mit zittriger Stimme.

Die Geschichte, die ich heute berichten möchte macht auch mich sprachlos oder eher hilflos, aber das ist nicht der Punkt. Es geht heute nicht um mich. 
Es geht einmal mehr um die Schwiegerfamilie. Eine schöne Tradition zur Weihnachtszeit. Ihr kennt das bereits.

Die Schwiegermutter ist nämlich sprachlos. Also im wörtlichen Sinne. Sie hat keine Stimme mehr. Offiziell kommt das wahrscheinlich von einem Virus - kann gar nicht anders sein - auch wenn da bisher nix Konkretes gefunden wurde. Diese Sprachlosigkeit, genauer die Stimmlosigkeit, hält etwa 6-18 Monate an und kann allein logopädisch behandelt werden. Langsam kehrt dann die Stimme zurück. Auch dass dieses Phänomen stets dann auftritt, wenn die Schwiegermutter kurz vorm Zusammenbruch steht oder etwas vollkommen Überforderndes passiert, kann nur Zufall sein. Aber so wirklich zufällig sprachlos ist die Schwiegermutter meines Erachtens nach nicht. Dass dem so ist verwundert mich nicht. Ich kann verstehen, dass ihr die Stimme versagt und ich will euch erzählen weshalb.


Im letzten Spätsommer erreichten uns Neuigkeiten. Freudige Neuigkeiten. Eigentlich. Die Schwägerin erwartet ein Baby. Freudig. Eigentlich. 

Nun möchte ich euch über die Schwägerin aufklären. Sie ist eine sehr schüchterne, freundliche Person. 176cm groß und damals ganze 47kg schwer. Das liegt natürlich daran, dass sie alles nicht verträgt, kein Gluten, keine Laktose, kaum ein Gewürz, keine Nüsse, das meiste Obst, sie hat eben auf alles eine Allergie und kann darum nicht einfach so essen wie wir. Das versicherte mir die Schwiegermutter vor Jahren. Dass ihre Tochter von dem wenigen, dass sie überhaupt anrührt gerade einmal zwei Löffel isst, bevor sie 'total satt' ist, mag nur eine meiner unqualifizierten Beobachtungen sein.

Jedenfalls haben die Schwägerin und ihr Gatte es jahrelang versucht, aber es ist halt schwer, sie hat nämlich ein Hormonproblem mit der Schilddrüse und darum keinen nennenswerten Zyklus, wie sie mir gestand. 

Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich äußerst feinfühlig mit der Schwägerin umgehe, mir meinen Teil denke und ihr eher immer ein offenes Ohr biete, statt Konfrontation. Dennoch, ich habe kaum eine Beziehung zu ihr und bin somit auch nicht in der Position, sie auf (natürlich nicht vorhandene psychische) Erkrankungen anzusprechen. 

Jedenfalls, irgendwie hat sie's geschafft schwanger zu werden. Die Schwiegermutter hat dann auch nicht versäumt uns gleich mitzuteilen wie glücklich sie über diese Nachricht ist. Ganz entzückend, wenn man bedenkt, wie entsetzt sie über jede meiner Schwangerschaften war. Aber dafür kann ja die Schwägerin nichts.

Nun sah ich meine Chance gekommen, Hilfe anzubieten. Ich offerierte umgehend, allerlei Babyzeugs zur Schwägerin zu transportieren. Zum ersten Mal war die Schwiegermutter sowas wie erfreut, immerhin hat die Schwägerin nun Bettchen, Autositze, Kleidung und sonstiges Zeugs im Wert von über 1000 Euro für lau da stehen. Aber Babyzeug ist ja auch teuer und was soll ich noch damit. Ist doch super, auch ich hab mich gefreut, dass das Zeug nicht im Keller vergammelt. 

Ich fing auch an Mails zu schreiben und zu telefonieren, denn sie erbat sich einige Tipps, was es mit Baby so zu organisieren gäbe. Ich versuchte bewusst ganz unideologisch zu antworten. Muss ja auch nicht jeder das Rad neu erfinden und wer weiß, an wen sie gerät, wenn sie Fragen hat über Produkte, Literatur etc. Sehr vorsichtig informierte ich sie auch, worum man sich frühzeitig kümmern muss, worum am besten erst nach der Geburt. Ihr kennt das...

Immer wieder fragte ich, ob sie meine Sachen schon ausgepackt habe, wie ihr alles gefalle - einfach um sie aus der Reserve zu locken. Stets erhielt ich die Antwort 'Ach, das ist alles noch so irreal, so weit weg.' Bisher war also kein Nestbautrieb in Sicht. Alles ganz cool kann man jetzt meinen. Tat ich auch, denn ich kenne die Schwägerin wie gesagt nicht sooooo gut. Ist ja auch jeder anders.

Dann kam die Nachricht, sie sei im Krankenhaus mit vorzeitigen Wehen in der 24. Woche. Das ist natürlich jenseits von Gut und Böse und geht im Ernstfall ziemlich sicher böse aus. Jedenfalls wollte man sie dort behalten, denn man sagte ihr die vorzeitigen Wehen hätten mit ihrer Anorexie zu tun und sie müsse jetzt liegen. Ende Gelände. Da ja aber die Schwägerin keinesfalls magensüchtig ist, machte sich meine Schwiegermutter prompt daran und befreite das arme Ding aus den Fängen der Medizin. 
Ich sag mal so: Der Gatte und ich berieten bereits, wie wir es mit den Kindern organisieren, falls es demnächst eine Beerdigung gäbe. 

Jedenfalls das Baby ist noch drin. Ihr Zustand ist unverändert. Sie schont sich. Die Schwiegermutter dreht vollkommen durch und da war natürlich auch sofort wieder die Stimme weg. Ach und die Schwägerin hat ja jetzt auch schon 2 kg zugenommen. Ihre Hose sei wohl etwas eng. Im 7. Monat. 

Was ich darüber denke? Dass es einen Grund hat, weshalb anorektische Frauen eine verminderte Fruchtbarkeit haben. Das hat keineswegs mit ner herkömmlichen Schilddrüsenfehlfunktion zu tun. Die ist da sicher nicht der Auslöser. 
Jetzt ist die Schwägerin aber jemand, der darauf trainiert ist, nie etwas selbst und ohne Hilfe zu machen. Kein 'Ich zieh das jetzt durch!' oder 'Das krieg ich schon hin.' Es ist immer alles ein Problem, so auch das Kinderkriegen. 
Ich wundere mich daher auch nicht darüber, dass die Schwägerin auch am Telefon vollkommen ruhig und nüchtern über all die Vorkommnisse spricht. Das kann man natürlich machen. Aber so eine Schwangere, die kein bisschen ängstlich, aufgeregt oder sonst wie emotional reagiert, wo doch alles immer noch in einer Katastrophe enden kann, die noch nicht einmal etwas über Baby und Geburt gelesen hat oder sich konkrete Gedanken gemacht hat, könnte eventuell, vielleicht ein bisschen als depressiv - ach lassen wir das. 

Tatsache ist aber, dass ein normaler Werdegang einer schwangeren Magersüchtigen folgendermaßen aussieht:
Unfruchtbarkeit - dann doch positiver Test - vorzeitige Wehen - Frühgeburt per Kaiserschnitt - kein Stillen - Wochenbettdepression. Die Kinder werden meist sehr klein und untergewichtig geboren, sind also lange in der Klinik.
Magersüchtige haben für all diese Ereignisse eine massiv erhöhte Wahrscheinlichkeit, selbst wenn sie in Therapie sind.

Man merkt mir schon an, ich werde zynisch. Ich biete weiterhin meine Hilfe an, versuche neutral als Gesprächspartner aufzutreten, ihr zuzuhören aber durchaus auch immer wieder nachzufragen. Es ändert nichts, ich kann ja nix machen, außer zuzuschauen und zu hoffen. Aber es ist schwer. 

Nun wollte sie von mir wissen, wie lange ich immer gestillt hätte und ob ich meine Geburten ohne Schmerzmitteln durchgezogen hätte. Es steckt ja oft viel mehr in den Frauen, als man auf den ersten Blick so sieht, aber eine vaginale 10-Stunden Geburt ist glaub nicht so das Wahre für sie. Ich habe mir überlegt, wie ich ihr wohl beibringe, einen Kaiserschnitt in Erwägung zu ziehen. Das würde ihr die Chance auf die größt mögliche Kontrolle über die Situation geben. Immerhin gehe ich davon aus, dass sie magensüchtig ist, weil das Essen womöglich das Einzige ist, was sie ganz alleine zu kontrollieren vermag. Alles andere entzieht sich ja ihrer Kontrolle. Diese erlernte Hilflosigkeit um die überbordende Fürsorglichkeit und Ängste ihrer Mutter zu kompensieren lässt der Schwägerin seit über 30 jähren kaum Raum für eine eigene Lebensgestaltung.

Jedenfalls, es ist ein Drama in viel zu vielen Akten. Der Vater des Kindes hat sich übrigens direkt mal aus der Affäre gezogen, da er ganz dringen am anderen Ende des Landes arbeiten muss. Und so sieht sich die Schwiegermutter mal wieder mit ihrer größten Angst konfrontiert, dreht so generell am Rad vor Sorge und da ist natürlich gleich wieder die Stimme weg. Auch eine Strategie keine Worte für das zu finden, was ihr mit ihrer Tochter widerfuhr und jetzt wahrscheinlich mit ihrem Enkelkind widerfahren wird. Der Kreis schließt sich. 

Und ich bin übrigens die böse Schwiegertochter, weil ich zwar einem Besuch der ganzen Familie zu Weihnachten zugestimmt habe, nicht jedoch dass die beiden Großen noch eine Woche allein bei den Großeltern bleiben. Wenn's knallt, dann müssen die beiden Kinder da nicht auch noch mittendrin sein. Man muss ja nicht noch künstlich zusätzlichen Stress provozieren. Aber sag das mal meiner Schwiegermutter. Die meint, ich wolle sie schon wieder persönlich ärgern aus Gehässigkeit...

So harren wir der Katastrophen, die da kommen. Mir fallen ja zahlreiche große und kleine Szenarien ein, die uns die Schwägerin bescheren könnte zu Weihnachten. Aber was weiß ich schon. Wahrscheinlich bin ich die psychisch Kranke hier. 

Ein Gutes hat das Ganze: wenn die Schwiegermutter keinen Ton heraus bekommt, kann sie mich auch nicht beschimpfen zu Weihnachten. Das wird ein seliger Spaß!

Mittwoch, 23. November 2016

Wie ich einmal Verrat an meinen Kindeskindern beging.

Ich habe da ein Problem. Es ist ein absolutes Luxusproblem. Es ist aber nicht nur mein Luxusproblem. Das Problem ist, dass ich den Luxus habe und andere das Problem.

Schon öfter berichtete ich von dem Superkindergarten der Kinder mit dem super Betreuungsschlüssel. Diese Einrichtung ist eine private Einrichtung und kostet pro Kind um die 1000 Euro pro Monat. 

Wir können uns das gerade so leisten, aber für die Babybetreuung nimmt man so einiges in Kauf. Für die Großen wäre das vielleicht schon nicht mehr so unbedingt nötig, aber es ist natürlich viel zu schön dort, um etwas an der Situation zu ändern.

T1 ist nun 5 Jahre alt und wird 2017 eingeschult. Ich berichtete bereits von dieser unglaublich tollen Privatschule. Alle ihre Kindergartenfreunde werden diese private Grundschule besuchen. Durch unseren exklusiven Kindergarten haben wir problemlosen Zugang zu dieser Schule ohne große Vorauswahl.

Diese Schule hat nicht nur kleine Klassen und 2 Lehrer/Erzieher pro Klasse, sondern individuelle Lernpläne für jedes Kind, viel Sport, freie Lernräume wie Science Lab, Holzwerkstatt, verschiedene Musikangeborte etc., sondern auch viel Klassen- und fächerübergreifendes Lernen, jahrgangsgemischtes Lernen, einen Lernplan der sich an den Neigungen und Interessen des Kindes orientiert, sehr viel soziales Lernen und Mitbestimmung der Kinder in Schulfragen... Ach, die Liste ist noch ewig lang.
Zusammen gefasst kann man wohl sagen, dass diese Schule das pädagogische Konzept an die neusten Erkenntnisse der Kognitionsforschung angepasst hat. 

Diese Schule bietet jedem Kind den bestmöglichen Start ins gesellschaftliche Leben.

Ich habe den Zugang zu dieser Schule und die Großeltern wollen das Geld dafür geben.



Aber ich habe da ein Problem. Es ist ein absolutes Luxusproblem. Es ist aber nicht nur mein Luxusproblem. Das Problem ist, dass ich den Luxus habe und andere das Problem.



Beim Infotag habe ich einen Fehler gemacht. Ich habe im Gespräch mit den anderen Eltern die Frage formuliert, ob es das Richtige sei, dieses Privatschulding anzufangen. Ich habe ja fast alle Eltern dort bereits gekannt. Ausnahmslos alle haben mich angeschaut, als sei ich der letzte Mensch, manche fragten, was diese Frage eigentlich solle und andere bemerkten abfällig, dass ich ja in dem Milieu sowieso falsch wäre, wenn ich mir schon solche Fragen stellen würde. 
Ich erschrak furchtbar über die Nonchalance, die Vehemenz mit der die anderen Eltern ganz klar ihr Kind beabsichtigen auf diese Schule zu schicken. 

Diese Eltern sind, wie ich, nicht selbst auf Privatschulen gegangen. Die haben das normale staatliche Schulsystem durchlaufen, stammten aber bereits aus Akademikerfamilien. Der vorbeschriebene Weg soll direkt in die Elite führen. Ihre Kinder werden diesen Weg mit Freude erfolgreich gehen.
Diese Kinder jedoch werden in ihrem ganzen Leben niemals mit Begriffen wie Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit tangiert werden. Für sie werden diese Begriffe leere Worthülsen sein. Sie werden jedoch die Leistungsträger der kommenden Generation sein. 


Ich stamme aus anderen Verhältnissen. Meine Eltern haben dafür gekämpft, dass es mir mal besser ginge. Und das tut es. Ich kann mein Kind auf eine Privatschule schicken. Ich kann das beste für mein Kind kaufen. Ich kann meinem Kind die bestmögliche Bildung und somit eine vergleichsweise extrem gute Zukunft kaufen.
Die Frage ist nur, ist es auch das Richtige?


Ich habe mir natürlich die staatliche Grundschule angeschaut, in deren Einzugsgebiet wir wohnen. Es ist die Grundschule in unserer Stadt, die die meisten Landes- und Gemeindemittel zur Verfügung hat. Die Lehrer sind toll. Das Gebäude etwa 10 Jahre alt. Das pädagogische Konzept für eine staatliche Schule sehr gut. Die Lernmethoden modern. Die Klassengröße vertretbar. Sie ist gratis. Es gibt mehrere Schulsozialpädagogen, mehrere Erzieher (wenn auch nicht so viele wie in der Privatschule). Es gibt sehr viele Projekte, die das soziale Lernen fördern sollen.

Diese Schule hat einen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund von 75%.

Darum wird sie vom Konzept so intensiv überarbeitet worden sein. Darum wird dieser Schule so viel Geld zur Verfügung gestellt werden. Aber der Ton dort wird sehr viel rauer sein, als auf der Privatschule. Das Kind wird sehr viel schneller, sehr viel selbstständiger werden (müssen) auf dieser Schule.


Ich weiß, dass T1 Veränderung hasst. Sie ist so unglaublich behütet aufgewachsen, so empathisch und bindungsorientiert erzogen - sie kennt diesen rauen Ton nicht. Und wie jede Mutter möchte ich sie dem nicht einfach so aussetzen. Ich habe die Möglichkeit sie vor all dem zu verschonen, sie weiter in ihrer Blase zu lassen, wo sie individuell gefördert wird, aber mit sehr viel mehr Händchenhalten, als in der staatlichen Schule. 

Ich weiß, dass ich meiner Tochter zutrauen kann, ihren Weg zu gehen, auch bei Gegenwind. Sie ist ein Sensibelchen, aber sie ist klug und wird Strategien finden, mit der Welt umzugehen. Aber es wird uns alle Tränen kosten und manchmal harte Arbeit werden. Sie wird manche Enttäuschung, manche Demütigung vielleicht, wegstecken müssen.

Ich weiß, dass sie lernen wird, damit umzugehen. Ich weiß, dass ich ihr auch dabei helfen kann. Ich weiß, dass ich die pädagogischen Unebenheiten zu Hause etwas ausgleichen muss, aber das kann ich auch. 

Ich weiß das alles, denn ich habe mitgeholfen ihren Rucksack zu packen. 

Ich weiß nur eines nicht. Ich weiß nicht, wie ich dem Kind den Rucksack aufsetzen soll, es zur Türe hinausführen soll und es ihm sagen soll: 'Hier mein Kind, hier beginnt dein Weg. Du hast alles was du brauchst dafür in deinem Rucksack. Aber ich kann dich nun nicht mehr tragen. Du musst auf deinem Weg nun selber gehen. Ich kann dich manches Stück begleiten. Aber ich kann dich nicht tragen und ich kann dir deinen Rucksack nicht tragen.' 

Ich weiß, es wäre das Richtige, dem Kind zuzutrauen, dass es seinen eigenen Weg geht. Das wird es nämlich tun. Mit Bravour. Denn sein Rucksack ist extrem gut gepackt.

Ich weiß nicht, wie ich mein Kind loslassen kann. Ginge sie auf diese Privatschule, so wäre stets jemand bei ihr, der ihr den Rucksack abnehmen könnte, der sie stets an die Hand nimmt, wenn sie unsicher ist, der sie vor Unwegsamkeiten bewahrt. Zumindest noch einige Jahre. Zudem ist das pädagogische Konzept der Privatschule natürlich ein knallhartes Argument. Meine Kinder werden alle niemals ungebildet sein, egal welche Schule sie besuchen. Nur wie einfach der Weg sein wird, das ist natürlich ein nicht zu unterschätzender Punkt. 

Das Richtige wäre es, das Kind mit seinem Bildungshintergrund auf eine staatliche Schule zu schicken, es nicht dem Solidarsystem zu entziehen. 
Das Richtige wäre aber auch, dem Kind die nur irgend bestmögliche Bildungschance zu ermöglichen, das beste Lernumfeld, die optimalen Entwicklungsmöglichkeiten.


Was ist schon das Richtige?

Ich weiß es nicht. Ich bin die mit dem Luxusproblem. Es tut mir leid.